Kurs:Krieg und Propaganda: bis zum 1. Weltkrieg (WS 2015)/Die Filmpropaganda des deutschen Flottenvereins

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Um den Ausbau der Flotte im Deutschen Reich voranzutreiben rief der Staatssekretär des Reichsmarineamtes, Alfred von Tirpitz, im Jahr 1898 den Deutschen Flottenverein ins Leben. Der Verein erkannte bald die Propagandawirkung des Films und setzte entsprechend stark auf dieses Medium.

Geschichte des Deutschen Flottenvereins[Bearbeiten]

Werbung für den Deutschen Flottenverein

Ausgangslage[Bearbeiten]

Die Debatte um den Flottenausbau bestimmte nach der Wende zum 20.Jahrhundert das politische Geschehen in Deutschland. Kaiser Wilhelm II. plante eine umfassende Vergrößerung und Modernisierung der deutschen Flotte. Sein Vorhaben, Deutschland als zweitstärkste Seemacht der Welt zu etablieren stieß jedoch in der Politik wie auch in der Bevölkerung auf starken Widerstand. Um in der Bevölkerung Rückhalt für die Flottenerweiterung zu schaffen und damit Druck auf das Parlament auszuüben gründete Alfred Tirpitz, Admiral im Reichsmarineamt im Jahre 1898 den deutschen Flottenverein.[1].

Gründung und Ausbau[Bearbeiten]

Der im April 1898 gegründete Deutsche Flottenverein (DFV) hatte zunächst die Aufgabe eines weltpolitischen Aktivismus. Mit der Unterstützung des Staatssekretärs des Marineamtes, Alfred von Tirpitz, Politikern, Fachleuten und Vertretern der Schwerindustrie, vor allem Friedrich Alfred Krupp, wurde der DFV zu einem der wichtigsten Projekte seiner Zeit. Durch die großzügige finanzielle Unterstützung der Industrie und den rasant wachsenden Mitgliederzahlen wurde der Flottengedanke und das deutsche Seeinteresse bis ins letzte Dorf populär gemacht. Während der Flottenverein im Jahre seiner Gründung noch 14.252 Einzelmitglieder zählte, hatte er ein Jahr später bereits 269.370. Bis zum Ersten Weltkrieg (1916) stieg die Anzahl der Einzelmitglieder auf über eine Millionen und bewirkte somit das nachhaltigste beeinflussende Phänomen der deutschen Öffentlichkeit. Der deutsche Philosoph und Soziologe Ferdinand Tönnies sprach 1922 von einer erfolgreichen Bearbeitung der öffentlichen Meinung durch den Flottenverein. Um die breite Masse und die Jugend als besondere Zielgruppe noch besser erreichen zu können und eine eigene Korrespondenz mit den großen bürgerlichen Zeitungen herzustellen, kaufte der DFV im April 1990 die bereits bestehende "Allgemeine Marine- und Handels-Korrespondenz" auf und erweiterte die Anzahl der Abonnenten auf ca. 1.000. Der Flottenverein wurde somit - zunächst als reiner Verband Industrieller gedacht - zum ersten großen Beispiel staatlich gelenkter Propaganda.

Das 1989 verabschiedete erste Flottengesetz legte die Zahl der Schiffe auf 17 Linienschiffe, 8 Rüstungspanzer und 35 Kreuzer fest. Das zweite Flottengesetz sah eine Verdoppelung des ursprünglichen Bestandes bis 1917 vor. Deutschland sollte nach Großbritannien die zweitstärkste Kriegsflotte der Welt besitzen. Davon profitierte vor allem die Industrie. Krupp, der mit seiner Firma ein Monopol für Panzerplatten und Schiffsgeschütze besaß, hegte zudem eine große Begeisterung für die Schifffahrt und förderte aktiv die Flottenpropaganda, zumal er in der Politik aktiv war und als Gewinner der Stichwahl im Wahlkreis Essen im Parlament vertreten war. [2]

Erste Erfolge der Propaganda[Bearbeiten]

Mit dem Amtseintritt von Alfred von Tirpitz als Staatssekretär des Reichsmarineamts im Jahre 1897 begann der propagandistische Feldzug der Reichsmarine und des späteren Flottenvereins. Sein Vorgänger, Friedrich Hollmann, konnte die damaligen Forderungen zur Ausweitung der Marine nicht durchsetzen und scheiterte vor der Budgetkommission. Tirpitz hingegen pflegte zunächst eine gute Beziehung zum damaligen Kaiser Wilhelm II. und konnte ihn von der Notwendigkeit eines Propagandaapparates für die deutsche Flotte überzeugen. Mit einer straffen Organisation der Propagandatätigkeit übte er zunehmenden Druck auf den Reichstag aus, gründete und förderte des Weiteren Vereine, organisierte Vorträge und unterstützte Schriftsteller und Verlage. Ein wichtiger Schritt dabei war die Gründung der Marine-Rundschau, die als offizielles Blatt einen Sonderposten vom Reichstag zugestanden bekam. Trotzdem wurde das Budget weiterhin vom Reichstag kontrolliert, allerdings verstand es Tirpitz mit seinen Fähigkeiten im Jahre 1900 eine Aufstockung der finanziellen Mittel genehmigt zu bekommen. In der ersten Hälfte des Jahres 1900 erlebte die Propaganda dann ihren Höhepunkt. Tirpitz nutzte die stetig steigenden Mitgliederzahlen und lies 3.000 Vorträge veranstalten und brachte rund sieben Millionen Bücher und Broschüren raus. Charakteristisch für die Propaganda war, dass sie zwar hohe Forderungen an die Gesellschaft stellte, aber niemals maßlos übertrieb, was die Glaubwürdigkeit förderte. [3]

Im Laufe der Jahre entwickelte sich allerdings eine weitreichende, unkontrollierte Propagandamaschinerie, die in ihren Ausführungen zunehmend radikaler wurde und die Darstellungen der Notwendigkeit einer starken Marine mit aller härte durchbringen wollte. Präsident und Vizepräsident forderten ein höheres Bautempo für die nächsten fünf großen Schiffe bis 1909. Tirpitz stand der zunehmend herrschenden Willkür im Flottenverein skeptisch gegenüber und versuchte mehrere einflussreiche Personen von der Gefährlichkeit einer zu übertriebenen Propaganda zu überzeugen. Kaiser und Reichskanzler waren sich dennoch einig, dass die Marinerüstung im Sinne des vom Flottenverein entwickelten Programms rasch verstärkt werden sollte. Es entwickelte sich eine langjährige Meinungsverschiedenheit, in der Tirpitz die Priorität zunehmend auf die Sicherung des kontinentalen Besitzstandes legte. Das operierende Nachrichtenbüro konnte zwar die guten Beziehungen zu Presse aufrecht erhalten, doch mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges kam es schließlich zum Ausschluss Tirpitz und einer Neustrukturierung der Auslandspropaganda durch den damaligen Marineoffizier und Chef des Nachrichtenbüros Heinrich Löhlein. [4]

Anfänge der Filmpropaganda des Flottenvereins[Bearbeiten]

Vom Papier auf die Leinwand[Bearbeiten]

Der Flottenverein setzte zur Verbreitung seiner Botschaften und Inhalte von Anfang an auf verschiedene Formate. Wichtigstes Organ war zunächst das monatlich erscheinende Magazin "Die Flotte". Parallel hinaus erschien auch wöchentlich unter dem Titel "Überall" eine Illustrierte. Darüber hinaus regte die Vereinsführung ihre Mitglieder auch zur Organisation lokaler Treffen an. Typische Tagesordnungspunkte solcher Veranstaltungen waren zunächst das gemeinsame Singen von patriotischem Liedgut oder der Auftritt eines Orchesters. Zudem standen auch Vorträge auf dem Programm. Dabei wurden oft Fotografien aus dem Marinealltag gezeigt, die vom fachkundigen Dozenten kommentiert wurden. Während diese Veranstaltungen sich unter den Mitgliedern des Flottenvereins durchaus einiger Beliebtheit erfreuten waren über dieses Milieu hinaus selten Besucher zugegen. Die Verantwortlichen sahen daher bald die Notwendigkeit sich anderer Mittel zu bedienen, um Publikum über die Vereinsgrenzen hinaus zu erreichen. Man entschloss sich daher, die Marine selbst als Propagandainstrument zu nutzen. So befahl die Marineleitung unter General Tirpitz im Jahre 1900 einer Division von Torpedobooten den Rhein hinauf bis nach Karlsruhe zu fahren. Damit wollte man den Menschen die Möglichkeit geben, sich selbst ein Bild von den Schiffen und der Technik machen zu können. Unter musikalischer Begleitung und volksfestähnlicher Atmosphäre sollte so die Begeisterung für die Marine auf breiter Front geweckt werden. Der Erfolg dieser Aktion sprach für sich, die Schiffe lockten zahlreich Interessierte an das Rheinufer. In diesem Sinne fragten sich die Verantwortlichen bald, wie man auch der Bevölkerung im Binnenland ein ähnliches Erlebnis bieten konnte. Die Antwort war das Medium des Films, denn in bewegten Aufnahmen der Flotte sah man die authentische Lösung dieses Problems [5].

Premiere des Flottenfilms[Bearbeiten]

Zeitungsannonce des Ortsverbandes Dresden des Flottenvereins zu einem Vortrag mit anschließender Lichbildvorführung

Erstmals zum Einsatz kam der Film als Propagandamedium beim Flottenverein dann tatsächlich fernab von der Küste im heutigen Katowice in Polen[6]. Die dortige Sektion des Flottenvereins hatte in der Vergangenheit mit einer Messe, auf welcher ein echtes Kriegsschiff ausgestellt worden war, zahlreiche Besucher angelockt. Einige Monate später wollte man an diesen Erfolg anknüpfen und eine vergleichbare Veranstaltung ausrichten. Da den Organisatoren jedoch zu diesem Zeitpunkt kein Schiff zur Verfügung stand entschied man sich stattdessen für die Vorfühung von bewegten Bildern. Unterstützung kam dabei von der Deutschen Mutoskop- und Biographen-Gesellschaft, die dem Flottenverein das Filmmaterial und die Projektionstechnik zur Verfügung stellte[7]. Diese erste Filmvoführung des Flottenvereins bestand aus ungefähr 40 bewegten Bildern, die durch ein Bioskop auf die Leinwand geworfen wurden. Gezeigt wurden Szenen von Schiffen der Marine in Aktion, die jeweils durch einen kurzen Vortrag eingeläutet wurden. Die aus heutiger Perspektive eher unspektakulären Vorstellungen wurden vom damaligen Publikum mit Begeisterung aufgenommen. Zwischen dem 3. und 12. März 1901 lockten sie 24.000 begeisterte Besucher in die 19 Vorführungen. Nachdem bereits nach den ersten Vorstellungen deutlich wurde, welchen Eindruck die Bewegtbilder auf das Publikum entfalteten begann man vor der Aufführung Liedbücher mit patriotischem Liedgut zu verteilen, welches das Publikum daraufhin mit Inbrunst anstimmte. Damit wurde klar, welche propagandistischen Möglichkeiten der Film eröffnete. Anders als auf einer Ausstellung konnte man im Film die Schiffe auch im Manöver zeigen. Beim Flottenverein erkannte man, wie die Bilder das Publikum in ihren und somit auch in den Bann der Marine zogen.

Der Film läuft[Bearbeiten]

Der Erfolg der Bewegtbildvorführungen führte alsbald zur drastischen Ausweitung der Vorführungen. Weiterhin in Zusammenarbeit mit der Deutschen Mutoskop- und Biograph-Gesellschaft organisierten die Verantwortlichen des Flottenvereins mehr und mehr Vorstellungen im gesamten Reichsgebiet. Dies geht etwa aus der Vereinszeitschrift "Die Flotte" hervor, welche stolz von immer mehr erfolgten Vorführungen zu berichten weiß. So war im Juni 1902 zu lesen, dass die bis dato abgehaltenen 19 Biographenvorführungen insgesamt 225.000 Besucher anlockten.[8]. Die gleiche Quelle beziffert auch den Erfolg der Vorführungen. So konnte im Rahmen dieser Veranstaltungen 5.000 neue Einzelmitgliedschaften und gar 13.000 neue körperschaftliche Mitgliedschaften verzeichnet werden. Aus diesen Mitgliedschaften zog der Deutsche Flottenverein gleich doppelten Nutzen. Einerseits waren die Mitglieder einfacher für propagandistische Maßnahmen zu erreichen, andererseits stärkten die neuen Mitglieder den Verein durch ihre Mitgliedsbeiträge auch finanziell. Und auch aus den Filmvorführungen lukrierte der Flottenverein bald bedeutende Einnahmen. Einer Schätzung des Branchenmagazins "Der Komet" aus dem Jahr 1902 zufolge bescherten die wöchentlich 100.000 Zuschauer dem Flottenverein jede Woche 50.000 Reichsmark Umsatz.[9]. Die Biographenvorführungen konzentrierten sich aufgrund der aufwändigen und teueren Technik zunächst auf Großstädte. Aus diesem Grund entschied sich das Präsidium des Deutschen Flottenvereins zur Anschaffung von 35mm-Kinematographieprojektoren[10]. Mit diesen wurden auch bald abseits der großen Metropolen Filmvorführungen abgehalten.

Inhaltliche Aspekte und Ziele der Flottenpropaganda[Bearbeiten]

Zielgruppe[Bearbeiten]

Die ursprünglich vom Flottenverein abgehaltenen Vortragsveranstaltungen lockten hauptsächlich Fachpublikum und Zuhörer an, welche den Ausbauplänen der Marine gegenüber sowieso positiv eingestellt waren. Der Flottenverein wollte mit seiner Propaganda aber vor allem auch Menschen außerhalb des ihm bereits wohlgesonnenen Personenkreises erreichen. Besonders interessant waren für den Flottenverein dabei die politischen und wirtschaftlichen Eliten des Landes, mit deren Unterstützung der Ausbau der Flotte besonders effektiv vorangetrieben werden könnte. Um den Meinungstenor auf die eigene Linie zu bringen war es aber auch notwendig, breitere Gesellschaftsschichten zu überzeugen. Insbesondere das Kino schien als geeignetes Medium, um große, heterogene Bevölkerungsschichten zu erreichen[11]. Dies belegt beispielsweise eine zeitgenössische filmsoziologische Studie von Emilie Altenloh aus dem Jahr 1912. Sie untersuchte empirisch das Publikum der Filmtheater in Mannheim und schlüsselte es nach sozialer Schichtzugehörigkeit und Geschlecht auf[12]. Aus den Ergebnissen geht überraschend deutlich hervor, dass das Kino nicht nur vom Proletariat sehr gut angenommen wurde. Vor allem Frauen aus allen Schichten der Gesellschaft waren zu Beginn des 20. Jahrhunderts häufig in den Kinosälen anzutreffen. Dies galt auch für die Kinder aus Familien mit unterschiedlichsten Hintergründen. Dabei richtete sich der Flottenverein auch explizit an den Nachwuchs, so veranstaltete man etwa speziell für Schüler vormittägliche Filmvorführungen mit vergünstigtem Eintritt[13]. Dies geschah nicht ohne Kalkül, wie ein Beitrag in der Vereinszeitschrift aus dem Jahr 1901 zeigt:

„Die Vormittagsvorführungen waren übrigens fast ausschließlich den Schulkindern für ein Eintrittsgeld von 10 Pfenningen gewidmet, und dies hat uns nicht gereut, denn einerseits [...], andererseits machten sie zu Hause auch die Erwachsenen schnell zu Flottenfreunden.“
Die Flotte. Monatsblatt des Deutschen Flottenvereins 4. Jahrgang, Nr. 5, 1901

Inhalt[Bearbeiten]

Aufgrund der Limitierungen, welche die Technik dem Film zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch auferlegte beschränkten sich die ersten bewegten Lichtbilder auf jeweils eine bis wenige verschiedene Szenen [14]. Diese Szenen zeigten zumeist einzelne Schiffe oder Flottenverbände im Manöver. Dabei rückten Details wie etwa der Seegang oder das Abfeuern einzelner Schüsse in den Mittelpunkt. Die Filme waren zumindest anfangs auch allesamt ohne Originalton, und so musste in den Kinosälen für eine entsprechende Geräuschkulisse gesorgt werden. So wurde das Bildmaterial sprachlich von Kommentatoren begleitet während mit mit Geige und Klavier für eine musikalische Untermalung gesorgt wurde. Sogar Geräuschemacher waren zugegen. Der Deutsche Flottenverein veröffentlichte sogar ein Handbuch mit entsprechenden Anweisungen. Diese beinhalteten auch den Tipp, dass man während der Veranstaltung eine leere Tonne bereithalten solle, in die dann mit einem Revolver mit Platzpatronen zu feuern sei[15]. Damit könne man das Kanonenfeuer akustisch sehr authentisch nachahmen.

Filmvorführungen[Bearbeiten]

Die Biograph-Vorführungen, später dann Kinematographische Vorführungen (siehe unten: Projektionstechnik) wurden meist im Rahmen öffentlicher Festvorführungen gezeigt. Diese bestanden aus einem bunten Programm mit Musik, Gesang und Lichtbildvorführungen. Die Veranstaltungen fanden im gesamten Reichsgebiet in jeder größeren Stadt und Provinz statt und lockten regelmäßig tausende von Besuchern an. Laut "Die Flotte" waren es meist zwischen 5.000 und 45.000 Besucher in einem Vorführungszeitraum von jeweils eins bis zwei Wochen. Die Veranstaltungen wurden jedes Mal mit viel Aufwand in der Presse und auf Plakaten beworben und erfuhren so eine Menge an Aufmerksamkeit.

Wirkung[Bearbeiten]

Der Film stellte zum Übergang des 19. in das 20. Jahrhundert ein noch sehr neues Medium dar. Aus diesem Grund löste die Technik alleine bereits Staunen aus. Dies stellten bereits die Brüder Auguste und Louis Lumière fest, als sie am 28. Dezember 1895 erstmals öffentlich einen Film mit dem von ihnen entwickelten Projektor vorführten[16]. Darauf setzte auch einige Jahre später der Deutsche Flottenverein. Das Publikum hatte ganz offensichtlich keine großartigen Erwartungen an eine Handlung im Film. Es ließ sich alleine von der Tatsache beeindrucken, dass sich die Bilder bewegten. Dadurch wurden die einzelnen Bewegungsabläufe nachvollziehbar gemacht. Die Zuschauer, die das Meer großteils nie mit ihren eigenen Augen gesehen hatten, sahen die Bilder von den Schiffen, die majestätisch durch die Wellen steuerten mit großer Ehrfurcht. So schrieb das Monatsblatt des Deutschen Flottenvereins "Die Flotte" im Jahr 1901 euphorisch:

„Der Effekt, welchen das bewegte Wasser, der rollende Pulverdampf, der den Schloten entquellende schwarze Qualm hervorrief, war ein unbeschreiblicher - es sei jedem Leser vergönnt, die herrlichen Bilder selber zu genießen!“
Die Flotte. Monatsblatt des Deutschen Flottenvereins 4. Jahrgang, Nr. 5, 1901

Es war das Kalkül der Verantwortlichen des Flottenvereins, dass sich die Begeisterung des Publikums für die bewegten Bilder auf die allgemeine Unterstützung der Flotte übertrug.

Technik[Bearbeiten]

Produktion[Bearbeiten]

Produktionsfirma: Deutschen Mutoskop- und Biograph-Gesellschaft, eine Tochterfirma der amerikanischen Mutoscope & Biograph Company

Projektionstechnik[Bearbeiten]

Ein Bioskop, wie es ähnlich auch bei 68mm-Biographenfilmvorführungen des Flottenvereins zum Einsatz kam
  • 68mm Biographenfilm

Die ersten Filmvorführungen des Flottenvereins fanden in Zusammenarbeit mit einer Produktionsfirma, der Deutsche Mutoskop- und Biographen-Gesellschaft, statt. Die Projektionsvorrichtung, das Bioskop, verblieb dabei stets im Eigentum der Produktionsfirma. Der Flottenverein musste für Vorstellungen die Geräte inklusive dem Filmmaterial und den Bedienmannschaften von der Filmgesellschaft mieten. Die eingesetzten Bioskope arbeiteten mit 68mm-Film, wobei eine Sekunde Film aus aus 20-30 Einzelbildern bestand. Damit war ein Einzelbild beinahe vier mal so groß wie bei dem ansonsten üblichen 35mm-Film. Dies resultierte in bestechend scharfen Bildern, die von zeitgenössischen Quellen hoch gelobt wurden. Eine Biographenvorführung bestand dabei typischerweise aus 15 bis 25 Laufbildaufnahmen, die sich auf eine Gesamtlaufzeit von insgesamt 15 bis 30 Minuten summierten. Daraus ergab sich eine durchschnittliche Länge von etwas mehr als einer Minute pro Bild.[17]

  • 35mm Kinematographenfilm (ab 1902)

Nicht zuletzt aus Kostengründen entschieden sich die Verantwortlichen des Deutschen Flottenvereins im Jahr 1902 für die Anschaffung von klassischen 35mm-Filmprojektoren. Zusätzlich ermöglichte dies dem Flottenverein, die Filme und die Medienmannschaften selbst zu stellen. Damit löste man sich aus der kostspieligen Abhängigkeit von der Deutschen Mutoskop- und Biographen-Gesellschaft. Die Anschaffung läutete damit das Ende der Biographenvorführungen ein, sodass von diesen im Jahr 1904 nur noch wenige stattfanden[18]. Der 35mm-Film war bezüglich der Bildqualität dem 68mm-Film zwar unterlegen, dies tat dem Erfolg der Vorstellungen jedoch keinen Abbruch.

  • Flotten-Mutoskope

Bei einem Mutoskop werden mehrere fotografische Bilder auf einer Welle befestigt und durch Drehung schnell hintereinander abgespielt. Es entsteht der Eindruck eines zusammengehörenden Films, der durch eine Öffnung an der Oberseite des kleinen Kastens angesehen werden kann. Neben den Biographen dienten auch Mutoskope dem Flottenverein zur Verbreitung von kleineren Propagandafilmen. In der 10. Ausgabe des Monatsblattes "Die Flotte" heißt es 1901:

„Die lebenden Bilder, die der Biograph unter Benutzung starker elektrischer Lichtquellen in übernatürlicher Grösse auf die Leinwand zaubert, bietet in kleinerem Massstabe, aber ebenso naturgetreu das Mutoskop dar. Während aber der Biograph nur unter schwierig zu erfüllenden technischen und räumlichen Voraussetzungen und immer nur auf kurze Zeit einem kleinen Zuschauerkreis vorgeführt werden kann, ermöglicht das Mutoskop es jedem und in jedem Augenblick, sich ein lebendiges Bild von den Einrichtungen unserer [Kriegs-Marine] Kriegs- und Handels-Marine vor Augen zu führen. Neben dieser belehrenden und anregenden Wirkung der Flotten-Mutoskope, deren binnen kurzem an vierhundert, hauptsächlich auf Bahnhöfen, aufgestellt sein werden, gewinnt der Deutsche Flotten-Verein aus ihnen nicht unerhebliche Zuschüsse zur Vereinskasse [...].“
Die Flotte. Monatsblatt des Deutschen Flottenvereins 4.Jahrgang, Nr.10, 1901

Filmografie[Bearbeiten]

Deutsche Mutoskop- und Biographen-Gesellschaft[Bearbeiten]

  • 1900: Manövriren der Kriegsschiffe und Torpedoboote auf hoher See - (Aegir und Odin; Torpedoabschuss; Exerzieren an Geschützen; Mann über Bord)
  • 1900: Vorbeifahrt Unserer Blaujacken
  • 1900: Unsere Marine
  • 1900: Gefechts-Exerzieren auf S.M. Küstenpanzerschiff "Aegir"
  • 1900: Schnellladekanonen an Bord S.M. Küstenpanzerschiff "Aegir"
  • 1900: Probefahrt des Torpedoboot-Zerstörers "Viper"
  • Evtl. identisch: 1901: Das Britische Torpedoboot Viper
  • 1901: Ein Manöver an Bord S.M.S. "Hay"
  • 1902: Unsere blauen Jungen auf der Schanze S.M.S. Kaiser Friedrich III. - (Das Geschwader in Kiellinie bei einer Wendung)
  • 1902: S.M.Y. "Hohenzollern" gefolgt von S.M. Depeschenboot ° "Sleipner" passiert durch die doppelte Kiellinie des I.Geschwaders (1902) - (Auf dem Weg nach Norwegen)
  • 1902: Se. Kgl. Hoheit Prinz Heinrich v. Preussen mit seinem Stabe, Befehle ertheilend auf dem Heck des Flaggschiffes - (Das 1.Geschwader im Hintergrund)
  • 1902: Die Reichstags-Kommission bei der Besichtigung der Kaiserl. Werft in Kiel unter Führung Sr.Ex.v.Tirpitz am 25.6.1902 -(mit Alfred von Tirpitz)
  • 1903: Se. Königl. Hoheit Prinz Heinrich auf der Kommando-Brücke S.M.S. Kaiser Friedrich III während der Übungs-Manöver des I. Geschwaders

Deutsche Bioscope GmbH[Bearbeiten]

  • 1904: Die Kaiser-Yacht Hohenzollern mit Majestät an Bord während des Kaiser-Flotten-Manövers
  • 1906: Kaiser-Flotten-Manöver vor Helgoland
  • 1906: Die Nordlandreise Seiner Majestät des Kaisers - Torpedoschiessen der deutschen Marine
  • 1907: Flotten-Manöver 1907
  • 1907: Bunte Bilder von der deutschen Flotte

Literatur[Bearbeiten]

  • Marco Althaus: „Die Flottenlobby mit dem Propagandakino“, Politik & Kommunikation, Mai 2012, S. 36–37. PDF; 843 KB auf ResearchGate.net
  • Martin Loiperdinger: The Beginnings of German Film Propaganda: The Navy League as traveling exhibitor, 1901-1907. In: Historical Journal of Film, Radio and Television. Band 22, Ausgabe 3, 2002, ISSN 0143-9685, S. 305–313
  • Martin Loiperdinger: Das frühe Kino der Kaiserzeit. Wilhelm II. und die 'Flegeljahre' des Films. In: Jung, Uli (Hrsg.): Der Deutsche Film. Aspekte seiner Geschichte von den Anfängen bis zur Gegenwart. VWT Wissenschaftlicher Verlag Trier, Trier, 1993, ISBN 3-88476-063-7, S. 21–50.
  • Die Flotte. Monatsblatt des Deutschen Flottenvereins, 4. Jahrgang, Ausgabe 5, 1901.
  • Die Flotte. Monatsblatt des Deutschen Flottenvereins, 4. Jahrgang, Ausgabe 10, 1901.
  • Die Flotte. Monatsblatt des Deutschen Flottenvereins, 5. Jahrgang, Ausgabe 8, 1902.
  • Emilie Altenloh: Zur Soziologie des Kinos. Die Kinounternehmen und die sozialen Schichten ihrer Besucher. Schriften zur Soziologie und Kultur Band 3, Jena 1914, ISBN 978-3878778059.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. vgl. Loiperdinger (2002): S. 305f
  2. KUNCZIK, Michael: Geschichte der Öffentlichkeitsarbeit in Deutschland. Böhlau Verlag, Köln, Weimar & Wien 1997, ISBN 3-412-04997-2, S. 106-125.
  3. KAMBERGER, Klaus (1966) : Flottenpropaganda unter Tirpitz: Öffentliche Meinung und Schlachtenflotte (1897-1990), Universität Wien (Diss.) S.12ff., S.111ff.
  4. DEIST, Wilhelm (1976) : Flottenpolitik und Flottenpropaganda: Das Nachrichtenbureau des Reichsmarineamtes 1897-1914, Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart, S.187ff., S.322ff.
  5. vgl. Loiperdinger (2002): S. 307
  6. vgl. Loiperdinger (2002): S. 307f
  7. vgl. Die Flotte (1901)
  8. vgl. Die Flotte (1902)
  9. vgl. Loiperdinger (1993): S. 32
  10. vgl. Loiperdinger (2002): S. 311
  11. vgl. Loiperdinger (1993): S. 26f
  12. vgl. Altenloh (1912)
  13. Loiperdinger (2002): S. 307
  14. vgl. Die Flotte (1901a)
  15. vgl. Althaus (2012): S. 37
  16. vgl. Loiperdinger (1993): S. 22
  17. vgl. Loiperdinger (2002): S. 308f
  18. vgl. Loiperdinger (2002) S. 311

Weblinks[Bearbeiten]

http://www.earlycinema.uni-koeln.de