Kurs:Europaforum Wachau 2017, Bürgernähe in Europa (SS 2017)/Impulsreferat Perner

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Universität Wien
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Psychoanalyse der politischen Kommunikation[Bearbeiten]

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(Impulsreferat von Prof. Mag. Dr. Rotraud Perner im Zuge des Europa Forums Wachau am 10.6.2017)

In der Lehrveranstaltung am Institut für Publizistik und Kommunikationswissenschaften zur Politische Kommunikation 2017 ergab sich für die Studierenden auch die Gelegenheit, am Europaforum Göttweig 10./ 11. Juni 2017 teilzunehmen. Dabei wurde die Frage reflektiert, wodurch sich Bürgerbeteiligung und Populismus unterscheiden.

I) Zuerst möchte ich festhalten, dass Bürgernähe, Popularität und Populismus Zuschreibungen sind und zwecks Vermeidung von – taktischen! – Missdeutungen erst an Hand von exakten Kriterien definiert werden müssen.

Ich verstehe die Begriffe folgendermaßen:

  • Bürgernähe: regelmäßiges und zuverlässiges Anbot eines Dialog-Raumes (im Sinne des Dialogs nach Buber und Bohm) für Anregungen, Kritik und Informationsaustausch.
  • Popularität: hoher positiv konnotierter Bekanntheitsgrad.
  • Populismus: taktische Anbiederung an die Wählerschaft (oder andere „Käufer“-Gruppen) mit Hilfe psychologischer „Techniken“.

Auch Medien können dieser meiner Populismus-Definition entsprechen, wenn sie unkritisch und sympathieheischend – ich zitiere Martin Luther, „Sendbrief vom Dolmetschen“ – „dem Volk auf‘s Maul schauen“.

II) Alles was wir können, ist „erlernt“, d. h. beruht auf der Formung von Neurosignaturen (Nervenverknüpfungen). Sie entstehen durch die Imitation von Vorbildern (realen oder virtuellen – Bezugspersonen oder FilmheldInnen), Übung (mehrfache Nachahmung) und Bestätigung (Anerkennung, Lob). In diesem Sinn geschieht „Lernen“ in Phasen – körperlich, seelisch, geistig. sozial (und daher auch sexuell und spirituell). Spontanlernen ohne Vorbild ist eher selten, aber möglich.

Soziales Lernen entwickelt sich „vom Ich zum Du zum Wir“ – nicht nur im Individuum sondern auch in Teams, größeren Gemeinschaften bis zu Staaten: es muss jeweils eine Ich-, Paar- und Gruppen-Identität entwickelt werden. Diese kann durch Krisen (zB Spaltungen) erschüttert werden.

III) Nach der psychoanalytischen Entwicklungslehre (Sigmund Freud, Erik H. Erikson) können in der Ich-Entwicklung vier große Reifungsphasen beobachtet werden:

  • Die orale Phase (ca. 0 – 2 Jahre): hier besitzt der Säugling noch kein Bewusstsein als vom Mutterleib getrenntes Wesen und ist primär mit Überleben (Nahrung, Trockenheit, Wärme, Nicht-allein-sein) beschäftigt bzw. äußert Unmut bei Mangelzuständen (Schreien, „ungerichtete Motilität“).
  • Die anale Phase (ca. 2 – 3 Jahre, „erste Trotzphase“): hier ist die Muskulatur erstarkt und kann gezielt zupackend wie auch abwehrend eingesetzt werden. In dieser Phase wird Unmut aggressiv physisch ausgelebt.
  • Die phallische Phase (ca. 3 – 4 Jahre): hier beginnt das Kleinkind absichtlich nachzuahmen; es experimentiert mit den „Rollen“, die es bei anderen abschaut.
  • Die ödipale Phase (4 – 6 Jahre): hier ist das Vorschulkind „ich-stark“ genug, mit anderen (dem gleichgeschlechtlichen Elternteil?) zu konkurrieren. Nach Freud wird in dieser Zeit die Geschlechtsidentität geprägt.

Umgelegt auf das Sozialverhalten bedeutet eine „gelungene“ Entwicklung, all diese Phasen ohne besondere Fixierung zu durchlaufen und deren „Fähigkeiten“ späterhin im aktuellen Anlass einsetzen zu können.
Das bedeutet

  • sich oral mit anderen lustvoll vereinen zu können/ wollen (zB im Bierzelt),
  • sich anal zusammenzunehmen, abzugrenzen, aber auch ohne Rücksicht brutal zu kämpfen,
  • phallisch zu exhibieren (zB zu twittern) und
  • ödipal aggressiv zu konkurrieren.

Werbestrategien – und daher auch politische – versuchen, diese phasengemäßen Bedürfnisse der potenziellen Rezipientenschaft anzusprechen, spiegeln aber auch die charakterliche Affinität ihres Akteurs (bzw.Erfinders, Spin Doctors) wider.

IV) Die Wurzel der Gewalt findet sich im Vergleich (René Girard: „mimetischer Furor“): wer sich dabei unterlegen fühlt (oder dies befürchtet), versucht entweder (seltener!) durch Eigenverbesserung Dominanz zu erlangen oder sich durch (häufiger) Schlechtmachen oder Beseitigen des Konkurrenten in die überlegene Position zu bringen.
Beispiel: Donald Trump: „Amerika first“ = Europa schwächen“.

V) Politikstrategen suche „Themenführerschaft“ zu erlangen. Dazu werden Botschaften in Slogans verpackt und als „Mem“ in einem möglichst großen Mem-Pool zu verbreiten. („Mem“ nennt Richard Dawkins einen geistigen Inhalt eines Gedankens bzw. einer Botschaft, egal wie sie vermittelt wird; er konstruiert auch den Begriff „Mem-Pool“ analog zum „Gen-Pool“.)

Bürgernähe z.B. ist ein „Mem“, das ich als Zeitzeugin (1973 – 1987 Kommunalpolitikerin in Wien Favoriten) erstmals bei einer Parteikonferenz von dem Vortragenden Hermann Scheer (1944 - 2010, Rechts- und Politikwissenschaftler, 1975/76 stv. Bundesvorsitzender der Jungsozialisten, 1973 – 2009 Mitglied des SPD-Bundesvorstands), vermutlich anlässlich des Erscheinen seines Buches (Dissertation), hörte. Mein Ehemann Reinhold Perner (1940 – 2009) versuchte zu dieser Zeit als Sondervertragsbediensteter der Gemeinde / des Bundeslandes Wien den „Servicecharakter der Verwaltung“ zu propagieren und stand damit im Konflikt zu denjenigen Politikern, die befürchteten, ihre Position als unvermeidbare Fürsprecher („Dolmetscher“) zwischen Bürgern und Magistrat zu verlieren, wenn Magistratsbedienstete selbst persönlich im neu aufgebauten Bürger-Service (spätere Namensänderung auf Bürgerdienst unter Bürgermeister Helmut Zilk) als Ansprechpersonen kontaktierbar wären.

VI) Rivalität gibt es nicht nur zwischen politischen Parteien und ihren Repräsentanten sondern auch zwischen Politikern und Beamtenschaft und zwischen diesen Untereinander, ja sogar gegenüber zugezogenen ausgewiesenen Experten. Das bindet Energien im Konkurrenzkampf, die besser und nötig im Dialog mit Bürger und Fachleuten eingesetzt würden um bestmögliche Problemlösungen zu erzielen.
Das Lernziel heißt Einigung.
In der vielbeschworenen Wertegemeinschaft Europas wäre daher die entzweiende Konkurrenz (und entsprechend des o. z. psychoanalytischen Phasenmodells nicht nur das Motiv nationaler Wahltaktik sondern auch tiefenpsychologisch das von Existenzangst, Kampflust und Selbstachtung zu beachten) zu kontrollieren und mittels Wertschätzung aufzulösen.

Literatur[Bearbeiten]

  • Dawkins Richard, Das egoistische Gen. Springer. Berlin Heidelberg New York 1978.
  • Girard René, Das Heilige und die Gewalt. Fischer. Frankfurt/ Main 1992/ 942.
  • Perner Rotraud A., Die reuelose Gesellschaft, Residenzverlag. St. Pölten Salzburg 2013.
  • Perner Rotraud A., Die Überwindung der Ich-Sucht. Studienverlag. Innsbruck 2009.
  • Perner Rotraud A., Heute schon geliebt? Sexualität und Salutogenese. edition roesner, Mödling - Maria Enzersdorf 2012 (Originalausgabe aaptos Verlag, Matzen 2007).
  • Scheer Hermann, Parteien kontra Bürger? Die Zukunft der Parteiendemokratie. Piper. München Zürich 1979.