Kurs:Mittelhochdeutsch/Konrad von Würzburg: Der Welt Lohn

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Konrad von Würzburg: Der Welt Lohn[Bearbeiten]

Textgrundlage für die neuhochdeutsche Übersetzung bildete der mittelhochdeutsche Text nach der Ausgabe von Edward Schröder (Hrsg.): Kleinere Dichtungen Konrads von Würzburg. I Der Welt Lohn. Das Herzmaere. Heinrich von Kempten. Berlin: Weidmannsche Buchhandlung 1924, S. 1-11, der vollständig bei Wikisource unter "Der Welt Lohn" verfügbar ist.


Verse 1 bis 52[Bearbeiten]

Ihr, die ihr die Welt verehrt, hört folgende Geschichte an, wie es einem Ritter erging, der von früh bis spät nach dem Lohn der Welt strebte. Er dachte viel darüber nach, womit ihm das gelingen könne, dass er mit weltlichem Ansehen belohnt würde. Er war wohl im Stande seinen Ruhm überall durch Taten und Worte zu vergrößern. Sein Lebenswandel war so vorbildlich, dass man überall in Deutschland nur das beste von ihm dachte. Er hatte sich vor Makel sein ganzes Leben lang behütet. Er war höfisch gebildet und war weise, schön und besaß alle Tugenden. Alles, womit ein Mann auf Erden hohes Ansehen erwerben soll, das konnte der gebildete Herr sich gut vorstellen und ausdenken. Man sah den Edlen auserwählte Kleidung tragen. Mit Hunden und Falken konnte er gut jagen und tat es häufig, Schach und Saitenspiel, das diente ihm zur Unterhaltung. Wär ihm im Umkreis von 100 Meilen ein Ritterturnier angezeigt worden, dann wäre der tugendhafte Herr bereitwillig dorthin geritten und hätte dort gern um Ruhm und den Preis hoher Minne gestritten. Er war den verständigen Frauen gewogen und hatte ihnen sein Leben lang mit andauernder Beständigkeit so gedient, dass alle edlen Frauen, sein gutes Aussehen lobten und preisten. Wie wir aus den Büchern wissen und ich von ihm geschrieben fand, so wurde der Herr Wirnt von Grafenberg genannt. Er hatte sein ganzes Leben lang weltliche Arbeit verrichtet. Er verlangte still und vor aller Augen nach der Minne.

Verse 53 bis 100[Bearbeiten]

So saß der Hochgelobte in einer Kemmenate, und war mit Freude wohl versorgt, und hatte ein Buch in seiner Hand, darin er Abenteuer von der Minne geschrieben fand. Darüber hatte er dort die Zeit bis zum Abend vertrieben; Seine Freude war sehr groß wegen der angenehmen Geschichten, die er dort las. Da er dort nun so da saß, da kam dorthin eine Frau gegangen, die so war, wie es sein Herz verlangte. Sie war in Vollkommenheit geschmückt und sah so lieblich aus, dass man nie eine schönere Frau gesehen hatte. Ihre Schönheit übertraf bei weitem die aller Frauen, die heute leben. Ein so recht liebliches Kind ist nie von den Brüsten einer Frau entwöhnt worden (?). Ich spreche das bei meiner Taufe, dass sie noch sehr viel schöner war als Venus oder Pallas Athene und alle die Göttinnen, die sich vormals der Minne gedient hatten. Ihr Antlitz und ihr Aussehen waren beide ganz glänzend wie ein Spiegelein. Ihre Schönheit gab so hellen Schein und so wunderbaren Glanz, dass der Saal durch sie erleuchtet war. Die Vollkommenheit hatte an ihr mit ihrer Kunst nicht gespart, sie hatte ihre besten Kräfte auf sie verwandt. Wie man es von schönen Frauen sagt, sie war noch eine Steigerung davon. Es war nie eine schönere Frau auf dieser Erde gesehen worden. Auch war sie schön gekleidet nach voller Würdigkeit. Ihre Kleider und die Krone, die diese schöne Frau auf und an ihrem Körper trug, die waren so kostbar, dass sie sicherlich niemand bezahlen könnte, falls man sie zum Kauf angeboten gefunden hätte.

Verse 101 bis 156[Bearbeiten]

Herr Wirnt von Grafenberg erschrak durch sie in zweifacherweise, als sie geschwebt kam. Da erbleichte er sehr stark durch ihre Ankunft. Es wunderte ihn sehr, wer die Frau sein könnte, die ihn besuchte. Der edle Mann sprang erschrocken und bleich auf und empfing die wunderschöne Frau so schön, wie er es nur konnte. Er sprach aus süßem Mund: "Seid gut willkommen, Herrin! Was ich von vornehmen Frauen gehört habe, das übertrefft ihr alles bei Weitem." Die Frau antwortete ihm höflich: "Mein sehr lieber Freund, es lohne dir Gott! Erschrick nicht so sehr vor mir: Ich bin doch dieselbe Herrin, der du willig jetzt noch dienst und immer schon gedient hast. Auch wenn du vor mir erschrocken stehst, so bin ich doch dieselbe Frau, für die du Seele und Leben schon sehr oft aufs Spiel gesetzt hast. Deine Stimmung sei nicht betrübt, du sollst durch mich hochgestimmt sein. Du bist dein ganzes Leben lang höfisch gebildet und klug gewesen, dein würdiges Leben hat süß und klar nach mir gerungen, gesprochen und gesungen hat es von mir, was es Gutes konnte; du warst immer mein Lehnsmann den abends und morgens, du konntest dir wohl hohes Lob und würdigen Preis verschaffen; du erblütest als ein Blütenzweig im Mai in mannigfacher Tugend, du hast von Kindesbeinen an getragen den Ehrenkranz, dein Sinn war immer lauter und gegen mich immer ganz in Treue ergeben. Hochwürdiger, auserwählter Ritter, ich bin gekommen, dass du nach dem Wunsch deines Herzens meinen Körper von hoher Erlesenkeit beschauen kannst von hinten und von vorne, wie schön ich sei, wie vollkommen. Den hohen Lohn, den reichen Nutzen, den du von mir empfangen kannst für deinen gut gearteten Dienst, den sollst du schauen und erspähen. Ich will es dich gerne sehen lassen, was für ein Lohn dir zukommen soll. Denn du hast mir so gut gedient."

Verse 157 bis 194[Bearbeiten]

Den edlen, tugendreichen Herrn wunderte sehr die Rede dieser Frau, obwohl er sie noch nie zuvor mit seinen Augen gesehen hatte, behauptete diese Frau doch, dass er ihr Diener gewesen sei. Er sprach: "Verzeihung, Herrin, falls ich euch je gedient habe, so weiß ich das jedenfalls nicht mehr. Mir scheint ohne lügen zu wollen, dass ich mit meinen Augen euch gar selten gesehen haben kann. Weil ihr aber mich zu eurem Knecht wünscht, beglückende Herrin, will ich euch mit Leib und Seele bereitwillig dienen, bis ans Ende meines Lebens. Ihr besitzt so hohes Glück und auch so mannigfache Tugend, dass eure Freude spendende Jugend mich wohl reichlich belohnen wird. Wohl mir, dass ich diesen Tag erlebe! Ich freue mich, dass ihr, liebenswerte Frau, meinen Dienst annehmen wollt. An auserwählten Tugenden reiche Herrin, seid gewillt, mir zu eröffnen einen Teil des herrlichen Glücks, dass euch, schöne Herrin, begleitet: Nach welchem Ort nennt ihr euch oder wie werdet ihr genannt, euren Namen und euer Land sollt ihr mir jetzt nennen, damit ich sicher weiß, ob ich bereits einmal von euch gehört habe."

Verse 195 bis 216[Bearbeiten]

Deshalb antwortete ihm die Frau, sie sprach mit wohlgesetzten Worten: "Sehr lieber Freund, so soll es sein. Ich will dir hier gerne meinen vielgerühmten Namen verraten. Niemals sollst du dich deshalb schämen, weil du mir dienst. Mir dient alles, was auf Erden an Schätzen und Besitz ist, ich bin so erhaben, dass Kaiser und Königskinder unter meiner Herrschaft stehen, Grafen, Freiherrn und Herzöge haben ihr Knie vor mir gebeugt und folgen alle meinem Gebot. Ich fürchte niemanden außer Gott, der allein Gewalt über mich besitzt. Die Welt nennt man mich, die du nun schon lange begehrt hast. Dir soll von mir ein Lohn gewährt werden, wie ich dir nun zeigen will. Sieh, ich zeige mich dir."

Verse 217 bis 238[Bearbeiten]

Damit kehrte sie ihm den Rücken zu: Der war überall übersät und bedeckt mit Würmern und Schlangen, mit Kröten und Nattern; ihr Leib war voller Blattern und schlimmen Eiterbeulen, Unmengen von Fliegen und Ameisen saßen darin, ihr Fleisch fraßen die Maden bis auf die Knochen ab. Sie war so ganz unrein, dass von ihrem kranken Leib ein so furchtbarer Gestank ausging, den niemand aushalten konnte. Ihr reiches Seidenkleid wurde übel traktiert: Es war dort in ein sehr armseliges Tuch verwandelt; ihr helles wunderbares Antlitz bekam eine sehr jämmerliche Farbe, gleichsam bleich wie Asche.

Verse 239 bis 258[Bearbeiten]

Hiermit schied sie von dannen. Möge sie von mir und der ganzen Christenheit verbannt sein! Dem edlen und freien Ritter, da er diese Verwandlung sah, eröffnete sofort sein Herz, dass der ganz verloren sei, wer auch immer sich dazu hergeben wollte, ihr zu dienen. Er verließ sofort Frau und Kinder; er befestigte das Kreuz an seinem Gewand und fuhr über das wilde Meer und half dem edlen Gottesheer im Kampf gegen die Heiden. Dort fand man den tugendhaften Ritter beständig Buße tun. Er schaffte allzeit, dass seine Seele, als er starb, gerettet wurde.

Verse 259 bis 274[Bearbeiten]

Nun sollen alle, die jetzt Kinder dieser furchtbaren Welt sind, diese richtige Lehre beachten: Das ist so wahr, dass man es gerne hören soll. Der Lohn der Welt ist endloser Jammer, das sollt ihr alle eingesehen haben. Ich habe das klar erkannt: Wer auch immer in ihren Diensten gefunden wird, dass dem die Freude ganz vorenthalten bleibt, die Gott mit ganzer Beständigkeit seinen Auserwählten bereitet hat.

Ich, Konrad von Würzburg gebe euch allen diesen Rat, lasst die Welt fahren, wenn ihr eure Seele bewahren wollt.

Siehe auch[Bearbeiten]

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