Gram-Int 2/Semantische Grundlagen

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Semantische Grundbegriffe[Bearbeiten]

Gegenstand der Semantik[Bearbeiten]

Was ist Semantik?[Bearbeiten]

"Semantics is the study of the meanings of linguistic expressions, either simple or complex, taken in isolation. It further accounts for the way utterance meaning, i.e., the meaning of an expression used in a concrete context of utterance, is related to expression meaning." (Löbner 2002: 10)

Bedeutungsebene[Bearbeiten]

Ausdrucksbedeutung (semantische Form) Es ist die Bedeutung, die das (komplexe) sprachliche Zeichen kontextfrei aufweist.

  1. Ich brauche dein Fahrrad nicht
  • Inhaltswörter (auch Autosemantikon) : Wörter mit deskriptiven Gehalt; sie beschreiben potentielle Referenten; ihre Bedeutung sind Konzepte;

brauchen, Fahrrad

Die Zuordnung von Präpositionen zu den Inhaltswörtern ist umstritten. Meienbauer (2007) zählt sie ebenfalls zu den Inhaltswörtern (vgl. Meienbauer 2007: 133), wohingegen Löbner (2013) sie zu den Funktionswörtern zählt (vgl. Löbern 2013: 2)

  • Funktionswörter (alternative Definition) (auch Synsematikon): " Wörter, die keine kontextunabhängige spezifische Bedeutung haben und nichts bezeichnen können. Funktionswörter haben eine wörtliche Bedeutung, die aber erst im Satzkontext Sinn ergibt. " (Meienbauer 2007: 350)

"As opposed to content words, function words have a more 'non-conceptual' meaning and fulfill an essentially 'grammatical' function; in a sense they are needed by the surface structure to glue the content words together, to indicate what goes with what and how." (Corver & Riemsdijk 2001: 1)

Als eins der Hauptkriterien zur Unterscheidung zwischen Inhalts-/ und Funktionswörtern gilt die Offenheit der Klassen. Inhaltswörter gehören zur offenen Wortklasse, d.h., dass neue Wörter problemlos hinzugefügt werden können. Die Liste von Funktionswörtern auf der anderen Seite ist geschlossen, weswegen die Mitgliedschaft wesentlich restriktiver ist. Es gibt verschiedene weitere phonologische und morphologische Unterschiede. (vgl. Corver & Riemsijk 2001: 2ff.)

Äußerungsbedeutung Bedeutung, die resultiert, wenn der sprachliche Ausdruck von einem Sprecher in einem bestimmten Szenario (Kontext) geäußert wird.

Beispiel:

  1. Mary muss zum Arzt, allerdings hat ihre Tochter das Auto genommen. Mary weiß nicht, wann ihre Tochter wieder kommt. Sie spricht mit Ihrem Nachbarn John und erzählt ihm vom Arzttermin. Währenddessen kommt ihre Tochter wieder. Mary sagt zu John am Telefon: „Ich brauche dein Fahrrad nicht.“
  2. John und Mary spielen Quartett und Mary bietet John ein Karte an, da sie, um ein Quartett zu erhalten eine bestimmte Karte von John braucht. John antwortet ihr: „Ich brauche dein Fahrrad nicht.“

Fazit

  1. Aus den dekriptiven Ausdrucksbedeutungen der Teile wird eine deskriptive Ausdrucksbedeutung des Satzes aufgebaut (nach dem Kompositionalitätsprinzi)==
  2. Die Regeln schauen nicht sofort in Wortbedeutungen hinein, in die Konzepte vielleicht gar nie?==

Äußerungskontext[Bearbeiten]

Der Äußerungskontext ct ist die Summe der Umstände, die zur Referenz und zur Wahrheit eines Satzes beitragen. Die wichtigsten:

  • Sprecher
  • Adressat
  • Äußerungszeit
  • Äußerungsort
  • Individuen/ Grund (facts)

Der Kontext kann sprachlich angezeigt werden:

  • Tempus
  • Modus
  • Indexikalische Ausdrücke (hier, dort, ich, du(...))

lexikalische Bedeutung[Bearbeiten]

Wortbedeutung, die gelernt werden. Sie ist im mentalen Lexikon gespeichert. (vgl. Löbner 2002: 11)

grammatische Bedeutung[Bearbeiten]

Sie wird durch die Wortform, bestimmte syntaktische Konfiguration und Intonation bestimmt.

  • Ich möchte dein Fahrrad nicht.
  • Frank würde morgen nach Paris fahren.
  • Schlaf ruhig weiter!
  • Hast du deinen Schlüssel vergessen?

kompositionale Bedeutung[Bearbeiten]

Phrasenbedeutung, die auch lexikalischer und grammatischer Bedeutung abgeleitet wird. Diese Bedeutung ist nicht im Lexikon gespeichert.

3 Quellen der kompositionalen Bedeutung[Bearbeiten]

  • Lexikalische Bedeutungen der Grundausdrücke
  • Grammatische Bedeutung der Form
  • Syntaktische Struktur des komplexen Ausdrucks

(Löbner 2015: 13)

Kompositionalitätsprinzip (nach Gottlob Frege (1848-1925))[Bearbeiten]

  • Die Bedeutung eines komplexen Ausdrucks ist bestimmt von den lexikalischen Bedeutungen seiner Komponenten, deren grammatischen Bedeutungen und der gesamten syntaktischen Struktur.
  • das Prinzip impliziert, dass die Bedeutungen komplexer Ausrücke vollständig durch ihre lexikalischen und grammatischen Mittel sowie die syntaktische Struktur bestimmt wird.
  • Dieses Prinzip trifft zumindest auf die deskriptive Bedeutung eines komplexen Ausdrucks zu.

Das Kompositionalitätsprinzip gilt nur auf der Ebene des reinen sprachlichen Inputs, d.h. der Äußerungsbedeutung. Auf den Ebenen der Äußerungsbedeutung oder des kommunikativen Sinns gilt es nicht, da dort außersprachliches/pragmatisches Wissen in die Bedeutungskomposition einfließt. (vgl. Löbner 2015: 13 f.)

  • Jede syntaktische Kombination erhält eine Interpretationsregel

Bedeutung der Konzepte[Bearbeiten]

Wortbedeutungen als Konzepte[Bearbeiten]

ct1: Maria (kommt von einer Reise zurück), Ken (der Hund von Maria), Sheila (Tochter von Maria, sie ist aufgeregt), die Frage von Maria „Was ist passiert“, Sheilas Antwort:

(4) Der Hund hat meinen blauen Rock ruiniert.

  • Die lexikalische Bedeutung von Inhaltswörtern sind Konzepte, d.h. mentale Beschreibungen von Entitäten.

* Wenn Maria das Konzept, das durch die Bedeutung von Hund beschrieben wird, erkennt, sucht sie im Äußerungskontext nach einer Entität mit dieser Beschreibung. Sie sucht dort, weil der definite Artikel von der Hund ihr anzeigt, dass der Referent dieser NP im Äußerungskontext auffallend ist. Sie findest also heraus, dass die NP der Hund auf Kent referiert.

Satzbedeutung als Konzepte: Situationskonzept[Bearbeiten]

(4) Der Hund hat meinen blauen Rock ruiniert.

Wenn Maria die Ausdrucksbedeutungen dieses Satzes zu einer komplexen Satzbedeutung komponiert, erhält sie ein komplexes Konzept, ein Situationskonzept. Essentiell für das Situationskonzept ist das Konzept von ruinieren.

  • Es bezeichnet ein Konzept für ein Ereignis derart „x ruiniert y“.
  • Es involviert drei Elemente:
    • das Ereignis selbst, d.h. die potentielle Situation (Welt, Konstellation,...)
    • die Entität, die ruiniert
    • das Objekt, das ruiniert wird

Situationskonzept von (1) in ct1[Bearbeiten]

Das Situationskonzept, das durch (1) beschrieben wird, ist ein Ruinier-Ereignis, bei dem der Verursacher des Ruins als ein Hund beschrieben wird, der im gegebenen Äußerungskontext identifizierbar ist. Das ruinierte Objekt ist beschrieben als Rock, der in einer Beziehung zum Sprecher steht. Das Perfekt zeigt an, dass zur Äußerungszeit ein Zustand gegeben ist, dem das durch den Satz beschriebene Ereignis vorangeht.

    • ein Situationskonzept wird auch als Proposition bezeichnet.

Deskriptive Bedeutung und Referenz[Bearbeiten]

Ein Inhaltswort referiert auf etwas im Äußerungskontext, wenn dieses Etwas in diesem Kontext gegeben ist und die vom Inhaltswort gegebene Beschreibung erfüllt.

  • Referenz bezeichnet das Beziehungsverhältnis eines sprachlichen Ausdrucks auf einen realen Gegenstand (=Referent), auf den sich der Ausdruck bezieht. Referenzfähige Ausdrücke sind vor allem NPs.

(1) ct1: Der Hund hat meinen blauen Rock ruiniert.

  • Referenten von Inhaltswörtern

Inhaltswörter haben potentielle Referenten. Die deskriptive Bedeutung der Inhaltswörter bezieht sich auf ein Konzept ihrer potentiellen Referenten.

    • Nomen und Verben: Sie referieren selbst. Sie haben eigene Referenten. Nomen mit Hilfe ihrer Determinatoren. Verben mit Hilfe von Tempus und Verbmodus. Prädikative Nomen referieren nicht.
    • Adjektive und Adverbien: Sie können nicht selbstständig referieren. Attributive Adjektive können nur mit dem assoziierten Nomen referieren, prädikative Adjektive brauchen die Kopula, Adverbiale können nur zusammen mit dem Verb referieren.
Referierendes Element Referent in CT1 Typ der Referenten
Hund ken Objekt
blau rock Objekt
Rock rock Objekt
ruinieren <rock,ken> Ereignis
Perfekt Ereignis liegt vor, Resultat in Äußerungszeit Zeit

Herstellung der Referenz bei Inhaltswörtern[Bearbeiten]

Die Referenz von Inhaltswörtern wird mit Hilfe von funktionalen sprachlichen Mitteln hergestellt.

  • Funktionswörter: Determinatoren beim Nomen: definite (def. und demonstrative Artikel der,dieser; possessive Determinatoren mein), indefinite (indefiniter Artikel ein)
  • Satz-Adverbialbestimmung, Satzpartikel: Verankerung des Ereignisses in potentiellen Kontexten: möglicherweise, wohl,(...); Potentielle Verankerung des Ereignisses im aktuellen Kontext: sicherlich, doch, (...);
  • morphologische Verbkategorien: TEMPUS (zeitliche Verankerung des Ereignisreferenten), MODUS (Verankerung des Ereignisses in einem realen, potentiellen oder irrealen Kontext)

Denotation[Bearbeiten]

  • Die Denonation von Inhaltswörtern bezeichnet eine konstante, situationsunabhängige Grundbedeutung eines sprachlichen Ausdrucks.

MittagD: Zeit von 12 bis 13 Uhr

  • "Die Denotation eines Inhaltswortes ist die Kategorie, oder Menge, seiner potenziellen Referenten" (Löbner 2013: 28)

In der Semantik wird die Menge potentieller Denotate eines Inhaltsworts durch Funktionen in prädikatenlogischer Notation in der Regel durch den λ-Abstraktor angegeben.

⟦blond⟧ = λx [BLOND(x)]

"Die Bedeutung von blond ist eine Funktion von Individuen x in den Wahrheitswert 1 gdw. x blond ist."‘ (HS/OS Ereignissemantik, Semantische Grundlagen 16.04.2019, Frau Doktor Buscher)

  • Die Konnotation bezeichnet die kontextabhängige von der individuellen Vorerfahrung des Sprechers modifiziert Zusatzinformation eines sprachlichen Ausdrucks:

MittagK: Essenszeit, Pause

Denotation und Komposition[Bearbeiten]

Semantische Komposition, wie sie überwiegend untersucht wird: Modellierung mit Denotationen Schnittstelle G n S (Menge der Dinge, die sowohl gelb als auch Socken sind.)

Literatur[Bearbeiten]

  • Löbner, Sebastian (2013): Understanding Semantics. 2nd edition. Abdingdon: Routledge.
  • Löbner, Sebastian (2015): Semantik. Eine Einführung. 2. Auflage. Berlin: de Gruyter. (= Deutsche Version von Löbner 2013)

Weblinks[Bearbeiten]


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