Hans Castorps Schneetraum: Thomas Mann und die Demokratie

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Auf der Höhe der Zeit[Bearbeiten]

Erstausgabe 1923

Hans Wißkirchen, der den Einschub des Kapitels «Schnee» ein Formproblem nennt, das zu verschweigen unredlich wäre, sieht darin „die Wendung Thomas Mann hin zur Weimarer Republik, die dann auch den Zauberberg entscheidend beeinflusst“.[1] Er begründet Thomas Manns neuen politischen Orientierungsversuch mit dessen Aufruf «Von deutscher Republik», der während der Arbeit an «Der Zauberberg» entstanden ist. Aus ihm übernimmt Thomas Mann gleich lautende Formulierungen in den Gedankentraum. In dem von ihm als Manifest bezeichneten Essay [2] distanziert sich Thomas Mann ebenfalls von der Sympathie mit dem Tode. Von der Republik erhoffte er sich die Verbindung nationalen und romantischen [!] Gedankenguts.[3]


Ein Demokrat ist Thomas Mann nicht gewesen. Ein konsequenter Antifaschist und Hitlergegner, - ja. Doch bei seinem Sinn für Erwähltheit, dem unverwüstlichen Vertrauen in seine „Glückskindschaft“,[4] bei seinem Sinn für natürliche Verdienste hat er nicht sehr demokratisch empfinden können. Das Goethewort natürliche Verdienste meint eine schicksalshafte Bevorzugung. Und so endet bei dieser unterschwelligen Skepsis der Republikessay mit den Worten, dass wir unsere noch ungelenken Zungen zum dem Ruf schmeidigen: ´Es lebe die Republik´. - Ungelenke Zungen zu dem Ruf schmeidigen – wenn das keine Umschreibung für Lippenbekenntnis ist! Thomas Mann am 10. Oktober 1922 an Kurt Martens: Übrigens verhält sich ja auch dies Manifest zur Republik so, daß ich nicht blamiert wäre, wenn sie fällt.[5]


  1. Wißkirchen, Hans: Thomas Manns Roman «Der Zauberberg». Einblicke in die Entstehungs- und Editionsgeschichte. Lübeck: Deutsche Thomas- Mann- Gesellschaft 1993, S.8
  2. Thomas Mann am 10. Oktober 1922
  3. Thomas Mann am 23. August 1922 an Ernst Betram.
  4. Wysling, Hans: Dankesworte. In: Thomas Mann Jahrbuch 8 (1995), S. 291
  5. Wysling, H. und M. Fischer: Dichter über ihre Dichtungen. Thomas Mann. Teil II, S. 43


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