Wikiversity:Fellow-Programm Freies Wissen/Einreichungen/Offener Dialog – Wissensaustausch zwischen Geflüchteten, Hilfsakteuren und Forschenden

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Offener Dialog - Wissensaustausch zwischen Geflüchteten, Hilfsakteuren und Forschenden[Bearbeiten]

Projektbeschreibung[Bearbeiten]

Kontext:[Bearbeiten]

Schon immer hat Westafrika Migrationen gekannt. In den letzten dreißig Jahren waren Zivilkriege, post-elektorale Gewalt und ethnische Verfolgungen einige der Ursachen für die Flucht von über eine Million Westafrikaner*innen. Politisch und wirtschaftlich stabilere Staaten, wie z.B. der Senegal gewährten hunderttausenden Menschen aus insgesamt neunzehn verschiedenen Ländern Zuflucht. Der senegalesische Staat wendete sich an internationale Organisationen, wie das UN Flüchtlingshilfswerk (UNHCR), um Ankunft und Hilfeleistung zu verwalten.

Bis heute bleibt die Flüchtlingsbevölkerung im Senegal sehr heterogen. Unter denen, die sich selber als ‚Flüchtlinge‘ betrachten zählen Mauretanier*innen, die sich seit 28 Jahren im Land befinden, aber auch Zentralafrikaner*innen, die erst vor einem Paar Monaten ankamen.

Die Prioritäten der Hilfsorganisation adaptierten sich an die Gruppen von Neuangekommenen; Die Langzeitgeflüchteten [1] sollten sich mittlerweile in der senegalesischen Bevölkerung ‚integriert‘ haben und dementsprechend nicht mehr unter die Verantwortung des UNHCRs fallen. Deswegen werden dessen zuvorgehenden Aufgaben an den senegalesische Staat und an lokale Nicht-Regierungsorganisationen (NRO) delegiert.

Die Betroffenen, welche ihren offiziellen Status als Flüchtling hierbei verlieren, sehen dies anders. In Dakar gründeten Langzeitgeflüchtete mehrere Interessengruppen durch die sie ihre Flüchtlingsidentität hervorheben und die Agenda der internationalen Organisationen denunzieren.

Forschungsprojekt[Bearbeiten]

Ausgehend von der Forschungsfrage „Wann ist man* nicht mehr ‚Flüchtling‘?“ erforsche ich die Beziehungen zwischen den verschiedenen Akteuren des Asyl-Systems. Hilfsakteure (das UNHCR, der senegalesische Staat und NROs) erachten, dass sie keine Verantwortung gegenüber Langzeitgeflüchteten mehr tragen und Geflüchtete vertrauen diesen Hilfsakteuren nicht mehr. Dabei wenden alle Parteien sehr viel Zeit und Ressourcen auf um einen Dialog miteinander aufrecht zu halten. Durch aufeinanderfolgende, teilnehmende Beobachtungen und Interviews mit Geflüchteten Organisationen, lokalen Umsetzungspartnern und internationalen Hilfsorganisationen analysiere ich welche Motivationen hinter dem Aufrechthalten von diesen Beziehungen stecken.

Partizipative Forschungsmethoden:[Bearbeiten]

Die zahlreichen Akteure des Asyl-Systems stehen in ungleichen Machtverhältnissen gegeneinander. Zu oft betrachten Hilfsakteure und Forscher*innen Geflüchtete ausschließlich als Empfänger*innen von Programmen und Informationen. In einem Versuch diese Machtverhältnisse nicht in meinem Forschungsansatz zu reproduzieren, beziehe ich Geflüchtete in das Design der Forschungsmethoden und in die Bewertung der mit ihnen erhobenen Daten ein. Geflüchtete sehen meine Arbeit als Möglichkeit sich in diesem Asyl-System Gehör zu verschaffen. Hierbei analysiere ich ihre Prioritäten und vergleiche diese mit denen der anderen Akteure im Asyl-System.

Viele der Geflüchteten, die ich in Dakar traf, dokumentieren ihr Versammlungen und Aktivitäten bereits schriftlich oder per Video. Sie veröffentlichen oft dieses Material über soziale Medien und Instant Messenger Apps. In Feedback-runden zeigen sie mir dieses Material, gemeinsam analysieren wir ihre Kommunikationsstrategien.

Trotz ihres Enthusiasmus dieser Zusammenarbeit gegenüber waren meine Interviewpartner*innen enttäuscht, als klar wurde, dass das Endprodukt meiner Arbeit eine lange schriftliche Arbeit würde, auf einer Sprache, die sie nicht verstehen. Ich stelle fest, dass es inkohärent wäre, auf partizipative Methoden zu achten ohne das Endprodukt mit den Mitwirkenden zu teilen.

Relevanz eines Freien Wissens Fellowship:[Bearbeiten]

Ich würde gern eine Online-Austausch Plattform für einen transparenter Dialog zwischen Akteuren des Asyl-Systems, inklusive Forscher*innen, kreieren.

Die Organisationen der Geflüchteten sollen diese Plattform nutzen können um ihre Geschichten öffentlich erzählen, unabhängig von den Kommunikationsstrategien der Hilfsorganisationen[2]. Viele von meinen Interviewpartnern teilen Informationen über ihre Exil-Bedingungen miteinander durch Fotos/Videos und die Sprachfunktion von Instant Messenger Apps. Auf dieser Art vernetzen und informieren sich isolierte Geflüchtete, die die Amtssprache der Hilfsorganisationen weder sprechen noch schreiben. Die Plattform könnte diese Mitteilungen zusammentragen. Das digitale Format ermöglicht schriftliche, so wie Audio- und Videobeiträge (auf Wunsch anonym) gepostet zu werden, auf verschiedenen Sprachen. Beiträge könnten daraufhin übersetzt werden um auf mehreren Sprachen auf der Seite sichtbar zu werden[3].

Meine Forschungsmethoden und -ergebnisse würden auf verschiedenen Sprachen, schriftlich wie auch als Audio zusammengefasst werden. Kolleg*innen, die über ähnliche Themen forschen, haben bereits ihr Interesse angekündigt ihre Forschung ebenfalls vereinfacht zugänglich zu machen. Dazu zählen einige Geflüchtete, die selber wissenschaftliche Arbeiten über ihre Situation verfasst haben.

Wenn Interviewte direkte Erwartungen an das Forschungsprojekt, Kritike oder Frage über die Forschungsmethoden haben, könnten sie diese auch als Audio oder Text (auf Wunsch anonym) auf der Seite kommentieren.

Daraufhin könnte sich die Plattform entwickeln, sodass Geflüchteten-Komitees diese für Vernetzungszwecke übernehmen würden. Hilfsorganisationen könnten auch von der Plattform profitieren indem relevante Quellen[4] in verschiedenen relevanten Sprachen schriftlich sowie als Audio hochgeladen würden.

Relevanz des Forschungsprojektes im Sinne von Open Science Prinzipien:[Bearbeiten]

Medien stellten Flüchtlingsbewegungen wie ein neues Phänomen dar, in denen Geflüchtete ‘massiv’ nach Europa fliehen. Darüber hinaus wird kaum über das Exil außerhalb von Lagersituationen berichtet. Tatsächlich beherbergt der afrikanischen Kontinent ein Drittel der Menschen auf der Flucht[5], wobei Geflüchtete weltweit zu 60% in urbanen Gegenden leben[6]. Meiner Meinung nach sollte Grundlagenforschung über diese vereinfachten Repräsentationen hinausgehen um untererforschte Fluchtsituationen zu dokumentieren. Durch den Forschungsprozess werden Forscher*innen Teil des Systems von Akteuren, die im Asyl aufeinander treffen (dies betrifft Geflüchtete, lokale NRO, Staat, internationale Organisationen). Als Teil dieses Systems sehe ich es als meine Aufgabe als Forscherin transparent über Forschungsmethoden und -ergebnissen zu kommunizieren. So werden aus ‘Forschungsobjekten’ Forschungspartner*innen, andere Forschenden können auf diese Arbeit aufbauen und Entscheidungsträger*innen können mehr über solch eine unter-berichteten Situation erfahren.


  • Name: Agathe Menetrier
  • Institution: Max Planck Institut für ethnologische Forschung
  • Kontakt: menetrier@eth.mpg.de