Projekt:Dresdner Glossar/Sonja Honecker

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Erich, Margot und Sonja Honecker beim Spaziergang mit Sonja Honeckers Sohn Roberto (1977)

Sonja Honecker (* 1. Dezember 1952 in Ost-Berlin; † März 2022 in Santiago de Chile) war die Tochter von Erich und Margot Honecker. Sie floh unmittelbar vor dem Zusammenbruch der DDR zusammen mit ihrem chilenischen Ehemann und ihren Kindern in das Heimatland ihres Mannes und ermöglichte dadurch die spätere Aufnahme ihres Vaters in Chile, ohne Asyl beantragen zu müssen, was aus rechtlichen und diplomatischen Gründen nicht möglich gewesen wäre.

Leben[Bearbeiten]

DDR[Bearbeiten]

Sonja Honecker wurde als Tochter von Erich Honecker und seiner Geliebten Margot Feist geboren. Ihr Vater lebte getrennt von seiner zweiten Ehefrau Edith Baumann, mit der er eine 1950 geborene Tochter hatte. Diese hielt zeitlebens engen Kontakt mit dem Vater und erhielt von ihm die gleiche Aufmerksamkeit wie Sonja.[1] Nach der Ehescheidung des Vaters im Jahr 1953 heirateten ihre Eltern.[2] Im Familien- und Freundeskreis wurde sie auch „Sonni“ genannt.[3]

Honecker studierte nach ihrem Abitur von Ende der 1960er-Jahre bis Anfang der 1970er-Jahre an der Technischen Universität Dresden, wo sie einen Abschluss als Ingenieurin für Informationstechnologie erreichte.[2] Während ihres Studiums war sie, wiewohl durch die Eheschließung ihrer Eltern als eheliches Kind legitimiert, aus Anonymitätsgründen unter ihrem Geburtsnamen „Sonja Feist“ immatrikuliert. 1984 promovierte sie mit einem techniksoziologischen Thema, das sich mit den Auswirkungen der Digitalisierung auf die Arbeitsverhältnisse in Handel und Bankwesen in der BRD beschäftigte; ihre Dissertation legte sie unter ihrem Ehenamen „Sonja Yáñez“ vor.[4]

Im Herbst 1971 lernte sie den Liedermacher Bernd Rump und dessen chilenischen Freund Leonardo Yáñez Betancourt (* 1950) kennen, der ebenfalls in Dresden studierte. Inzwischen in sein Heimatland zurückgekehrt, wurde Yáñez nach dem Putsch in Chile 1973 mit Hilfe des Auslandsgeheimdienstes der DDR gerettet und erhielt, wie viele verfolgte Chilenen,[5] Asyl in der DDR.[6] Er war später als Hochschuldozent für die Geschichte des Marxismus und Leninismus an der Humboldt-Universität in Ost-Berlin tätig.[7] Das Paar heiratete 1974; aus der Ehe gingen der Sohn Roberto (* 1974) sowie die Töchter Mariana (1985–1988) und Vivian (* 1988) hervor.[1] Die im Oktober 1985 geborene Tochter Mariana starb im Januar 1988 an einem Virus,[8] was für die Familie und besonders für Sonjas Vater ein traumatisierendes Ereignis war;[9] die Trauer um seine Enkelin machte Erich Honecker fast arbeitsunfähig. Sonja selbst verfiel in eine Depression und bekam auf den Rat ihres Psychiaters hin ein weiteres Kind. Die Familie, die bis dahin in einer Dreizimmerwohnung im zwölften Stock eines Plattenbaus in der Leipziger Straße mit Blick über die Berliner Mauer nach West-Berlin gelebt hatte,[10] zog nach Vivians Geburt in einen neu errichteten Wohnblock in der Otto-Grothewohl-Straße (heutige Wilhelmstraße) um, der zu den modernsten Plattenbauten der DDR gehörte und hohen Wohnkomfort bot.[9] Der Familienunterhalt war nicht durchweg privilegiert; bei Kinderkleidung ist persönliche Intervention von Erich Honecker bekannt.[11] Über den Dienstweg des DDR-Ministeriums für Außenhandel konnte sich Sonja Honecker auch Baby- und Umstandskleidung aus West-Berlin beschaffen.[3] Beim Wohnungsumzug schickte Erich Honecker Handwerker aus der Wandlitzer Regierungssiedlung nach Berlin, um die neue Wohnung seiner Tochter herzurichten.[9] Die dabei eingebauten Sanitäranlagen aus westdeutscher Produktion ließ Sonja Honecker allerdings wieder ausbauen und durch DDR-Fabrikate ersetzen. Auch spielte sie eine nicht unbedeutende Rolle, wenn sie ihren Vater über Versorgungsmängel im Alltag der DDR-Bevölkerung informierte.[3] Die Familie fuhr ein 1988 auf den Markt gekommenes Auto der Marke Wartburg 1.3 mit Sonderausstattung, das mit einem VW-Viertaktmotor ausgerüstet war und nur in kleiner Stückzahl produziert wurde.[12]

Chile[Bearbeiten]

Nachdem das Einreiseverbot ihres Mannes in Chile 1987 aufgehoben worden war, fasste die Familie eine Umsiedlung nach Chile ins Auge, die allerdings politisch zunächst noch undenkbar erschien. Gegenüber ihren Eltern sprach sich Sonja Honecker seit 1988 für eine freie Ausreiseregelung aus der DDR aus, stieß damit aber bei ihrer Mutter auf schroffe Ablehnung.[13] Erst im März 1990 floh die Honecker-Tochter vor den Umwälzungen in der DDR zusammen mit ihrer Familie nach Santiago de Chile in das Heimatland ihres Mannes.[6] Schon 1992 trennte sie sich von ihrem Mann,[8] der zusammen mit dem gemeinsamen Sohn auszog, während die Tochter Vivian bei der Mutter blieb.[10] 1993 folgte die Scheidung der Ehe. Sonja Honecker arbeitete Anfang der 1990er Jahre bei dem Sozialforschungsinstitut Avance des befreundeten sozialistischen chilenischen Politikers Osvaldo Puccio (* 1952),[5] der von 1974 bis 1984 ebenfalls in der DDR im Exil gelebt hatte und ein Sohn des gleichnamigen Privatsekretärs von Salvador Allende ist.

In den langen und sehr komplizierten Verhandlungen zwischen dem chilenischen Präsidenten Patricio Aylwin und den diplomatischen Vertretern der Bundesrepublik Deutschland und der zerfallenden Sowjetunion bzw. der neu entstandenen Russischen Föderation, die der Aufnahme Erich Honeckers in Chile vorausgingen, spielte die Tatsache eine wichtige Rolle, dass Honecker in Chile kein Asyl gewährt werden durfte (was die deutsche Seite nicht akzeptiert hätte), sondern dass er die Familienzusammenführung mit seiner bereits in Chile lebenden Tochter und deren Familie anstrebte. Honecker selbst stellte in einer Erklärung, die er am 12. Dezember 1991, dem Tag nach seiner Flucht in die chilenische Botschaft in Moskau, abgab, ausdrücklich klar, dass er „bis heute niemals politisches Asyl in Chile beantragt, sondern nur darum gebeten habe, mir die Einreise in dieses Land zu gestatten, um bei meiner Familie bleiben zu können.“[14]

Im Juli 1992 empfing Sonja ihre aus Moskau kommende Mutter in Santiago und nahm sie zeitweilig in ihrem Haus in der Straße Los Almendros in Ñuñoa auf.[5] Nach der Ankunft ihres Vaters Erich in Chile im Januar 1993 erhielt Sonja Honecker – Enthüllungen des Focus zufolge – finanzielle Unterstützung aus nicht offengelegten Quellen,[15] deren angebliche Höhe sie aber dementieren ließ.[16] Erich Honecker wurden nach dem Zeugnis seines Dolmetschers Daniel Aguirre, der ihn während seiner Krankheit in Chile kontinuierlich begleitete, regelmäßig Umschläge überreicht, die möglicherweise Geld enthielten.[17] Es gab ein von der Kommunistischen Partei Chiles mitgetragenes Solidaritätskomitee, das Honecker unterstützte und dem viele unter seiner Herrschaft in der DDR aufgenommene frühere Exilanten angehörten.[5]

Fest steht, dass Sonja Honecker das knapp 5 km von ihrer damaligen Wohnung entfernte, 110 qm große Fünf-Zimmer-Haus in La Reina ( Vorlage:CoordinateMessage) bauen ließ, in das ihre Eltern 1993 einzogen und in dem später ihre Mutter lebte. Es gehörte zu einem von kommunistischen Architekten geplanten Wohnanlagenprojekt mit acht Einheiten,[7] das sich damals in der Entwicklung befand und bei dem Sonja Honecker ihre Eltern anmeldete.[18] Sie war auch als Eigentümerin des Hauses im Grundbuch eingetragen.[19] Sonja und ihre Kinder zogen ein Jahr später ebenfalls nach La Reina in ein nur 2 km vom Haus ihrer Eltern entferntes kleines Backsteinreihenhaus in der Avenida Carlos Ossandón (), das sie gleichfalls erworben hatte.[7]

Ihr späteres Verhältnis mit ihrem Sohn Roberto, der nach dem Tod Erich Honeckers zu seiner Großmutter Margot zog, blieb nachhaltig gestört.[17][20] Ihre Kontakte in die sogenannte Retornados-Szene der früheren chilenischen DDR-Exilanten flauten in den folgenden Jahrzehnten ab, was nach Aussage von Osvaldo Puccios Bruder Carlos (1954–2014) stärker von ihr und ihrer Mutter ausging als von den Chilenen.[7] Zeitzeugen zufolge soll sie sich in Chile lange nicht heimisch gefühlt und nur schwer Arbeit gefunden haben und hauptsächlich wegen ihrer Tochter dort geblieben sein.[17] Nach dem Tod Margot Honeckers 2016 wurde auch berichtet, Sonja Honecker sei nach Deutschland zurückgekehrt und habe wieder in Dresden gelebt.[21] Sie starb im März 2022 im Alter von 69 Jahren in Santiago de Chile.[22]

Literarische Rezeption[Bearbeiten]

Der Schriftsteller Hans Christoph Buch schrieb 1998 unter dem Titel Das Erdbeben in Chile: Eine wahre Geschichte eine an die Novelle Das Erdbeben in Chili von Heinrich von Kleist angelehnte kurze Erzählung, in der er die Lebensgeschichte von Sonja und Leonardo Yáñez verschlüsselt aufgreift. Die Geschichte erzählt von dem Liedermacher Geronimo Rugera, der 1973 nach dem Putsch in Chile von den Militärs zunächst festgesetzt wird und dann in die DDR ausreisen kann, weil er mit Josepha H. verlobt ist, der Tochter des Staatsratsvorsitzenden der DDR. Nach dem Ende der Militärdiktatur in Chile kehren Geronimo und Josepha nach Santiago de Chile zurück, wo Geronimo seine Frau und seine beiden Kinder wegen einer chilenischen Geliebten verlässt.[23]

Schrift[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. 1,0 1,1 Erich Honecker: So hielt er es mit Frauen, Familie und Autos. In: Abendzeitung. 9. Mai 2014, abgerufen am 9. April 2023.
  2. 2,0 2,1 Henrik Eberle: Anmerkungen zu Honecker. Schwarzkopf & Schwarzkopf, Berlin 2000, ISBN 3-89602-318-7, S. 141–149.
  3. 3,0 3,1 3,2 Roberto Yáñez, Thomas Grimm: Ich war der letzte Bürger der DDR. Insel, Berlin 2018, ISBN 978-3-458-75812-9, S. 57 f.
  4. 4,0 4,1 Bibl. Nchw. beim Bundesarchiv (Deutschland), abgerufen am 10. April 2023.
  5. 5,0 5,1 5,2 5,3 Honecker: Glücklich und zufrieden. In: Der Spiegel. 17. Januar 1993, abgerufen am 9. April 2023.
  6. 6,0 6,1 Kerstin Decker: Honeckers Enkel: Roberto Yanez ist zurück in Berlin. In: Der Tagesspiegel. 11. November 2013, abgerufen am 5. April 2023.
  7. 7,0 7,1 7,2 7,3 Wolfram Eilenberger: Margots Welt. In: Cicero. 29. November 2006, abgerufen am 9. April 2023.
  8. 8,0 8,1 Karim Saab: Zeitgeschichte: Honeckers Enkel ist Surrealist und liebt Coca Cola. In: Märkische Allgemeine. 4. Oktober 2018, abgerufen am 9. April 2023.
  9. 9,0 9,1 9,2 Roberto Yáñez, Thomas Grimm: Ich war der letzte Bürger der DDR. Insel, Berlin 2018, ISBN 978-3-458-75812-9, S. 44–48.
  10. 10,0 10,1 Marian Blasberg: Honeckers Enkel: „Ein Rebell bin ich erst heute“. In: Die Zeit, 4. März 2011, abgerufen am 9. April 2023.
  11. Henrik Eberle: Anmerkungen zu Honecker. Schwarzkopf & Schwarzkopf, Berlin 2000, ISBN 3-89602-318-7, S. 191.
  12. Roberto Yáñez, Thomas Grimm: Ich war der letzte Bürger der DDR. Insel, Berlin 2018, ISBN 978-3-458-75812-9, S. 8.
  13. Roberto Yáñez, Thomas Grimm: Ich war der letzte Bürger der DDR. Insel, Berlin 2018, ISBN 978-3-458-75812-9, S. 11.
  14. Cristián Medina Valverde, Gustavo Gajardo Pavez: De apátrida errante a vecino de santiaguino el “Caso Honecker” desde las fuentes oficiales (1991–1994). In: Tzintzun. Revista de estudios históricos. Nr. 65 (1. Hj. 2017), Michoacán 2017, ISSN 1870-719X, S. 260–284 (Zitat: S. 265:
    Al respecto deseo aclarar que hasta la fecha nunca he solicitado asilo político a Chile, sino que he pedido únicamente que se me permita ingresar a ese país para permanecer con mi familia. – Text nach Dienstfernschreiben Nr. 564 der Botschaft von Chile in Moskau an die Regierung von Chile vom 12. Dezember 1991).
  15. Chile: Reich in einem armen Land. In: Focus. 8. Februar 1993, abgerufen am 8. April 2023 (veröffentlicht in Focus Nr. 6/1993, online seit 9. September 2015).
  16. Bank dementiert Bericht über Sonja Honecker. In: Neues Deutschland. 19. Februar 1993, abgerufen am 9. April 2023.
  17. 17,0 17,1 17,2 Nicolás Guzmán: Las revelaciones del nieto de Erich Honecker. In: El Mercurio, 16. September 2018, abgerufen am 9. April 2023 (spanisch).
  18. Valentina Araya (UC): La silenciosa vida de Margot Honecker en Chile. In: El Mostrador, 13. Mai 2016, abgerufen am 9. April 2023 (spanisch).
  19. Thomas Kunze: Staatschef a. D. Die letzten Jahre des Erich Honecker. 2. Auflage. Links, Berlin 2012, ISBN 3-86153-698-6, S. 180.
  20. Steven Geyer: Honeckers Enkel – das sind wir. RND Redaktionsnetzwerk Deutschland, 2. November 2019, abgerufen am 9. April 2023.
  21. Hartmut Kascha: Urenkel von Erich Honecker zum ersten Mal in Berlin. In: B.Z. 27. August 2018, abgerufen am 9. April 2023.
  22. Honecker-Tochter Sonja Yáñez gestorben. In: junge Welt. 12. April 2022, abgerufen am 5. April 2023.
  23. Abgedruckt in: Paul Michael Lützeler, David Pan (Hrsg.): Kleists Erzählungen und Dramen. Neue Studien. Königshausen & Neumann, Würzburg 2001, ISBN 3-8260-2218-1, S. 11–14. Inhaltsangabe nach: Hans-Georg Schede: Erläuterungen zu Heinrich von Kleist Das Erdbeben in Chili (= Königs Erläuterungen und Materialien. Band 425). 4. Auflage. Bange Verlag, Hollfeld 2010, ISBN 978-3-8044-1811-0, S. 96 m. Anm. 37.


Sonja Honecker (* 1. Dezember 1952 in Ost-Berlin; † März 2022 in Santiago de Chile) war eine deutsche Informatikerin, die der Öffentlichkeit als die Tochter von Erich und Margot Honecker bekannt war.

Leben[Bearbeiten]

DDR[Bearbeiten]

Sonja Honecker wurde als Tochter von Erich Honecker und seiner Geliebten Margot Feist geboren. Ihr Vater lebte getrennt von seiner zweiten Ehefrau Edith Baumann, mit der er eine 1950 geborene Tochter hatte. Diese hielt zeitlebens engen Kontakt mit dem Vater und erhielt von ihm die gleiche Aufmerksamkeit wie Sonja.[1] Nach der Ehescheidung des Vaters im Jahr 1953 heirateten ihre Eltern.[2] Im Familien- und Freundeskreis wurde sie auch „Sonni“ genannt.[3]

Honecker studierte nach ihrem Abitur von Ende der 1960er-Jahre bis Anfang der 1970er-Jahre an der Technischen Universität Dresden, wo sie einen Abschluss als Ingenieurin für Informationstechnologie erreichte.[2] Während ihres Studiums war sie, wiewohl durch die Eheschließung ihrer Eltern als eheliches Kind legitimiert, aus Anonymitätsgründen unter ihrem Geburtsnamen „Sonja Feist“ immatrikuliert. 1984 promovierte sie mit einem techniksoziologischen Thema, das sich mit den Auswirkungen der Digitalisierung auf die Arbeitsverhältnisse in Handel und Bankwesen in der BRD beschäftigte; ihre Dissertation legte sie unter ihrem Ehenamen „Sonja Yáñez“ vor.[4]

Im Herbst 1971 lernte sie den Liedermacher Bernd Rump und dessen chilenischen Freund Leonardo Yáñez Betancourt (* 1950) kennen, der ebenfalls in Dresden studierte. Inzwischen in sein Heimatland zurückgekehrt, wurde Yáñez nach dem Putsch in Chile 1973 mit Hilfe des Auslandsgeheimdienstes der DDR gerettet und erhielt, wie viele verfolgte Chilenen,[5] Asyl in der DDR.[6] Er war später als Hochschuldozent für die Geschichte des Marxismus und Leninismus an der Humboldt-Universität in Ost-Berlin tätig.[7] Das Paar heiratete 1974; aus der Ehe gingen der Sohn Roberto (* 1974) sowie die Töchter Mariana (1985–1988) und Vivian (* 1988) hervor.[1] Die im Oktober 1985 geborene Tochter Mariana starb im Januar 1988 an einem Virus,[8] was für die Familie und besonders für Sonjas Vater ein traumatisierendes Ereignis war;[9] die Trauer um seine Enkelin machte Erich Honecker fast arbeitsunfähig. Sonja selbst verfiel in eine Depression und bekam auf den Rat ihres Psychiaters hin ein weiteres Kind. Die Familie, die bis dahin in einer Dreizimmerwohnung im zwölften Stock eines Plattenbaus in der Leipziger Straße mit Blick über die Berliner Mauer nach West-Berlin gelebt hatte,[10] zog nach Vivians Geburt in einen neu errichteten Wohnblock in der Otto-Grothewohl-Straße (heutige Wilhelmstraße) um, der zu den modernsten Plattenbauten der DDR gehörte und hohen Wohnkomfort bot.[9] Der Familienunterhalt war nicht durchweg privilegiert; bei Kinderkleidung ist persönliche Intervention von Erich Honecker bekannt.[11] Über den Dienstweg des DDR-Ministeriums für Außenhandel konnte sich Sonja Honecker auch Baby- und Umstandskleidung aus West-Berlin beschaffen.[3] Beim Wohnungsumzug schickte Erich Honecker Handwerker aus der Wandlitzer Regierungssiedlung nach Berlin, um die neue Wohnung seiner Tochter herzurichten.[9] Die dabei eingebauten Sanitäranlagen aus westdeutscher Produktion ließ Sonja Honecker allerdings wieder ausbauen und durch DDR-Fabrikate ersetzen. Auch spielte sie eine nicht unbedeutende Rolle, wenn sie ihren Vater über Versorgungsmängel im Alltag der DDR-Bevölkerung informierte.[3] Die Familie fuhr ein 1988 auf den Markt gekommenes Auto der Marke Wartburg 1.3 mit Sonderausstattung, das mit einem VW-Viertaktmotor ausgerüstet war und nur in kleiner Stückzahl produziert wurde.[12]

Chile[Bearbeiten]

Nachdem das Einreiseverbot ihres Mannes in Chile 1987 aufgehoben worden war, fasste die Familie eine Umsiedlung nach Chile ins Auge, die allerdings politisch zunächst noch undenkbar erschien. Gegenüber ihren Eltern sprach sich Sonja Honecker seit 1988 für eine freie Ausreiseregelung aus der DDR aus, stieß damit aber bei ihrer Mutter auf schroffe Ablehnung.[13] Erst im März 1990 floh die Honecker-Tochter vor den Umwälzungen in der DDR zusammen mit ihrer Familie nach Santiago de Chile in das Heimatland ihres Mannes.[6] Schon 1992 trennte sie sich von ihrem Mann,[8] der zusammen mit dem gemeinsamen Sohn auszog, während die Tochter Vivian bei der Mutter blieb.[10] 1993 folgte die Scheidung der Ehe. Sonja Honecker arbeitete Anfang der 1990er Jahre bei dem Sozialforschungsinstitut Avance des befreundeten sozialistischen chilenischen Politikers Osvaldo Puccio (* 1952),[5] der von 1974 bis 1984 ebenfalls in der DDR im Exil gelebt hatte und ein Sohn des gleichnamigen Privatsekretärs von Salvador Allende ist.

In den langen und sehr komplizierten Verhandlungen zwischen dem chilenischen Präsidenten Patricio Aylwin und den diplomatischen Vertretern der Bundesrepublik Deutschland und der zerfallenden Sowjetunion bzw. der neu entstandenen Russischen Föderation, die der Aufnahme Erich Honeckers in Chile vorausgingen, spielte die Tatsache eine wichtige Rolle, dass Honecker in Chile kein Asyl gewährt werden durfte (was die deutsche Seite nicht akzeptiert hätte), sondern dass er die Familienzusammenführung mit seiner bereits in Chile lebenden Tochter und deren Familie anstrebte. Honecker selbst stellte in einer Erklärung, die er am 12. Dezember 1991, dem Tag nach seiner Flucht in die chilenische Botschaft in Moskau, abgab, ausdrücklich klar, dass er „bis heute niemals politisches Asyl in Chile beantragt, sondern nur darum gebeten habe, mir die Einreise in dieses Land zu gestatten, um bei meiner Familie bleiben zu können.“[14]

Im Juli 1992 empfing Sonja ihre aus Moskau kommende Mutter in Santiago und nahm sie zeitweilig in ihrem Haus in der Straße Los Almendros in Ñuñoa auf.[5] Nach der Ankunft ihres Vaters Erich in Chile im Januar 1993 erhielt Sonja Honecker – Enthüllungen des Focus zufolge – finanzielle Unterstützung aus nicht offengelegten Quellen,[15] deren angebliche Höhe sie aber dementieren ließ.[16] Erich Honecker wurden nach dem Zeugnis seines Dolmetschers Daniel Aguirre, der ihn während seiner Krankheit in Chile kontinuierlich begleitete, regelmäßig Umschläge überreicht, die möglicherweise Geld enthielten.[17] Es gab ein von der Kommunistischen Partei Chiles mitgetragenes Solidaritätskomitee, das Honecker unterstützte und dem viele unter seiner Herrschaft in der DDR aufgenommene frühere Exilanten angehörten.[5]

Fest steht, dass Sonja Honecker das knapp 5 km von ihrer damaligen Wohnung entfernte, 110 qm große Fünf-Zimmer-Haus in La Reina ( Vorlage:CoordinateMessage) bauen ließ, in das ihre Eltern 1993 einzogen und in dem später ihre Mutter lebte. Es gehörte zu einem von kommunistischen Architekten geplanten Wohnanlagenprojekt mit acht Einheiten,[7] das sich damals in der Entwicklung befand und bei dem Sonja Honecker ihre Eltern anmeldete.[18] Sie war auch als Eigentümerin des Hauses im Grundbuch eingetragen.[19] Sonja und ihre Kinder zogen ein Jahr später ebenfalls nach La Reina in ein nur 2 km vom Haus ihrer Eltern entferntes kleines Backsteinreihenhaus in der Avenida Carlos Ossandón (), das sie gleichfalls erworben hatte.[7]

Ihr späteres Verhältnis mit ihrem Sohn Roberto, der nach dem Tod Erich Honeckers zu seiner Großmutter Margot zog, blieb nachhaltig gestört.[17][20] Ihre Kontakte in die sogenannte Retornados-Szene der früheren chilenischen DDR-Exilanten flauten in den folgenden Jahrzehnten ab, was nach Aussage von Osvaldo Puccios Bruder Carlos (1954–2014) stärker von ihr und ihrer Mutter ausging als von den Chilenen.[7] Zeitzeugen zufolge soll sie sich in Chile lange nicht heimisch gefühlt und nur schwer Arbeit gefunden haben und hauptsächlich wegen ihrer Tochter dort geblieben sein.[17] Nach dem Tod Margot Honeckers 2016 wurde auch berichtet, Sonja Honecker sei nach Deutschland zurückgekehrt und habe wieder in Dresden gelebt.[21] Sie starb im März 2022 im Alter von 69 Jahren in Santiago de Chile.[22]

Literarische Rezeption[Bearbeiten]

Der Schriftsteller Hans Christoph Buch schrieb 1998 unter dem Titel Das Erdbeben in Chili: Eine wahre Geschichte eine an die Novelle Das Erdbeben in Chili von Heinrich von Kleist angelehnte kurze Erzählung, in der er die Lebensgeschichte von Sonja und Leonardo Yáñez verschlüsselt aufgreift. Die Geschichte erzählt von dem Liedermacher Geronimo Rugera, der 1973 nach dem Putsch in Chile von den Militärs zunächst festgesetzt wird und dann in die DDR ausreisen kann, weil er mit Josepha H. verlobt ist, der Tochter des Staatsratsvorsitzenden der DDR. Nach dem Ende der Diktatur in Chile kehren Geronimo und Josepha nach Santiago de Chile zurück, wo Geronimo seine Frau und seine beiden Kinder wegen einer chilenischen Geliebten verlässt.[23]

Schriften[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. 1,0 1,1 Erich Honecker: So hielt er es mit Frauen, Familie und Autos. In: Abendzeitung. 9. Mai 2014, abgerufen am 9. April 2023.
  2. 2,0 2,1 Henrik Eberle: Anmerkungen zu Honecker. Schwarzkopf & Schwarzkopf, Berlin 2000, ISBN 3-89602-318-7, S. 141–149.
  3. 3,0 3,1 3,2 Roberto Yáñez, Thomas Grimm: Ich war der letzte Bürger der DDR. Insel, Berlin 2018, ISBN 978-3-458-75812-9, S. 57 f.
  4. 4,0 4,1 Bibl. Nchw. beim Bundesarchiv (Deutschland), abgerufen am 10. April 2023.
  5. 5,0 5,1 5,2 5,3 Honecker: Glücklich und zufrieden. In: Der Spiegel. 17. Januar 1993, abgerufen am 9. April 2023.
  6. 6,0 6,1 Kerstin Decker: Honeckers Enkel: Roberto Yanez ist zurück in Berlin. In: Der Tagesspiegel. 11. November 2013, abgerufen am 5. April 2023.
  7. 7,0 7,1 7,2 7,3 Wolfram Eilenberger: Margots Welt. In: Cicero. 29. November 2006, abgerufen am 9. April 2023.
  8. 8,0 8,1 Karim Saab: Zeitgeschichte: Honeckers Enkel ist Surrealist und liebt Coca Cola. In: Märkische Allgemeine. 4. Oktober 2018, abgerufen am 9. April 2023.
  9. 9,0 9,1 9,2 Roberto Yáñez, Thomas Grimm: Ich war der letzte Bürger der DDR. Insel, Berlin 2018, ISBN 978-3-458-75812-9, S. 44–48.
  10. 10,0 10,1 Marian Blasberg: Honeckers Enkel: „Ein Rebell bin ich erst heute“. In: Die Zeit, 4. März 2011, abgerufen am 9. April 2023.
  11. Henrik Eberle: Anmerkungen zu Honecker. Schwarzkopf & Schwarzkopf, Berlin 2000, ISBN 3-89602-318-7, S. 191.
  12. Roberto Yáñez, Thomas Grimm: Ich war der letzte Bürger der DDR. Insel, Berlin 2018, ISBN 978-3-458-75812-9, S. 8.
  13. Roberto Yáñez, Thomas Grimm: Ich war der letzte Bürger der DDR. Insel, Berlin 2018, ISBN 978-3-458-75812-9, S. 11.
  14. Cristián Medina Valverde, Gustavo Gajardo Pavez: De apátrida errante a vecino de santiaguino el “Caso Honecker” desde las fuentes oficiales (1991–1994). In: Tzintzun. Revista de estudios históricos. Nr. 65 (1. Hj. 2017), Michoacán 2017, ISSN 1870-719X, S. 260–284 (Zitat: S. 265:
    Al respecto deseo aclarar que hasta la fecha nunca he solicitado asilo político a Chile, sino que he pedido únicamente que se me permita ingresar a ese país para permanecer con mi familia. – Text nach Dienstfernschreiben Nr. 564 der Botschaft von Chile in Moskau an die Regierung von Chile vom 12. Dezember 1991).
  15. Chile: Reich in einem armen Land. In: Focus. 8. Februar 1993, abgerufen am 8. April 2023 (veröffentlicht in Focus Nr. 6/1993, online seit 9. September 2015).
  16. Bank dementiert Bericht über Sonja Honecker. In: Neues Deutschland. 19. Februar 1993, abgerufen am 9. April 2023.
  17. 17,0 17,1 17,2 Nicolás Guzmán: Las revelaciones del nieto de Erich Honecker. In: El Mercurio, 16. September 2018, abgerufen am 9. April 2023 (spanisch).
  18. Valentina Araya (UC): La silenciosa vida de Margot Honecker en Chile. In: El Mostrador, 13. Mai 2016, abgerufen am 9. April 2023 (spanisch).
  19. Thomas Kunze: Staatschef a. D. Die letzten Jahre des Erich Honecker. 2. Auflage. Links, Berlin 2012, ISBN 3-86153-698-6, S. 180.
  20. Steven Geyer: Honeckers Enkel – das sind wir. RND Redaktionsnetzwerk Deutschland, 2. November 2019, abgerufen am 9. April 2023.
  21. Hartmut Kascha: Urenkel von Erich Honecker zum ersten Mal in Berlin. In: B.Z. 27. August 2018, abgerufen am 9. April 2023.
  22. Honecker-Tochter Sonja Yáñez gestorben. In: junge Welt. 12. April 2022, abgerufen am 5. April 2023.
  23. Abgedruckt in: Paul Michael Lützeler, David Pan (Hrsg.): Kleists Erzählungen und Dramen. Neue Studien. Königshausen & Neumann, Würzburg 2001, ISBN 3-8260-2218-1, S. 11–14. Inhaltsangabe nach: Hans-Georg Schede: Erläuterungen zu Heinrich von Kleist Das Erdbeben in Chili (= Königs Erläuterungen und Materialien. Band 425). 4. Auflage. Bange Verlag, Hollfeld 2010, ISBN 978-3-8044-1811-0, S. 96 m. Anm. 37.



Sonja Honecker (* 1. Dezember 1952 in Ost-Berlin; † März 2022 in Santiago de Chile) war eine deutsche Informatikerin, die der Öffentlichkeit als die Tochter von Erich und Margot Honecker bekannt war.

Leben[Bearbeiten]

DDR[Bearbeiten]

Sonja Honecker wurde als Tochter von Erich Honecker und seiner Geliebten Margot Feist geboren. Ihr Vater lebte getrennt von seiner zweiten Ehefrau Edith Baumann, mit der er eine 1950 geborene Tochter hatte. Diese hielt zeitlebens engen Kontakt mit dem Vater und erhielt von ihm die gleiche Aufmerksamkeit wie Sonja.[1] Nach der Ehescheidung des Vaters im Jahr 1953 heirateten ihre Eltern.[2] Im Familien- und Freundeskreis wurde sie auch „Sonni“ genannt.[3]

Honecker studierte nach ihrem Abitur von Ende der 1960er-Jahre bis Anfang der 1970er-Jahre an der Technischen Universität Dresden, wo sie einen Abschluss als Ingenieurin für Informationstechnologie erreichte.[2] Während ihres Studiums war sie, wiewohl durch die Eheschließung ihrer Eltern als eheliches Kind legitimiert, aus Anonymitätsgründen unter ihrem Geburtsnamen „Sonja Feist“ immatrikuliert.

Im Herbst 1971 lernte sie den Liedermacher Bernd Rump und dessen chilenischen Freund Leonardo Yáñez Betancourt (* 1950) kennen, der ebenfalls in Dresden studierte. Inzwischen in sein Heimatland zurückgekehrt, wurde Yáñez nach dem Putsch in Chile 1973 mit Hilfe des Auslandsgeheimdienstes der DDR gerettet und erhielt, wie viele verfolgte Chilenen,[4] Asyl in der DDR.[5] Er war später als Hochschuldozent für die Geschichte des Marxismus und Leninismus an der Humboldt-Universität in Ost-Berlin tätig.[6] Das Paar heiratete 1974; aus der Ehe gingen der Sohn Roberto (* 1974) sowie die Töchter Mariana (1985–1988) und Vivian (* 1988) hervor.[1] Die im Oktober 1985 geborene Tochter Mariana starb im Januar 1988 an einem Virus,[7] was für die Familie und besonders für Sonjas Vater ein traumatisierendes Ereignis war;[8] die Trauer um seine Enkelin machte Erich Honecker fast arbeitsunfähig. Sonja selbst verfiel in eine Depression und bekam auf den Rat ihres Psychiaters hin ein weiteres Kind. Die Familie, die bis dahin in einer Dreizimmerwohnung im zwölften Stock eines Plattenbaus in der Leipziger Straße mit Blick über die Berliner Mauer nach West-Berlin gelebt hatte,[9] zog nach Vivians Geburt in einen neu errichteten Wohnblock in der Otto-Grothewohl-Straße (heutige Wilhelmstraße) um, der zu den modernsten Plattenbauten der DDR gehörte und hohen Wohnkomfort bot.[8] Der Familienunterhalt war nicht durchweg privilegiert; bei Kinderkleidung ist persönliche Intervention von Erich Honecker bekannt.[10] Über den Dienstweg des DDR-Ministeriums für Außenhandel konnte sich Sonja Honecker auch Baby- und Umstandskleidung aus West-Berlin beschaffen.[3] Beim Wohnungsumzug schickte Erich Honecker Handwerker aus der Wandlitzer Regierungssiedlung nach Berlin, um die neue Wohnung seiner Tochter herzurichten.[8] Die dabei eingebauten Sanitäranlagen aus westdeutscher Produktion ließ Sonja Honecker allerdings wieder ausbauen und durch DDR-Fabrikate ersetzen. Auch spielte sie eine nicht unbedeutende Rolle, wenn sie ihren Vater über Versorgungsmängel im Alltag der DDR-Bevölkerung informierte.[3] Die Familie fuhr ein 1988 auf den Markt gekommenes Auto der Marke Wartburg 1.3 mit Sonderausstattung, das mit einem VW-Viertaktmotor ausgerüstet war und nur in kleiner Stückzahl produziert wurde.[11]

Chile[Bearbeiten]

Nachdem das Einreiseverbot ihres Mannes in Chile 1987 aufgehoben worden war, fasste die Familie eine Umsiedlung nach Chile ins Auge, die allerdings politisch zunächst noch undenkbar erschien. Gegenüber ihren Eltern sprach sich Sonja Honecker seit 1988 für eine freie Ausreiseregelung aus der DDR aus, stieß damit aber bei ihrer Mutter auf schroffe Ablehnung.[12] Erst im März 1990 floh die Honecker-Tochter vor den Umwälzungen in der DDR zusammen mit ihrer Familie nach Santiago de Chile in das Heimatland ihres Mannes.[5] Schon 1992 trennte sie sich von ihrem Mann,[7] der zusammen mit dem gemeinsamen Sohn auszog, während die Tochter Vivian bei der Mutter blieb.[9] 1993 folgte die Scheidung der Ehe. Sonja Honecker arbeitete Anfang der 1990er Jahre bei dem Sozialforschungsinstitut Avance des befreundeten sozialistischen chilenischen Politikers Osvaldo Puccio (* 1952),[4] der von 1974 bis 1984 ebenfalls in der DDR im Exil gelebt hatte und ein Sohn des gleichnamigen Privatsekretärs von Salvador Allende ist.

In den langen und sehr komplizierten Verhandlungen zwischen dem chilenischen Präsidenten Patricio Aylwin und den diplomatischen Vertretern der Bundesrepublik Deutschland und der zerfallenden Sowjetunion bzw. der neu entstandenen Russischen Föderation, die der Aufnahme Erich Honeckers in Chile vorausgingen, spielte die Tatsache eine wichtige Rolle, dass Honecker in Chile kein Asyl gewährt werden durfte (was die deutsche Seite nicht akzeptiert hätte), sondern dass er die Familienzusammenführung mit seiner bereits in Chile lebenden Tochter und deren Familie anstrebte. Honecker selbst stellte in einer Erklärung, die er am 12. Dezember 1991, dem Tag nach seiner Flucht in die chilenische Botschaft in Moskau, abgab, ausdrücklich klar, dass er „bis heute niemals politisches Asyl in Chile beantragt, sondern nur darum gebeten habe, mir die Einreise in dieses Land zu gestatten, um bei meiner Familie bleiben zu können.“[13]

Im Juli 1992 empfing Sonja ihre aus Moskau kommende Mutter in Santiago und nahm sie zeitweilig in ihrem Haus in der Straße Los Almendros in Ñuñoa auf.[4] Nach der Ankunft ihres Vaters Erich in Chile im Januar 1993 erhielt Sonja Honecker – Enthüllungen des Focus zufolge – finanzielle Unterstützung aus nicht offengelegten Quellen,[14] deren angebliche Höhe sie aber dementieren ließ.[15] Erich Honecker wurden nach dem Zeugnis seines Dolmetschers Daniel Aguirre, der ihn während seiner Krankheit in Chile kontinuierlich begleitete, regelmäßig Umschläge überreicht, die möglicherweise Geld enthielten.[16] Es gab ein von der Kommunistischen Partei Chiles mitgetragenes Solidaritätskomitee, das Honecker unterstützte und dem viele unter seiner Herrschaft in der DDR aufgenommene frühere Exilanten angehörten.[4]

Fest steht, dass Sonja Honecker das knapp 5 km von ihrer damaligen Wohnung entfernte, 110 qm große Fünf-Zimmer-Haus in La Reina ( Vorlage:CoordinateMessage) bauen ließ, in das ihre Eltern 1993 einzogen und in dem später ihre Mutter lebte. Es gehörte zu einem von kommunistischen Architekten geplanten Wohnanlagenprojekt mit acht Einheiten,[6] das sich damals in der Entwicklung befand und bei dem Sonja Honecker ihre Eltern anmeldete.[17] Sie war auch als Eigentümerin des Hauses im Grundbuch eingetragen.[18] Sonja und ihre Kinder zogen ein Jahr später ebenfalls nach La Reina in ein nur 2 km vom Haus ihrer Eltern entferntes kleines Backsteinreihenhaus in der Avenida Carlos Ossandón (), das sie gleichfalls erworben hatte.[6]

Ihr späteres Verhältnis mit ihrem Sohn Roberto, der nach dem Tod Erich Honeckers zu seiner Großmutter Margot zog, blieb nachhaltig gestört.[16][19] Ihre Kontakte in die sogenannte Retornados-Szene der früheren chilenischen DDR-Exilanten flauten in den folgenden Jahrzehnten ab, was nach Aussage von Osvaldo Puccios Bruder Carlos (1954–2014) stärker von ihr und ihrer Mutter ausging als von den Chilenen.[6] Zeitzeugen zufolge soll sie sich in Chile lange nicht heimisch gefühlt und nur schwer Arbeit gefunden haben und hauptsächlich wegen ihrer Tochter dort geblieben sein.[16] Nach dem Tod Margot Honeckers 2016 wurde auch berichtet, Sonja Honecker sei nach Deutschland zurückgekehrt und habe wieder in Dresden gelebt.[20] Sie starb im März 2022 im Alter von 69 Jahren in Santiago de Chile.[21]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. 1,0 1,1 Erich Honecker: So hielt er es mit Frauen, Familie und Autos. In: Abendzeitung. 9. Mai 2014, abgerufen am 9. April 2023.
  2. 2,0 2,1 Henrik Eberle: Anmerkungen zu Honecker. Schwarzkopf & Schwarzkopf, Berlin 2000, ISBN 3-89602-318-7, S. 141–149.
  3. 3,0 3,1 3,2 Roberto Yáñez, Thomas Grimm: Ich war der letzte Bürger der DDR. Insel, Berlin 2018, ISBN 978-3-458-75812-9, S. 57 f.
  4. 4,0 4,1 4,2 4,3 Honecker: Glücklich und zufrieden. In: Der Spiegel. 17. Januar 1993, abgerufen am 9. April 2023.
  5. 5,0 5,1 Kerstin Decker: Honeckers Enkel: Roberto Yanez ist zurück in Berlin. In: Der Tagesspiegel. 11. November 2013, abgerufen am 5. April 2023.
  6. 6,0 6,1 6,2 6,3 Wolfram Eilenberger: Margots Welt. In: Cicero. 29. November 2006, abgerufen am 9. April 2023.
  7. 7,0 7,1 Karim Saab: Zeitgeschichte: Honeckers Enkel ist Surrealist und liebt Coca Cola. In: Märkische Allgemeine. 4. Oktober 2018, abgerufen am 9. April 2023.
  8. 8,0 8,1 8,2 Roberto Yáñez, Thomas Grimm: Ich war der letzte Bürger der DDR. Insel, Berlin 2018, ISBN 978-3-458-75812-9, S. 44–48.
  9. 9,0 9,1 Marian Blasberg: Honeckers Enkel: „Ein Rebell bin ich erst heute“. In: Die Zeit, 4. März 2011, abgerufen am 9. April 2023.
  10. Henrik Eberle: Anmerkungen zu Honecker. Schwarzkopf & Schwarzkopf, Berlin 2000, ISBN 3-89602-318-7, S. 191.
  11. Roberto Yáñez, Thomas Grimm: Ich war der letzte Bürger der DDR. Insel, Berlin 2018, ISBN 978-3-458-75812-9, S. 8.
  12. Roberto Yáñez, Thomas Grimm: Ich war der letzte Bürger der DDR. Insel, Berlin 2018, ISBN 978-3-458-75812-9, S. 11.
  13. Cristián Medina Valverde, Gustavo Gajardo Pavez: De apátrida errante a vecino de santiaguino el “Caso Honecker” desde las fuentes oficiales (1991–1994). In: Tzintzun. Revista de estudios históricos. Nr. 65 (1. Hj. 2017), Michoacán 2017, ISSN 1870-719X, S. 260–284 (Zitat: S. 265:
    Al respecto deseo aclarar que hasta la fecha nunca he solicitado asilo político a Chile, sino que he pedido únicamente que se me permita ingresar a ese país para permanecer con mi familia. – Text nach Dienstfernschreiben Nr. 564 der Botschaft von Chile in Moskau an die Regierung von Chile vom 12. Dezember 1991).
  14. Chile: Reich in einem armen Land. In: Focus. 8. Februar 1993, abgerufen am 8. April 2023 (veröffentlicht in Focus Nr. 6/1993, online seit 9. September 2015).
  15. Bank dementiert Bericht über Sonja Honecker. In: Neues Deutschland. 19. Februar 1993, abgerufen am 9. April 2023.
  16. 16,0 16,1 16,2 Nicolás Guzmán: Las revelaciones del nieto de Erich Honecker. In: El Mercurio, 16. September 2018, abgerufen am 9. April 2023 (spanisch).
  17. Valentina Araya (UC): La silenciosa vida de Margot Honecker en Chile. In: El Mostrador, 13. Mai 2016, abgerufen am 9. April 2023 (spanisch).
  18. Thomas Kunze: Staatschef a. D. Die letzten Jahre des Erich Honecker. 2. Auflage. Links, Berlin 2012, ISBN 3-86153-698-6, S. 180.
  19. Steven Geyer: Honeckers Enkel – das sind wir. RND Redaktionsnetzwerk Deutschland, 2. November 2019, abgerufen am 9. April 2023.
  20. Hartmut Kascha: Urenkel von Erich Honecker zum ersten Mal in Berlin. In: B.Z. 27. August 2018, abgerufen am 9. April 2023.
  21. Honecker-Tochter Sonja Yáñez gestorben. In: junge Welt. 12. April 2022, abgerufen am 5. April 2023.



Sonja Honecker (* 1. Dezember 1952 in Ost-Berlin; † März 2022 in Santiago de Chile) war eine deutsche Ingenieurin, über deren berufliche Tätigkeit nicht viel bekannt ist. Sie war die Tochter von Erich und Margot Honecker.

Leben[Bearbeiten]

Sonja Honecker wurde als Tochter von Erich Honecker und seiner Geliebten Margot Feist geboren. Ihr Vater lebte getrennt von seiner zweiten Ehefrau Edith Baumann, mit der er eine 1950 geborene Tochter hatte. Diese hielt zeitlebens engen Kontakt mit dem Vater und erhielt von ihm die gleiche Aufmerksamkeit wie Sonja.[1] Nach der Ehescheidung des Vaters im Jahr 1953 heirateten ihre Eltern.[2] Im Familien- und Freundeskreis wurde sie auch „Sonni“ genannt.[3]

Honecker studierte nach ihrem Abitur von Ende der 1960er-Jahre bis Anfang der 1970er-Jahre Informationstechnologie an der Technischen Universität Dresden, wobei sie einen Abschluss als Ingenieurin erreichte.[2] Während ihres Studiums war sie, wiewohl durch die Eheschließung ihrer Eltern als eheliches Kind legitimiert, unter ihrem Geburtsnamen „Sonja Feist“ immatrikuliert.

Im Herbst 1971 lernte sie den Liedermacher Bernd Rump und dessen chilenischen Freund Leonardo Yáñez Betancourt (* 1950) kennen, der ebenfalls in Dresden studierte. Inzwischen in sein Heimatland zurückgekehrt, wurde Yáñez nach dem Putsch in Chile 1973 mit Hilfe des Auslandsgeheimdienstes der DDR gerettet und erhielt, wie viele verfolgte Chilenen,[4] Asyl in der DDR.[5] Er war später als Hochschuldozent an der Humboldt-Universität in Ost-Berlin tätig. Das Paar heiratete 1974; aus der Ehe gingen der Sohn Roberto (* 1974) sowie die Töchter Mariana (1985–1988) und Vivian (* 1988) hervor.[1] Die im Oktober 1985 geborene Tochter Mariana starb im Januar 1988 an einem Virus,[6] was für die Familie und besonders für Sonjas Vater ein traumatisierendes Ereignis war;[7] die Trauer um seine Enkelin machte Erich Honecker fast arbeitsunfähig. Sonja selbst verfiel in eine Depression und bekam auf den Rat ihres Psychiaters hin ein weiteres Kind. Die Familie, die bis dahin in einer Dreizimmerwohnung im zwölften Stock eines Plattenbaus in der Leipziger Straße mit Blick über die Berliner Mauer nach West-Berlin gelebt hatte,[8] zog nach Vivians Geburt in einen neu errichteten Wohnblock in der Otto-Grothewohl-Straße (heutige Wilhelmstraße) um, der zu den modernsten Plattenbauten der DDR gehörte und hohen Wohnkomfort bot.[7] Der Familienunterhalt war nicht durchweg privilegiert; bei Kinderkleidung ist persönliche Intervention von Erich Honecker bekannt.[9] Über den Dienstweg des DDR-Ministeriums für Außenhandel konnte sich Sonja Honecker auch Baby- und Umstandskleidung aus West-Berlin beschaffen.[3] Beim Wohnungsumzug schickte Erich Honecker Handwerker aus der Wandlitzer Regierungssiedlung nach Berlin, um die neue Wohnung seiner Tochter herzurichten.[7] Die dabei eingebauten Sanitäranlagen aus westdeutscher Produktion ließ Sonja Honecker allerdings wieder ausbauen und durch DDR-Fabrikate ersetzen. Auch spielte sie eine nicht unbedeutende Rolle, wenn sie ihren Vater über Versorgungsmängel im Alltag der DDR-Bevölkerung informierte.[3] Die Familie fuhr ein 1988 auf den Markt gekommenes Auto der Marke Wartburg 1.3 mit Sonderausstattung, das mit einem VW-Viertaktmotor ausgerüstet war und nur in kleiner Stückzahl produziert wurde.[10]

Nachdem das Einreiseverbot ihres Mannes in Chile 1987 aufgehoben worden war, fasste die Familie eine Umsiedlung nach Chile ins Auge, die allerdings politisch zunächst undenkbar erschien. Gegenüber ihren Eltern sprach sich Sonja Honecker seit 1988 für eine freie Ausreiseregelung aus der DDR aus, stieß damit aber bei ihrer Mutter auf schroffe Ablehnung.[11] Erst im März 1990 floh die Honecker-Tochter vor den Umwälzungen in der DDR zusammen mit ihrer Familie nach Santiago de Chile in das Heimatland ihres Mannes.[5] Nach einiger Zeit trennte sie sich von ihrem Mann, der zusammen mit dem gemeinsamen Sohn auszog, während die Tochter Vivian bei der Mutter blieb.[8] 1993 folgte die Scheidung der Ehe. Sonja Honecker arbeitete Anfang der 1990er Jahre bei dem Sozialforschungsinstitut Avance des befreundeten sozialistischen chilenischen Politikers Osvaldo Puccio (* 1952),[4] der von 1974 bis 1984 ebenfalls in der DDR im Exil gelebt hatte und ein Sohn des gleichnamigen Privatsekretärs von Salvador Allende ist. Im Juli 1992 empfing sie ihre aus Moskau kommende Mutter und nahm sie zeitweilig in ihrem Haus in der Straße Los Almendros in Ñuñoa auf.[4] Nach der Ankunft ihres Vaters Erich in Chile im Januar 1993 erhielt sie Enthüllungen des Focus zufolge finanzielle Unterstützung aus nicht offengelegten Quellen,[12] deren angebliche Höhe sie aber dementieren ließ.[13] Erich Honecker wurden nach dem Zeugnis seines Dolmetschers Daniel Aguirre, der ihn während seiner Krankheit in Chile kontinuierlich begleitete, regelmäßig Umschläge überreicht, die möglicherweise Geld enthielten.[14] Es gab ein von der Kommunistischen Partei Chiles mitgetragenes Solidaritätskomitee, das Honecker unterstützte und dem viele unter seiner Herrschaft in der DDR aufgenommene frühere Exilanten angehörten.[4] Fest steht, dass Sonja Honecker das knapp 5 km von ihrer Wohnung entfernte, 110 qm große Fünf-Zimmer-Haus in La Reina ( Vorlage:CoordinateMessage) bauen ließ, in das ihre Eltern 1993 einzogen und in dem später ihre Mutter lebte. Es gehörte zu einem von kommunistischen Architekten geplanten Reihenhausprojekt, das sich damals in der Entwicklung befand und bei dem Sonja Honecker ihre Eltern anmeldete.[15] Sie war auch als Eigentümerin des Hauses im Grundbuch eingetragen.[16] Sonjas späteres Verhältnis mit ihrem Sohn Roberto, der nach dem Tod Erich Honeckers zu seiner Großmutter Margot zog, blieb nachhaltig gestört.[14][17] Zeitzeugen zufolge soll sie sich in Chile lange nicht heimisch gefühlt und nur schwer Arbeit gefunden haben und hauptsächlich wegen ihrer Tochter dort geblieben sein.[14] Nach dem Tod Margot Honeckers 2016 wurde auch berichtet, Sonja Honecker sei nach Deutschland zurückgekehrt und habe jahrelang wieder in Dresden gelebt. Sie starb im März 2022 im Alter von 69 Jahren in Santiago de Chile.[18]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. 1,0 1,1 Erich Honecker: So hielt er es mit Frauen, Familie und Autos. In: Abendzeitung. 9. Mai 2014, abgerufen am 9. April 2023.
  2. 2,0 2,1 Henrik Eberle: Anmerkungen zu Honecker. Schwarzkopf & Schwarzkopf, Berlin 2000, ISBN 3-89602-318-7, S. 141–149.
  3. 3,0 3,1 3,2 Roberto Yáñez, Thomas Grimm: Ich war der letzte Bürger der DDR. Insel, Berlin 2018, ISBN 978-3-458-75812-9, S. 57 f.
  4. 4,0 4,1 4,2 4,3 Honecker: Glücklich und zufrieden. In: Der Spiegel. 17. Januar 1993, abgerufen am 9. April 2023.
  5. 5,0 5,1 Kerstin Decker: Honeckers Enkel: Roberto Yanez ist zurück in Berlin. In: Der Tagesspiegel. 11. November 2013, abgerufen am 5. April 2023.
  6. Karim Saab: Zeitgeschichte: Honeckers Enkel ist Surrealist und liebt Coca Cola. In: Märkische Allgemeine. 4. Oktober 2018, abgerufen am 9. April 2023.
  7. 7,0 7,1 7,2 Roberto Yáñez, Thomas Grimm: Ich war der letzte Bürger der DDR. Insel, Berlin 2018, ISBN 978-3-458-75812-9, S. 44–48.
  8. 8,0 8,1 Marian Blasberg: Honeckers Enkel: „Ein Rebell bin ich erst heute“. In: Die Zeit, 4. März 2011, abgerufen am 9. April 2023.
  9. Henrik Eberle: Anmerkungen zu Honecker. Schwarzkopf & Schwarzkopf, Berlin 2000, ISBN 3-89602-318-7, S. 191.
  10. Roberto Yáñez, Thomas Grimm: Ich war der letzte Bürger der DDR. Insel, Berlin 2018, ISBN 978-3-458-75812-9, S. 8.
  11. Roberto Yáñez, Thomas Grimm: Ich war der letzte Bürger der DDR. Insel, Berlin 2018, ISBN 978-3-458-75812-9, S. 11.
  12. Chile: Reich in einem armen Land. In: Focus. 8. Februar 1993, abgerufen am 8. April 2023 (veröffentlicht in Focus Nr. 6/1993, online seit 9. September 2015).
  13. Bank dementiert Bericht über Sonja Honecker. In: Neues Deutschland. 19. Februar 1993, abgerufen am 9. April 2023.
  14. 14,0 14,1 14,2 Nicolás Guzmán: Las revelaciones del nieto de Erich Honecker. In: El Mercurio, 16. September 2018, abgerufen am 9. April 2023 (spanisch).
  15. Valentina Araya (UC): La silenciosa vida de Margot Honecker en Chile. In: El Mostrador, 13. Mai 2016, abgerufen am 9. April 2023 (spanisch).
  16. Thomas Kunze: Staatschef a. D. Die letzten Jahre des Erich Honecker. 2. Auflage. Links, Berlin 2012, ISBN 3-86153-698-6, S. 180.
  17. Steven Geyer: Honeckers Enkel – das sind wir. RND Redaktionsnetzwerk Deutschland, 2. November 2019, abgerufen am 9. April 2023.
  18. Honecker-Tochter Sonja Yáñez gestorben. In: junge Welt. 12. April 2022, abgerufen am 5. April 2023.


Leben[Bearbeiten]

Sonja Honecker wurde als Tochter von Erich Honecker und seiner Geliebten Margot Feist geboren. Ihr Vater lebte getrennt von seiner Ehefrau, mit der er eine 1950 geborene Tochter hatte. Nach der Ehescheidung des Vaters im Jahr 1953 verheirateten sich ihre Eltern. Mit dem Vater hielt sie zeitlebens engen Kontakt.[1]

Honecker studierte nach ihrem Abitur von Ende der 1960er-Jahre bis Anfang der 1970er-Jahre Informationstechnologie an der Technischen Universität Dresden, wobei sie einen Abschluss als Ingenieurin erreichte.[2] Während ihres Studiums war sie, obwohl inzwischen als ehelich legitimiert, unter ihrem Geburtsnamen „Sonja Feist“ immatrikuliert.

Im Herbst 1971 lernte sie den Liedermacher Bernd Rump und dessen chilenischen Freund Leonardo Yáñez Betancourt (* 1950) kennen, der ebenfalls in Dresden studierte. In sein Heimatland zurückgekehrt, wurde Yáñez nach dem Putsch in Chile 1973 mit Hilfe des Auslandsgeheimdienstes der DDR gerettet und erhielt viele verfolgte Chilenen Asyl in der DDR.[3] Er war später als Hochschuldozent an der Humboldt-Universität in Ost-Berlin tätig. Das Paar heiratete 1974; aus der Ehe gingen der Sohn Roberto (* 10. Oktober 1974) sowie die Töchter Marina (* 13. Oktober 1985) und Vivian (* 30. November 1988) hervor.[4] Die 1985 geborene Tochter Marina verstarb im Januar 1988 an einem Virus. Helga Mucke-Wittbrodt, Chefärztin des Regierungskrankenhauses wurde daraufhin entlassen.[5] Die Familie lebte in einer Plattenbauwohnung in der Leipziger Straße. Der Familienunterhalt war nicht durchweg privilegiert; bei Kinderkleidung ist persönliche Intervention von Erich Honecker bekannt.[6]

Nachdem das Einreiseverbot ihres Mannes in Chile 1987 aufgehoben worden war, fasste die Familie eine Umsiedlung nach Chile ins Auge, die allerdings politisch undenkbar erschien. Gegenüber ihren Eltern sprach sich Sonja Honecker seit 1988 für eine freie Ausreiseregelung aus der DDR aus, stieß damit aber bei ihrer Mutter auf schroffe Ablehnung.[7] Erst im März 1990 floh die Honecker-Tochter vor den Umwälzungen in der DDR zusammen mit ihrer Familie nach Santiago de Chile in das Heimatland ihres Mannes,[3] wo sie auch nach ihrer Scheidung 1993 gemeinsam mit einer Tochter lebte. Zwischenzeitlich empfing sie ihre aus Deutschland emigrierten Eltern und nahm sie in ihrem Haus in »Los Almendros« in La Reina auf.[8][9] Im Januar 1993 kam Vater Erich in Chile an. Ab dieser Zeit erhielt Sonja finanzielle Unterstützung aus diversen nicht offengelegten Quellen. Sie kaufte daraufhin zwei Häuser, in welche dann ihre Eltern, der Ehemann und der Sohn umzogen; die Tochter Vivian blieb bei der Mutter.[10] Sonjas späteres Verhältnis mit ihrem Sohn, der zur Großmutter Margot zog, war gestört.[11] Nach dem Tod Margot Honeckers 2016 wurde auch berichtet, Sonja Honecker sei nach Deutschland zurückgekehrt und habe jahrelang wieder in Dresden gelebt. Sie starb im März 2022 im Alter von 69 Jahren in Santiago de Chile.[12]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Henrik Eberle: Anmerkungen zu Honecker. Schwarzkopf & Schwarzkopf, Berlin 2000, ISBN 3-89602-318-7, S. 141–149.
  2. Henrik Eberle: Anmerkungen zu Honecker. Schwarzkopf & Schwarzkopf, Berlin 2000, ISBN 3-89602-318-7, S. 143–149.
  3. 3,0 3,1 Kerstin Decker: Honeckers Enkel: Roberto Yanez ist zurück in Berlin. In: Der Tagesspiegel. 11. November 2013, abgerufen am 5. April 2023.
  4. Erich Honecker: So hielt er es mit Frauen, Familie und Autos. Abendzeitung, 9. Mai 2014, archiviert vom Vorlage:Referrer; abgerufen am 8. April 2023.
  5. Zeitgeschichte: Honeckers Enkel ist Surrealist und liebt Coca Cola. Märkische Allgemeine, 4. Oktober 2018, abgerufen am 8. April 2023.
  6. Henrik Eberle: Anmerkungen zu Honecker. Schwarzkopf & Schwarzkopf, Berlin 2000, ISBN 3-89602-318-7, S. 191.
  7. Roberto Yáñez, Thomas Grimm: Ich war der letzte Bürger der DDR. Insel, Berlin 2018, ISBN 978-3-458-75812-9, S. 11.
  8. Thomas Kunze: Staatschef a.D. : Die letzten Jahre des Erich Honecker. 2. Auflage. Links, Berlin 2012, ISBN 3-86153-698-6.
  9. Honecker: Glücklich und zufrieden. Der Spiegel, 17. Januar 1993, abgerufen am 8. April 2023.
  10. Chile: Reich in einem armen Land. In: Focus. 9. September 2015, abgerufen am 8. April 2023.
  11. Steven Geyer: Honeckers Enkel – das sind wir. RND Redaktionsnetzwerk Deutschland, 2. November 2019, archiviert vom Vorlage:Referrer; abgerufen am 8. April 2023.
  12. Honecker-Tochter Sonja Yáñez gestorben. In: junge Welt. 12. April 2022, abgerufen am 5. April 2023.

B.Z. 27.08.201

Bisher kannte er ihn nur aus der Schule

Urenkel von Erich Honecker zum ersten Mal in Berlin


Es ist das erste gemeinsame Foto mit Uropa Erich! Robertito (19) ist der Urenkel von Erich Honecker und zum ersten Mal zu Besuch in Berlin.

Ein schmaler, braungebrannter junger Mann guckt auf das berühmte Bruderkuss-Bild der Berliner East Side Gallery. Der ehemalige DDR-Staats- und Parteichef Erich Honecker (†81) küsst den Ex-Sowjetchef Leonid Breschnew (†75).

„Das also ist mein Uropa. Ich kenne ihn nur aus der Schule“, sagt Roberto Leonardo Yanez Ibanez-Honecker (19), so sein vollständiger Name.

An der East Side Gallery küsst Uropa Honecker Ex-Sowjetchef Breschnew. Urenkel Leonardo Yanez Ibanez-Honecker (19) steht zum ersten Mal vor dem berühmten Bild An der East Side Gallery küsst Uropa Honecker Ex-Sowjetchef Breschnew. Urenkel Leonardo Yanez Ibanez-Honecker (19) steht zum ersten Mal vor dem berühmten Bild (Foto: Charles Yunck) Foto: Charles Yunck

Es ist sein erster Besuch in Europa und Berlin

Alle nennen ihn nur Robertito. Er ist der Sohn des Honecker-Enkels Roberto (44) und kam jetzt erstmals nach Europa, nach Berlin. „Ich bekam ein Touristenvisum für drei Monate“, sagt der Hobby-Skater.


In Chile fing er nach dem Abitur ein Jurastudium an. Seiner Mutter Ana Maria (51, Küchenhilfe) aber ging das Geld aus. „Guck dir Deutschland an“, sagte sie und sammelte bei Freunden und Bekannten Pesos für seinen Flug.

Er möchte gerne hier bleiben und studieren

Robertito wohnt bei seinem Halbbruder Pablo (32, Altenpfleger) in einem Hinterhaus in Friedrichshain. „Eine Woche bin ich jetzt da. Ich weiß aber schon jetzt, dass ich bleiben will. Hier ist alles viel sicherer als zu Hause.“


Deshalb sucht er jetzt hier einen Job. Hilfe von seinem Vater ist nicht zu erwarten. Robertito: „Er kümmert sich nicht. Ich sah ihn zuletzt vor drei Jahren. Das macht mich sehr traurig.“

Papa Roberto überweist ihm monatlich lediglich umgerechnet 50 Euro. Als der junge Mann erfährt, dass sein Vater Anfang September ebenfalls nach Berlin kommt, strahlen seine Augen. „Vielleicht kann ich ihn ja treffen“, hofft er. Sein Vater schrieb ein Buch (Titel: „Ich war der letzte Bürger der DDR – Mein Leben als Enkel der Honeckers“, Suhrkamp). Am 10. September kommt es in die Läden.

Das Familienleben der Honeckers zerbrach in Chile mit dem Krebstod (1994) des ehemaligen DDR-Diktators. Robertito wurde vier Jahre danach geboren.


Kaum Kontakt mit der Familie

„Er muss ja kein so freundlicher Mann gewesen sein“, sagt der Urenkel. Auch an Uroma Margot (†88) kann er sich kaum erinnern. „Ich weiß nur, dass sie mich und meine Mutter nicht mochte“, sagt er.

Gleiches gilt für Robertitos Oma Sonja (66), Honeckers Tochter. Sie ist geschieden und hat das Honecker-Haus im vornehmen Stadtteil La Reina von Chiles Hauptstadt verkauft. „Ich habe gehört, dass sie jetzt in Dresden leben soll“, sagt Robertito.

Wie stellt er sich seine Zukunft vor? Robertito: „Mein großes Ziel ist es, mein Jura-Studium fortzusetzen und irgendwann als Professor an einer Universität zu lehren.“