Hans Castorps Schneetraum: Höllenfahrt

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Nekyia[Bearbeiten]

Mit dem Bildertraum greift Thomas Mann einen Mythos auf, den Nekyia –Mythos. Er beinhaltet den vorübergehenden Aufenthalt eines Sterblichen in der Totenwelt. Gegen Ende seiner Irrfahrt gelangt Odysseus in den Hades. Der elfte Gesang der Odyssee, der dies schildert, ist mit „Nekyia“ überschrieben. Als Synonym für Nekyia gilt die Bezeichnung Höllenfahrt.

Die Bilder ´Heimat´, ´paradiesische Gefilde´, ´Hades´ und ´Natur´ illustrieren eine mythische Rückschau, einen Abstieg zum Uranfänglichen. Thomas Mann folgt dabei Schopenhauers Philosophie vom Primat des Willens, nach dem Wille und Natur die Grundlagen von Vorstellung und Geistigkeit sind.

Natur bei Goethe und Thomas Mann[Bearbeiten]

Hinter Thomas Manns oft zitierter Unterscheidung zwischen Künstlertum und Bürgerlichkeit steht der „Dualismus von Geist und Natur“, der für ihn ein „Widerstreit von zivilen und dämonischen Tendenzen im Menschen“ war. [1] Thomas Mann sah hier Unvereinbares, - anders als Goethe, der dem Natürlichen unbefangen gegenüber stand, der Natur und Geist in einer harmonischen Wechselbeziehung sehen konnte.

Goethe hat diese Weltsicht illustriert: Das Deckenbild seines repräsentativen Treppenhauses am Frauenplan in Weimar und so von ihm in Auftrag gegeben, zeigt die Gottheit Iris. Keinen Apoll, nicht die Muse der Poesie, sondern Iris. Der Regenbogen, in dem sich Iris verkörpert, verbindet Erde und Himmel. In Goethes Metaphorik verbindet Iris Natur und Geist.
Symbolisch gibt Goethe dieses Weltverständnis im ersten Bild von Faust II wieder. Faust reflektiert über den Regenbogen, „des bunten Bogens Wechseldauer“. Er ist für Faust ein Sinnbild menschlichen Strebens: Perpetuierender Aufstiegs aus praktischer Lebensbewältigung in geistige Höhe und von da, unvermindernd leuchtend, zurück:
„Der spiegelt ab das menschliche Bestreben.
Ihm sinne nach und du begreifst genauer:
Am farbigen Abglanz haben wir das Leben“.

In Thomas Manns Äußerungen kommen Leben und Natur - 'Leben' im Sinne eines zentralen Begriffs in Nietzsches Philosophie - schlecht weg. Zwar legt er sie seinen Protagonisten in den Mund, doch seine Sicht schimmert durch. In „Der Zauberberg“ belehrt der Literat Settembrini den jungen Hans Castorp:

„Innerhalb der Antithese von Körper und Geist bedeutet der Körper das böse, das teuflische Prinzip, denn der Körper ist Natur, und die Natur – innerhalb ihres Gegensatzes zum Geiste, zur Vernunft, ich wiederhole das! – ist böse, mystisch und böse.“

In "Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ stellt der Titelheld seinen Paten Felix Schimmelpreester dem Leser vor, einen mittelmäßigen Maler und kauzigen Mann, den es wegen nie so recht bekannt gewordener Vorfälle aus Köln in die Kleinstadt verschlagen hat, in der auch Felix Krull aufwächst. „Die Natur“, sagt er, „ist nichts als Fäulnis und Schimmel, und ich bin zu ihrem Priester bestellt, darum heiße ich Schimmelpreester. Warum ich aber Felix heiße, das weiß Gott allein“ [2]

Das hatte Thomas Mann in der frühen Arbeitsperiode an „Felix Krull“ zwischen 1910 und 1913 geschrieben. [3] 1951 entsteht der Roman „Der Erwählte“. In ihm lässt Thomas Mann von einem fiktiven Erzähler, einem Mönch, der Gast in der Klosterbibliothek St. Gallen ist, eine fromme Legende niederschreiben. Der Ton ist drollig-antiquiert, die Handlung „ein das Gemüt zwischen frommer Rührung und Gelächter wie nie zuvor hin und her reißendes Erlebnis“. [4] „Ein Pfui der Natur“, schreibt der mittelalterliche Erzähler, an seinem Pult sitzend. “Sie ist des Teufels, denn ihr Gleichmut ist bodenlos“, - die „Natur, die manche Mutter und Göttin nennen“. [5]

„Wer an die Natur glaubt, kann nicht an Gott glauben, denn die Natur ist des Teufels“ zitiert Thomas Mann am 2. 8. 1947 den amerikanischen Theologen Blake in einem Brief an den Mythenforscher Karl Kenényi und fügt hinzu: “Recht wahr! Es ist alles in allem eine scheußliche Schweinerei damit“.

Serenus Zeitblom in Doktor Faustus sieht "Leben und Natur als anrüchiges Gebiet." (III. Kapitel).

Die Hexen im Schneetraum beschimpfen Hans Castorp, als sie ihn bemerken, „stimmlos, aber mit letzter Gemeinheit, unflätig, und zwar im Volksdialekt von Hans Castorps Heimat“, in „scheußliche[m] Flüsterkeifen“. Seit dem „Bilderbuch für artige Kinder“, angefertigt 1897 zusammen mit dem Bruder Heinrich als Konfirmationsgeschenk für die Schwester Carla, in dem „Mutter Natur“ als obszöne und bedrohliche Weibsperson von ihm gezeichnet worden ist, [6] hat sich Thomas Manns missbilligende Einstellung gegenüber der Natur nicht geändert.

In religiöser Sicht war die Natur für Thomas Mann Teufelsbereich und die Welt des Geistes göttlich.


  1. Mann, Thomas am 22. 8. 1914 an Samuel Fischer
  2. Mann, Thomas: Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull. Buch der Kindheit. Wien, Leipzig, München: Rikola 1922, S. 29
  3. Sprecher, Thomas: Bürger Krull. Blätter der Thomas Mann Gesellschaft Zürich 27 (1997-98), 6
  4. Mann, Thomas: Doktor Faustus. Stockholm: Bermann-Fischer 1947, S. 593
  5. Mann, Thomas: Der Erwählte. Frankfurt am Main: S. Fischer 1951, S. 198
  6. Mann, Thomas und Heinrich Mann: Bilderbuch für artige Kinder. Reproduktionen der Zeichnungen „Das Läben“ (S. 84) und „Mutter Natur“ (S. 85) bei H. Wysling und I. Schmidlin: Thomas Mann. Zürich: Artemis 1994


Traumgedanken[Bearbeiten]

Gleich zu Beginn nennt der Erzähler Hans Castorp einen einfachen jungen Menschen. Auf der letzten Seite ruft er ihm nach: „[…], denn du warst simpel“. Doch nach seiner Rückkehr vom Hades gelingen Hans Castorp im Halbschlaf tiefgreifende Schlussfolgerungen.

Leben und Tod werden als zusammengehörig erkannt. „Wer aber den Körper, das Leben erkennt, erkennt den Tod.“ Und umgekehrt: „Denn alles Interesse für Tod und Krankheit ist Ausdruck des Interesses am Leben“.

„Mir träumte“, so Hans Castorp „vom Stande des Menschen in seiner höflich-verständigen und ehrerbietigen Gemeinschaft, hinter der im Tempel das grässliche Blutmahl sich abspielte. Waren sie so höflich und reizend zueinander, die Sonnenleute, im stillen Hinblick auf eben dies Grässliche? Das wäre eine feine und recht galante Schlussfolgerung, die sie da zögen“. Was hier so leichthin geäußert wird, ist Thomas Manns Ansicht über die Wurzeln menschlicher Gesittung. „Form und Gesittung verständig-freundlicher Gemeinschaft und schönen Menschenstaats – im stillen Hinblick auf das Blutmahl“ heißt es dann weiter im Gedankentraum. Thomas Manns Antinomie von Natur und Geist: Sie wird zurückgenommen, aber eben nur hier. Hans Castorp fragt sich: „Geist und Natur, sind das wohl Widersprüche? Ich frage: Sind das Fragen? Nein, es sind keine Fragen[…].“

Verworfen wird auch die poetische Verbindung von Liebe und Tod.[1] „Tod und Liebe, das ist ein schlechter Reim, ein abgeschmackter, ein falscher Reim!“ Doch in dem Kapitel „Fülle des Wohllauts“, gegen Ende des Romans, stellt Thomas Mann Hans Castorps Vorzugsschallplatten vor. Von dem Schlussduett in „Aida“ - in dem Aida und Radames in Liebe und Tod vereint sind - ist Hans Castorp zutiefst gerührt und weit entfernt, hier einen „schlechten Reim“ zu erkennen.


  1. Das zentrale Thema der Wagneroper „Tristan und Isolde“, ohne dass diese romantische Oper hier erwähnt wird. Wagner zählt zu den künstlerischen Vorbildern Thomas Manns. Philosophisch hat er sich an Schopenhauer und Nietzsche orientiert; Schopenhauer sah eine geheime Verbindung von Tod und Eros. Aphorismen_zur_Lebensweisheit._Lebensalter.


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