Kurs:Mathematik für Anwender (Osnabrück 2011-2012)/Teil I/Vorlesung 18/kontrolle
Inhaltsverzeichnis |
In dieser Vorlesung führen wir weitere wichtige Funktionen über ihre Potenzreihen ein.
- Die Hyperbelfunktionen
Lemma
Die Funktionen Sinus hyperbolicus und Kosinus hyperbolicus besitzen die folgenden Eigenschaften.
Beweis

Lemma
Die Funktion Sinus hyperbolicus ist streng wachsend und die Funktion Kosinus hyperbolicus ist auf
streng fallend und auf
streng wachsend.
Beweis
Siehe Aufgabe 18.2 und Aufgabe 18.14.

- Der Kreis und die trigonometrischen Funktionen
Die trigonometrischen Funktionen Sinus und Kosinus werden in einem naiven Zugang am Einheitskreis definiert. Es sei
und dem Mittelpunkt
. Für einen Punkt in der Ebene mit den Koordinanten
ist aufgrund des Satzes des Pythagoras
der Abstand zum Nullpunkt. Ein „Winkel“
am Nullpunkt (und von der positiven „
-Achse“ aus „gegen den Uhrzeigersinn“ gemessen) definiert eine vom Nullpunkt ausgehende „Halbgerade“ (oder „Strahl“). Da diese einen eindeutigen Durchstoßungspunkt
mit der Einheitskreislinie besitzt, definiert der Winkel auch einen eindeutigen Punkt auf dem Einheitskreis. Dessen Koordinaten sind nach Definition gleich
-Koordinate wird durch den Kosinus und die
-Koordinate wird durch den Sinus angegeben. Dadurch sind einige wichtige Eigenschaften direkt klar:
- Es gilt
- Es ist
und
. - Wenn der Winkel
eine Vierteldrehung bezeichnet, so ist
und
. - Es ist
und
. Dabei bezeichnet
den durch den gegenläufigen Strahl definierten Winkel.[1] - Die Werte von Sinus und Kosinus wiederholen sich nach einer Volldrehung.
Diese Definition ist zwar intuitiv klar, sie ist aber in verschiedener Hinsicht unbefriedigend.
- Es ist nicht klar, wie der Winkel zu messen ist.
- Es gibt keinen analytischen „berechenbaren“ Ausdruck, wie zu einem gegebenen Winkel die Werte von Kosinus und Sinus berechnet werden müssen.
- Damit fehlt die Grundlage, um Gesetzmäßigkeiten dieser Funktionen zu beweisen.
muss man aber die analytische Definition genauer studieren.
Mit diesen Defiziten hängt auch zusammen, dass wir noch keine präzise Definition für die Kreiszahl
haben. Diese ist bekanntlich gleich dem Kreisinhalt des Einheitskreises und gleich der Hälfte des Kreisumfanges. Doch sind sowohl der „Flächeninhalt ebener berandeter Gebiete“ als auch die „Länge von gebogenen Kurven“ problematische Begriffe. Von daher ist es in der höheren Mathematik sinnvoll, die Kreisfunktionen über ihre Potenzreihen einzuführen und nach und nach zu beweisen, dass sie die gewünschten Eigenschaften erfüllen. Sodann kann man auch die Kreiszahl
über Eigenschaften dieser Funktionen einführen und letztlich den Winkel als Länge des zugehörigen Kreisbogens einführen, nachdem diese Länge exakt definiert wird (was wir erst im zweiten Semester tun).
Wir besprechen einige wichtige Anwendungen der trigonometrischen Funktionen, nämlich Polarkoordinaten und Drehungen, wobei wir die Winkel naiv verstehen und die trigonometrischen Funktionen als geometrisch definiert betrachten.
- Polar- und Zylinderkoordinaten
Beispiel
Ein Winkel
und eine positive reelle Zahl
definieren einen eindeutigen Punkt
. Dabei bedeutet
den Abstand des Punktes
vom Nullpunkt
und
bedeutet den Durchstoßungspunkt der durch
definierten Halbgeraden mit dem Einheitskreis. Jeder Punkt
besitzt eine eindeutige Darstellung mit
und mit einem Winkel
, der je nach dem gewählten Winkelmaß geeignet zu wählen ist, also beispielsweise aus
ist (der Nullpunkt wird durch
und einen beliebigen Winkel repräsentiert). Die Komponenten
heißen die Polarkoordinaten von
.Beispiel
Eine räumliche Variante von Beispiel 18.6 wird durch Zylinderkoordinaten gegeben. Ein Tripel
wird dabei auf die kartesischen Koordinaten
Beispiel
Jede komplexe Zahl
,
, kann man eindeutig schreiben als
, nämlich dem Abstand von
zum Nullpunkt (also
) und einem eindeutig bestimmten Winkel
zwischen
(einschließlich) und
Grad (ausschließlich), der ausgehend von der positiven reellen Achse gegen den Uhrzeigersinn gemessen wird. Man spricht von Polarkoordinaten für die komplexen Zahlen.
Polarkoordinaten der reellen Zahlenebene und für komplexe Zahlen unterscheiden sich nicht. Allerdings erlauben Polarkoordinaten eine Neuinterpretation der Multiplikation von komplexen Zahlen: Wegen
(dabei wurden im letzten Schritt die Additionstheoreme für Sinus und Kosinus verwendet) multipliziert man zwei komplexe Zahlen, indem man ihre Beträge multipliziert und ihre Winkel addiert.
Diese Neuinterpretation der Multiplikation von komplexen Zahlen führt auch zu einem neuen Verständnis der Wurzeln aus komplexen Zalen, die es aufgrund des Fundamentalsatzes der Algebra geben muss. Wenn
ist, so ergibt sich, dass
-te Wurzel von
ist. D.h. man muss für den Betrag der komplexen Zahl die reelle
-te Wurzel nehmen und den Winkel durch
teilen.
- Drehungen
Eine Drehung der reellen Ebene
um den Nullpunkt um den Winkel
gegen den Uhrzeigersinn bildet
auf
und
auf
ab. Daher werden ebene Drehungen folgendermaßen beschrieben.
Definition
Eine lineare Abbildung
(mit einem
) bezüglich der Standardbasis gegeben ist, heißt Drehung.Eine Raumdrehung ist eine lineare Abbildung des
in sich, bei der um eine Drehachse (durch den Nullpunkt) um einen bestimmten Winkel gedreht wird. Wenn der Vektor
die Drehachse definiert und
und
auf
und aufeinander senkrecht stehen, so wird die Drehung bezüglich
durch die Matrix
- Die trigonometrischen Reihen
Wir besprechen nun den analytischen Zugang zu den trigonometrischen Funktionen.
Definition
Für
heißt
.Durch Vergleich mit der Exponentialreihe ergibt sich sofort, dass diese beiden Reihen für jedes
absolut konvergieren. Die zugehörigen Funktionen
(wobei
reell oder komplex sein kann) ist (wir verwenden Rechenregeln für Potenzreihen, die wir nicht behandelt haben)
Mit dieser Beziehung zwischen komplexer Exponentialfunktion und den trigonometrischen Funktionen (die die eulersche Formel heißt) lassen sich viele Eigenschaften der letzteren besonders einfach beweisen. Prominente Spezialfälle dieser Beziehung sind
Aufgrund von Satz 17.2 sind Sinus und Kosinus stetige Funktionen. Weitere wichtige Eigenschaften werden in der folgenden Aussage zusammengefasst.
Satz
Die Funktionen
folgende Eigenschaften.
- Es ist
und
. - Es ist
und
. - Es gelten die Additionstheoreme
- Es gilt
Beweis
(1) und (2) folgen direkt aus der Definition der Reihen.
(3). Der
-te Summand in der Kosinusreihe (die Koeffizienten zu
,
ungerade, sind
) von
ist
wobei wir im letzen Schritt die Indexmenge in gerade und ungerade Zahlen aufgeteilt haben.
Der
-te Summand im Cauchy-Produkt von
und
ist
und der
-te Summand im Cauchy-Produkt von
und
ist
Daher stimmen die beiden Seiten des Additionstheorems überein.
Das Additionstheorem für den Sinus folgt ähnlich.
(4). Aus dem Additionstheorem für den Kosinus angewendet auf
und aufgrund von (2) ergibt sich

Die letzte Aussage im vorstehenden Satz besagt, dass das Paar
ein Punkt auf dem Einheitskreis
ist. Wir werden später sehen, dass sich jeder Punkt des Einheitskreises als
schreiben lässt, wobei man
als Winkel interpretieren kann. Dabei tritt die Periode
auf, wobei wir die Kreiszahl
eben über die trigonometrischen Funktionen einführen werden.
In der folgenden Definition für Tangens und Kotangens verwenden wir in der Formulierung der Definitionsbereiche die Zahl
.
Definition
Die Funktion
- Fußnoten
- ↑ Dieser Winkel ist
im Bogenmaß.
| << | Kurs:Mathematik für Anwender (Osnabrück 2011-2012)/Teil I | >> |
|---|









und
.
eine Vierteldrehung bezeichnet, so ist
und
.
und
. Dabei bezeichnet
den durch den gegenläufigen Strahl definierten Winkel.



![w= \sqrt[n]{r}\, \operatorname{cos} \, \frac{ \alpha }{ n } \, + \sqrt[n]{r} i \, \operatorname{sin} \, \frac{ \alpha }{ n } \,](http://upload.wikimedia.org/wikiversity/de/math/f/c/2/fc2cadc7b191f6b7d12999ad9091d38a.png)










und
.




Daher stimmen die beiden Seiten des Additionstheorems überein.


im Bogenmaß.