Benutzer:Lukas Sonnberger

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Lukas Sonnberger[Bearbeiten]

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IPK Sommersemester 10[Bearbeiten]

Café IPK

Name Studiengang vhb Wiki Thema Forschungsland Homepage Video abgeschlossen
Kursleiterin Eva Sondershaus, M.A. Eva Sondershaus [IPK-Zentrale]
Tatiana Germanistik BC Tatiana
Yoon Bo Kyung Deutsche Sprachwissenschaft DaF Bo Kyung
Becker Philipp Lehramt Gym Philipp
Lukas Sonnberger MA DaF Lukas
Johannes Bleimeir Lehramt Gym/MA Daf Johannes
Erika Barabas BC DaF Erika

Thema der Projektarbeit[Bearbeiten]

In multikulturellen Gesellschaften leben Menschen miteinander, die vor dem Hintergrund unterschiedlichster Werte- und Normensysteme aufgewachsen sind. Um ein friedliches Miteinander realisieren zu können, sollte jedes Miglied einer solchen Gesellschaft tolerant sein, und zwar tolerant im interkulturellen Sinn. Diese interkulturelle Toleranz bedeutet, sowohl sich selbst und seine kulturelle Identität zu wahren und zu pflegen, als auch gleichzeitig in der Lage zu sein, die kulturelle Andersartigeit der Mitmenschen zu respektieren, anzuerkennen und von ihr zu profitieren, ohne in das Extrem zu verfallen, die eigene Kultur aufzugeben und sich völlig einer anderen anzugleichen oder die eigene Kultur als überlegene Norm den anderen überzuordnen. Ziel meines Projektes ist es, herauszufinden, inwiefern diese interkulturelle Toleranz von der religiösen Sozialisation abhängt. In anderen Worten: Ich möchte herausfinden, ob durch die religiöse Erziehung - oder durch die Religion im Allgemeinen - ein Konzept der Toleranz vermittelt wird, welches im Alltag mit Mitgliedern aus anderen Kulturen ausschlaggebend dafür ist, inwiefern ein Individuum andere Kulturen akzeptiert und von ihnen profitiert oder vielleicht - im Gegenteil - Vorurteile gegenüber diesen Kulturen hegt.

Den Aspekt der Religiosität erachte ich deswegen als besonders ausschlaggebend und aktuell, vor allem im Bezug auf den Begriff der interkulturellen Toleranz, weil die religiöse Erziehung ein Individuum tiefgehend prägt. Vor allem während der Kindheit werden bestimmte Werte und Einstellungen oft durch religiöse Beispiele vermittelt. Auch im Hinblick auf die Kopftuch-Diskussion an deutschen Schulen wird klar, dass der religiöse Aspekt das Zusammenleben in multikulturellen Gesellschaften nach wie vor nachhaltig beeinflusst.


Mit meiner qualitativen Studie Religionsorientierte Toleranz in multikulturellen Gesellschaften möchte ich folgende These hinterleuchten:


Die religiöse Sozialisation beeinflusst das Entwickeln von interkultureller Toleranz in multikulturellen Gesellschaften


Im Folgenden soll nun in einem theoretischen Teil der Begriff der Toleranz, der an sich schon ein äußerst komplexes Thema darstellt, definiert werden und daraus wiederum eine Definition für Interkulturelle Toleranz abgeleitet werden. In einem zweiten Schritt soll durch eine qualitative Umfrage erforscht werden, inwieweit sich meine Vermutungen, die ich am Ende des theoretischen Teils präsentieren werde, bewahrheiten.

Theorie[Bearbeiten]

Zunächst soll in einem theoretischen Teil versucht werden, den Begriff der Toleranz zu definieren, um auf eine Klärung des Konzeptes Interkulturelle Toleranz hinzuführen. Danach wird der Zusammenhang zwischen Enkulturation, Akkulturation, Interkultureller Toleranz und Religiosität dargelegt.

Der Begriff der Toleranz[Bearbeiten]

Die Problematik des Toleranzbegriffs liegt darin, dass die meisten wissenschaftlich definierten Auffassungen eurozentristisch orientiert sind, und die Toleranzauffassungen von Mitgliedern anderer Kulturkreise nicht beachten. Man spricht dann auch von einem traditionellen Toleranzbegriff. Dieser Toleranzbegriff ist von einem starken Kulturzentrismus geprägt, der sich an der Ausgangskultur orientiert, in der die Toleranztheorie ausgebildet wurde. Diese (oft europäisch verankerten) Meinungen, auf der der traditionelle Toleranzbegriff basiert, wurde oft auch als politisches Instrument dafür benutzt, um die eigenen Meinungen durchzusetzen. Dies muss zwar nicht absichtlich geschehen, ist aber dennoch eine Tatsache: Ausschlaggebend für die Prägung eines Toleranzbegriffs beziehungsweise eines Toleranzkonzeptes sind fast immer westlich orientierte Staaten wie Deutschland oder die USA, die zwar an sich bereit dafür sind, „Dialoge zu führen und Toleranz zu üben“(vgl. Yousefi, Hamid Reza; Braun, Ina, 2005: 235), jedoch sind diese Dialoge und Toleranzideen immer an sich westlich/europäisch geprägt und berücksichtigen keine anderen kulturellen Hintergründe. Durch eine solche formale Toleranz kann aber nur Duldung oder eine Form der Gleichgültigkeit praktiziert werden, die einem interkulturellen Toleranzbegriff entgegensteht. Yousefi spricht in diesem Zusammenhang auch von einer Gehäusetoleranz, die eine Form der Scheintoleranz symbolisiert und im Endeffekt nur auf Arroganz und Duldung, jedoch nicht auf wahrem Verständnis für interkulturelle Unterschiede beruht. Aus einer solchen Gehäusetoleranz heraus entstehen zwangsweise auch nur eingeschränkte interkulturelle Dialoge basierend auf einer reduktiven Hermeneutik, einer Hermeneutik, die das Verstehen einseitig betreibt und nicht ganzheitlich beide beteiligten Sichtweisen mit einbezieht und sich entweder auf das „Verstehen-Wollen“ oder das „Verstanden-werden-wollen“ (vgl. Yousefi, Hamid Reza; Braun, Ina, 2005: 235) beschränkt. Eine solche reduktive Hermeneutik entspringt dem traditionellen Toleranzbegriff und verfährt auf einer kulturzentristischen und kulturhierarchischen Ebene, die einem echten interkulturellen Toleranzbegriff widerspricht.

Ein solcher traditioneller Toleranzbegriff kann vor dem Hintergrund der Vielzahl multikultureller Gesellschaften nicht bestehen: Für den Einbezug einer interkulturellen Fragestellung kommt nur ein erweiterter Toleranzbegriff in Frage (mit einem solchen Toleranzbegriff werden auch andere kulturelle Gemeinschaften berücksichtigt). Aus diesem Grund möchte ich im Folgenden noch zwei Definitionsversuche des Begriffs „Toleranz“ anführen, die sich vom traditionellen Begriff wegbewegen und kulturellen Pluralismus berücksichtigen:

Rainer Forst spaltet in seinem Versuch, den Begriff „Toleranz“ vor dem Hintergrund kulturell pluralistischer Gesellschaften zu definieren, in vier Dimensionen auf. Grundlegend für diese Dimensionen sind verschiedene Parameter, die in einer Gesellschaft existieren und die die Toleranz maßgeblich beeinflussen (Toleranz muss immer in dem Kontext betrachtet werden, in dem sie ausgeübt wird, also in welcher Beziehung die Personen oder Gruppen zueinander stehen; außerdem muss berücksichtigt werden, dass Toleranz sowohl aus Ablehnung als auch aus Akzeptanz entstehen kann. Desweiteren sind der Toleranz Grenzen gesetzt, und sie darf auch nicht erzwungen werden (vgl. Forst, Rainer, 2000: 120-123)). Forst leitet folgende Konzeptionen der Toleranz aus diesen Grundlagen ab:


1. Erlaubnis-Konzeption „Toleranz besteht darin, dass die Autorität der Minderheit die Erlaubnis gibt, ihren Überzeugungen gemäß zu leben, solange sie – und das ist die entscheidende Bedingung – die Vorherrschaft der Autorität oder Mehrheit nicht in Frage stellt.“ (vlg. Forst, Rainer, 2000: 124)

2. Koexistenz-Konzeption Hier ändert sich im Bezug auf die Erlaubnis-Konzeption die Perspektive: es handelt sich um einen wechselseitigen Kompromiss zwischen gleichberechtigten Gruppen, die aus eigenem Interesse Toleranz üben um friedlich koexistieren zu können.

3. Respekt-Konzeption Diese Konzeption geht noch einen Schritt weiter und besagt die wechselseitige Achtung zwischen einander tolerierenden Individuen und Gruppen, die sich als gleichberechtigt betrachten.

4. Wertschätzungs-Konzeption Dieser letzten Konzeption zufolge impliziert Toleranz nicht nur, „die Mitglieder anderer kultureller oder religiöser Gemeinschaften als rechtlich-politisch Gleiche zu respektieren, sondern auch, ihre Überzeugungen und Praktiken als ethisch wertvoll zu schätzen. (vgl. Forst, Rainer, 2000: 129)


Einen erweiterten Toleranzbegriff prägte auch der Religionswissenschaftler Gustav Mensching. Auch er differenzierte den Begriff „Toleranz“ in vier Gebiete (Formale und inhaltliche Toleranz und Intoleranz):


Formale Toleranz (andere Religionen, Kulturen und politische Auffassungen werden geduldet und bleiben unangetastet, jedoch nur aufgrund von Staatsräson)

Formale Intoleranz (Vertreter anderer Kulturen und Überzeugungen werden gezwungen, sich unter eine bestimmte Institution zu unterwerfen)

Inhaltliche Toleranz (positive Wahrnehmung anderer Kulturen und Überzeugungen, es werden in ihnen ernst zu nehmende alternative Lebensauffassungen gesehen)

Inhaltliche Intoleranz (Bekämpfung fremder Kulturen und Überzeugungen, weil man die eigene Wahrheit vehement vertritt und keine andere zulässt)


Um den Toleranzbegriff auf den Aspekt der Interkulturalität zu beziehen und auszuweiten, muss er also neu definiert werden. Denn wenn von dem Standpunkt ausgegangen wird, dass nur die eigene Auffassung der Dinge sinnvoll ist, wird automatisch die Sinnhafigkeit anderer Kulturen negiert: ein Dialog, der von Toleranz geprägt ist, kann also nur dann entstehen, wenn sowohl die eigenen Sichtweisen als auch die Meinung anderer als sinnvoll und wertvoll erachtet werden. Absolutistische Kulturansprüche – der Anspruch darauf, 'die Wahrheit für sich gepachtet zu haben' – muss also überwunden werden, um ein interkulturelles Toleranzkonzept zu entwerfen, das für alle verbindlich und gültig sein kann. Die Etablierung eines neuen, interkulturellen Toleranzbegriffs muss also mit einer Enteuropäisierung und dem Verzicht der Gebundenheit an eine bestimmte Kultur einhergehen.

Wichtig ist, die Begriffe Traditionelle Toleranz und Interkulturelle Toleranz klar voneinander zu trennen, denn wie bisher ersichtlich wurde, ist der erste Toleranzbegriff aufgrund seiner Eigenschaften intrakulturell geprägt, und der zweite muss interkulturell orientiert sein, um seiner Aufgabe gerecht zu werden (vgl. Yousefi, Hamid Reza; Braun, Ina, 2005: 237). Die beiden Toleranzkonzeptionen, die in diesem Abschnitt präsentiert wurden, gehen schon einen wichtigen Schritt in Richtung „Interkulturelle Toleranz“; im Folgenden soll nun eine mögliche Definition dieses Begriffs aufgezeigt werden.

Der Begriff der interkulturellen Toleranz[Bearbeiten]

Hierzu möchte ich eine meiner Meinung nach sehr treffende Adaption Yousefis der Toleranzdefinition der UNESCO im Bezug auf Multikulturalität zitieren:

Die praktizierte Toleranz ist also gerade nicht unvernünftige Duldung, sondern die Vereinigung von Scharfsinn und Großmut. Großmut, weil die Vielgestaltigkeit menschlicher Ordnungen nicht verleugnet, sondern erlebt und anerkannt wird; Scharfsinn, weil erst der Blick über das hinaus, was wir unsere Ideale nennen, uns neue Erkenntnis über uns selbst erlaubt. Von Toleranz kann gar nicht ohne die Einsicht gesprochen werden, dass es zu meiner eigenen Überzeugung auch gültige gleichwertige Alternativen gibt. Je mehr mich meine Überzeugung auf Intoleranz verpflichtet, desto ungleichgewichtiger wird mein Weltbild; je höher ich mich rangiere, desto tiefer fallen die anderen. (vgl. Yousefi, Hamid Reza; Braun, Ina, 2005: 237)

Mit einem solchen interkulturellen Toleranzbegriff wird also versucht, sowohl die kulturellen Unterschiede wahrzunehmen, sie zu akzeptieren und möglicherweise auch von ihnen zu profitieren, als auch mögliche Gemeinsamkeiten in den vielleicht auf den ersten Blick sehr verschiedenen Kulturen zu suchen und so eine gemeinsame Basis zu finden. Aufbauend auf einem solchen Toleranzbegriff kann dann eine interkulturelle Hermeneutik betrieben werden, die im Gegensatz zur klassischen nicht nur das Eigen- und Fremdverstehen untersucht, sondern auch den fremdkulturellen Gegenpart mit einbezieht:


wie verstehe ich mich selbst?

wie verstehe ich das Fremde?

wie versteht das Fremde sich selbst?

wie versteht das Fremde mich?


Ein so motivierter Toleranz- und Verstehensprozess ist meiner Meinung nach in multikulturellen Gesellschaften erstrebenswert, wenn nicht sogar grundlegend, um das Zusammenleben von Mitgliedern unterschiedlicher Kulturkreise möglichst konfliktfrei und als Bereicherung für alle Beteiligten zu gestalten. Angesichts der Tatsache, dass in multikulturellen Gesellschaften eine Vielzahl ethnischer Gruppen zusammenlebt, oft auch in Ballungsräumen und dadurch mit räumlich begrenzten Distanzen zueinander, stellt sich jedoch die Frage, ob das Entstehen interkultureller Toleranz genau aus diesem Grund erschwert wird, möglicherweise resultierend aus einer Art 'Überlastung' durch zu viel kulturellen Input, die die Toleranz- und Verstehensprozesse behindert.

Enkulturation der Mitglieder multikultureller Gesellschaften[Bearbeiten]

Durch die Enkulturation1 in einer bestimmten kulturellen Gemeinschaft, die das unbewusste Hineinwachsen in und sich aneignen von kulturellen Normen, Werten und Gepflogenheiten bezeichnet, ist jedes Individuum mit spezifischen kulturellen Werten und Normen geprägt, die sein Denken, Handeln und Wahrnehmen beeinflussen. Im Hinblick auf die multikulturellen Gesellschaften in der heutigen Welt ist gut nachvollziehbar, dass genau diese Tatsache zu einem Problem werden könnte, weil die meisten Menschen mit Migrationshintergrund in einer kulturellen Umgebung enkulturiert sind, die von der Kultur des Landes, in dem sie jetzt leben, abweicht.

An diesem Punkt stellt sich die Frage, inwiefern die betroffenen Individuen mit dieser Situation umgehen. Es ist einerseits möglich, dass die Akkulturation, die im Gegensatz zur zuvor erwähnten Enkulturation das bewusste Hineinwachsen in eine neue Kultur bezeichnet, in der neuen Kultur problemlos erfolgt, und dass somit eine Integration in die Zielgesellschaft möglich ist. Andererseits besteht auch die Möglichkeit, dass die Integration nicht vollständig erfolgt, weil bestimmte Werte und Normen aus der Heimatkultur beibehalten werden, die möglicherweise in solchem Kontrast mit denen der Zielkultur stehen, dass eine Integration und Akkulturation nicht komplett stattfinden kann.

Bezug zwischen Enkulturation, Akkulturation, Interkultureller Toleranz und Religion[Bearbeiten]

Ein wichtiger Faktor bei der Akkulturation ist der oben genannte Aspekt der Interkulturellen Toleranz. Wenn Menschen in der Lage sind, ihr fremdkulturelles Gegenüber in seiner Andersartigkeit zu akzeptieren und von dieser Begegnung zu profitieren, ohne jedoch ihre eigenen kulturellen Wurzeln zu negieren, kann eine Integration in eine andere Kultur glücken. Um eine Form der Interkulturellen Toleranz entwickeln zu können, bedarf es für jedes Individuum sicherlich einer Vielzahl unterschiedlicher und oft auch unbewusster Faktoren. Ich persönlich sehe jedoch bei einem Großteil der Menschen eine Konstante, die die Entwicklung einer solchen Form von Toleranz maßgeblich beeinflussen kann: die religiöse Erziehung. Während der Phase der Enkulturation erfährt jedes Individuum die Vermittlung spezifischer Werte und Normen. Diese Werte und Normen werden oft durch die Religion selbst oder durch religiöse Beispiele vermittelt, und beziehen sich auch auf den Umgang mit den Mitmenschen oder mit Fremden oder Fremdem im Allgemeinen. Mein Interesse gilt nun folgendem Aspekt: besteht ein Zusammenhang zwischen der religiösen Enkulturation und der Fähigkeit, Interkulturelle Toleranz zu entwickeln? In anderen Worten: beeinflusst die religiöse Erziehung den Einzelnen (bewusst oder unbewusst), wenn er oder sie sich etwas Fremdem oder etwas Neuem öffnen und es in Einklang mit seiner eigenen kulturellen Identität bringen muss?

Diese Überlegung gilt jedoch nicht nur Menschen mit Migrationshintergrund, die ihre unter anderem religiös vermittelten Werte und Normen mit in eine andere Gesellschaft einbringen, sondern auch ihrer Folgegeneration, die beispielsweise durch die Erziehung durch die Eltern auch noch Aspekte der Religion und der kulturellen Sozialisation der Eltern verinnerlichen können.

Bezug des theoretischen Teils auf alltägliche Beispiele in Form von Interviews[Bearbeiten]

Meine theoretischen Überlegungen möchte ich nun durch die Befragung von drei Personen mit Migrationshintergrund untersuchen. Die Probanten stammen aus drei unterschiedlichen Kulturkreisen, und sind mit verschiedenen Religionen aufgewachsen. Nach meiner Hypothese müsste die religiöse Sozialisation der Befragten ihre Sicht auf andere Kulturen maßgeblich beeinflussen, und durch die im Folgenden vorgestellte Befragung soll festgestellt werden, ob auch im Alltag ein Bezug zwischen religiösen Überzeugungen und der Fähigkeit, Mitmenschen aus anderen Kulturen Toleranz entgegenzubringen, besteht.

Um sowohl ImmigrantInnen als auch der Folgegeneration Rechnung zu tragen, habe ich zwei Fragenkataloge entwickelt. Diese Kataloge sind jeweils in drei Themenblöcke gegliedert. Um einen Überblick zu verschaffen, werde ich die Struktur dieser Fragenpools kurz erläutern:


Fragenkatalog für ImmigrantInnen

Der erste Teil thematisiert die Akkulturationsphase in der deutschen Gesellschaft bzw. die Position des Individuums in der Gesellschaft, und soll vor allem als Einstieg in die Thematik dienen. Im zweiten Teil werden wichtige Prinzipien der interkulturellen Toleranz indirekt hinterfragt, beispielsweise die Wahrnehmung des oder der Anderen oder der Umgang mit fremdkulturellen Aspekten. Im dritten Teil wird der Bogen zur Religion geschlagen und es wird hinterfragt, inwiefern ein Zusammenhang zwischen der interkulturellen Toleranz und der Religion bestehen könnten.

Zuletzt bot ich allen ProbantInnen die Möglichkeit, in eigenen Worten zusammenzufassen, ob für sie persönlich ein solcher Zusammenhang besteht, und konfrontierte sie mit einer Definition des Begriffs Interkulturelle Toleranz.


Fragenkatalog für die Folgegeneration

Schon aufgrund der Tatsache, dass Mitglieder der Folgegeneration von ImmigrantInnen in Deutschland enkulturiert sind, ist es offensichtlich, dass dieser Fragenkatalog vom ersten abweicht. Prinzipiell wollte ich aber die gleiche Struktur beibehalten, also fragte ich hier in einem ersten Schritt nach der Phase der Enkulturation und danach, ob die Herkunftskultur der Eltern eine große Rolle im Familienleben spielt – also wird auch hier die Position des Individuums in der Gesellschaft thematisiert. Im zweiten thematischen Block wurde auch hier eruiert, auf welche Art und Weise mit kultureller Andersartigkeit umgegangen wird, und der dritte Themenbereich Religion ist fast identisch mit dem des Fragenkatalogs für ImmigrantInnen, genauso wie die abschließende Frage.


Vorstellung der befragten Personen

Probant 1 ist männlich und türkischer Abstammung. Er ist 21 Jahre alt, und ist in Deutschland geboren und aufgewachsen, ist also ein Mitglied der Folgegeneration. Probant 1 ist Muslim.

Probant 2 ist weiblich und russischer Abstammung. Sie ist 25 Jahre alt, wurde in Russland geboren und lebt mittlerweile seit fast drei Jahren in Deutschland. Probant 2 ist orthodoxe Christin.

Probant 3 ist weiblich und italienischer Abstammung. Sie ist 23 Jahre alt und lebt seit 4 Jahren in Deutschland. Probant 3 ist katholische Christin.

Auswertung der Interviews und Ergebnis[Bearbeiten]

♦ Zusammenfassung der Interviews[Bearbeiten]

Im Folgenden soll ausgewertet werden, inwiefern die Probanten einen festen Platz in der Gesellschaft einnehmen, ob sie interkulturell tolerant sind, und ob sie sich selbst als religiöse Menschen definieren. Diese Fragen dienen dazu, herauszufinden, ob die Befragten interkulturell tolerant sind. In einem letzten Schritt fließt dann die Eigenbewertung der Probanten, ob für sie persönlich ein Zusammenhang zwischen interkultureller Toleranz und religiöser Sozialisation besteht, mit in das Fazit der Befragung ein.


• Probant 1Transkript Probant 1

Probant 1 ist seiner Ansicht nach sehr liberal erzogen worden. Obwohl er vor dem Hintergrund einer anderen Religion aufgewachsen ist, kennt er seit seiner Kindheit auch die wichtigsten christlichen Feste und sagt von sich selbst, ein Stück weit christlich erzogen worden zu sein. Im Familienleben spielte die Herkunftskultur der Eltern keine übergeordnete Rolle, da auch diese sich der deutschen Kultur geöffnet haben. Probant 1 sieht sich also selbst als integriertes Mitglied der deutschen Gesellschaft, was maßgeblich dafür ist, eine differenzierte Meinung im Bezug auf das interkulturelle Zusammenleben bilden zu können.

Im Umgang mit kultureller Andersartigkeit stellt Probant 1 sich und seine Sichtweisen erst einmal in den Hintergrund. Er versucht, durch Beobachtungen des Gegenübers in der Lage zu sein, sich adäquat zu verhalten – er möchte nichts falsch machen und sich so anpassen, dass er dem Mitglied der anderen Kultur gegenüber nicht peinlich ist. Für ihn ist es wichtig, dass verschiedene Kulturen in Harmonie voneinander lernen und profitieren können, aber dass jede Kultur trotzdem die Möglichkeit hat, weiter zu existieren. Diese Aussagen implizieren, dass Probant 1 interkulturelle Toleranz zeigt.

Für Probant 1 spielt die Religion im Umgang mit und beim Verstehen von fremden Kulturen keine Rolle, er bezeichnet sich auch nicht als religiös. Er erinnert sich auch nicht daran, durch religiöse Beispiele das Verhalten gegenüber Andersgläubigen oder Anderen bzw. Anderem gelernt zu haben. Für ihn existiert kein Zusammenhang zwischen interkultureller Toleranz und Religion, seiner Ansicht nach sind die Werte und Normen, mit denen man aufwächst, und vor allem die Umwelt und die Mitmenschen, von denen Verhaltensweisen gelernt werden, ausschlaggebend dafür, ob interkulturelle Toleranz entwickelt wird.


• Probant 2Transkript Probant 2

Für Probant 2 ist das Eintauchen in eine neue Kultur ein positives Erlebnis. Sie versucht sowohl, sich anzupassen, als auch Teile ihrer kulturellen Identität zu wahren. Negative Erlebnisse irritieren sie aber nicht sehr tiefgehend. Mit gewissen Elementen einer fremden Kultur, speziell der deutschen, kann sie sich auch gut identifizieren und übernimmt sie auch. Für Probant 2 ist es eine Tatsache, dass eine Person durch die Begegnung mit einer anderen Kultur reicher wird, dass sich der mentale Horizont dadurch erweitert. Sie kann in bestimmten Situationen auch kritisch gegenüber Verhaltensweisen von Personen aus einem anderen Kulturkreis sein. Auch Probant 2 nimmt also einen festen Platz in der deutschen Gesellschaft ein und verhält sich interkulturell tolerant.

Für Probant 2 spielte und spielt die Religion keine große Rolle im Leben, auch nicht im Kulturkontakt. Sie beschreibt sich selbst zwar als religiösen Menschen, jedoch nicht im repräsentativen Sinn, sondern eher für sich selbst. Die Mitglieder ihrer religiösen Gemeinschaft hält sie zwar prinzipiell für tolerant, gibt aber zu verstehen, dass jegliche Form von Toleranz ihrer Meinung nach nicht von religiösen Ansichten abgeleitet werden, sondern indirekt entsteht. Probant 2 ist der Ansicht, dass alle Formen der Toleranz durch die Gesellschaft vermittelt werden, durch das, was man als Kind und Jugendlicher sieht und verarbeitet und dadurch lernt. Für sie besteht kein direkter Zusammenhang zwischen interkultureller Toleranz und religiösen Grundsätzen. Für sie besteht kein direkter Zusammenhang zwischen interkultureller Toleranz und religiösen Grundsätzen.


• Probant 3Transkript Probant 3

Auch für Probant 3 war es eine positive Erfahrung, Kontakt mit einer für sie fremden Kultur aufzunehmen. Die Andersartigkeit der Umgebung und der Menschen ließ sie auf sich zukommen, hat sich ihr gegenüber geöffnet, gibt aber zu, dass die Umstellung in den ersten Tagen etwas kompliziert für sie war. Probant 3 veränderte sich durch den Kontakt mit der neuen Kultur, und profitierte für sich selbst auch von einigen Eigenschaften, die sie aus dieser übernahm. Für sie ist dieser Vorgang eher indirekt, da es ihr vor allem nach einem Aufenthalt zuhause auffällt, in welchen Aspekten sie sich verändert hat. Die Erfahrungen, die Probant 3 im Ausland machte und noch macht, sind für sie entscheidend für die Entwicklung zu der Person, die sie jetzt ist. Für sie ist es ausschlaggebend, mit der richtigen Einstellung in eine kulturell neue Umgebung einzutauchen, damit eine positive Erfahrung daraus hervorgeht. Neben den positiven Aspekten nahm Probant 3 auch einige Aspekte kritisch wahr, hatte früher ein paar Vorurteile, die sich aber nicht alle bewahrheiteten, oder die zwischenmenschlichen Beziehungen. Aber auch diese Aspekte werden für sie mittlerweile erst dann wieder deutlich, wenn sie eine Distanz zu Deutschland aufgebaut hat und nach einigen Wochen wieder zurückkehrt, sie ist bereits sehr mit der deutschen Kultur vertraut. Genau wie auch Probant 1 und Probant 2 ist Probant 3 interkulturell tolerant und in ihrer gesellschaftlichen Umwelt gefestigt.

Probant 3 unterscheidet für sich persönlich zwischen Religion (der offiziellen Lehre) und Glauben (ihrer persönlichen spirituellen Überzeugung). Was den Glauben angeht, bezeichnet sie sich als religiös; der Glaube hat ihrer Ansicht nach aber nichts mit ihrer Erziehung zu tun. Was Toleranz und Religion betrifft, assoziiert sie hiermit das Prinzip, die anderen so zu behandeln, wie man selbst behandelt werden möchte. Zudem ist sie der Meinung, dass ihr in der Kindheit durch das religiöse Prinzip der Nächstenliebe ein Stück weit das Prinzip der Toleranz nähergebracht wurde.

Probant 3 ist der Ansicht, dass sie die Erziehung weniger beeinflusst hat als ihre eigenen Erfahrungen in fremden Kulturen oder im Allgemeinen. Ihrer Ansicht nach lernt ein Mensch Prinzipien wie (interkulturelle) Toleranz durch sehen und erfahren. Auch für sie besteht kein direkter Zusammenhang zwischen interkultureller Toleranz und religiöser Sozialisation.

♦ Auswertung der Interviews[Bearbeiten]

Alle Probanten verhalten sich nach den Kriterien der interkulturellen Toleranz – sie sind also interkulturell tolerant. Sie sind in der Lage, von einer fremden Kultur zu profitieren, sie nicht zu verurteilen und ihr eine Daseinsberechtigung zuzugestehen: sie treten den Kulturen mit Freude, Interesse und Neugierde entgegen. Gleichzeitig schaffen es die Probanten, ihre eigene kulturelle Identität nicht in den Schatten zu stellen, da sie in der Lage sind, auch Aspekte der fremden und anderen Kulturen und ihrer Mitglieder kritisch zu betrachten. So entsteht ein vernünftiges Zusammenspiel zwischen dem Übernehmen von kulturell neuen Aspekten und dem Behalten von Charakteristika der eigenen kulturellen Wurzeln, die ihre Identität mit bestimmen.

Durch dieses Verhalten sind die Probanten in der Lage, einen gefestigten Platz in der Gesellschaft einzunehmen und ihr eigenes Verhalten auch aus einer gewissen Distanz reflektiert zu betrachten.


Auch was die Religiosität als Grundeinstellung angeht, waren sich die Probanten einig: alle kamen zu der Aussage, dass sie an Gott glauben, also für sich selbst gläubige Menschen sind. Womit sich jedoch keiner der Probanten identifizieren konnte, war die jeweilige religiöse Gemeinschaft als repräsentatives System, also die geistliche, offizielle Lehre an sich.


Keiner der Probanten konnte jedoch eine Verbindung zwischen seinem oder ihrem interkulturell toleranten Verhalten und religiösen Grundsätzen erkennen. Sie sind zwar der Auffassung, dass ihre Religion auf irgend eine Art und Weise Toleranz vermittelt, es besteht jedoch für sie kein praktischer Bezug zwischen dieser Vermittlung von Toleranz und dem Umgang mit fremden Kulturen und deren Mitgliedern im Alltag. Für die Probanten ist es eine Tatsache, dass jedes Individuum sein Verhalten aus der Gesellschaft entnimmt, schon als Kind erfolgt soziale Interaktion, Verhaltensweisen werden imitiert. Es sind ihrer Ansicht nach also die Gesellschaft und die Umwelt, die unser Verhalten auch im Bezug auf die Fähigkeit dazu, interkulturelle Toleranz zu entwickeln, am meisten beeinflussen; die Religion und Grundsätze und Verhaltensregeln, die vielleicht durch sie vermittelt werden, spielen für die Probanten im Hinblick auf die interkulturelle Toleranz nur eine untergeordnete, wenn nicht sogar gar keine Rolle. Anzumerken an dieser Stelle bleibt noch, dass alle Probanten zu diesem Schluss kamen. Es machte also keinen Unterschied, ob sich die Probanten als religiös oder als nicht religiös bezeichneten. In jeder Hinsicht scheint für sie die Gesellschaft einen größeren Einfluss auf das Individuum zu nehmen als religiöse Prinzipien.

Persönliche Evaluation / Fazit[Bearbeiten]

Meine These, dass religiöse Überzeugungen und religiöse Werte das Entwickeln von interkultureller Toleranz bei Menschen, die in multikulturellen Gesellschaften leben, beeinflussen, hat sich im Hinblick auf meine qualitative Forschung nicht bestätigt. Alle befragten Personen kamen einstimmig zu dem Schluss, dass nicht die Religion oder dergleichen im Hinblick auf interkulturelle Toleranz ein Individuum ausschlaggebend beeinflusst, sondern dass die Gesellschaft diesen Part übernimmt, vor allem weil jeder Mensch mehr von seiner täglichen Umgebung, seinen Mitmenschen und sozialen Kontakten geprägt wird als von kirchlichen Werten.

Trotz dieses Ergebnisses würde ich jedoch nicht sagen, dass meine Forschung gescheitert ist. Ich denke nach wie vor, dass es in der Erziehung viele religiöse Parameter gibt, die ausschlaggebend für die spätere Meinungsbildung in Bezug auf fremde Kulturen sind. Ich habe jedoch gemerkt, dass es sich hierbei um ein äußerst komplexes Thema handelt, und dass die Bezüge, die ich versuchte durch Interviews herzustellen, mit großer Wahrscheinlichkeit so indirekt und implizit sind, dass spontan gar kein Zusammenhang zwischen interkultureller Toleranz und religiösen Werten hergestellt werden kann. Ein Indiz, das für diese These spricht, ist vielleicht die Tatsache, dass alle Probanten aussagten, sie glaubten zwar an Gott, jedoch nicht an die offiziellen Lehren der jeweiligen Kirchen. So ist es auch nicht verwunderlich, dass in spontanen Kommunikationssituationen nicht so leicht auf theoretische Lehren der Glaubensgemeinschaften zurückgegriffen werden konnte und diese dadurch auch nicht auf aktuelle, interkulturelle Situationen übertragen werden konnten.

Literatur[Bearbeiten]

♦ Forst, Rainer (Hg.): Toleranz. Philosophische Grundlagen und gesellschaftliche Praxis einer umstrittenen Tugend. Campus Verlag: Frankfurt/New York, 2000.

♦ Yousefi, Hamid Reza; Braun, Ina: Interkulturelles Denken oder Achse des Bösen. Das Islambild im christlichen Abendland. Bausteine zur Mensching-Forschung, Band 8. Bautz: Nordhausen, 2005.

http://www.unesco.de/erklaerung_toleranz.html