Zum Inhalt springen

Endlicher Wahrscheinlichkeitsraum/Beispiele/Einführung/Textabschnitt

Aus Wikiversity

Wenn man eine Münze wirft, so kann Kopf oder Zahl fallen, und es gibt keinen Grund, warum das eine häufiger als das andere eintreten sollte. Bei einem einzelnen Wurf kann natürlich nur ein Ereignis eintreten. Wenn man den Münzwurf oft wiederholt, so kann man im Allgemeinen beobachten, dass die Anzahl der Kopfwürfe in der Nähe der Anzahl der Zahlwürfe liegt. Aber schon die Präzisierung dieser Aussage ist nicht unmittelbar klar. Wenn man beispielsweise 100-mal wirft, und es tritt 47-mal Kopf ein, was heißt das? Die Abweichung von Kopfwürfen zu Zahlwürfen ist immerhin

5347=6,

also jedenfalls größer als bei einem Wurf. Ein sinnvolles Vergleichsmaß ist

47100,

also der Quotient aus der Anzahl der Kopfwürfe und der Gesamtzahl der Durchführungen (Würfe). Dieser Quotient heißt relative Häufigkeit und ist relativ nah an 12. Es ist eine Erfahrungstatsache, dass diese relative Häufigkeit bei wachsender Durchführungsanzahl gegen 12 „strebt“. Diese Aussage ist aber vage und keine Konvergenzaussage. Dennoch ist diese Vorstellung die Motivation für die folgende Begriffsbildung, mit der man wiederum das Verhalten bei oft durchgeführten vom Zufall abhängigen Experimenten erklären und quantitativ erfassen kann.


Zu einer endlichen Menge M nennt man eine Abbildung

f:M0,xf(x),

mit

xMf(x)=1

eine (diskrete) Wahrscheinlichkeitsdichte auf M.

Diese Benennung verwendet man eigentlich nur, wenn man eine wahrscheinlichkeitstheoretische Interpretation beabsichtigt. Statt diskrete Wahrscheinlichkeitsdichte sagt man auch Zähldichte. Unter M sollte man sich die möglichen Ausgänge eines Experimentes vorstellen, wobei f(x) die Wahrscheinlichkeit angibt, dass bei dem Experiment der Ausgang gleich x ist. Das Ereignis x tritt also mit Wahrscheinlichkeit f(x) ein. Die Wahrscheinlichkeit eines Ereignisses wird also durch eine reelle Zahl zwischen 0 und 1 ausgedrückt, bei Wahrscheinlichkeit 0 spricht man von einem unmöglichen Ereignis und bei Wahrscheinlichkeit 1 von einem sicheren Ereignis. Gelegentlich drückt man Wahrscheinlichkeiten auch mit Prozentzahlen aus.


Auf einer endlichen Menge M sei eine diskrete Wahrscheinlichkeitsdichte f:M0 gegeben. Dann nennt man jede Teilmenge  EM  ein Ereignis und man nennt

μf(E):=xEf(x)

die Wahrscheinlichkeit von E.

Ein Element  xM  nennt man auch ein Elementarereignis.


Eine endliche Menge M zusammen mit einer fixierten diskreten Wahrscheinlichkeitsdichte f:M0 und mit der Potenzmenge aller Ereignisse nennt man einen endlichen Wahrscheinlichkeitsraum.


Auf einem endlichen Wahrscheinlichkeitsraum (M,f) heißt die Abbildung

μf:𝔓(M)0,Eμf(E)=xEf(x),

ein endliches Wahrscheinlichkeitsmaß.

Man spricht manchmal auch von einer Verteilung statt von einem Wahrscheinlichkeitsmaß.

Auf einer endlichen Menge sind eine Wahrscheinlichkeitsdichte und ein Wahrscheinlichkeitsmaß äquivalente mathematische Objekte. Die Dichte definiert für jedes Ereignis  EM  das Maß

μ(E)=xEf(x)

und umgekehrt ist durch das Maß über

f(x)=μ({x})

eine Wahrscheinlichkeitsdichte festgelegt.



Wir betrachten die Menge  M={a,b,c,d}  mit der Wahrscheinlichkeitsdichte

f(a)=112,f(b)=16=212,f(c)=14=312,f(d)=12=612.

Es gibt 16 Ereignisse. Die Wahrscheinlichkeit des Ereignisses {b,c} ist beispielsweise

μf({b,c})=f(b)+f(c)=212+312=512,

die Wahrscheinlichkeit des Ereignisses {a,b,d} ist

μf({a,b,d})=f(a)+f(b)+f(d)=112+212+612=912=34.

Eine leere Menge kann kein Wahrscheinlichkeitsraum sein, bei einer einelementigen Menge muss der einzige Punkt die Wahrscheinlichkeit 1 besitzen. Bei einer zweielementigen Menge spricht man von einer Bernoulli-Verteilung.


Es sei  p[0,1].  Die endliche Wahrscheinlichkeitsdichte fp auf  M={0,1}  mit

fp(1)=p

und

fp(0)=1p

heißt Bernoulli-Verteilung.



Lemma  

Es sei (M,μ) ein endlicher Wahrscheinlichkeitsraum.

Dann gelten folgende Aussagen.

  1. Es ist  μ()=0  und  μ(M)=1
  2. Für Teilmengen  FE  ist  μ(F)μ(E)
  3. Für (paarweise) disjunkte Ereignisse Ei, iI, ist
    μ(iIEi)=iIμ(Ei).
  4. Für das komplementäre Ereignis ME zu einem Ereignis E gilt
    μ(ME)=1μ(E).
  5. Für zwei Ereignisse E und F ist
    μ(EF)=μ(E)+μ(F)μ(EF).

Beweis  

Es sei f die zugehörige Wahrscheinlichkeitsdichte.

  1. Die leere Summe ist gleich 0, die zweite Eigenschaft gehört zur Definition einer endlichen Wahrscheinlichkeitsdichte.
  2. Ist klar, da die Werte der Dichte nichtnegativ sind.
  3. Es ist
    μ(iIEi)=xiIEif(x)=iI(xEif(x))=iIμ(Ei).
  4. Folgt aus (3).
  5. Folgt aus (3), da man EF disjunkt in die drei Mengen E(MF), F(ME) und EF zerlegen kann und somit
    μ(EF)=μ(E(MF))+μ(F(ME))+μ(EF)=μ(E)μ(EF)+μ(F)μ(EF)+μ(EF)=μ(E)+μ(F)μ(EF)
    ist.


Die Eigenschaft (2) heißt die Monotonie und die Eigenschaft (3) heißt die Additivität eines Wahrscheinlichkeitsmaßes.