Gram-Int 6/Argumente und Prädikate

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Zur Unterscheidung von Argumenten und Modifikatoren[Bearbeiten]

Konstituenten in einem Satz stehen in verschiedenen Relationen zu ihrem Prädikat. Primär unterschieden wird zwischen Argumenten und Modifikatoren/Adjunkten. Die syntaktischen Argumente eines Satzes entsprechen in der Regel den logischen Argumenten, die vom Prädikat vorgegeben sind, allerdings ist die Realisierung häufig fakultativ, sodass transitive Verben häufig intransitiv verwendet werden, z.B.: "Der Mann isst (x)." Auch wenn das direkte Objekt nicht explizit versprachlicht ist, wird trotzdem implizit angenommen, dass etwas (z.B. "Salat") gegessen wird, weshalb das Argument in der Argumentstruktur dargestellt werden muss, durch Klammern jedoch als optional gekennzeichnet wird: essen: (λy)λxλe [ESS(e) & Agens (e,x) & Thema (e,y)]. Die Aussage "Der Mann isst (x)" kann hierbei noch um weitere Modifikatoren ergänzt werden, z.B.: "Der Mann isst (x) mit (y)." "Ess-mit" prädiziert im Beispiel über die Argumente "Mann" und "x" sowie über die Modifikation "y".

Die verschiedenen Argumente eines Prädikats werden auch Partizipanten genannt und tragen thematische-Rollen. Im Beispiel "Der Mann isst (x)" sind die Rollen des Prädikats der Essende (Subjekt) und, falls vorhanden, (direktes Objekt) das Gegessene. Mit Hilfe dieser thematischen Rollen ist es möglich, die verschiedenen Bedeutungsbeziehungen zwischen den Varianten eines Verbs zu bezeichnen. So prädiziert beispielsweise das reflexive Verb "sich öffnen" im Satz "Die Tür öffnet sich." über ein Argument (das Objekt, das geöffnet wird), während "öffnen" in der intransiven Verwendung über zwei Argumente prädiziert. Beispiel: "Der Schlüssel öffnet die Tür." Hier sind die thematischen Rollen "Der Schlüssel" (Instrument) und "die Tür" (Thema).

Es gibt zwei grundlegende Eigenschaften von Argumenten und Adjunkten: Suppresibility und Selection

Non-suppressibility of arguments

A constituent C of a simple declarative non-negated sentence S is an argument iff

(i) S is ungrammatical without C, or

(ii) S is grammatical without C, but entails the C relation

(where “the C relation” is the semantic relation that links the content of C to the eventuality described by S). (Hole 2015: 1286)

Suppressibility of adjuncts

A constituent C of a simple declarative non-negated sentence S is an adjunct iff

(i) S is grammatical without C, and

(ii) S without C does not entail the C relation. (Hole 2015: 1287)


"The term selection is to capture the potential of a linguistic expression E1 to impose certain restrictions on a co-occurring expression E2." (Hole 2015: 1287)

Wenn ein linguistischer Ausdruck E2 von einem anderen E1 selektiert wird, handelt es sich bei E2 um ein Argument von E1

Ein Verb selektiert beispielsweise die Art und Anzahl seiner Argumente. Die Restriktionen können sowohl morphosyntaktisch (z.B. Kasus) als auch semantisch sein. So diktieren die Selekionsbeschränkungen des Verbs essen beispielsweise, dass das Argument materiell (tangible) sein muss, während denken ein abstraktes Objekt braucht. (Hole 2015: 1287)

Neben Verben können auch Präpositionen und Adjektive als Prädikate fungieren, die eine feste Argumentstruktur besitzen. Präpositionen wie auf nehmen beispielsweise eine DP im Akkusativ oder Dativ als Argument (je nachem ob die Bedeutung lokal oder direktional ist). Dies zeigt sich auch in der x`-Struktur, wo die DP die Schwesterposition des präpositionalen Kopfes übernimmt.

Das "Theta-Kriterium"[Bearbeiten]

Thematische Rollen/ θ Rollen beschreiben die Beziehung zwischen einem Prädikat und seinen Argumenten. Das Prädikat bestimmt durch seine Argumentstruktur die Anzahl der benötigten Argumente, damit eine Aussage grammatisch ist, ebenso wie deren Funktion in Relation zu dem Prädikat. (Poole 90ff.)

Der Begriff Semantische Rolle wird häufig synonym verwendet, allerdings gibt es auch Leute, die zwischen thematischen- und semantischen Rollen unterscheiden. (vgl. Löbner 2002: 112)

Das Inventar thematischer Rollen variiert je nach Theorie. Es gibt jedoch eine Reihe thematischer Rollen, die allgemein als unstrittig gelten. (vgl. Löbner 2002: 112)

Role Gloss Example
theme Entity undergoing the effect of some action Mary fell over
agent Entity instigating some action Debbie killed Harry
experiencer Entity experiencing some psychological state I like syntax
locative Place in which something is situated or takes place He hid it under the bed
goal Entity representing the destination of some other entity John went home
source Entity from which something moves He returned from Paris
instrument Means used to perform some action He hit it with a hammer

(Radford 2004: 251)

Wohingegen Poole zwischen Thema und Patients in der Hinsicht unterscheidet, dass bei Verben wie like nichts wirklich mit dem direkten Objekt passiert (Thema) während bei Verben wie destroy etwas mit dem direkten Objekt geschieht (Patients) (vgl. Poole 91), werden diese beiden thematischen Rollen häufig synonym verwendet. (vgl. Radford 2004, Löbner 2002)

Jedes Argument in einem Satz hat eine theta-Rolle und zwei Argumente können nicht die gleiche theta-Rolle innehaben. Zusätzlich gibt es eine eins zu eins Relation zwischen den Theta-Rollen, die ein Prädikat hat und den Elementen, denen die Rollen von diesem zugeteilt werden. Dieses Phänomen wird als θ-criterion (θ-Kriterium) bezeichnet.

Definition von Poole (94): "All syntactic arguments of a predicate must be assigned a θ-role, and all θ-roles of a predicate must be assigned."

Definition von Chomsky (1981: 36): "Each argument bears one and only one θ-role, and each θ-role is assigned to one and only one argument."

Als Subjekte von Sätzen kommen jedoch auch sogenannte Expletiva vor, d.h. bedeutungsleere Konstituenten wie z.B. it/es. Sie dienen lediglich als Füllwörter, um die Subjektsposition zu füllen, sind aber semantisch leer (sie tragen nichts zur semantischen Interpretation bei und haben keine referentiellen Eigenschaften). (vgl. Poole 93 f.) Solche Wörter werden auch als dummy Konstituente bezeichnet (vgl. Radford 2004: 451). Dieses Phänomen der Expletive zeigt, dass bei manchen Verben nicht alle Positionen eine Theta-Rolle zugeteilt bekommen. Um zu überprüfen, ob eine Position in der Argumentstruktur eines Verbs eine Theta-Rolle innehat, lassen sich Expletive als Diagnostikinstrument verwenden. Kann ein Expletivum eine solche Position sättigen, eine nicht-expletive DP jedoch nicht, zeigt dies an, dass dieser Position vom Prädikat keine thematische Rolle zugewiesen wird (1). (vgl. Poole 92ff.)

Bsp 1:

a. *John is likely that he´s a spy.

b. It is likely that John is a spy. (Poole 93)

Die Tatsache, dass der erste Satz (a), mit einer semantisch inhaltsvollen DP (John) ungrammatisch, der zweite Satz (b) mit einer semantisch leeren DP (it) jedoch grammatisch ist, weist nach, dass der Subjektposition von be likely vom Prädikat keine thematische Rolle zugewiesen wird.

Dass ein Subjekt syntaktisch realisiert sein muss, obwohl es semantisch leer ist, geht auf das Extended Projection Principle zurück. Dieses besagt, dass auch wenn ein Prädikat keine bedeutungstragende Theta-Rolle zuordnet, das Subjekt syntaktisch präsent sein muss. (vgl. Chomsky 1981: 57 ff.) Oder in den Worten von Poole :"All clauses must have a subject".

Kontrolle in Infinitivsätzen[Bearbeiten]

Das Problem[Bearbeiten]

Bei infiniten Verben fehlt in der Regel ein Subjekt.

    • Bsp.: Ein nigerianischer Prinz versprach, den Leuten Geld zu schicken.
  • Wie lässt sich dies mit dem "Theta-Kriterium" vereinbaren?
  • Wie mit dem Extended Projection Principle, das festlegt: „Alle (Teil)Sätze müssen ein Subjekt haben“?

Das implizite Subjekt in Infinitivsätzen[Bearbeiten]

Subjekte werden häufig nicht overt realisiert, obwohl in der Argumentstruktur solcher Sätze eine Subjektposition vorgesehen ist. In der generativen Grammatik wird aber angenommen, dass es phonetisch leere Einheiten in der Syntax geben kann, die als Subjekte vorkommen. Es wird unterschieden zwischen kleinem pro und großen PRO. Das kleine pro wird in finiten Sätzen gebraucht, das große PRO in infiniten.

Sternefeld (2006: 199) untersucht die Frage, wie eine morphosyntaktische Bedingung für das Erscheinen von PRO lauten könnte:

Zitat "Eine VP hat genau dann ein PRO-Subjekt, wenn V das Merkmal [+zu] hat."
Problem: In dieser Form stimmt das empirisch nicht, sagt Sternefeld S.199 selbst.

Kleines pro und großes PRO haben "diametral entgegengesetzte semantische Eigenschaften" (Sternefeld 2006: 199). Das kleine pro kann semantisch leer sein und würde dann keine Argumentstelle des Verbs füllen. Das große PRO hat eine semantisch referentielle Eigenschaft, weswegen das Verb eine Argumentstelle für PRO braucht, die dieses füllt.

Neben den Konjunktionen dass und ob, die finite Nebensätze einleiten, gibt es auch nicht-finite Nebensätze bzw. „satzwertige Infinitive“ (dieser Begriff weist darauf hin, dass manche, aber nicht alle Infinitivkonstruktionen den Status von Nebensätzen haben). Satzwertige Infinitive können Ergänzungen eines Prädikats realisieren oder Adverbialsätze bilden. In der Generativen Grammatik werden solche satzwertigen Infinitve ebenfalls als CP analysiert.

a. dass er [CP Ø [VP PRO sie bestohlen zu haben] keineswegs leugnet

Im Deutschen haben alle diese CPS einen leeren Komplementierer. Sie können extraponiert werden, was üblich ist, da sie sich im Nachfeld natürlicher anhören (extraponierter Infinitiv).

a. dass er keineswegs leugnet [CP Ø [VP PRO sie bestohlen zu haben]

Das PRO in diesem Beispielsatz referiert auf das Subjekt des Matrixsatzes (er). Dies lässt sich daran erkennen, dass der Satz durch einen finiten Nebensatz so paraphrasierbar ist, dass das Subjekt overt realisiert wird.

b. dass er keineswegs leugnet, dass er sie bestohlen hat.

Die Grammatik von "PRO"[Bearbeiten]

Die Regeln, wie die Referenz von PRO bestimmt wird, nennt man Kontrolle.

Kontrolle ist die anaphorische Beziehung zwischen dem Besetzer einer Leerstelle des Hauptverbs eines Matrixsatzes und der Subjektsleerstelle des Verbs eines abhängigen Satzes (Referenz von PRO). Das PRO-Subjekt ist von dem Subjekt des Matrixsatzes kontrolliert (es referiert auf es). Das kontrollierende Subjekt wird auch Antezedenz oder controller genannt. (vgl. Radford : 108) Verben, welche ein Infinitiv-Komplement mit PRO-Subjekt regieren (CP), werden Kontrollverben genannt. In diesen Fällen bestimmt die Verbbedeutung, durch welches Argument des Verbs das eingebettete PRO kontrolliert wird. Der regierte satzwertige Infinitiv wird control clause genannt. (vgl. Radford : 108). Die durch Kontrolle bedingte Relation unterscheidet zwischen Koindizierung mit dem Subjekt und dem Objekt des Matrixsatzes. Erstere heißt Subjektkontrolle, letztere Objektkontrolle.

1. dass sie(i) ihm(j) versprach, [CP PRO(i) ihn(j) zu suspendieren] -> dass sie(i) ihm(j) versprach, dass sie(i) ihn(j) suspendieren wird. (Subjektkontrolle)

2. dass sie(i) ihn(j) bitten wollte [CP PRO(j) sich(j) untersuchen zu lassen] -> dass sie(i) ihn(j) bitten wollte, dass er(j) sich(j) untersuchen lässt (Objektkontrolle)

Subjektkontrollverben sind z.B. leugnen, versprechen und vermögen. Objektkontrollverben sind etwa bitten und befehlen. Bei manchen Verben kann die Kontrolleigenschaft je nach Kontext variieren. Dieses Phänomen nennt sich Kontrollwechsel (vgl. Sternefeld 2006: 204f.).

3. dass sie(i) ihn(j) gebeten hatte [CP PRO(i) ihn(j) untersuchen zu dürfen] -> dass sie(i) ihn(j) gebeten hatte, dass sie(i) ihn(j) untersuchen dürfe (Kontrollwechsel mit bitten)

PRO referiert in der Regel auf eine belebte Entität. Dies gilt vor allem, wenn PRO kein syntaktisches Antezedens hat.

4. Er ordnet an [CP PRO liegen zu bleiben]

5. Es ist schön [CP PRO in der Sonne zu liegen]

In diesen Beispielen kann PRO ausschließlich als Referent für eine belebte Entität gelten. Dies scheint intuitiv plausible, da die Referenz in den Beispielsätzen entweder die thematische Rolle Agens (4) oder Experiencer (5) hat, welche nicht von unbelebten Entitäten erfüllt werden kann.

Allerdings kann sich PRO auch auf nicht-belebte Entitäten beziehen. 5.

Neben Adjektiven und Verben können auch Substantive CP-Komplemente regieren. (vgl. Sternefeld 2006: 205)

Prädikat-Argument-Beziehungen und das zusammengesetzte Prädikat im Deutschen[Bearbeiten]

Beispiel-/Aufgabensammlung[Bearbeiten]

Verschiedene Typen von Infinitivkonstruktionen[Bearbeiten]

Welches Verb weist welche Rollen wohin zu? Welcher Typ von Infinitivkonstruktion liegt vor? Gilt denn nun das "Theta-Kriterium"? Oder kann ein Ausdruck mehrere Rollen zugewiesen bekommen?

  1. Ein nigerianischer Prinz versprach den Leuten Geld zu schicken.
  2. ...weil der Baron seine Tochter den Fabrikantensohn zu heiraten zwang.
  3. Der Patient drohte vom Balkon zu springen.
  4. Der Patient drohte von der Trage zu fallen.
  5. Der Briefträger scheint gebissen worden zu sein.
  6. Der Briefträger behauptet gebissen worden zu sein.
  7. Der Dieb entkam ohne entdeckt worden zu sein.
  8. Als die Sonne schon so tief steht, dass uns zu frieren anfängt, gehen wir nach Hause.

(Anm.: Es wurden in der Schreibung absichtlich die Kommas weggelassen, um die Lösung nicht zu beeinflussen).

Woher kommt die Ambiguität?[Bearbeiten]

Beschreiben Sie die Ambiguität des folgenden kursiven Satzes durch Paraphrasen, und zeigen Sie für die Paraphrasen, dass es sich um eine Skopusambiguität handelt. (Die Darstellung der Ambiguität in der Struktur des Beispiels selbst ist hingegen sehr schwierig; Hinweise hierzu gibt es in w:Kohärente Konstruktion).

  1. Ein evangelischer Pfarrer darf heiraten. Nur ein katholischer Priester darf keine Frau haben.
  2. Der Roman beschreibt eine Utopie: eine Gesellschaft, in der jeder Mann verpflichtet ist zu heiraten. Nur ein katholischer Priester darf keine Frau haben.

Warum geht der erste Satz, aber nicht der zweite?[Bearbeiten]

(Dieser Punkt wird von Sternefeld (2006) behandelt. Vergleiche auch Beispiel 7 im ersten Abschnitt...)

  1. Die Versammlung verlief friedlich, ohne dass gestritten wurde.
  2. ?? Die Versammlung verlief friedlich, ohne gestritten zu werden.

Literatur[Bearbeiten]

  • Pittner, Karin & Judith Berman (2010): Deutsche Syntax. Ein Arbeitsbuch. 4. Auflage. Tübingen: Narr. (Hier: Kap. 8, Infinite Strukturen.)
  • Poole, Geoffrey (2011): Syntactic Theory. 2nd edition. Basingstoke: Palgrave Macmillan. (Hier Kap.4 bis 4.2, pp. 88–97; sowie evtl. Kap. 4.5).
  • Sternefeld, Wolfgang (2006): Syntax. Eine merkmalsbasierte generative Beschreibung des Deutschen. Tübingen: Narr (Kap. II.5.2 "Infinitivische CPs", pp. 195–205)



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