Wikiversity:Fellow-Programm Freies Wissen/Einreichungen/The Dantean Anomaly 1309-1321 - – Rapid Climate Change and Late Medieval Europe in a Global Perspective – Teilprojekt Mitteleuropa

Aus Wikiversity
Wechseln zu: Navigation, Suche

The Dantean Anomaly 1309-1321 – Rapid Climate Change and Late Medieval Europe in a Global Perspective – Teilprojekt Mitteleuropa[Bearbeiten]

Projektbeschreibung[Bearbeiten]

Ziel der im Rahmen des Freigeist Fellowship für fünf Jahre von der Volkswagen Stiftung geförderten Nachwuchsforschungsgruppe ist es, die als Dantean Anomaly[1] bekannte und durch einen besonders raschen Wandel der klimatischen Verhältnisse geprägte Phase zwischen 1309 und 1321 umfassend für verschiedene Regionen Europas zu untersuchen. Dabei sollen einerseits das Ausmaß und die Folgen des klimatischen Wandels in Form von Starkregen, Überschwemmungen, ungewöhnlichen Kälteperioden, Missernten etc. rekonstruiert sowie andererseits die gesellschaftlichen wie kulturellen Reaktionen und Auswirkungen dieser Phänomene erforscht werden.

Während meine Projektkollegen die Klimaveränderungen in Norditalien und Ostfrankreich untersuchen, richtet sich der Blick in meinem Teilprojekt, als dessen Ergebnis meine Dissertation stehen soll, auf das Gebiet Mitteleuropas, das in etwa die heutigen Länder Deutschland, Schweiz, Österreich, Ungarn, Tschechien, die Slowakei und Polen umfasst. Zur Erforschung klimabedingter Ursachen für das Ende der mittelalterlichen Ostsiedlung besteht die Überlegung, das Untersuchungsgebiet zudem auf das Baltikum auszuweiten.

Vorgehen

In einem ersten Schritt sollen in den ersten Monaten der Projektlaufzeit die gedruckten narrativen Quellen für den Rahmenzeitraum 1200-1400, auch mithilfe bereits bestehender Quellensammlungen zur Klimageschichte, auf Aussagen zu klima- und witterungsbedingten Phänomenen durchsucht und die entsprechenden Textpassagen in einer Datenbank gesammelt werden. Im Anschluss erfolgt eine Indizierung der Beschreibungen nach einem Zahlenwert (+3 bis -3), der die Unter- oder Überdurchschnittlichkeit von Temperatur und Niederschlag ermisst und auf diese Weise die Quellenbefunde durch quantitative Einordnung leichter vergleichbar und zudem graphisch darstellbar macht.

Im Anschluss an die soeben skizzierte Erforschung des Rahmenzeitraums richtet sich der Fokus vermehrt auf eine Detailuntersuchung der Anomaliephase zwischen 1309 und 1321, für die in jedem der Teilprojekte andere Quellengattungen zur Verfügung stehen. Für Mitteleuropa sind dies in erster Linie Urkunden sowie, insofern für diese Zeit bereits seriell überliefert, weitere administrative Quellen wie Urbare oder Rechnungsbücher. Je nach Verfügbarkeit geeigneter Quellencorpora wird zusätzlich zur Betrachtung des breiten geographischen Rahmens die Durchführung einiger Fallstudien auf Mikroebene, etwa zu einzelnen Klöstern oder Herrschaften, angestrebt.

Ziele

Am Ende des Projekts steht, so unsere Hoffnung und unser Bestreben, eine detaillierte, aufgrund der eigenen Quellenstudien sowie in Ergänzung mit bereits existierenden historischen wie geowissenschaftlichen Daten gewonnene Rekonstruktion der angesprochenen spätmittelalterlichen Klimaveränderungen für weite Teile Europas. Aufschlussreich sind diese Ergebnisse ebenso für den Vergleich mit der Entwicklung in anderen Weltgegenden wie Südostasien oder dem Nahen Osten, der in einem letzten Schritt vom Projektleiter angestellt werden wird, wie auch als Bezugspunkt für die beobachteten Reaktionen und Bewältigungsstrategien in den verschiedenen Gesellschaften. Neben Erkenntnissen über die kulturelle Verarbeitung von Klima- und Wetterphänomenen erhoffen wir uns dadurch vor allem Rückschlüsse auf die Faktoren für Vulnerabilität bzw. Resilienz (historischer) Gemeinschaften.

Anschlusspunkte an Open Science

Es besteht die Überlegung, die so gewonnenen Daten und Textquellen in öffentlich zugängliche klimahistorische Datenbanken wie tambora.org oder euroclimhist.unibe.ch einfließen zu lassen. Durch eine Georeferenzierung der Quellenbefunde lassen sich diese gegebenenfalls auch für klimatologische Untersuchungen fruchtbar machen, die Aufschluss über die Entstehung von Großwetterlagen und zu Grunde liegende klimatische Telekonnektionen versprechen. Allerdings ist die räumliche Einordnung mit gewissen Unsicherheiten verbunden, da sich die tatsächliche geographische Ausdehnung der beschriebenen Wetterphänomene aus den Quellen nicht immer zuverlässig ablesen lässt.

Darüber hinaus könnte man den durch die Sammlung der Quellenzitate gewonnenen Textcorpus beispielsweise auch für linguistische Studien nutzbar machen, mithilfe derer die Wahrnehmung von Klima- und Wetterphänomenen sowie deren mögliche Veränderung über längere Zeiträume hinweg anhand von Wortwahl und Wortfeldern untersucht werden könnte. Diese Beispiele machen deutlich, dass eine Öffnung der gewonnenen Forschungsergebnisse für die Nachnutzung durch andere Fachdisziplinen und Projektgruppen vielversprechend und somit erstrebenswert wäre.

  1. In Anlehnung an die mit der Periode zusammenfallenden letzten Lebensjahre Dante Alighieris (1265-1321) und eine mögliche Verarbeitung der erfahrenen Schlechtwetterereignisse in seiner Divina Comedia wird diese Phase als Dantean Anomaly bezeichnet.

Autor/in[Bearbeiten]

  • Name: Annabell Engel
  • Institution: Leibniz-Institut für Geschichte und Kultur des östlichen Europa (GWZO) Leipzig
  • Kontakt: Annabell.Engel[at]gmx.de