Schopenhauer Aphorismen zur Lebensweisheit. Von dem, was einer ist.

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Erstdruck 1851



K A P I T E L    II.


Von Dem, was Einer ist.

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Das Schlüsselwort der Schopenhauerschen Grundbestimmung «Was einer ist» lautet «Unterschiede». Sie sind von der Natur «zwischen die Menschen gesetzt.» Diese «echten persönlichen Vorzüge» seien durchgreifender für Glück oder Unglück als das, was man besitze oder was der Einzelne in den Augen anderer sei. Sie würden mehr als Herkommen, als Rang oder Reichtum bewirken. Denn inneres Behagen oder Unbehagen liege in der Hauptsache in dem, was in einem selbst bestehe oder vorgehe.

Die Persönlichkeit ist nach Schopenhauer eine Lebenskonstante. Wandelbar dagegen seien die Lebensumstände. Demgemäß trage das Leben eines jeden Menschen, trotz aller Abwechslung von außen, durchgängig denselben Charakter, - vergleichbar eine Reihe von Variationen auf ein Thema. Auch könne sich das Temperament im Verlaufe des Lebens abstufen, jedoch nicht der Charakter.


Zitate[Bearbeiten]

Persönlichkeit

Was einer in sich ist und an sich selbst hat, kurz die Persönlichkeit und deren Werth, ist das alleinige Unmittelbare zu seinem Glück und seinem Wohlseyn. Alles Andere ist mittelbar; daher auch dessen Wirkung vereitelt werden kann, aber die Persönlichkeit nie. [S.308]


Persönliche Wirkung

Darum eben ist der auf persönliche Vorzüge gerichtete Neid der unversöhnlichste, wie er auch der am sorgfältigsten verhehlte ist. [S.308]


Unverschuldetes Unglück wird leichter ertragen als selbst verschuldetes.

Hierauf beruht es, daß wir ein ganz und gar von außen auf uns gekommenes Unglück mit mehr Fassung ertragen, als ein selbstverschuldetes: denn das Schicksal kann sich ändern; aber die eigene Beschaffenheit nimmer. [S.309]


Heiterkeit

Einer sei jung, schön, reich und geehrt; so frägt sich, wenn man sein Glück beurtheilen will, ob er dabei heiter sey: ist er hingegen heiter; so ist es einerlei, ob er jung oder alt, gerade oder pucklich, arm oder reich sei: er ist glücklich. [S.309]


Gesundheit

Hieraus aber folgt, daß die größte aller Thorheiten ist, seine Gesundheit aufzuopfern, für was es auch sei, für Erwerb, für Beförderung, für Gelehrsamkeit, für Ruhm, geschweige für Wollust und flüchtige Genüsse: vielmehr sollte man Alles ihr nachsetzen. [S.311]


Kalkulierter Pessimismus

Denn wer alles schwarz sieht, stets das Schlimmste befürchtet und demnach seine Vorkehrungen trifft, wird sich nicht so oft verrechnet haben, als wer stets den Dingen die heitere Farbe und Aussicht leiht. [S.312]


Freitod

Allerdings aber kann, nach Umständen, auch der gesundeste und vielleicht selbst der heiterste Mensch sich zum Selbstmord entschließen, wenn nämlich die Größe der Leiden, oder des unausweichbar herannahenden Unglücks, die Schrecken des Todes überwältigt.[S.312]


Schönheit

Wenn gleich dieser subjektive Vorzug nicht eigentlich unmittelbar zu unserm Glück beiträgt, sondern bloß mittelbar, durch den Eindruck auf Andere; so ist er doch von großer Wichtigkeit, auch im Manne. Schönheit ist ein offener Empfehlungsbrief, der die Herzen für uns zum Voraus gewinnt. [S.313]


Langeweile

Der allgemeinste Überblick zeigt uns, als die beiden Feinde des menschlichen Glücks, den Schmerz und die Langeweile.[S.313]


Not lässt keine Langeweile aufkommen

Äußerlich nämlich gebiert Noth und Entbehrung den Schmerz; hingegen Sicherheit und Ueberfluß die Langeweile. Demgemäß sehn wir die niedere Volksklasse in einem beständigen Kampf gegen die Noth, also den Schmerz; die reiche und vornehme Welt hingegen in einem anhaltendem Kampf gegen die Langeweile. [S.313]


Neugier

Aus eben dieser Geistesstumpfheit aber geht andrerseits jene, auf zahllosen Gesichtern ausgeprägte, wie auch durch die beständig rege Aufmerksamkeit auf alle, selbst die kleinsten Vorgänge in der Außenwelt sich verrathende innere Leere hervor, welche die wahre Quelle der Langeweile ist. [S.314]


Die Erbärmlichkeit der Zeitvertreibe

[Langeweile ist es auch, die] stets nach äußerer Anregung lechzt, um Geist und Gemüth durch irgend etwas in Bewegung zu bringen. In der Wahl dessen ist sie daher nicht ekel; wie Dies die Erbärmlichkeit der Zeitvertreibe bezeugt, zu denen man Menschen greifen sieht, ingleichen die Art ihrer Geselligkeit und Konversation. [S.314]


Geselligkeit als Kompensation von Geistlosigkeit

Hauptsächlich aus dieser inneren Leerheit entspringt die Sucht nach Gesellschaft, Zerstreuung, Vergnügen und Luxus jeder Art, welche Viele zur Verschwendung und dann zum Elende führt. [S.314]


Zrückgezogenheit

Der geistreiche Mensch wird vor Allem nach Schmerzlosigkeit, Ungehudeltseyn, Ruhe und Muße streben, folglich ein stilles, bescheidenes, aber möglichst unangefochtenes Leben suchen. [S.315]


Substanz

Denn je mehr Einer an sich selber hat, desto weniger bedarf er von außen und desto weniger können auch die Uebrigen ihm seyn. [S.315]


Rarität

Aber leider geben hundert Narren auf einen Haufen noch keinen gescheuten Mann. [S.315]


Geselligkeit

Demgemäß wird man, im Ganzen, finden, daß jeder in dem Maaße gesellig ist, wie er geistig arm und überhaupt gemein ist. [S.315]


Selbstschutz

Denn man hat in der Welt nicht viel mehr als die Wahl zwischen Einsamkeit und Gemeinheit. [S.315]


Freizeitgestaltung erfordert Kreativität

Was nun aber wirft die freie Muße der meisten Menschen ab? Langeweile und Dumpfheit, so oft nicht sinnliche Genüsse oder Albernheiten da sind, sie auszufüllen. [S.316]


Alter

Denn da verlässt uns Liebe, Scherz, Reiselust, Pferdelust und Tauglichkeit für die Gesellschaft: Sogar die Freunde und Verwandten entführt uns der Tod. Da kommt es denn, mehr als je, darauf an, was Einer an sich selber habe. Denn Dieses wird am längsten Stich halten. [S.317]


Weltleben

Ist doch in der Welt überall nicht viel zu holen: Noth und Schmerz erfüllen sie, und auf Die, welche diesen entronnen sind, lauert in allen Winkeln die Langeweile. Zudem hat in der Regel die Schlechtigkeit die Herrschaft darin und die Thorheit das große Wort. [S.317]


Pessimismus und Misanthropie

Das Schicksal ist grausam und die Menschen sind erbärmlich. [S.317]


Sich selbst besitzen

Demnach ist eine vorzügliche, reiche Individualität und besonders sehr viel Geist zu haben ohne Zweifel das glücklichste Loos auf Erden; so verschieden es etwan auch von dem glänzendesten ausgefallen seyn mag. Nur müssen die äußeren Umstände es soweit begünstigen, daß man sich auch sich selbst besitzen und seiner froh werden könne. [S.317]


Unabhängigkeit des Weisen

Diese wird er daher gern durch Mäßigkeit und Sparsamkeit erkaufen; um so mehr, als er nicht, gleich den Andern, auf die äußeren Quellen der Genüsse verwiesen ist. Darum wird die Aussicht auf Ämter, Geld, Gunst und Beifall der Welt, ihn nicht verleiten, sich selber aufzugeben. [S.318]


Spiel

Nun ist die ursprüngliche Bestimmung der Kräfte, mit welchen die Natur den Menschen ausgerüstet hat, der Kampf gegen die Noth, die ihn von allen Seiten bedrängt. Wenn aber dieser Kampf ein Mal rastet, da werden ihm die unbeschäftigten Kräfte zur Last: Er muß daher jetzt mit ihnen spielen, d. h. sie zwecklos gebrauchen: denn sonst fällt er der anderen Quelle des menschlichen Leidens, der Langeweile, sogleich anheim. [S.318]


Geistige Genüsse liegen im Erkennen

Der Sensibilität gehören unsere Erkenntniskräfte [Auffassung] an: daher befähigt das Ueberwiegen derselben zu den im Erkennen bestehenden, also den sogenannten geistigen Genüssen, und zwar zu um so größeren, je entschiedener jenes Ueberwiegen ist. [S.320]


Geistiges Leben

Ein so bevorzugter Mensch führt, in Folge davon, neben seinem persönlichen Leben, noch ein zweites, nämlich ein intellektuelles, welches ihm allmälig zum eigentlichen Zweck wird, zu welchem er jenes erstere nur noch als Mittel ansieht. [S.321]


Das Leben als Kunstwerk

Jenes intellektuelle Leben wird daher ihn vorzugsweise beschäftigen, und es erhält, durch fortwährenden Zuwachs an Einsicht und Erkenntnis, einen Zusammenhang, eine beständige Steigerung, eine sich mehr und mehr abrundende Ganzheit und Vollendung, wie ein werdendes Kunstwerk. [S.321]


Verlust an Interesse für das Geschehen im persönlichen Umfeld

Dies nun bleibt der höchsten geistigen Eminenz allein vorbehalten, die man mit dem Namen des Genie´s zu bezeichnen pflegt: denn nur sie nimmt das Daseyn und das Wesen der Dinge im Ganzen und absolut zu ihrem Thema: wonach sie dann ihre tiefe Auffassung desselben, gemäß ihrer individuellen Richtung, durch Kunst, Poesie oder Philosophie auszusprechen streben wird. Daher ist allein einem Menschen dieser Art eine ungestörte Beschäftigung mit sich, mit seinen Gedanken und Werken dringendes Bedürfnis, Einsamkeit willkommen, freie Muße das höchste Gut, alles Uebrige entbehrlich, ja, wenn vorhanden, oft nur zur Last. Nur von einem solchen Menschen können wir demnach sagen, daß sein Schwerpunkt ganz in ihn fällt. Hierasu wird sogar erklärlich, daß die höchst seltenen Leute dieser Art, selbst beim besten Charakter, doch nicht jene innige und gränzenlose Theilnahme an Freunden, Familie und Gemeinwesen zeigen, deren Manche der Anderen fähig sind: denn sie können sich zuletzt über alles trösten; wenn sie nur sich selbst haben. Sonach liegt in ihnen ein isolirendes Element mehr, welches um so wirksamer ist, als die Andern ihnen eigentlich nie vollkommen genügen, weshalb sie in ihnen nicht ganz und gare ihres Gleichen sehn können, ja, da das Heterogene inn Allem und Jedem ihnen stets fühlbar wird, allmälig sich gewöhnen, unter den Menschen als verschiedenartige Wesen umherzugehen. [S.323]


Ein Mensch ohne geistige Bedürfnisse

Am allerwenigsten wird daher unter den Anforderungen, die er [ein geistloser Mensch] an Andere macht, die irgend überwiegender geistiger Fähigkeiten seyn [Anforderungen ohne geistigen Anspruch]: vielmehr werden diese, wenn sie ihm aufstoßen [wenn er damit konfrontiert wird], seinen Widerwillen, ja, seinen Haß erregen; weil er dabei nur ein lästiges Gefühl von Inferiorität, und dazu einen dumpfen, heimlichen Neid verspür, den er aufs Sorgfältigste versteckt, indem er ihn sogar sich selbst zu verhehlen sucht, wodurch aber gerade solcher bisweilen bis zu einem stillen Ingrimm anwächst. Nimmermehr demnach wird es ihm einfallen, nach der dergleichen Eigenschaften seine Werthschätzung, oder Hochachtung abzumessen; sondern diese wird ausschließlich dem Range und Reichthum, der Macht oder dem Einfluß vorbehalten bleiben, als welche in seinen Augen die allein wahren Vorzüge sind, in denen zu excellieren auch sein Wunsch wäre. [S.327]


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