Benutzer:Jana Autor

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Jana Autor

Traditionell-japanische Rituale vor dem Hintergrund der Verwestlichung

Seminar: Bildung und Ansprüche an die kulturelle Identität im Zeitalter der Globalisierung SS 2012

Dozentin: Eva Sondershaus, M.A.

Studium: Universität Augsburg, Bachelor mit Hauptfach Deutsch als Zweit- und Fremdsprache und dem Nebenfach Schulpädagogik, Zusatzqualifikation im erlebnispädagogischen Bereich


Einleitung[Bearbeiten]

Wir, Keigo Kobayashi und Jana Autor, möchten der Frage nachgehen, ob traditionell-japanische Rituale durch den westlichen Einfluss in Japan in den Hintergrund treten und wenn ja, warum das so sein könnte.

Thema und Hypothese[Bearbeiten]

Traditionell-japanische Rituale vor dem Hintergrund der Verwestlichung.

Hypothese: Durch den westlichen Einfluss treten traditionell - japanische Rituale in den Hintergrund

Was ist ein Ritual?[Bearbeiten]

Etymologische Herkunft[Bearbeiten]

Etymologisch ist der Begriff des Rituals auf das lateinische Wort ritualis zurückzuführen, was übersetzt soviel heißt wie den Ritus betreffend. Es ist eine symbolhafte Handlung, die nach vorgegebenen Regeln von statten geht. Leicht kann man das Ritual mit dem Begriff des Ritus verwechseln, was jedoch aus dem indogermanischen rta = Ordnung stammt und lediglich ein Verhalten beschreibt, was einer speziellen Ordnung unterliegt (eine festgelegtes Zeremoniell besteht aus mehreren Ritualen).

Die Mode der Rituale[Bearbeiten]

Rituale sind in Mode. In fast allen Bereichen der Lebenswelt findet man Rituale, im Alltag oder im Beruf. So meint man jedenfalls. Die in den letzten Jahren aufgekommene Auffassung, nämlich das Rituale bedeutungslose repitive Handlungen seien, prägt also unser Alltagsverständnis (vgl. Caduff, 1999). Doch ist Zähneputzen und Händeschütteln ein Ritual oder eine bloße Handlungsgewohnheit in unserem Alltag? Grundlage für unser kleines Forschungsprojekt, in dem wir traditionelle japanische Rituale und ihren Wandel untersuchen wollen, sind die fünf Kriterien nach Axel Michaels aus seinem bekannten Aufsatz „Le rituel pour le rituel -Oder wie sinnlos sind Rituale?“, in dem er auf die Unterscheidung zwischen nicht-ritualisiserten und ritualisierten Handlungen von tasächlichen Ritualen eingeht. Axel Michaels trennt Rituale klar von habituellen Handlungen ab und stellt Bedingungen auf, die ein Ritual an sich erfüllen muss, um als solches zu gelten. Wo keine Grenzüberschreitung stattfindet, also eine ursächliche Veränderung deutlich wird, ist auch kein Ritual, so Michaels. Hinzu kommen der förmliche Beschluss (z.B. ein Schwur, Gelübde, Versprechen) sowie formale Handlungskriterien wie Wiederholbarkeit, Öffentlichkeit und Unwiderruflichkeit. Michaels ergänzt dies mit modalen Handlungskriterien wie Vergemeinschaftung, Transzendenz, wobei hier der Aspekt der Religion in weiterem Sinne gemein ist, sowie subjektive Wirkung. Also kann kein Ritual eine spontane Aktion sein, sondern muss ein intentionales Geschehen sein, das all die obengenannten Kriterien erfüllt. So können Rituale, laut Michaels, die Identität, die Rolle, den Status und die Kompetenz verändern. Untenstehend werden die fünf Kriterien näher erläutert.

Die Fünf Komponenten von Ritualen[Bearbeiten]

Datei:Penthagon.jpg

Wie oben schon angedeutet, bedarf es einer eingängigeren Untersuchung einer Handlung, ob diese sich um ein Ritual handelt. Hilfreich erscheint uns die Unterteilung in fünf Komponenten (vgl. Caduff, 1999), die jedoch ein wenig komplexer ist. Wir haben die Hauptargumente untenstehend zusammengefasst.

Ursächliche Veränderung (causa transitionis)[Bearbeiten]

Das Kriterium der Transitionalität, das auch schon für van Gennep und Turner eines der Hauptkriterien bei der Bestimmung von Ritualen bildete, deutet auf eine räumliche oder zeitliche Veränderung, eine Übergangsphase, auch Schwellenphase oder Liminalität genannt. Rituale sind oft lebenszyklischer Natur, die mit biologischen, altersbedingten oder körperlichen Veränderung in Beziehung stehen. Wie ebenfalls schon oben genannt: Wo keine Grenzüberschreitung, keine Veränderung, kein Wechsel stattfindet, gib es keine Rituale. Ritualhandlungen haben also mit adaptivem Verhalten zu tun, könnten Reaktionen auf Krisen oder ähnliche Situationen sein, da die Veränderung Grundvoraussetzung hierfür ist.

Der Formale Beschluss (solemnis intentio)[Bearbeiten]

Es bedarf, wenn es sich um ein Ritual handelt, weiterhin um einen förmlichen Beschluss wie zum Beispiel einen Schwur, ein Versprechen, ein Gelübde. Dies bildet eine wichtige und unverzichtbare Komponente bei der Bestimmung eines Rituals. Eine zufällige Geburtstagsfeier ist noch lang kein Ritual. Dieser formale Beschluss kann sprachlich, schriftlich aber auch nonverbal von Statten gehen. Auch ein gemeinsames Essen im Betrieb an Weihnachten, das jährlich stattfindet, kann einem solchen Ritual entsprechen, muss aber natürlich noch andere Komponente beinhalten. Die solemnis intentio ist unserer Meinung eine der wichtigsten Komponente bei der Bestimmung von Ritualen. Denn nur sie macht eine alltägliche Handlung zu einer besonderen, zu einer Ritualhandlung. Dadurch, dass die Veränderung konkret ins Bewusstsein dringt, die Intention deutlich wird, kann ich ein Ritual vollziehen. Michaels nennt ein gutes Beispiel: Schuhe ausziehen muss nicht unbedingt eine Ritualhandlung sein. Dies wird sie aber, wenn sie mit einer solemnis intentio verbunden ist, wenn man etwa einen Tempel betritt, unabhängig davon, was die private Intention ist. Ein Wechsel findet meist auch auf der Sprachebene statt: aus Wasser wird Weihwasser, aus Blumen werden Ritualblumen.

Formale Kriterien (actiones formaliter ritorum)[Bearbeiten]

Des Weiteren müssen einige weitere Handlungskriterien erfüllt werden, um von einem Ritual sprechen zu können: Die Handlungen müssen a) förmlich, stereotyp und repititiv (und damit nachahmbar), b) öffentlich und c) unwiderruflich sein (vgl. Caduff, 1999, S. 34) Nochmal: dies bedeutet, dass Ritualhandlungen nicht spontan, privat, widerufbar, singulär und für jedermann sein dürfen. Um etwas widerrufbar zu machen, bedarf es immer eines weiteren Rituals (Bsp. Hochzeits- und Scheidungsritual). Öffentlichkeit und Gemeinschaft sind weitere wichtige formale Kriterien, die erfüllt sein sollten. Rituale können keine privaten Veranstaltungen sein, sondern müssen öffentlich gemacht werden. Die Liebe ist nicht unbedingt ritualisiert, aber die Ehe durch das Hochzeitsritual schon. Lebenszyklische Rituale brauchen also Öffentlichkeit und Gemeinschaft. Sie erneuern und festigen soziale Beziehungen. (vgl. Caduff, 1999; S. 35) Gerade lebenzyklische Rituale wie zum Beispiel Geburt und Tod, Hochzeit etc. bedürfen der Öffentlichkeit sowie der Gemeinschaft (communitas), denn sie erneuern und festigen soziale Beziehungen. Das Prinzip der Unwiderruflichkeit wurde oben schon einmal angedeutet und sagt aus, das kein Ritual rückgängig gemacht werden kann – dazu bedarf es immer eines neuen Rituals. Fest steht, dass die meisten Rituale auch in einem nicht rituellen Kontext vorkommen können. Jedoch entscheidend hierbei sind, wie schon oben erwähnt, die weiteren Kriterien und können nicht anhand bloß der formalen Kriterien entschieden werden. Aus neurobiologischer Sicht handelt es sich bei dem Prinzip der Förmlichkeit um erlerntes Verhalten, dessen Wissen in neuralen Synapsenverbindungen gespeichert ist. So steht es (spontan) dort auf Abruf. Rituale sind auch leicht wandelbar, denn nicht jedes Ritual ist immer dasselbe. So setzt es immer neue und spontane Reaktionen voraus - mal zündet man die Taufkerze nicht an der Osterkerze, sondern mit einem Feuerzeug an, mal ändert sich die Reihenfolge etc. Jedoch bleibt zum Beispiel ein sakrales Lied immer ein sakrales Lied - ob der Inhalt nun gesummt oder gesungen wird, ist völlig gleich. Die Form von Ritualen muss also vorliegen und entziffert und nicht nur die Interpretation beschrieben werden.

Modale Kriterien (actiones modaliter ritorum)[Bearbeiten]

Religio und Societas sind die zwei modalen Handlungskriterien, die ebenfalls eine wichtige Stellung einnehmen. Unter societas versteht Michaels „alle auf die Gemeinschaft bezogenen Funktionen eines Rituals: Solidariät, Hierarchie, Kontrolle und Normierung“ (vgl. Caduff, 1999; S. 36), da seiner Meinung nach Rituale als kollektive Repräsentationen der Gemeinschaft auch einen gewissen Druck auf das Individuum ausüben, dem sich oftmals nicht entzogen werden kann, obwohl das auszuführende Ritual für einen selbst keinen Sinn macht. Man denke an die Konfirmation in der evangelischen Kirche, bei dem die Jugendlichen ein Glaubensbekenntnis ablegen müssen. Viele können aber damit persönlich nichts anfangen, sich dem Druck der Gemeinschaft zu entziehen ist jedoch fast unmöglich. Religio ist laut Michaels „das Bewußtsein, daß die in Frage stehende Handlung gemacht wird, weil ihr ein transzendentaler Wert zugemessen wird.“ (vgl. Caduff, 1999; S. 37). Er meint damit nicht unbedingt einen theistischen Glauben als solchen, sondern eher eine Überhöhung, die auf eine übergeordnete Wirklichkeit bzw. Ordnung, auf das Jenseits etc. Bezug nimmt. Dies soll aber auch nicht heißen, das bei jedem Ritualteilnehmer religio an oberster Stelle stehen muss, sondern eher, das religio irgendwo nachweisbar sein sollte – meist liegt sie bei der solemnis intentio vor. Wichtig ist noch zu erwähnen, dass die modalen Kriterien von societas und religio unterschiedlich stark ausgeprägt sein können, müssen aber, so Michaels, zumindest bei lebenszyklischen Übergangsritualen nachweisbar sein. Fehlt eines der beiden Kriterien, so handelt es sich nicht um ein Ritual.

Der Statuswechsel (novae classificationes; transitio vitae)[Bearbeiten]

Turner (1967: 95) trennt mit diesem Kriterium klar das Ritual von dem Begriff der Zeremonie ab: Es muss durch das Ritual eine erkennbare Veränderung eingetreten sein. „Ritual is transformative, ceremony confirmatory.“

Mit diesen fünf Kriterien – causa transitionis, solemnis intentio, actiones formaliter ritorum, actiones modaliter ritorum und novae classificationes; transitio vitae – lässt sich der Ritualbegriff demnach deutlich erklären, sodass man ihn klar von Brauchtum, Sitte oder Zeremonie unterscheiden kann. Das Beifall klatschen nach eine Rede zum Beispiel ist noch Ritual, sondern eher habituelles Verhalten, denn hier fehlt die solemnis intentio. Wie sich Rituale im Alltag der Gesellschaft konstituieren, soll im nächsten Kapitel erläutert werden.

Rituale im Alltag der Gesellschaft[Bearbeiten]

Rituale und ihre Konstitution im Alltag[Bearbeiten]

Rituale beziehen also immer andere Menschen einer Gemeinschaft mit ein. Sie verbinden die Mitglieder einer Gesellschaft und verändern sie in ihrem Beziehungsstatus. Des Weiteren können sie ebenfalls Beziehungen wiederherstellen bzw. ihnen dabei helfen, loszulassen, den Alltag zu strukturieren, Übergänge oder sog. Schwellenphasen, zu gestalten. So sind Rituale also Techniken, die von den Mitgliedern einer bestimmten Gesellschaft herangezogen werden, um das Alltagsleben zu konstruieren. Wie diese rituellen Handlungsweisen aussehen, bestimmt jede Kultur für sich. Es gibt zum Beispiel die Rituale der Lebenswende, Taufe und Hochzeit, oder im Jahresablauf oder aber eben auch im Alltag wie ein Händedruck und der Abschiedskuss. Eine große Symbolkraft entfalten Rituale dabei in der Religion.

Der Kulturbegriff nach Geert Hofstede und seine Bedeutung für unsere Hypothese[Bearbeiten]

Kultur ist nach Geert Hofstede eine Art mentale Programmierung , die ihre Anfänge im sozialen Umfeld liegen, also wie, wo und mit wem wir aufgewachsen sind und so unsere Lebenserfahrungen gesammelt haben. Sie ist also „die kollektive Programmierung des Geistes, die die Mitglieder einer Gruppe oder Kategorie von Menschen von einer anderen unterscheidet.“ (Vgl. Hofstede 2006; S.4) Warum wir das hier aufführen? Nach Hofstede's Meinung ist Kultur erlernt und nicht angeboren, und manifestiert sich auf verschiedene Weisen, die, wie wir gleich sehen werden, mit unserem Thema der Rituale zu tun hat. Sein berühmtes Zwiebel-Diagramm, das wir unten aufgeführt haben, lässt erkennen, welche Bedeutung dem Ritual in der Kultur zukommt. Man kann schon erahnen, was die Zwiebel damit ausdrücken möchte: Die erste Haut der Zwiebel, die Symbole, lässt sich leicht schälen, also ändern. Symbole sind Worte, Gesten, Bilder oder Objekte, die eine bestimmte Bedeutung haben, welche eben nur von den Angehörigen der jeweiligen Kultur erkannt werden (z.B. Haarpracht, Kleidung etc...). Sie verändern sich rasch und werden durch neue ersetzt. Die zweite Haut der Zwiebel, die Helden, stellen zum Beispiel nationale Helden dar: sie besitzen Eigenschaften, welche in der jeweiligen Kultur hoch angesehen werden, sie dienen also als Verhaltensvorbilder, können aber auch als Comicfiguren dargestellt werden (z.B. Superman für die USA). Nun nähern wir uns dem Kern der Zwiebel und sind an seiner nähesten Schicht angekommen, die folglich, bis auf den Kern, am schwersten zu ändern ist: nämlich der Schicht der Rituale. Da Rituale, wie schon mehrmals erwähnt, kollektivistischer Natur sind, sind sie für das soziale Miteinander unabdingbar, und werden laut Hofstede zwar für das Erreichen ihrer Ziele eigentlich überflüssig, jedoch innerhalb einer Kultur als sozial notwendig erachtet. Er fasst Symbole, Helden und Rituale unter dem Begriff Praktiken zusammen, da sie für den außenstehenden Betrachter als solche sichtbar und z.T. Erfahrbar werden. Jedoch, so Hofstede, sei ihre kulturelle Bedeutung keinesfalls sichtbar, sondern liege allein in der Art und Weise, wie diese Praktiken interpretiert würden. Das Kernstück der Zwiebel bilden die Werte. Man bezeichnet Werte als „die allgemeine Neigung, bestimmt Umstände anderen vorzuziehen.Werte sind Gefühle mit Orientierung zum Plus- oder zum Minuspol hin.“(vgl. Hofstede 2006; S.9) Sie werden von dem Menschen als tabula rasa sehr früh im Leben erworben und sind am schwersten im laufe seiner Zeit zu ändern, wenn überhaupt. Wie wir sehen, befinden sich die Rituale als kulturelle Praktikten sehr nahe am „roten“ Kernstück, den Werten, und folgt man den Überlegungen Hofstede's, so müsste man davon ausgehen, dass Rituale, die in einer Kultur und der jeweiligen Gesellschaft „verankert“ sind, ebenfalls sehr schwer zu ändern seien.

Datei:Hofstede.jpg

Wir möchten mit unserer kleine Studie untersuchen, inwieweit traditionelle Rituale in Japan durch den westlichen Einfluss beeinflusst wurden und ob sie im Laufe der Zeit in den Hintergrund getreten sind. Wir schauen uns hierfür vornehmlich lebenszyklische Rituale an wie zum Beispiel die Hochzeit und den Jahreswechsel, aber auch Festlichkeiten wie Valentinstag, Weihnachten und Begrüßungsrituale, die eine wichtige Bedeutung in der japanischen Kultur haben. Dies kann jedoch nur geschehen, wenn wir unsere These in den geschichtlichen Hintergrund Japans einbetten, denn nur so kann ein umfassendes Bild der japanischen Kultur und ihren rituellen Handlungsweisen entstehen und warum und ob sich etwas verändert hat.

Kleiner Exkurs: Eine Email für japanische Gespenster von Yoko Tawada[Bearbeiten]

Yoko Tawada ist eine japanische Schriftstellerin, die seit 1982 in Hamburg lebt und auf Deutsch und Japanisch schreibt, so auch ihre eindrückliche Geschichte „Eine Email für japanische Gespenster“. Es gibt viele Erscheinungsformen von Geister in Japan, an die die Menschen glauben: Die „Yokai“ mit ihren außergewöhnlichen Gestalten, die „Henge“ Gespenster, die sich verwandelt haben und die „Yurei“, die Gespenster der Toten und Lebenden. Tawada berichtet von ihrer Kindheit, in der ihre Großmutter mit einem Ritual die Geister herbei lockte, um mit ihnen in Kontakt zu treten. Sie setzte sich vor den Hausaltar, zündete Räucherstäbchen an und stellte den Verstorbenen ein Schälchen Reis hin. In der heutigen Welt, so Tawada, sei es oft unklar, was ein Ritual überhaupt bedeute: zum Beispiel gebe es viele Leute in Japan, die ihr neues Auto für eine Einweihungszeremonie in einen shintoistischen Schrein bringen, sich jedoch nicht bewusst bzw. sicher seien, was dies überhaupt für eine Bedeutung habe. Manche vermuten, es sei eine Reinigungszeremonie gegen die Geister, die Autounfälle verursachen. Andere seien der Meinung, man müsse dem Auto erst „Leben einhauchen“, quasi eine Seele geben, und dies gehe nur mit einer rituellen Zeremonie. Welche Bedeutung haben also all die Rituale, die sich in der japanischen Kultur konstituiert haben? Macht man sie nur aus reiner Gewohnheit und sind Sinn entleert – oder sind es dann überhaupt noch Rituale? Fallen sie uns als Fremden eher auf wie den Angehörigen der betroffenen Kultur? „Es ist überhaupt leichter, in einer fremden Kultur ein Ritual zu entdecken als in der eigenen.“ (vgl. Caduff, 1999; S. 223), nicht umsonst glaube man in Deutschland, das Japan im Gegensatz zum eigenen Land voller Rituale stecke, so Tawada. So fiel ihr zum Beispiel auf, das am Anfang ihrer Zeit in Deutschland der ganze deutsche Alltag ritualisiert zu scheinen schien. Abschiede zum Beispiel seien besonders intensiv und herzlich, obwohl man vielleicht vorher kaum ein Wort miteinander gewechselt habe. Ist der Abschied nun eine ritualisierte Handlung, reiche es nicht, dem subjektiven Gefühl entsprechend spontan zu handeln, denn Körpersprache und Körperbewegungen entsprechen ebenfalls einem Ritual an sich. Tawada berichtet von ihrem Leben zwischen zwei verschiedenen Sprachen, in denen sie schreibt . Um in den Zustand des Schreibens eintreten zu können, bedarf es einer rituellen Handlung: „Dann muß ich mich hinsetzten, Schreibzeug sortieren und zweimal in die Hände klatschen: Ritualisierte Handlungen, die mich vor dem Schreiben aufhalten, sind anscheinend doch notwendig, um vom alltäglichen Zustand in einen anderen Zustand – nämlich den Zustand des Schreibens – überzugehen.“ (vgl. Caduff, 1999; S. 219) Yoko Tawada erzählt und berichtet über vielerlei Dinge, die ihr in ihrer Zeit in Deutschland, aber auch in Japan widerfahren sind, die mit rituellen Handlungen im Alltag zu tun haben. Der letzte Absatz spiegelt eine positive Denkweise wider, welche Chancen im interkulturellen Lernen durch Rituale bereitstehen könnten und die wir hier gerne als Abschluss unseres kleinen Exkurses zitieren möchten:

Die Kunst, vor allem die Literatur, muß – anstatt zurückzukehren zum Glauben an Authentizität der eigenen Empfindung und anstatt zu sagen, es sei doch nur schwierig mit den Fremden – daraus unbedingt einen Profit ziehen. Die Fremdheit vermindert zwar die Leistungsfähigkeit – so wie ich zum Beispiel für einen deutschen Text zehnmal so viel Zeit brauche wie für einen japanischen -, aber die Fremdheit zerstört nie die Kreativität. Im Gegenteil: Man kann rätselhafte Verhaltensweisen bei Fremden mitspielend beobachten, miteinander vergleichen, auseinandernehmen, mit verschiedenen Elementen frei kombinieren, vergrößern, entstellen, verdichten oder auf den Kopf stellen. Das „Ritual“ ist dabei sicher ein produktives Denkmodell.

„Die Sieben Glücksgötter“ - ein religionsgeschichtlicher Einblick in die Vielfalt japanischer Glaubensvorstellungen[Bearbeiten]

In Japan begegnet uns eine Vielfalt religiöser Traditionen, wobei sich im Laufe der Zeit die unterschiedlichsten Glaubensvorstellungen miteinander verwoben oder voneinander abgesetzt und auch Gedanken des Konfuzianismus und des Taoismus Eingang gefunden haben. Ein typisches Beispiel hierfür sind die „Sieben Glücksgötter“ (shichifukujin), ein Sammelsurium aus Gestalten des indischen, chinesischen und japanischen Kulturkreises. Heutzutage spielen vor allem Buddhismus und Shintōismus im religiösen Alltag Japans eine Rolle. Dabei ist den Unterlagen des Amtes für Religiöse Angelegenheiten des Bunkachō (Agency for Cultural Affairs) zu entnehmen, dass sich die Mehrheit der Bevölkerung sowohl dem Shintōismus als auch dem Buddhismus verbunden fühlt. Je nach Situation wird die eine oder andere Glaubensform als zuständig angesehen - der Absolutheitsanspruch des Christentums ist den Japanern fremd, und man steht anderen Glaubensrichtungen relativ tolerant gegenüber. Japaner praktizieren selbst sowohl shintōistische als auch buddhistische Rituale, ohne dass jedoch damit ein permanentes Ausüben der jeweiligen Religion in Form eines regelmäßigen Gottesdienstbesuchs o.ä. einherginge. Bereits frühzeitig haben sich Shintō und Buddhismus nach ersten Abgrenzungsversuchen gegenseitig durchdrungen, einzelne Bestandteile des anderen Glaubens in die eigene Religion einbezogen bzw. mit ihr verschmolzen. So galten im Ryōbu-Shintō (wörtl.: „beidseitiger Shintō“; seit 8.Jh.) Buddhas und Bodhisattvas als Inkarnationen der Shintō-Gottheiten, die ihrerseits wiederum als Manifestationen von Buddhas angesehen wurden. Damit gelang über Jahrhunderte ein weitgehend harmonisches Zusammenleben beider Religionen (siehe auch Synkretismus).

Shintoismus[Bearbeiten]

Der Begriff Shintō (= „Weg der Gottheiten“) tauchte erst im 6. Jahrhundert n.Chr. auf, als man sich gegen den gerade in Japan eingeführten Buddhismus zu behaupten suchte. Doch ist das komplexe, als autochthon (altgriech. autós chthōn = einheimisch, an Ort und Stelle entstanden) japanisch geltende System, das mit dem Wort Shintō bezeichnet wird, deutlich älter. Viele landwirtschaftliche Rituale und Feste entwickelten sich mit der Einführung des Nassreisanbaus während der Yayoi-Zeit (ca. 300 v.Chr.-300 n.Chr.). Daher spielt Reis - z.B. in Form von Opfergaben wie gekochtem Reis oder Reiswein (sake), aber auch ein gespanntes Strohseil (shimenawa) an heiligen Orten, im Shintō eine große Rolle. Der Reisgott Inari gehört dementsprechend zu den wichtigsten Shintō-Gottheiten; es heißt, dass er Fuchsgestalt annehme, und häufig findet man rechts und links vor Inari Schreinen eine Fuchsfigur. Grundledender Gedanke des Shintō ist der Glaube an göttliche bzw. übernatürliche, sich in der Natur offenbarende kosmische Kräfte (kami). Sie existieren in unüberschaubar großer Zahl, decken die unterschiedlichsten Aspekte des täglichen Lebens ab und können eine vielfältige materielle Gestalt - als Stein, Baum, Berg, Naturphänomen o.ä. - annehmen bzw. sich vorübergehend in solchen Gegenständen oder an verschiedenen Orten niederlassen. Aus diesem Grund werden beispielsweise an Neujahr vor Haus- und Wohnungseingängen Kiefer-Bambus-Gebinde (kadomatsu) aufgestellt. Auch die Yamato-Herrscher, denen es im 4. Jahrhundert n.Chr. gelang, ein größeres Gebiet zu unterwerfen und das japanische Kaisertum zu begründen, fungierten zugleich für den neu entstandenen Staat als Oberpriester und Vermittler zur Sonnengöttin Amaterasu, die zur Schutzgottheit der Nation avancierte. Dies zeigt die enge Verbindung, die einst in Japan zwischen Politik und Shintō-Kult existierte. Anfang des 8. Jahrhunderts wurden die shintōistischen Gründungsmythen im Kojiki („Aufzeichnungen aus alten Zeiten“, 712) und Nihonshoki (auch: Nihongi, „Annalen Japans“, 720) festgehalten. Über offiziell anerkannte heilige Schriften verfügt der Shintō ebensowenig wie über ein fest fixiertes Lehrsystem, und lange Zeit stand er im Schatten des Buddhismus. Zu einer Wiederbelebung kam es im 18. und 19. Jahrhundert im Zuge der bewussten Rückbesinnung auf die ureigene Vergangenheit Japans, und mit dem Staats-Shintō der Meiji-Zeit wurden die Shintō-Priester zu einer Art von Regierungsbeamten. Dies änderte sich erst nach dem 2. Weltkrieg, als die Schreine mit Abschaffung des Staats-Shintō nicht mehr der Kontrolle durch die Regierung unterworfen waren. In der demokratischen Verfassung von 1947 wird dem Tennō nur noch „symbolische“ Bedeutung, jedoch kein politischer Einfluss mehr, zugestanden. Auch garantiert Artikel 20 Religionsfreiheit und legt zugleich fest, dass der Staat und staatliche Einrichtungen auf religiöse Erziehung oder andere religiöse Aktivitäten zu verzichten haben, weswegen es in japanischen Schulen keinen Religionsunterricht, sondern nur das Fach Ethik gibt. Die heutigen Shintō-Priester sind normale Bürger ohne Sonderstatus. Sie erhalten in Priesterseminaren ihre religiöse Ausbildung, üben aber ihre Tätigkeit nicht selten - je nach Größe ihrer Gemeinde - nebenberuflich aus. Shintō-Priester dürfen heiraten und wohnen oft mit ihrer Familie auf dem Schreingelände oder in dessen Nähe. Übrigens können auch Frauen inzwischen Shintō-Priester werden. Der Shintō ist eine sehr lebensbejahende Religion, was vor allem bei den Shintō-Festen (matsuri) spürbar wird, bei denen beispielsweise Tänze, Theater oder Musik zur Unterhaltung der kami aufgeführt und tragbare Schreine (o-mikoshi) unter fröhlichen Anfeuerungsrufen durch die Straßen geschleppt oder gezogen werden. Es sind vor allem diesseitsbezogene Wünsche, für die man die Unterstützung der kami erbittet, z.B. Erfolg bei wichtigen Prüfungen, im Berufsleben oder bei der Familienplanung. Die Hochzeit als freudiges Ereignis wird ebenfalls traditionell shintōistisch begangen, auch wenn heutzutage immer mehr Paare auf eine aufwendige Shintō-Zeremonie im kostbaren Hochzeitskimono verzichten. Oft feiert man inzwischen in großer Gesellschaft - gern auch im westlichen Brautkleid - im Hotel, was sehr teuer ist, oder heiratet sogar nur noch standesamtlich. Unabhängig davon ruft man dennoch gern anlässlich der Grundsteinlegung eines Gebäudes, des Kaufs eines Autos etc. einen Shintō-Priester, um sich auf diese Weise des Wohlwollens der kami zu versichern. Zwar ist für Beerdigungen der Buddhismus „zuständig“, dies bedeutet jedoch nicht, dass im Shintō der Verstorbenen nicht gedacht wird. Vielmehr ist der Ahnenkult ein wichtiger Bestandteil des Shintō; es werden diverse Riten durchgeführt, um die Seele eines Verstorbenen zu reinigen und ihm damit auf Dauer den Aufstieg zur Ahnen- oder Schutzgottheit zu ermöglichen. Auch bei der Begegnung der Lebenden mit den Shintō-Gottheiten ist körperliche wie sittliche Reinheit geboten. Sie kann beispielsweise mit Hilfe von Wasser (misogi) erreicht werden, und daher spült man sich bei Betreten des Schreingeländes am dafür vorgesehenen Wasserbecken, an dem entsprechende Schöpfkellen bereit liegen, den Mund aus und wäscht sich die Hände. Böse Geister lassen sich u.a. durch Salz in die Flucht schlagen - ein Ritus, der uns noch heute beim Sumō-Ringen begegnet - oder können vom Shintō-Priester durch Schwenken eines rituellen Reinigungsstabes oder Zweigs des immergrünen, als heilig geltenden Sakaki-Baumes, an dem weiße Papierstreifen (gohei) befestigt sind, vertrieben werden (sog. o-harai).

Buddhismus[Bearbeiten]

Der Buddhismus - und mit ihm die chinesische Schrift - soll Mitte des 6. Jahrhunderts aus China über Korea nach Japan gelangt sein; vermutlich haben jedoch bereits vorher Einwanderer vom Festland Buddhastatuen mitgebracht und verehrt. Bald fand der Buddhismus Unterstützung in Adelskreisen, wurde vor allem von Prinz Shōtoku (574-622) gefördert und im 8. Jahrhundert unter Kaiser Shōmu (reg. 724-749) zur Staatsreligion. Bis zum 13. Jahrhundert etablierten sich die wichtigsten Schulrichtungen, darunter ab dem ausgehenden 8. Jahrhundert der esoterische Buddhismus sowie in der Kamakura-Zeit (1192-1333) die als eigentlich japanischer Buddhismus geltenden Schulen des Zen-, des Amida- und des Nichiren-Buddhismus. In der EdoZeit (1603-1867) nutzte die Tokugawa-Regierung den Buddhismus zur Überwachung der Bevölkerung, indem sie anordnete, dass sich jede Familie in einem Tempel registrieren lassen müsse. Mit Ernennung des Shintō zur Staatsreligion in der Meiji-Zeit wurde der Buddhismus deutlich zurückdrängt, konnte aber nach dem 2. Weltkrieg wieder Fuß fassen. Vor allem den seit dem 19. Jahrhundert entstandenen, als „Neue Religionen“ (shinkōshūkyō) bezeichneten Glaubensgemeinschaften gelang es, viele Anhänger zu gewinnen. Der Buddhismus geht davon aus, dass die irdische Welt voller Leid ist, das durch Begierden, ausgelöst wird. Ziel ist es daher, seine Leidenschaften zu überwinden, zur Erleuchtung zu gelangen und dadurch den ewigen Kreislauf der Geburten zu durchbrechen. Es gibt nach buddhistischer Auffassung 108 Bindungen an das Leben - für jede von ihnen steht eine der Kugeln des buddhistischen Rosenkranzes -, und das 108-fache Schlagen der Tempelglocken (joya no kane) in der Silvesternacht verdeutlicht dies auch akustisch. Zum Erreichen der Erleuchtung bieten die buddhistischen Schulrichtungen unterschiedliche Wege an. Im Westen besonders bekannt geworden ist der aus China übernommene Zen Buddhismus, der den Schwerpunkt auf Meditationsübungen (zazen) legt, die - u.a. mit Hilfe paradoxer Aufgaben (kōan) - dazu beitragen sollen, sich von Begierden und rationalem Denken zu lösen. Er fand vor allem im Kriegeradel Zuspruch und hat erheblich zur Etablierung bedeutender Kunstformen wie dem Nō-Theater, Ikebana, Teezeremonie, Gartenbau, Kalligraphie und Tuschmalerei, aber z.B. auch Bogenschießen und Schwertfechten beigetragen. Buddhistische Rituale rücken in Japan vor allem beim Tod eines Menschen ins Blickfeld, da der Buddhismus mit zahlreichen Vorschriften das Trauerverhalten der Hinterbliebenen regelt, die in genau festgelegten Abständen nach dem Todestag sowie zur Frühlings- und Herbst-Tagundnachtgleiche und zum Bon-Fest (o-bon) Mitte Juli bzw. August Gedenkfeiern für den Verstorbenen abzuhalten haben. Üblich ist in Japan die Feuerbestattung, die Asche wird im Urnengrab der Familie beigesetzt. Da in Japan aufgrund der Trennung von Staat und Religion keine Kirchensteuer eingezogen wird, müssen sich die religiösen Gemeinschaften aus eigener Kraft finanzieren. Dies bedeutet konkret: Wer des Dienstes eines shintōistischen oder buddhistischen Geistlichen bedarf, hat diese Leistung entsprechend zu honorieren. Die Höhe des Betrages ist abhängig von den Wünschen und Ansprüchen, aber auch von der sozialen Stellung des Betreffenden bzw. seiner Familie - und natürlich auch vom Ansehen und der Finanzlage der religiösen Einrichtung. Ein weiteres Zubrot verdienen sich Tempel und Schreine das ganze Jahr über - vor allem jedoch zu Neujahr - durch den Verkauf von Talismanen (o-mamori), Orakelzetteln (o-mikuji) und ähnlichen Waren. An manchen Schreinen sind die Bäume voller weißer, zu Streifen zusammengefalteter o-mikuji, die von den Gläubigen nach Lektüre der Weissagung angebracht werden, auf dass ungünstige Vorhersagen umgekehrt bzw. abgewehrt, positive Prognosen hingegen untermauert werden.

Shintoistische Schreine und buddhistische Tempel

Nicht immer ist es für Laien leicht, buddhistische Tempel (tera) und Shintō-Schreine (jinja) auf Anhieb zu unterscheiden. Typisch für Schreine ist neben den geweihten Reisstrohseilen das häufig rot bemalte Tor (torii), das früher ausschließlich aus Holz, inzwischen auch aus Beton gefertigt wird und den Beginn des Schreingeländes markiert. Die einst meist strohgedeckten Schreingebäude sind oft schlicht gehalten. Vor dem Hauptheiligtum, dessen Inneres man nicht betreten darf, läutet man die dort angebrachte Schelle, um böse Geister zu verjagen, wirft ein Geldstück in den bereitstehenden Opferkasten, klatscht zweimal - damit die Gottheit auch ja auf die Bitte aufmerksam wird (denn beispielsweise gilt der Shintō-Gott Ebisu als schwerhörig!) - und verbeugt sich. Wer seinen Wunsch zusätzlich betonen will, notiert ihn auf eine der am Schrein zum Verkauf angebotenen hölzernen Votivtafeln (ema) und hängt diese auf. An buddhistischen Tempeln, die oft ein Ziegeldach tragen, werden Räucherstäbchen angeboten, deren Rauch mancherorts gegen Krankheiten helfen soll. Man bringt das Stäbchen nach dem Anzünden durch leichtes Wedeln der Hand zum Erlöschen, steckt es noch glimmend aufrecht in das dafür vorgesehene Räucherbecken und fächert sich den Rauch zu. Dass es sich um einen Tempel handelt, erkennt man oft am Eingangstor, das von Statuen drohend blickender Tempelwächter (niō) flankiert wird, eventuell auch an dem auf eine buddhistische Legende zurückgehenden großen Holzfisch und selbstverständlich an den Buddha- und Bodhisattvafiguren.

Das Christentum[Bearbeiten]

Das Christentum kam mit den ersten Europäern im 16. Jahrhundert nach Japan, fand anfangs zahlreiche Anhänger - vor allem unter den am Handel mit Europa interessierten Feudalherren - wurde jedoch in der 1. Hälfte des 17. Jahrhunderts verboten. Mit erneuter Aufnahme der Westkontakte Mitte des 19. Jahrhunderts fasste es wieder in Japan Fuß. Heute machen Christen nur einen winzigen Teil (knapp 1%) aus, haben dennoch z.B. im Bildungssektor gewissen Einfluss. Vor allem prägte das Christentum die Verbreitung der Universitäten, so gelten die rennommiertesten Universitäten Japans christlichen Organisationen an.

Erste Verbote des Christentums

Hatte sich das Christentum in den ersten Jahren nahezu ungehindert verbreiten können, so änderte sich dies erstmals im Juli 1587, als Toyotomi Hideyoshi per Edikt das Christentum verbot und sich dafür aussprach, die Missionare des Landes zu verweisen. Ein Grund für diese plötzliche Entscheidung dürfte in der wachsenden Einmischung hochrangiger Jesuiten in politische Angelegenheiten zu suchen sein, doch auch die zunehmenden Missionierungsbemühungen christlicher Heerführer mögen eine Rolle gespielt haben. Dennoch erfolgte keine strenge Umsetzung des Ediktes, so dass die Zahl der Christen weiter wachsen konnte und um 1600 mit ca. 300.000 (anderen Angaben zufolge sogar rund 750.000) ihren einstweiligen Höhepunkt erreichte. Mit Ankunft der Holländer (1609) und Engländer (1613) gelangte der Konflikt zwischen Katholiken und Protestanten nach Japan und sorgte für Unruhe. Die Regierung sah in der christlichen Lehre mehr und mehr eine Bedrohung ihrer Herrschaft, zudem wuchs die Sorge, es handele sich bei den portugiesischen und spanischen Missionaren um Vorboten territorialer Expansion. Daher wurde im Februar 1614 das Christentum verboten und die Ausweisung der Missionare angeordnet. Damit begannen systematische Verfolgungen, die in der Niederschlagung des Aufstandes der vorwiegend christlichen Einwohner der Halbinsel Shimabara im Jahre 1638 gipfelten. Ab 1639 schottete sich Japan für über zwei Jahrhunderte bewusst von der Außenwelt ab; Einheimischen war von da an das Verlassen des Landes, Europäern - mit Ausnahme der auf der Insel Dejima vor Nagasaki geduldeten Holländer und der Chinesen das Betreten Japans untersagt. Alle Japaner wurden verpflichtet, sich bei einem buddhistischen Tempel registrieren zu lassen, und damit endete die erste Phase der christlichen Mission in Japan.

Der Neubeginn des Christentums

Ein Neubeginn war erst möglich, als sich Japan dem Druck der „Schwarzen Schiffe“ (1853/54) des amerikanischen Commodore Perry beugte und notgedrungen dem Westen öffnete. Sehr überrascht waren die ab 1859 in Japan eintreffenden Missionare, als sie vor allem im Raum Nagasaki, in Hirado und auf den Goto-Inseln auf ca. 60.000 japanische Christen stießen, die allen Verboten und Verfolgungen zum Trotz im Geheimen über Generationen hinweg an ihrem Glauben festgehalten hatten (sog. Kakure Kirishitan = „verborgene Christen“). Während Amerikaner und Europäer sich vertraglich Religionsfreiheit sicherten, galten allerdings für die Einheimischen auch zu Beginn der Meiji-Zeit (1868-1912) weiterhin die antichristlichen Verordnungen, so dass japanische Christen erneut Repressalien ausgesetzt und z.T. gefangen genommen oder ins Exil geschickt wurden. Erst 1873 wurden auf ausländischen Druck hin die öffentlichen Verbotstafeln gegen das Christentum entfernt. Im gleichen Jahr kamen sogar offizielle Überlegungen auf, das Christentum zur Staatsreligion zu machen; sie wurden jedoch nicht weiter verfolgt, nachdem der preußische Jurist und Politiker Rudolf von Gneist (1816-1895) der japanischen Regierung davon abgeraten hatte. Schließlich wurde 1876 das von Tokugawa Ieyasu stammende Verbot des Christentums aufgehoben und 1889 in der Meiji-Verfassung allen Bürgern Religionsfreiheit garantiert. Doch obwohl sich manche angesichts der Popularität, die zu jener Zeit alles Westliche als fortschrittlich und „modern“ genoss, dem Christentum zuwandten, konnte es in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nur bescheidene Erfolge verzeichnen. Gern wurden allerdings christliche Missionare mit Fremdsprachenunterricht betraut. Auch spielten Christen seit den 1880-er Jahren eine wichtige Rolle im sozialen Bereich: Ihrem Einfluss ist u.a. die Entstehung von Blindenschulen und Betreuungsstätten für geistig und körperlich Behinderte zu verdanken, auch engagierten sie sich verstärkt im Umweltschutz, traten für bessere Arbeitsbedingungen und die Gleichberechtigung der Frauen ein oder halfen beim Aufbau staatlicher Wohlfahrtseinrichtungen. Den meisten Japanern ist das Christentum bis heute weitgehend fremd. In Japan existierten die beiden Hauptreligionen Shinotismus und Buddhismus friedlich nebeneinander, vermischten und ergänzten sich jeweils. In dieser gruppenorientierten, auf Harmonie und Kompromisse ausgerichteten Gesellschaft mag das Christentum mit seinem Monotheismus und seiner Betonung auf Individualität und Verantwortung des Einzelenen ausgerichteten Lehre vielen wohl als zu absolut und kompromisslos erscheinen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg

Nach dem Zweiten Weltkrieg leiteten die christlichen Kirchen umfangreiche Hilfsaktionen in die Wege, um die vielen notleidenden Menschen in Japan rasch mit lebensnotwendigen Gütern versorgen zu können. Zugleich nahm das Interesse der japanischen Bevölkerung am Christentum während der amerikanischen Besatzungszeit deutlich zu. 1946 wurde die Religionsfreiheit, aber auch die Trennung von Staat und Religion in der neuen Verfassung verankert. Anders als in Deutschland, wo die Kirchensteuer für eine kalkulierbare finanzielle Basis sorgt, sind in Japan alle religiösen Einrichtungen - auch die christlichen Gemeinden - auf freiwillige Beiträge und Spenden ihrer Mitglieder angewiesen, die sich dadurch aber oft zugleich enger mit ihrer Kirche verbunden fühlen. Längst sind die Priester und Pfarrer christlicher Gemeinden in Japan Einheimische. Eine Ausnahme stellen höchstens die Auslandsgemeinden dar, in denen der Gottesdienst in der jeweiligen Muttersprache angeboten wird und die meist von Geistlichen aus der Heimat betreut werden. Orientierte man sich bei der Errichtung der Kirchengebäude ursprünglich an europäischen Vorbildern, so finden sich heutzutage auch bewusst an die traditionelle japanische Architektur angelehnte Gebäude wie die Holzkirche in japanischem Stil in der Evangelischen Gemeinde Deutscher Sprache in Tokyo-Yokohama, der Nachfolgebau der durch das große Kanto-Erdbeben von 1923 zerstörten ersten und Ende des Zweiten Weltkriegs abgebrannten zweiten steinernen Kirche. Dem „Statistical Survey on Religion“ zufolge gab es im Jahre 2002 in Japan 1,917 Mio. Christen in 4.378 Kirchengemeinden und 5.022 weiteren religiösen Körperschaften, betreut von rund 28.000 Geistlichen. Damit machen Christen im Vergleich zur Gesamtbevölkerung Japans nur ca. 1,5% aus; ihr Anteil ist also - und dies übrigens seit Jahrzehnten - verschwindend gering, auch wenn angenommen wird, dass die Zahl der nicht in dieser offiziellen Erhebung erfassten Christen das Zwei- bis Dreifache beträgt. Wie Wissenschaftler aufgezeigt haben, konnte das Christentum in Japan offensichtlich nur in Zeiten ernsthafter Notzeiten Fuss fassen.


Synkretismus oder der religiöse Webrahmen Japans[Bearbeiten]

Wenn sich verschiedene religiöse Ideen oder Philosophien zu einem neuen System oder Weltbild formen, so nennt man das Synkretismus. So nimmt er vielfältige Aspekte in sich auf und formt sich zu etwas Neuem. Voraussetzung hierfür ist, das sich die Ideen oder Philosophien vorher inhaltlich unterschieden haben und auf einen Absolutheitsanspruch verzichten. Bei seiner Ausbreitung durch Asien nahm der Buddhismus Elemente aus fast allen autochtonen (altgriech. autós chthōn = einheimisch, an Ort und Stelle entstanden) Religionen in sich auf. Synkretische Vermischungen finden sich in allen Phasen der japanischen Religionsgeschichte.

Anfänge des Synkretismus in Japan

Der Buddhismus überwand nach seiner Einführung in Japan rasch die sich ihm entgegenstellenden Widerstände und breitete sich in friedlicher Koexistenz mit der einheimischen Religion des Shinto im ganzen Lande aus. Prinzregent Schotoku (593-621), die erste hervorragende Gestalt der japanischen Religionsgeschichte, legte in den sogenannten „Siebzehn Artikeln“ den Grundstein für die bevorzugte Stellung des Buddhismus, empfahl aber in einem späteren Erlaß auch den shintoistischen Kult und die Ahnenverehrung. In der Gesetzgebung der Taika- Remorm(701) sind die drei Religionen Shinto, Buddihismus und Konfuzianismus anerkannt. Während der Nara-Zeit(710-794) festigte sich die freundliche Beziehung zwischen Buddhismus und Shintoismus. Man glaubte, dass die Kami (einheimische Götter) das Buddha- Gesetz beschützen. Deshalb errichtete man in der Nähe von schintoistischen Schreinen ebenso buddhistische Tempel(jingu-ji) und (in der folgenden Epoche) umgekehrt shintoistische Schreine(jiin-chinjyu) in buddhistischen Tempelbezirken.

Ausformung während der Heian-Zeit (794-1175)

Tendai und Schingu, die zwei repräsentativen Schulen des japanischen Buddhismus der Heian-Zeit, sinn exemplarisch sowohl für den innerbuddhistischen Synkretismus als auch für die Offenheit nach außen zu anderen Religionen. Durch ihre Vermittlung wird die Verbindung von Shintoismus und Buddhismus weiter ausgebaut. Das freundliche Nebeneinander entwickelt sich zum intimen Ineinander. Schon werden die Kami nicht mehr als Beschützer der Buddha-Lehre und Gefährten auf dem Bodhisattva-Weg (bosatsu) geachtet, sondern erlangen grundsätzliche Gleichstellung mit den Buhhas. Seit Mitte der Heian-Zeit sezte sich die Vorstellung durch, dass für viele Kami entsprechende Urstände bestimmt sind. Ausführliche Listen dokumentieren, dass nicht nur Buddhas, sondern auch Bohdisattvas und von Indien übernommene Götter (ten) als Urstände fungierten. Bilddarstellungen der Kami in Nachahmung der Buddha-Bilder erschienen in buddhistischen Mandalas.

Das Mittelalter (1175-1573)

Bei aller inniger Verbindung jedoch absorbierte der Buddhismus nie ganz den Shintoismus. Dafür erwies sich die Kami-Religion als zu tief im Japanischen Volkstum verwurzelt. Während des Mittelalters durchdringt der Synkretismus in allen Formen (einschließlich der taoistischen und konfuzianischen Vermischung) das religiöse Leben in Japan. Buddhismus: Die buddhistische Erneuerungsbewegung der Kamakura –Zeit (1192-1333) brachte die drei mächtigen Ströme (Amida-Glauben, Zen-Meditation und Nichirenismus) hervor. Shintoismus: Die synkretische Vermischung erreichte den Höhepunkt im Shinto, setzte aber auch in den zwei Hauptströmen (Ise-Shinto und Yuuitsu- Shinto) die Besinnung auf den volkseigenen Charakter des Shinto ein.

In der Edo-Zeit (1600-1868)

Infolge der geistigen Vorherrschaft des Konfuzisanismus kam währed der Edo-Zeit eine mit Anzätzen zu Säkularisierung und Kritik verbundene rationalistische Tendenz zum Zuge. Der religiöse Synkretismus hatte seinen Höhepunkt überschritten. Allerdings blieb die konfuzianische Wissenschaft auf eine dünne Oberschicht begrenzt. Die Volksfrömmigkeit bewahrte unverändert ihren synkretistischen Charakter. An den schintoistischen Schreinen ging die Religionsübung unter dem Sammelnamen (Ryobu-Shinto), der den Gesamtkomplex des synkretistischen Schinto bezeichnete.

Von der Landesöffnung bis zur Gegenwart

Die Wiederherstellung des Tennoums (die kaiseriche Religion, die während der Meiji-Zeit ab 1867 bis nach dem zweiten Weltkrieg) bewirkte zusammen mit dem Einstrom des westlichen Gedankengutes wichtige Veränderung der religiösen Situation. Die durch kaiserlichen Erlaß verfügte Trennung von Buddhismus und Shinto beabsichtigte als politische Maßnahme in erster Linie die Schwächung der buddhistischen Position, richtete sich aber auch gegen die synkretische Vermischung. Nach dem Zweiten Weltkrieg formten sich aus den alten religiösen Ideen und Philosophien „neue“ Strömungen wie z. B. die Sōka Gakkai ( jap. 創価学会, dt. „Werteschaffende Gesellschaft“) als Fortsetzung der vorherigen Gedankengüter. Dies basiert auf der vielfältigen Vermischung zwischen Shinto, Buddhismus, Konfuzianismus, Volksglauben und Pantheismus in Japan. Der heute zu beobachtende Synkretismus wurzelt sowohl in uralter Tradition als auch im Relativismus des neuzeitlichen Denkens.


Japanische Rituale[Bearbeiten]

Untenstehend listen wir exemplarisch einige bestehende Rituale der japanischen Kultur auf, die wir u.a. in unserer kleinen Studie untersucht haben.

Hochzeit in Japan[Bearbeiten]

Die traditionelle Hochzeit hatte ursprünglich keinen religiösen Charakter. Das rituelle Element bei Vermählungsfeiern war das gemeinsame Sake-Trinken. Der Beginn der heute allgemein praktizierten Shinto-Hochzeit lässt sich auf die Eheschließung zwischen Prinz Yoshihito, dem späteren Taishō Tennō (1879-1926, r. 1912-26), und Prinzessin Sadako am 10. Mai 1900 zurückführen. Nach dem Zweiten Weltkrieg breitete sich durch die Bestzung der US-Amerikaner die christliche Hochzeit aus. Es wurden dafür sogenannte „Hochzeitskirchen“ errichtet, die eigens für das Hochzeitsritual genutzt wurden und wo man sich in westlichem Stile das Ja-Wort geben konnte. Diese sind bis heute weit verbreitet.

Valentinstag in Japan[Bearbeiten]

Der Valentinstag ist für Japaner der sog. Schokoladentag. Schokoladenhersteller nehmen ca. 20 % des Jahresumsatzes in dieser Zeit ein und hat seit etwa Mitte der 1930er Jahre Tradition. Damals veröffentlichte eine Konditorei eine Reklame für den Valentinstag. Der Erfolgwar jedoch mäßig, denn erst 1960 begann der allgegenwärtige Siegeszug der Süßwarenhersteller ( wie z.B. Morinaga) mit einer großangelegten Valentinstag-Werbekampagne. Dem Ritual des Schenkens von (spezieller und sehr teurer) Schokolade wird hier eine besondere Bedeutung zugemessen und in wiederholter Form nochmlas am 14. März, dem sog. White Day, für die Männer vorkommt.

Weihnachten[Bearbeiten]

Das erste Weihnachtsfest wurde kurz vor der Edo-Zeit (vor der Abschottung Japans ) von Christen in Japan gefeiert. In der Edo-Zeit (1600-1868) war für Japaner der christliche Glauben verboten. Allerdings blieb das Fest als der synkretische Feiertag (Natara) in Japan, der nach der Meiji-Restauration von einem französichen Pfarrer (Bernard-Thadée Petitjean) wiederbelebt wurde. In der Meiji-Zeit verbreitete sich das Weihnachtfest in der Oberschicht und in den größeren Städten. Nach dem Verbot im Zweiten Weltkrieg breitet sich Weihnachten mit den Amerikanern stärker aus und ist seit den 60er Jahren fester Bestandteil der Kultur. Das amerikanische Fernsehprogramm und die politische Progaganda der US-Armee spielte dabei eine entscheidende Rolle.


Hypothese[Bearbeiten]

Durch den westlichen Einfluss treten traditionell - japanische Rituale in den Hintergrund.

Zusammenfassungen der Leitfadeninterviews[Bearbeiten]

Im folgenden fassen wir kurz die Interviews unserer Probanden inhaltlich zusammen. Anzumerken ist, das wir bewusst zwei jüngere Probanden sowie zwei ältere Probanden ausgesucht haben, um die (eventuell) unterschiedlichen Auffassungen und Aussagen verschiedener Generationen besser herausarbeiten zu können.

Interview 1[Bearbeiten]

Transkription des Interviews 1:[Bearbeiten]

Interview mit Proband 1


Proband 1: weiblich, 17 Jahre, wohnhaft in Tokyo, geboren in Tokyo

Die erste Probandin ist 17 Jahre und wohnhaft in Tokyo. Sie scheint sehr aufgeschlossen und selbstverständlich der westlichen Kulturen gegenüber zu treten und zeigt dies auch deutlich in ihren Aussagen. Begrüßungen sind in Japan ein komplexen System von rituellen Verhaltensregeln, die es vor allem bei älteren Personen zu beachten gilt. Für sie scheint dies jedoch nicht mehr gültig zu sein, sie bedient sich eher eines simplen „kon-nitchi-wa“. Auch der Verhaltenskodex beim Ausgehen ist normalerweise festgelegt, für die Probandin zählt jedoch eher das westliche Verständnis, dass jeder für sich selbst sorgen sollte. Im darauffolgenden Interview mit der zweiten Probandin fragte Keigo jedoch nochmals nach und dabei stellte sich heraus, das auch sie, wenn sie älter und Geld verdienen würde, für die Jüngeren sorgen würde, aber eben jetzt noch nicht. Auf die Fragen nach traditionell japanischer Heilkunde und traditionellem Kleidungsstil antwortete sie mit Unwissenheit. Ihre Hochzeit stellt sie sich pompös vor, mit einer Party und im westlichen Stile, d.h. im weißen Brautkleid. Auf die Frage, ob sie in einer Kirche heiraten möchte, schiebt sie jedoch die Antwort in die Zukunft, das wisse sie jetzt noch nicht. Hier hakte Keigo ebenfalls nochmals im Interview mit Probandin 2 bei Probandin 1 nach und dabei stellte sich heraus, das für ihre Hochzeit eine Kirche ok wäre, jedoch auf keinen Fall ein shintoistischer Schrein oder ein buddhistischer Tempel. Sie bemerkte, das sie Angst vor diesen hätte. Weihnachten verbringt sie in der Familie mit „etwas luxuriöserem Essen“ als sonst (Terryaki-Chicken und Salat) und für sie scheint Weihnachten ganz normal zu sein, da sie es seit Kindheit her so kennt. Am meisten gefällt ihr an Weihnachten das Geschenke bekommen, aber sonst scheint es keine weitere Bedeutung für sie zu haben. Die Fragen zum Valentinstag beantwortet sie ähnlich, das Ritual des Schenkens scheint hierbei jedoch eine wichtigere Rolle für sie zu spielen, da sie sehr auf die Regeln beim (komplexen) Schokoladen Schenken achtet und sie mit Liebe selbst herstellt. Die Frage nach der Pizza an Neujahr beantwortet sie mit mit Verwunderung, legte aber keinerlei Widerstand ein und sagt, sie würde auch Pizza essen. Was sie an Japan stolz mache beantwortete sie mit der der klaren Aussagen nach der Tradition und der Höflichkeit, ist sich jedoch bewusst, das dies, wie sie sagt, „aussterbende Kultur“ sei.

Interview 2[Bearbeiten]

Transkription des Interviews 2:[Bearbeiten]

Interview mit Proband 2

Probandin 2: weiblich, 18Jahre, wohnhaft in Tokyo. Geboren in Tokyo

Die zweite Befragte ist 18 Jahre und ebenfalls wohnhaft in Tokyo. Sie ist höflich und scheint ihre Aussagen wohl überlegt zu haben. Die ersten Fragen nach der Höflichkeit beantwortete sie klar mit der traditionellen Weise des Verbeugens, bei dem es einige Dinge (wie die Art und Tiefe des Verbeugens) einzuhalten gilt. Für sie ist dies selbstverständlich, es komme „automatisch“. Für sie scheint es ebenfalls selbstverständlich zu sein, für die Jüngeren zu sorgen. So würde sie, wenn sie älter wäre, für die Jüngeren bei Tisch zahlen, fühlt sich aber gleichzeitig in der Rolle der Nehmenden „schlecht“ und nicht sehr wohl. Westlichen Kleidungsstil findet sie persönlich unpassend für die japanische Kultur, kann aber die Frage danach, warum sie sie denn anziehe, nicht beantworten. Das Ritual des Kimono - Tragens scheint aus dem Alltag (zumindest in Tokyo) verschwunden zu sein, jedoch äußert sich die Probandin dahingehend, das man diese Tradition bewahren sollte. Die gleiche Aussage spiegelt sich in der Frage nach traditioneller Heilkunde vs. Westlicher Medizin wider, sie kenne überhaupt keine traditionell-japanische Heilkunde mehr. Das Hochzeitsritual möchte sie ebenfalls im westlichen Stile begehen, und dabei scheint ihr egal zu sein, ob in einer Kirche oder in einem shintoistischen Schrein, würde jedoch die Kirche bevorzugen, da sie die Atmosphäre in einem Schrein hasse. Weihnachten feiert die Probandin mit ihrer Familie, scheint jedoch nichts Besonderes für sie zu sein. Wenn sie einen Partner hätte, würde sie eher mit ihm ausgehen. Was sie an Neujahr essen würde, beantwortete sie mit den klassische-traditionellen Mahlzeiten in Japan, auch auf die Frage, ob sie Spagetti essen würde, reagierte sie mit Entsetzen. Als weiteres Ritual würde sie den Hausaltar putzen und einen shintoistischen Schrein besuchen. Die Fragen nach der hierarchischen Struktur in der Gesellschaft beantwortete sie mit Unwollen und Abneigung, grundsätzlich denke sie, sie seien alle gleichberechtigt.

Interview 3[Bearbeiten]

Transkription des Interviews 3:[Bearbeiten]

Interview mit Proband 3

Probandin 3: 60 Jahre, wohnhaft in Tokyo, geboren in Okinawa.

Die dritte Probandin ist 60 Jahre alt und wohnt in Tokyo. Sie ist in Okinawa geboren und hat einen Großteil ihres Lebens in Okinawa verbracht. Okinawa als eine der Ryūkyū Inseln fiel 1945 unter die Militärregierung der USA und blieb bis 1972 unter US-Besatzung. Danach wurde Okinawa wieder an den japanischen Staat angegliedert. Die ersten Fragen nach den Begrüßungsritualen beantwortete sie klar mit dem traditionellen Verbeugens. Ältere Personen sind ihrer Meinung Energieträger und verdienen Respekt. Die nächste Frage nach der Zahlungsweise beim Ausgehen beantwortete sie mit einer zweischneidigen Antwort, nämlich dass sie heutzutage selbst zahle bzw. auch die Jüngeren ihre Rechnung selbst zahlen, jedoch in der Vergangenheit anders war. Positiv bewertet sie den westlichen Kleidungsstil und die Vielfältigkeit der Kleidungsformen. Der Kimono wäre zwarsehr schön, jedoch wenig wandlungsfähig und ihr fremd. Die Frage danach, ob sie eher traditionell-japanische Heilmethoden bevorzuge oder eher die moderne Medizin beantwortet sie klar mit Letzterem. Sie kenne nur die moderne Medizin, weiß jedoch von ihren Eltern, die wohl nicht sehr oft zum Arzt gingen, das diese jedoch die traditionell-japanischen Naturheilverfahren bevorzugten. Ihre Hochzeit feierte sie nach shintoistischem Brauch mit rituellen Zeremonien der Eheschließung, da es so, laut ihrer Aussage, Gang und Gebe in Tokyo war. Weihnachten feierte sie nach westlich amerikanischem Brauch mit Christmas Socks etc., da, aus Okinawa kommend, die US-Amerikaner zu ihrer Zeit Weihnachten so sehr propagiert hätten, dass die Familien sich daran einfach beteiligt haben. Valentinstag habe ebenso einen Geschmack von westlichem Konsumverhalten, und sie kenne die Bedeutung eigentlich auch nicht. Neujahr feiere sie mit traditionellem Essen und würde auf keinen Fall eine Pizza essen. Für sie persönlichen stehen andere religiöse Feiertage wie das Bon Fest oder das Sternfest (jp. Tanabata, synkretistischer Feiertag, wo Shintoismus, Taoismus und Buddhismus vermischt werden ) an obere Stelle. Was sie an Japan stolz mache, beantwortete sie mit: Technologie.

Interview 4[Bearbeiten]

Transkription des Interviews 4:[Bearbeiten]

Interview mit Proband 4

Probandin 4: 63 Jahre, wohnhaft in Tokyo, geboren in Chiba (Vorort von Tokyo)

Die vierte und letzte Probandin ist 63 Jahre, geboren in Chiba, einem Vorort von Tokyo und wohnt nun seit längerer Zeit in Tokyo-Stadt. Die eingehenden Fragen nach der Höflichkeit und den Begrüßungsritualen beantwortet sie klassisch mit: Verbeugen. Die Zahlungsweise bestätigte sie in unserem Interview. Sie bezahle immer für die Jüngeren und bestätigt ebenfalls, dass dies sehr wohl mit der hierarchischen Beziehung zusammenhänge. Den Kimono als traditionelle Kleidung und die dazugehörigen rituellen Abläufe bewertet sie mit positiv, jedoch finde sie gleichzeitig, sei die westliche Kleidung praktischer im Alltag. Unsere Frage nach der traditionell-japanischen Medizin vs. Moderner Medizin beantwortete sie damit, das dies mit der Art von Krankheit (oder Verletzung) abhänge, grundsätzlich aber ihre Allergien mit Naturheilmitteln bzw. Naturheilverfahren behandeln würde. Ihre Hochzeit feierte die Probandin im Stile des „Jinzen-Shiki“. Das bedeutet, die Zeremonie fand ausschließlich im Kreise der Familie und unter Freunden statt. Es gab keinen Priester, sondern man trank Sake-Wein als rituelles Eheversprechen. Weihnachten feiere sie nun mit mit ihrer Familie, gab jedoch zu, dass sie, bevor sie Kinder hatte, nie den 24. Dezember als Weihnachtsfest gefeiert hatte. Valentinstag hat heute auch keinerlei Bedeutung mehr für sie, jedoch, als sie jünger war, feierte sie den „Tag der Liebe“ mit ihrem Mann. Sie kenne die Bedeutung von dem Hl. Valentin, finde jedoch auch, dass dieser Tag eigentlich nur durch die Medien propagiert wurde. Das Neujahrsfest feiert die Probandin traditionell mit Osetchi Essen. Ebenfalls reinige sie ihr Haus, um die bösen Geister des alten Jahres zu vertreiben. An Japan mache sie stolz, das Japaner einen sehr starken Willen haben sowie die Geschichte und die alten Traditionen des Landes.

Fazit[Bearbeiten]

Treten traditionell-japanische Rituale durch die westlichen Einflüsse, die in das Land strömten und immer noch strömen, in den Hintergrund?

Unsere Recherche nach Veränderungen in japanischen Ritualen sowie die Beschäftigung mit den religionsgeschichtlichen Hintergründen hat ergeben, dass sich unsere Hypothese bestätigt hat.

Es wurde deutlich, dass viele traditionell-japanische Rituale zwar in den Hintergrund treten, jedoch nicht gänzlich aus dem Leben der Japaner verschwinden. Die Tatsache, dass sich ein Vermischen von traditonellen sowie westlich orientierten Ritualen vermerken lässt, spiegelt die japanische Gesellschaft und seine Heterogenität sehr gut wider. Alte Traditionen und Rituale der japanischen Kultur werden durch neue, z. T. und auch vor allem durch Kommerzielle erweitert, ergänzt, vielleicht ein wenig verändert und in den Alltag integriert. So findet man traditionell-japanische neben westlich orientierten Ritualen in friedlicher Koexistenz – ganz im Sinne des immer noch gelebten Synkretismus im heutigen Japan. Nach unserer Meinung ist die Bestätigung der Hypothese Ausdruck der tief greifenden Pluralität und Toleranz der japanischen Kultur, die es erlaubt, verschieden geprägte Rituale und Glaubensrichtungen in den Alltag zu integrieren und so ein Vermischen aller Bereiche ermöglicht.

Auf den ersten Blick mögen viele der untersuchten Rituale als rein oberflächlich und sehr westlich orientiert erscheinen, wie zum Beispiel das Weihnachtfest. So könnte man doch sagen: Warum feiern Japaner überhaupt Weihnachten, wenn die meisten doch nicht dem Christentum angehören? Ist dieses Fest nur kommerziell? Besteht nicht nur die reine Form, der Rahmen, eines vermeintlichen Rituals nach westlichem Vorbild, oder gibt es doch tiefere Hintergründe?! Unsere eingehenden Untersuchungen haben gezeigt, dass zum Beispiel das Weihnachtsfest klar einem Ritual nach Michaels Kriterien zugeordnet werden kann, jedoch vielleicht einer kreativeren und flexibleren Herangehensweise bedarf. So erscheint z. B. religio nicht auf den ersten Blick erkennbar zu sein. Könnte man nicht jedoch das Streben nach Besitz, den kommerziellen Wahn, immer mehr zu besitzen, zu kaufen, zu konsumieren, einen höheren Stellenwert in Form der religio zuordnen? So oder so ähnlich verhält es sich mit vielen der untersuchten Ritualen. Der Valentinstag zum Beispiel, in Japan auch noch einmal am 14. März als White Day gefeiert, geht ursprünglich auf den (europäischen) Hl. Valentin zurück, der heimlich Liebenden die Eheschließung ermöglichte und ihm zu Ehren der 14. Februar als „Tag der Liebe“ gefeiert wird. Japaner feiern diesen Tag ebenfalls, obwohl der Tag, vor allem auch mit seinem ganzen pompösen, kommerziellen Drumherum, aus Europa bzw. den USA importiert wurde. Jedoch integrieren die Japaner auf ihre eigene, traditonelle Weise diesen Tag, natürlich auch mit einem fast schon wahnsinnigen kommeriellen Aufwand, in ihr Leben und messen ihm besondere Bedeutung zu. So ist das Ritual des Schenkens von (spezieller) Schokolade hervorzuheben, was in einer komplexen (traditionellen) Weise von Statten geht. Auch die komplexen Begrüßungsrituale der Japaner, die in ihrer ursprünglicheren Form mehr an rituellen Handlungen aufwiesen, bestehen unsere Prüfung nach den fünf Kriterien nach Michaels. So zeichnete sich in unseren Interviews ein klares Bild ab, wie eine Begrüßung in Japan von Statten geht, jedoch von der jüngeren Generation gerne in abgewandelter Form vollzogen wird. Auch dies ist Ausdruck der vielfältigen und kreativen Verwendung japanischer Rituale. Dem Hochzeitsritual wurde ursprünglich kein religöser Charakter zugeordnet, so wie es z.B. im Christentum verankert ist, wohl aber ein transzendentaler Wert. Unsere Befragungen haben ergeben, das vor allem in der jüngeren japanischen Gesellschaft zwar ein eher westlich geprägtes Bild vorherrscht (Heiraten in weißem Brautkleid, Party etc.), jedoch mit den traditionellen Ritualen der Shinto-Hochzeit (z. Bsp. societas) einhergeht. Das Neujahrsfest feiern die Japaner hingegen immer noch sehr traditionell mit lokal traditionellem Essen, der Hausreinigung und dem Ausläuten der 108 erdigen Leiden der Menschheit (Buddhismus). Wir stellten jedoch auch hier fest, dass vor allem die jüngeren Befragten offen sind für z. B. nicht- traditionelles Essen. Auch dies ist Bild eines pluralistischen und heterogenen Japans. Bei all den oben genannten Ausführungen spielen selbstverständlicherweise alle anderen Komponenten ebenso eine wichtige Rolle wir die genannten.

Abschließend bleibt zu sagen, dass diese Arbeit ein vielfältiges, offenes und vor allem synkretisches Japan widerspiegelt, dass vielleicht selbst den einen oder anderen Japaner positiv überraschen mag.


Quellenangaben[Bearbeiten]

Literaturverzeichnis:

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