Ein einfaches Modell einer (deterministischen) Kursentwicklung eines Bonds mit dem risikofreien Zinssatz
wird durch die Differentialgleichung
![{\displaystyle {\frac {dB_{t}}{dt}}=r(t)B_{t}(t),\quad B(0)=B_{0},\quad t\in [0,T]}](https://wikimedia.org/api/rest_v1/media/math/render/svg/af9d9d6f2574185650049acd9297d846e98412fd)
beschrieben, denn ihre Lösung ist gerade (vgl. Kap. 2 für
)

Zur Berechnung von Kenngrößen für Aktienmärkte reicht diese Betrachtung nicht aus, denn es treten zufällige Einflüsse auf, die durch ergänzende ”Rausch”-Einflüsse, durch stochastische Terme ergänzt werden muss. Dies führt auf den Begriff der stochastischen Differentialgleichung, die für die stochastische Variable
durch
(3.1)

mit einem deterministischen (oder Drift-) Term
und einem Term für sog. ”weißes Rauschen” mit der Intensität
beschrieben werden kann.
ist dabei eine
-verteilte Zufallsvariable für jedes
und
ein Intensitätsfaktor. Wir bemerken weiter, dass der Index
für die Zeitabhängigkeit der Zufallsgröße anstelle von
steht.
Der Prozess
, der auch als "Gaußsches weißes Rauschen" bezeichnet wird, entspricht formal der pfadweisen Ableitung einer Brownschen Bewegung oder eines Wiener-Prozesses
, d.h. einem Gauss-Prozess mit
und
-Verteilung, d.h. es gilt (siehe Abschnitt 2.4)
(3.2)

mit unabhängigen Argumenten

Nun ist Gausssches weißes Rauschen keine konventionelle Variable, denn es gilt z. B., dass ein Pfad eines Wiener Prozesses
fast nirgends differenzierbar ist. Deshalb schreibt man die Gleichung (3.1) symbolisch in Differentialform:
(3.3)

welche als Integralgleichung interpretiert werden sollte:
(3.4)

Hier ist das erste Integral ein gewöhnliches Riemann-Integral; man kann nun versuchen,
das zweite Integral als Riemann-Stieltjes-Integral

zu interpretieren. Allerdings benötigt man wegen der nicht vorhandenen Differenzierbarkeit der Abbildung
für fast alle
zur mathematischen Behandlung des Problems den im Jahre 1940 von dem Japaner K. Itô entwickelten Kalkül. Später, Anfang der 60-iger Jahre des vorigen Jahrhunderts, wurde von dem russischen Physiker R. L. Stratanovich ein anderer Zugang vorgeschlagen, der als stochastisches Integral von Stratanovich in die Literatur eingegangen ist. Wir beschäftigen uns hier nur mit dem sog. Itô-Integral.
Wir betrachten das Itô-Integral zuerst für einfache stochastische Prozesse, d.h. für solche
, die stückweise konstant bzgl.
sind. Für allgemeine stochastische Prozesse wird es dann als Fortsetzung dieses Funktionals definiert. Wir geben folgende (etwas vereinfachte) Definition an.
- Das Itô-Integral mit dem Integrator
ist gegeben durch

- wobei
ein stochastischer Prozess und
eine Partition von
mit
für
seien.
Eine genaue Definition des Itô-Integrals, das wiederum ein stochastischer Prozess ist, ist aufwändig, da insbesondere die Regularität des stochastischen Prozesses
präzisiert werden muss (die Stetigkeit von
genügt hier nicht, siehe z. B. [15]).
Zur Illustration des Itô-Integrals berechnen wir
. Wäre die Abbildung
differenzierbar, könnte man wegen

schreiben. Das ist jedoch für nicht differenzierbare Funktionen falsch.
Wir rechnen wie folgt


Aus dem Satz von Wiener folgt, dass
gilt, folglich erhalten wir aus

im Grenzfall
(3.5)

Nunmehr können wir eine (spezielle) Definition einer stochastischen Differentialgleichung angeben und uns ihrer Lösung zuwenden.
- Eine stochastische Differentialgleichung von Itô ist gegeben durch
(3.6)

- wobei
ein stochastischer Prozess,
der Wiener-Prozess und
geeignete (d.h. hinreichend reguläre) Funktionen seien. Die Gleichung (3.6) ist eine symbolische Schreibweise für die Integralgleichung
(3.7)

- Erfüllt ein stochastischer Prozess die Gleichung (3.7), so heißt er Itô-Prozess;
heißt Driftterm,
heißt Diffusionsterm.
Die Lösbarkeit stochastischer Differentialgleichungen wird z. B. in [13] diskutiert.
(a) Seien in (3.6)
und
. Dann folgt

d. h. ein Wiener-Prozess ist ein spezieller Itô-Prozess.
(b) Seien
. Dann ist die Gleichung
(3.8)

oder

mit der Anfangsbedingung
zu lösen. Das ist eine gewöhnliche Differentialgleichung mit der Lösung

Man kann also Gleichung (3.8) als stochastische Differentialgleichung für einen Bond
mit risikofreier Zinsrate
interpretieren.
Fundamental für die Herleitung der Black-Scholes-Gleichung ist das Lemma von Itô. Es zeigt, dass für einen Itô-Prozess
auch die Funktion
ein Itô-Prozess ist.
- Sei
ein Itô-Prozess und
. Dann ist der stochastische Prozess
ein Itô-Prozess, und es gilt

Für die Varianz (den Erwartungswert) eines Wiener-Prozesses hatten wir in Kap. 3 gezeigt:

Im Grenzfall
schreiben wir formal
(3.9)

Ein formaler Beweis des Itô-Lemma lässt sich unter Verwendung von (3.9) sowie unter Vernachlässigung von Termen höherer Ordnung (d. h., z. B. durch Approximation bis
und unter Vernachlässigung von Termen in
und in
) durch Reihenentwicklung führen. Ein exakter Beweis ist wiederum in [15] zu finden.
q.e.d.
Wir entwickeln
nach der Taylorformel:


wobei
(
- Landau-Symbol) bedeutet, dass

für

.
Wir schreiben
und
. Ersetzen wir
und
durch
und
, so erhalten wir
(3.10)

Da
ein Itô-Prozess ist, gilt

Aus (3.9) folgt

Setzen wir diesen Ausdruck in (3.10) ein, erhalten wir

Diese Betrachtungen motivieren Satz 3.1.
Wir berechnen nochmals das Itô-Integral
mittels der Itô-Formel. Mit
und
folgt aus dem Lemma von Itô

oder in Integralform

Wegen
folgt die Formel (3.5).
Die exakte Lösung der stochastischen Differentialgleichung

ist durch die geometrische Brownsche Bewegung (vgl. Kap. 2)
(3.11)

gegeben, denn das Lemma von Itô, angewendet auf die Funktion

mit

mit
, liefert

Wir orientieren uns an dem soeben betrachteten, analytisch lösbaren Vergleichsmodell und formulieren eine Euler-Diskretisierung für eine stochastische Differentialgleichung.
Wir schreiben die diskrete Version der Itô-stochastischen Differentialgleichung (3.6) bzw. (3.7) auf:
(3.12)

und realisieren die Approximation eines Wiener Prozesses durch folgendes Vorgehen:
- Sei
(Zeitinkrement). Für
lässt sich
als Summe von Zuwächsen
darstellen:

- Die
sind unabhängig und
-verteilt.
- Wir berechnen Zuwächse
aus standard-normalverteilten Zufallszahlen
. Falls
, und somit folgt weiter

mit

.
- Algorithmus: Euler-Diskretisierung
- Starte bei
mit
und
.
- Schleife: Für

- bestimme
,
- erzeuge
,
- berechne
, d. h.
,
- berechne
.
Wir lösen die (stochastische) Differentialgleichung

für
mit dem Anfangswert
. Wir wählen
.
Im Bild 3.1 werden vier Trajektorien gezeichnet, die strichlierte Linie zeigt die nur von dem Drift-Term abhängende ’deterministische’ Lösung. Außerdem geben wir das zugehörige Matlab-Programm an.
% Loesung der Ito-Differentialgleichung mit dem EULER-Verfahren
clear, clf
X0 = 50; r = 0.04; sigma = 0.3; T = 10; N=499; % Input
t0 = 0; W0 = 0; x0 = X0; % Initialisierung
dt = T/(N+1);
ZZ = [ ]; XX = [X0]; F = [ ];
dis = sprintf(’Schritt Zeit determ. Loesung Wiener-Prozess’);
disp(dis) % Ueberschrift
for j=1:N
t1 = t0+dt;
Z = normrnd(0,1); % Erzeugung N(0,1)-verteilter Zufallszahlen
ZZ = [ZZ Z];
dW = Z*sqrt(dt);
% Euler-Loesung
x1 = x0 + r*x0*dt + sigma*x0*dW;
% deterministischer Anteil (Bond)
xdet = X0*exp(r*t0);
XX = [XX x1];
F = [F xdet];
dis = sprintf(’%d %f %f %f’, j, t0, xdet, x0);
disp(dis)
x0 = x1; t0 = t1;
end;
% Plotten einer Trajektorie und des deterministischen Anteils:
plot(XX,’-b’), hold on, plot(F,’--r’), grid
title(’Realisierung eines Wiener-Prozesses’)
Wir werden später andere numerische Methoden zur Lösung stochastischer Differentialgleichungen kennenlernen, insbesondere solche, die auf Taylorreihen-Entwicklungen und auf der Monte-Carlo-Simulation beruhen.
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