Benutzer:Johannes Bleimeir

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Johannes Bleimeir[Bearbeiten]

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  • Student der Universtät Augsburg


  • Studienfächer:
    • Lehramt Gynasium Englisch/Spanisch
    • Magister Amerikanistik, Nebenfach DaF

IPK im Sommersemester 2010[Bearbeiten]

Internet- und Projektkompetenz

Name Studiengang vhb Wiki Thema Forschungsland Homepage Video abgeschlossen
Kursleiterin Eva Sondershaus, M.A. Eva Sondershaus [IPK-Zentrale]
Tatiana Makha Germanistik BC Tatiana
Yoon Bokyung Deutsche Sprachwissenschaft DaF Bo Kyung
Philipp Becker MA DaF Philipp
Lukas Sonnberger MA DaF Lukas
Johannes Bleimeir Lehramt Gym./MA DaF Johannes
Erika Barabas DaF BC Erika



Thema der Projektarbeit[Bearbeiten]

Religion und Identität

Ansatz einer qualitativen Studie zum Einfluss von Religion und Religiosität auf die Identitätsbildung deutscher Mitbürger mit Migrationshintergrund in Augsburg

These

Die zunehmend säkularisierte Gesellschaft beeinfluss die religiöse Identitätsbildung bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund

Einleitung[Bearbeiten]

Die Identität und die Frage „Wer bin ich?“ sind seit Jahrhunderten Gegenstand philosophischer Überlegung , von der Antike bis in die heutige Gegenwart. Jedoch haben sich Erklärungsversuche nicht nur auf die Philosophie beschränkt, vielmehr wurde in den letzten Jahrzehnten die Identität mehr und mehr von anderen Disziplinen entdeckt. Sei es die Sozialwissenschaft, die Literaturwissenschaft, die Psychologie, die Kulturwissenschaft und auch die Theologie, die Identität hat sich als ein vielseitiges und produktives Gebiet erwiesen. Ebenso wurde die Religion, wenngleich erst in jüngster Zeit, von Kultur- und Sozialwissenschaft entdeckt. So scheint die Religion und die Religiosität ebenso ihren Beitrag zur Identität und Identitätsbildung leisten zu können. Die so genannte religiöse Identität als Teil der Gesamtidentität eines Individuums wurde zunehmend zum interessanten Forschungsobjekt. Diesem Trend soll auch die vorliegende Arbeit folgen, indem sie in Ansätzen einer qualitativen Studie untersucht, inwiefern die Religion Auswirkungen auf die Identität und Identitätsbildung hat. Um dieses weiträumige Gebiet für eine Untersuchung qualitativer Art entsprechend einzuschränken musste die Fragestellung weiter konkretisiert werden. Demnach soll vorrangig untersucht werden, wie sehr die Religion noch als identitätsbildender Faktor bei Bürgern mit Migrationshintergrund in Deutschland wirksam ist. Ist Religion, Religionszugehörigkeit und Religiosität um so mehr ein identitätsbildender Faktor im Sinne einer kollektiven Identität, weil die Unterschiede in Deutschland größer sind und Religionen aufeinander treffen, oder büßt die Religion und Religiosität ganz wie bei einem Großteil der Bevölkerung ihren Einflusses auf die Bildung einer kollektiven Identität ein und zieht sich im besten Falle auf das Gebiet einer Ich-Identität zurück? In diesem Ansatz einer qualitativen Studie soll der Einfluss der „mitgebrachten“ Religion und daraus entstandener Religiosität von Bürger Augsburgs mit Migrationshintergrund auf deren Identitätsbildung erfasst und etwaige Auswirkungen diskutiert werden. Dabei soll zunächst ein kurzer theoretischer Überblick über den für die vorliegende Arbeit relevanten Zusammenhang von Religion, Religiosität und Identität gegeben werden. In einem weiteren Schritt sollen dann die oben genannten Fragestellungen mit der Theorie verknüpft und konkretisiert werden. Im Anschluss soll daraufhin abgestimmt ein Fragenkatalog für die Leitfadeninterviews erstellt werden, welche dann mit den Testpersonen durchgeführt werden. In einer abschließenden Auswertung sollen dann Theorie und die Ergebnisse aus Fragestellung und Interview zusammengeführt und ausgewertet werden.

Theorie - Identität, Religion und Religiosität[Bearbeiten]

Die folgende Darstellung gängiger Theorien zu Identität und Religion muss auf Grund der Vielfältigkeit und Weitläufigkeit der Begriffe im Hinblick auf die qualitative Studie eingegrenzt werden, da eine Darstellung aller Facetten dieser Begriffe den Umfang dieser Arbeit sprengen würde. Deshalb soll im Folgenden nur ein kurzer, auf die relevanten Aspekte reduzierte Überblick gegeben werden.

Identität[Bearbeiten]

Wie eingangs erwähnt, hat sich in den letzten Jahren eine Vielzahl von unterschiedlichen Disziplinen mit dem Konzept der Identität beschäftigt. Einige gängige Ansichten stellen die Identität als dynamisches Zusammenwirken von Innen- und Außensicht dar. Dabei bezieht sich die Dynamik auf die Tatsache, dass die Identität als prozesshaft angesehen wird, als generell nicht abgeschlossen und als sich in stetigem Wandel befindend. Diese Ansicht geht unter anderem auf Jürgen Habermas zurück, der die Identität in Inklusions- und Exklusionsidentität unterteilt (vgl. Habermas 1968). Dabei stellt die Inklusionsidentität den Teil des Individuums dar, der das Selbst im Laufe der Zeit als gleichbleibend oder konsistent einordnet, und bezieht sich damit auf die Innensicht und das Bestreben des Individuums, über die Zeit hinweg „ein und derselbe“ Mensch (lat. idem: der-/die-/dasselbe) zu bleiben. Auf der anderen Seite kann sich das Individuum nie als individuell ansehen ohne einen gewissen Gegenpol, ohne eine Differenz zu etwas anderem oder in einfacheren Worten: Es gibt kein „Ich“ ohne ein „Du“. Die identitätsbildende Kraft dieses Umstands bezeichnet Habermas als die Exlusionsidentität. Dieser Teil der Identität steht für die Abgrenzung zu anderen, für die Differenz, in der erst die Einzigartigkeit des Individuums zum Ausdruck kommt. Sie beschreibt demnach die Außensicht des Individuums, die das Selbst in Relation und Abgrenzung zu seiner Umwelt setzt. Die Wichtigkeit des „Anderen“ bestärkt auch George Herbert Mead der Identität als „reflexive, prozesshafte und sich in sozialen Beziehungen entfaltende Eigenschaft“ begreift (Rosa 2007: 48). Weiter noch kann sich ein „stabiles Selbstbild erst im Austausch mit konkreten und generalisierten ‚Anderen’ und durch die probeweise Einnahme ihrer Perspektive auf die eigene Person entwickeln […]“ (ebd.). Diese Auffassung führt zu einem weiteren wichtigen, wenn gleich umstrittenen Konzept, dem der kollektiven Identität. Die kollektive Identität führt die Frage „Wer bin ich?“ auf einer gesellschaftlichen Ebene fort und fragt dementsprechend „Wer sind wir?“. Die Identität des Einzelnen als Teil einer Gruppe schwebt dabei zwischen den Polen von Zugehörigkeit und Individualität, von Gleichbleiben und Abgrenzung, und so können identitätsbildende Differenzen auf Gruppen- oder Kollektivebene aufgebaut und gepflegt werden. Dabei nimmt die persönliche Identität ebenso Einfluss auf die kollektive Identität wie andersherum. Die kollektive Identität gibt dem Individuum zum einen Halt und Stabilität und sorgt somit für dessen Konsistenz, als auch Möglichkeit zur Abgrenzung zu anderen Gruppen, was wiederum der Exklusionsidentität zuträglich ist. Ein weiterer gängiger Ansatz zur Identität ist die Ansicht der Fragmentarisierung der Identität (vgl. Rosa 2007: 50f.). Dieser bezieht sich auf die Vorstellung einer vielfach aufgeteilten Identität, die viel mehr ein Konglomerat von vielen „Sub“- Identitäten darstellt, als ein kohärentes Ganzes (auch wenn das Individuum in einer nicht enden wollenden Anstrengung seine Kohärenz zu erhalten sucht). Die Vielzahl von Kontexten sowie die moderne Dissoziation, führt dazu, dass der Einzelne eine Vielzahl von Identitäten aufbaut. Demnach entsteht neben kultureller, politischer, ethnischer und sexueller Identität auch eine (mehr oder weniger ausgesprochene) religiöse Identität. Diese hat, wie im folgenden Kapitel näher beschrieben werden soll, ebenso eine persönliche, wie eine kollektive Komponente.

Die Rolle der Religion zur Identitätsbildung[Bearbeiten]

Auch hier soll (nicht nur) aus Platzgründen der weite Bereich der Religion auf diejenigen Faktoren und Konstituenten begrenzt werden, die erstens für die vorliegende Arbeit notwendig sind, als auch für die Leitfadeninterviews praktikabel sind. Da das zu erwartende religionstheoretische Verständnis der Befragten wohl kaum über eine alltägliche Definition bzw. einem „Alltagsgebrauchswert“ von Religion hinausgehen wird, und zudem in der Studie keine religionstheoretischen Erkenntnisse zu erzielen sind, soll statt dessen hier eine stark vereinfachte und, wie bereits erwähnt, speziell auf zu untersuchende Ziele (d.h. Identität bzw. identitätsbildende Kraft) hin zugeschnittene Auffassung von Religion gegeben werden. In diesem Sinne stellt sich vor allem die Frage: Was hat Religion mit Identität zu tun? Carsten Wippermann unterscheidet zunächst Religion und Religiosität: „Sprachlich kann zwischen den beiden Nomen ‚Religion’ und ‚Religiosität’ recht klar unterschieden werden: ‚Religion’ ist eine soziale Kategorie, ‚Religiosität’ ist eine personale Kategorie.“ (Wippermann 1998: 217). Zunächst einmal soll hier auf die soziale identitätsbildende Komponente der Religion eingegangen werden.

Religion als soziale Kategorie[Bearbeiten]

Traditionell gilt die Religion als sozialer Raum, der sich sowohl durch Zugehörigkeit als auch durch Abgrenzung zu anderen sozialen Räumen, wie auch anderen Religionen definiert. Dabei übernimmt (bzw. „übernahm“) die Religion einen wichtigen Teil zur Sozialintegration und Identitätsstiftung, zwei der sechs Funktionen der Religion nach Kaufmann (siehe Kaufmann 1989: 85f.). Als Gruppe oder Kollektiv bietet Religion ihren Mitgliedern als kollektive Einheit Rückhalt im Sinne von Konsistenz, als auch die Abgrenzung zu Anderen. So kann das Individuum zum Einen seine Ich-Identität durch ein Zugehörigkeitsgefühl und das gegenseitige Anerkennen der Selbst-haftigkeit und Beständigkeit vor einem Selbst festigen, als auch diese im Vergleich und in der Differenz zu anderen Gruppen mit anderen kollektiven Identitäten konstruieren. Eine solche religiös-kollektive Identität kann vor Allem dann besonders fruchtbar und lang andauernd bestehen, wenn die diskriminatorischen Differenzen sowohl vor Ort bestehen, als auch als inszenierte Überlieferung und Tradition bestehen (wie in allen großen Religionen). Auch hier kann die Abgrenzung vor allem dadurch aufrechterhalten werden, indem man sich aktiv und fortwährend vom konstruierten „Anderen“ abhebt, und somit als individuell gilt. Neben der sozialen Komponente, stellt das Konzept der Religiosität das personale Gegenstück der religiösen Identität dar.

Religiosität als personale Kategorie[Bearbeiten]

Wo die Religion als soziale Kategorie einen räumlichen, externen Standpunkt angibt, steht die Religiosität für die innere Betrachtungsweise dieser Religion durch den Einzelnen. Nach Wippermann ist die „Frage nach der Weltanschauung [von der] Frage der Religiosität zu trennen, wobei Religiosität […] als Disposition begriffen wird, die das (kognitive) Verhältnis des einzelnen zu seiner Weltanschauung beschreibt“ (Wppermann 1998: 16). Religiosität versteht sich also als innere Beziehung und Reflexion zur (seiner) Religion, als Art und Grad seiner Identifikation mit der Religion. So kann ein Mensch einer Religion angehören, ohne religiös zu sein. Für die Identität hat die Religiosität Auswirkungen auf die Selbstbetrachtung und das Kontigenzbestreben des Einzelnen. Wie Studien zeigen, tritt die Religiosität als praktische Ausprägung der Religion bzw. Weltanschauung heute (wie damals) vor Allem in Grenzerfahrungen und kritischen Lebenssituationen (wie etwa dem Tod eines geliebten Menschen) in Erscheinung (vgl. Ziebertz 2006: 260f.). Religiosität stellt hier den Glauben an die helfende Kraft der Religion dar und ist wichtig für die Konsistenz und die Bewältigung dieser außerordentlichen Situationen. Im weiteren Sinne kann die religiöse Identität als Gesamtes als sich im Schnittfeld von Ich-Identität (Religiosität) und kollektiver Identität (Religion) befindlich angesehen werden. So kann auch ein „nicht-religiös“ oder a-religiös Sein die religiöse Identität des Individuums bilden, da er sich damit zu der Gruppe der „Nicht-Religiösen“ zählt und sich gegen die „Religiösen“ abgrenzen und damit definieren kann. Einen interessanten Beitrag zur Bewertung von Religiosität hat hier Carsten Wippermann geleistet, der verschiedene Arten des Umgangs mit Religion und Religiosität in Religionsstile kategorisiert hat.

Religionsstile[Bearbeiten]

In Wippermanns quantitativer Studie wurde eine „Konfiguration der Weltanschauung“ hinsichtlich der Reflexion der eigenen Weltanschauung, der Kommunikation mit Gleichgesinnten und der Alltagsrelevanz, bzw. der Funktion als Quelle für die Regeln der Lebensführung erzielt, deren Ergebnis in Abbildung 1 aufgezeigt ist (siehe Tabelle Wippermann 1998: 275f.; [Anm.: Tabelle kann auf Grund von lizenzrechlichen Vorgaben der Wikiversity hier nicht angezeigt werden]). Ohne jetzt tiefer auf die jeweiligen Religionsstile einzugehen sollen im Hinblick auf die hier in der Arbeit folgende Studie noch folgende Bemerkungen bzw. Ergänzungen gemacht werden. Zunächst fällt der hohe Teil an Ignoranten (über ein Drittel!) auf. Dieser Religionsstil zeichnet sich dadurch aus, das das Selbst zur eigentlichen Religion wird und ein „Sinnangebot“ in „rein innerweltlichen Deutungsformen“ findet, also in Hinsicht auf die religiöse Identität die Funktionen die die Religion ihm bieten würde (Zugehörigkeit, Abgrenzung, Definition, Konsistenzbewältigung) in anderen, „weltlichen“ Alternativen findet. Auf die restlichen Religionsstile soll dann in der Auswertung unter Berücksichtigung der Ergebnisse der Leitfadeninterviews eingegangen werden. Im Hinblick auf die hohe Zahl der Ignoranten soll im nun folgenden Kapitel auf mögliche Erklärungsansätze und den scheinbaren Rückgang der Wichtigkeit der Religion bei der Identitätsbildung eingegangen werden.

Wandel der Religion als identitätsbildender Faktor[Bearbeiten]

Der Wandel der Religion als identitätsbildender Faktor in der Moderne ist eng an den Wandel der Identität in der Moderne selbst gekoppelt. Wie bereits oben erwähnt, zeichnet sich der Wandel der Identitätsbildung seit der Moderne dadurch aus, dass die Identität zunehmend fragmentarischer in ihrer Gestalt wird. Anstelle umfassender Identifikationen mit nur einem Bezugspunkt treten viele verschiedene Angebote, die auch gegensächlich und in scheinbar widersprüchlicher Weise verknüpf werden können. So stellt Wippermann fest, dass

[d]er Kern des Problems moderner Identität […] nicht ein Mangel an Identifikationsbereitschaft [sondern] vielmehr die Inflation und Fluktuation der Identifikationen [ist]. Diese sind zunehmend unverbindlich und haben nur temporäre Geltung: man identifiziert sich spontan mit Personen, Gruppen, Institutionen, Ideen, Weltanschauungen oder Lebensstilen, um sich bald wieder von ihnen abzuwenden und sich […] neuen und interessanteren Feldern zuzuwenden. […] Stabil und strapazierbar ist eine Identität […] dann, wenn ihr Pool aus relativ konstanten Inhalten und Formen der Identifikation besteht, die nach innen und außen Sicherheit vermitteln. (Wippermann 1998: 99)

Ebenso kann – muss aber nicht - Religion als Weltanschauung spontan und zeitweilig als „Identitätsbaustein“ angesehen werden. Wird die Religion und das Verhältnis des Einzelnen zu ihr als einer dieser konstanten Inhalte und Formen angesehen, was sich in der Religiosität äußert, kann die Religion durchaus identitätsbildend wirken. Allerdings sind in der modernen, im Westen weitgehend säkularisierten Welt neben die Religion als Identitätsbaustein noch ein breites Angebot anderer Bewerber getreten, die dem Individuum hinsichtlich seiner Identitätsbildung gleichwertige Möglichkeiten einräumen, was den Wert der Religion als identitätsbildenden Faktor stark individuums- bzw. religiositätsabhängig macht. Hartmut Rosa weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass

fraglich zu werden [scheint], welche Identitätsparameter (Beruf, Familienstand, Religion, Ethnie, Musikgeschmack, Kleidungsstil) zur Beantwortung der Identitätsfrage überhaupt relevant sind und wie sie untereinander zu gewichten sein könnten – auch hier lässt sich eine Temporalisierung, Kontextualisierung und Individualisierung der Identität beobachten. (Rosa 2007: 51)

Die Identitätsselbstzuschreibung und Gewichtung der einzelnen Parameter ist also stark vom momentanen Lebenszeitpunkt (Temporalisierung), dem jeweiligen Kontext (Kontextualisierung) und letzen Endes der eigenen Entscheidung (Individualisierung) abhängig (vgl. ebd.). Speziell im Hinblick auf die Religion und die große Konkurrenz der anderen gesellschaftlichen Angebote spricht Wippermann ein anderes Problem an:

Nur soweit es dem Individuum in der modernen Gesellschaft gelingt, sich kognitive, kommunikative und aktive Räume für spezifisch religiöses Handeln und Erleben zu schaffen, […] hat Religion eine realistische Chance, ein konstitutives Element der Identität und eine Quelle für die Regeln der Lebensführung zu sein. (Wippermann 1998: 15)

An dieser Stelle soll noch mal auf die Religionsstile verwiesen werden, die diese Aussage reflektieren. In der folgenden Studie sollen nun diese theoretischen Ansätze auf Fragen für die Leitfadeninterviews hin angewandt und zugespitzt werden.

Qualitative Studie[Bearbeiten]

Diese Studie soll – im Gegensatz zu unpersönlicheren und auf Statistiken beruhender quantitativer Studien – einen persönlichen Einblick des Verhältnisses von Religion und Identität bei Bürgern mit Migrationshintergrund in Augsburg bieten. Als ersten Schritt sollen die angestrebten Ziele bzw. zu erörternden Fragen klargestellt werden, so dass im Folgenden ein Fragenkatalog für die Leitfadeninterviews erstellt werden kann.

Ziele der Studie[Bearbeiten]

Die Ziele bzw. der Hauptuntersuchungsgegensand der Studie soll die Frage bilden, wie das Verhältnis von Identität und Religion von Bürgern mit Migrationshintergrund gesehen wird. Besonders interessant ist hierbei die Frage, ob Religion und Religiosität und vor Allem das Aufeinandertreffen der Religionen überhaupt ein Thema für Migranten ist und in wie weit die „moderne“ Säkularisierung, die bei einem Großteil der Bevölkerung Deutschlands nachzuweisen ist, Einfluss auf die identitätsbildende Funktion der Religion sie hat. Hat gerade der zu Tage tretende Kontrast von westlicher und nahöstlicher Kultur und damit auch deren Religion einen besonders identitätsbildenden Wert im Sinne der Exklusionsidentität und führt somit zu einem höheren Stellenwert der Religion als Identitätsbaustein, oder ist die Akzeptanz der „fremden“ Religion seitens der Bürger mit Migrationshintergrund sowie der ohne einen solchen Hintergrund so weit fortgeschritten, dass dieser Faktor zu vernachlässigen ist? Hinsichtlich dieser zentralen Fragestellung soll im Folgenden ein Fragekatalog für das Leitfadeninterview erstellt werden.

Fragen[Bearbeiten]

Die Fragen sollen sich generell mit den oben genannten Zielen beschäftigen. Zur besseren Übersichtlichkeit, Vergleichbarkeit und Auswertbarkeit sollen fünf Kategorien dienen, die jeweils durch korrespondierende Fragen repräsentiert werden.

Die erste Kategorie soll die Frage nach der Identifikation durch Religion bzw. Religiosität sein und durch Fragen wie „Würdest du dich selbst als religiös bezeichnen?“ und „In wie fern hat deine Religion bzw. deine Religiosität Einfluss auf dich?“ bzw. „Ist deine Religion ein Teil deiner Identität?“ angenähert werden. Dadurch soll zunächst einmal der Stellenwert der Religion im Verhältnis zur Identität und das zugehörige Religiositätsempfinden ausgelotet werden. In einer weiteren Frage in dieser Kategorie, nämlich „Hast du bzw. nutzt du Gelegenheiten über deinen Glauben nachzudenken, darüber zu reden und danach zu leben?“, um zum einen die Frage zu beantworten, ob Religion und Religiosität überhaupt ein Thema ist, sowie eine annähernde Einordnung in die Religionsstile Wippermanns zu ermöglichen.


Eine weitere Kategorie soll die erlebte Religiosität der Eltern bilden, was durch Fragen wie „Welchen Stellenwert hat deine Religion in deiner Familie?“ abgebildet wird. Dadurch soll die Möglichkeit geschaffen werden, einen Rückschluss auf den Einfluss der westlichen Sozialisation im Gegensatz zu den nahöstlich sozialisierten Eltern zu ziehen.


Die dritte Kategorie soll nach der individuellen Sicht der Religiosität der Mitbürger fragen, um einen weiteren Baustein für die Frage nach dem Einfluss der westlichen Gesellschaft auf das eigene Religionsempfinden liefern zu können. Repräsentiert wird diese Kategorie durch Fragen wie „Denkst du Leute identifizieren sich mit ihrer Religion in Deutschland?“ und „Gibt es Unterschiede in der religiösen Identifikation zwischen Migranten und nicht-Migranten?“.


Die vierte Kategorie befasst sich dann mit dem Einfluss der christlich-westlichen Gesellschaft auf die eigene religiöse Identität, durch ganz direkte Fragen wie „Denkst du die christlich-westliche Gesellschaft hat Auswirkungen auf deine eigene religiöse Identität?“. Ebenfalls in diese Kategorie fällt die Frage „Denkst du Migranten identifizieren sich stärker mit ihrer Religion?“ um einen Rückschluss auf die identitätsbildende Kraft der Differenzierung zu anderen Gruppen zu erhalten.


Die letzte Kategorie soll dann durch Fragen wie „Fühlst du dich manchmal ausgegrenzt oder fremd wegen deiner Religion?“ nach Fremdheitserfahrungen und ihren Auswirkungen fragen.

Testgruppe[Bearbeiten]

Als Testgruppe dienten Probanten im Alten zwischen 17 und 19 Jahren des gewerblich-technischen Bildungszentrums (GTB) Augsburg mit Migrationshintergrund und muslimischer Religion.

A[Bearbeiten]

  • Transkription des Leitfadeninterviews: "Probant A"
  • Zusammenfassung:

Probant A ist 19, weiblich, und in "dritter Generation", d.h. in Deutschland aufgewachsen, ihre Eltern jedoch wuchsen in der Türkei auf. Sie bezeichnet sich selbst als sehr religiös, hat und nutzt Gelegenheiten zur Reflexion und Kommunikation in ihrem Glauben. Sie betont auch die Alltagsrelevanz ihres Glaubens, ist daher dem "lebendigen" Religionsstil zuzuordnen. Auch in ihrer Familie nimmt die Religion eine großen Platz ein, wobei jedoch die Eltern nicht als religiöser (oder weniger religiös) empfunden werden. Sie sieht in Deutschland ein großes Spektrum von Religiosität, wobei ihr viele auffallen, die nur noch "auf dem Papier" einer Religion angehören, nicht jedoch danach leben. Jedoch empfindet sie keine Auswirkungen der weitgehend säkularisierten Gesellschaft auf ihre religiöse Identität, die bei ihr sehr stark vom Ich-Idenitätsteil und einer großen Toleranz (und damit auch einer großen Immunität) gegenüber anderen Sichtweisen geprägt ist.

B[Bearbeiten]

  • Transkription des Leitfadeninterviews: "Probant B"
  • Zusammenfassung:

Probant B ist 18, männlich und seit etwa 6 Jahren in Deutschland. Er ist zusammen mit seiner Familie aus dem Irak nach Deutschland gekommen. Er bezeichnet sich selbst als sehr religiös, wobei er sowohl über seinen Glauben reflektiert und kommuniziert, als auch diesen als alltäglich relevant ansieht, was ihn ebenfalls zu einem "Lebendigen" macht. Seine Eltern empfindet er als ebenso religiös, ohne einen Unterschied zwischen den beiden Generationen festzustellen. Auf Grund seiner Religiosität, empfindet er den generellen Stand der Religion in Deutschland als gering. Er führt die vergleichsweise stärkere Religiostität der Migranten auf die Sozialisation zurück (vor Allem Eltern und Schule). Allerdings hat die weltliche Gesellschaft hier nach seinen Aussagen keinen Einfluss auf seine religiöse Identität. Zwar hat er auf Grund seiner Religion durchaus Kontrasterfahrungen gehabt, diese sind aber alle eher positiv verlaufen, und seine stark ausgeprägte Religiosität, sowie seine Prinzipientreue stieß bei anderen auf Interesse und Bewunderung.

C[Bearbeiten]

  • Transkription des Leitfadeninterviews: "Probant C"
  • Zusammenfassung:

Probant C ist 17, männlich und türkischer Abstammung. Sein Vater wurde in der Türkei geboren, ging aber schon in Deutschland auf die Schule. Seine Mutter kam später nach Deutschland. Er selbst ist hier geboren und aufgewachsen, und hat auch eine Koranschule hier in Deutschland besucht. Er bezeichnet sich selbst als religiös, vor Allem im Hinblick auf die Einhaltung der muslimischen Grundsätze der Alkoholabstinenz sowie des Verbots von Schweinfleisch. Seitdem er die Koranschule verlassen hat, nutzt er kaum die Gelegenheit über seinen Glauben nachzudenken oder darüber zu kommunizieren. Allerdings haben die genannten Regeln seiner Religion für ihn eine gewisse Alltagsrelevanz. Seine Eltern empfindet er als ebenso religiös wie er selbst. Auch er findet, dass die Religion in Deutschland einen geringen Stellenwert hat. Allerdings sieht auch er sich nicht in seiner religiösen Identität beeinflusst und bleibt sich selbst treu, selbst wenn ihn Freunde "versuchen". Ebenso denkt er nicht, dass sich Muslime hier in Deutschland mehr mit ihrer Religion identifizieren, sondern dass generell Muslime eher religiös sind. Auch hat er sich nie ausgegrenzt gefühlt, selbst wenn seine Freunde oft Witze über sein Verbot Schweinefleisch zu essen machen, was auch nur im Spaß gemeint ist.

Auswertung[Bearbeiten]

Nach eingehender Studie und Auswertung der Interviews lässt sich im Hinblick auf die fünf genannten Kategorien folgendes feststellen:

Hinsichtlich der ersten Kategorie, die nach der Identifikation mit der eigenen Religion und Religiosität fragt, ist eine große Übereinstimmung zu erkennen. Alle Probanten bezeichneten sich als (sehr) religiös. Vor allem die Alltagsrelevanz des Glaubens wurde besonders betont. Zwei von drei Befragten hatten und nutzen auf die Gelegenheiten im Freundes- oder Familienkreis über ihren Glauben zu sprechen sowie darüber nachzudenken. Demnach kann die Religion als großer Teil ihrer Ich-Identität angeführt werden. Im Hinblick auf Rosas Kriterien der Identitätsbildung lässt sich hier vor allem die Individualisierung herausstellen. Alle Befragten sahen ihre Religion als etwas sehr persönliches an, und tragen diese Einstellung hinaus an Mitglieder anderer Religionen, denen sie mit großer Toleranz begegnen. Interessant ist jedoch, dass der Anteil der kollektiven Idenität bei der Religion bei den Befragten kaum zur Geltung kam. Neben der Familie gab es kaum Nennungen von Glaubengemeinschaften oder kognitiven Abgrenzungen zu anderen Religion(sgemeinschaften). In Verbindung mit der Individualisierung scheint demnach vor allem die Religiosität einen Teil ihrer Identitätsbildung auf der persönlichen Ebene auszumachen, eine Abgrenzung der Religion hinsichtlich der kollektiven Identitätsbildung schein verschwindend gering zu sein.

In der zweiten Kategorie, die der Frage nach dem Veränderungsempfinden der Religiosität von der Elterngeneration zu der eigenen nachging, wurde auch einstimmig ein gleichbleibend starkes Empfinden der Religiosität bezeugt. Die Religiosität in der Familie scheint demnach einen wichtigen Teil der religiösen Inklusions-Identität auszumachen. Die Eltern wurde als ebenso religiös als die nachfolgende Generation beschrieben, ganz im Gegensatz zum generell spürbaren Rückgang der Religiosität in Detuschland. Die Familie als primäre Sozialisationsinstanz scheint hier noch einen großen Einfluss auf die religiöse Identitätsbildung der Kinder auszuüben.

Die dritte Kategorie befasste sich mit der Sicht der Religiosität der Mitbürger. Auch hier wurde mehrheitlich die Annahme eines vergleichsweise niedrigen Stand der Religion sowie einer (soweit erkennbaren) geringen Religiosität eines Großteils der Mitbürger bestätigt. Die Religion schien für die Befragten einen sehr geringen Teil der Identität der Mitbürger auszumachen. Sowohl auf persönlicher, wie auch auf gesellschaftlicher Ebene wurde von ihnen eine geringe Einbettung und Identifizierung mit der Religion erkannt. Soweit Unterschiede in der Religiosität zwischen Bürgern mit Migrationshintergrund und solchen ohne gesehen wurden, wurden diese vor allem auf primäre und sekundäre Sozialisationsinstanzen zurückgeführt. Generell wurden Muslime als gläubiger als ihre nicht-muslimischen Mitbürger angesehen.

Dieser Unterschied in der Gläubigkeit und der identifikation mit der Religion schien aber dann in der vierten Kategorie, die nach dem Einfluss der vergleichsweise weltlichen Gesellschaft in Deutschland auf die religiöse Identiätsbildung der Probanten fragte, kaum signifikante Auswirkungen zu zeigen. Die Religiosität und Religionsverbundenheit der Probanten schien trotz regem Kontakt mit weniger religiösen Mitbürgern und der generell weltlicheren Gesellschaft keine Auswirkung auf deren Identität zu haben. Auch wurde keine gesteigerte Religiosität auf Grund des größeren Kontrast und des Aufeinandertreffens der Religionen festgestellt. Auch hier scheint die kollektive Identität sowie der Eklusionsteil der Identität wenig Gewicht zu besitzen. Jedoch ist die Religiosität der Probanten weniger von Temporalisierung und Kontextualisierung, als vor allem von deren Individualisierung geprägt. Demnach scheint die hohe Gewichtung der religiösen Ich-Idenität, sowie der daraus resultierende geringe Einfluss der religiösen Kollektiv-Idenität für den geringen Einfluss der westlichen Gesellschaft auf die Idenitätsbildung der Probanten verantwortlich zu sein.

Die fünfte Kategorie mit ihrer Frage nach Fremdheitserfahrungen durch die andere Religion bestätigt diese Annahme. Obwohl es durchaus zu Kontrasterfahrungen kam, vor Allem im Freundeskreis, wurde diesen nie scheinbar eine derartige Gewichtung beigemessen, als dass sie in irgendeiner Hinsicht eine Auswirkung auf deren Identitätsbildung gehabt hätten. Im Sinne der kollektive Identität hat die Religion scheinbar weniger gewicht als erwartet.

Fazit[Bearbeiten]

Nach der Auswertung der einzelnen Leitfadeninterviews lässt im Hinblick auf die These, dass die säkularisierte deutsche Gesellschaft einen Einfluss auf die religiöse Identitätsbildung der Jugendlichen mit Migrationshintergrund ausübt, feststellen, dass bei den Befragten eine derartige Tendenz nicht zu verzeichnen ist. Weder wurde die eigene religiöse Identität als negativ durch die Gesellschaft beeinflusst beschrieben, noch schien der Kontrast zur christlichen oder stark säkularisierten Religion gar den Stellenwert der eigenen Identität zu erhöhen. Alle Befragten bezeichneten sich als sehr religiös und Religion wird einheitlich als wichiger Teil ihrer Identität angesehen, über den sowohl nachgedacht, darüber geredet, als auch danach gehandelt wird. Es stellt damit einen großen Teil sowohl der Ich-Identität, weniger als erwartet jedoch einen Teil der Kollektiven Identität als Gruppe dar. Dabei ist die Religiosität als identitätsbildender Faktor mehr im Bereich der Ich-Identität und der Inklusions-Identität anzusiedeln. Die Abrenzung zu anderen Religionen (Exklusions-Identität) ist weniger bestimmend. Wie auch bei deutschen, Christlich-Gläubigen steht die individuelle Religionsauslebung im Vordergrund. Obwohl ihnen die Unterschiede zum Religionsempfinden eines Großteils ihrer (weniger-religiösen) Mitbürger und auch Freunde bewusst ist, hat deren geringeres Religiositätsempfinden keinen Einfluss auf sie ausgeübt. Alle Befragten sprachen sich sich für einen sehr toleranten Religionsbegriff und tolerante Religionsausübung aus und erwarteten diese Toleranz auch von anderen. Auch wenn die Befragten auf Differenzen innerhalb ihres Freundeskreises stießen, sei es beim Alkoholkonsum oder beim Verzehr von Schweinefleisch, blieben sie sich (im Sinne der Ich-Identität) treu. Dieses Aufeinandertreffen unterschiedlicher Sichtweisen wird dabei keineswegs als Problem angesehen, sondern vielmehr von nicht-Muslimen als Bereicherung angesehen und mit Interesse, ja sogar Bewunderung begegnet. Demnach ist vielleicht eher ein Rückschluss auf das in letzter Zeit wieder gestiegene Religionsbewusstsein der deutschen Jugendlichen zurückzuschließen, was allerdings in weiteren Studien zu überüprüfen wäre.

Literaturverzeichnis[Bearbeiten]

Habermas, Jürgen (1968): Thesen zur Theorie der Sozialisation. Stichworte und Literatur zur Vorlesung im Sommersemester 1968.

Kaufmann, Franz-Xaver (1989): Religion und Modernität. Sozialwissenschaftliche Perspektiven. Tübingen: Mohr.

Rosa, Hartmut (2007): "Identität". In: Straub, J et. al. Handbuch interkulturelle Kommunikation und Kompetenz. Stuttgart: Metzler.

Wippermann, Carsten (1998): Religion, Identität und Lebensführung. Opladen: Leske + Budrich.

Ziebertz, Hans-Georg (2006): "Religiosität Jugendlicher. Zwischen Tradition und Konstruktion". In: opus-bayern.de. http://www.opus-bayern.de/uni-wuerzburg/volltexte/2006/1770/pdf/Bayerische.pdf. (24.07.2010).