Kurs Diskussion:Geschichte der Orthodoxie

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Von Eusebius zu Hieronymus[Bearbeiten]

§ 3. Die Anfänge und Gattungen der christlichen Geschichtschreibung.

Bähr, Geschiohte der römischen Litteratur. Supplementband. Die christlich - römische Litteratar. I. Abtheilung. Die christlichen Dichter und Geschichtschreiber. Carlsruhe, 1836. 8.

Das Mittelalter ist durch keine bestimmte Grenzlinie yom Alterthum geschieden; lange Zeit laufen beide gewissermaßen parallel nebeneinander her. Das unterscheidende Element ist das Christenthum, welches das antike Wesen zersetzt, und theils yernichtet, theils umformt; dann das Eintreten ganz neuer Völker in die Geschichte, welche nach und nach den Schwerpunkt ihrer Entwickelung zu sich hinüberziehen. Die classisch - heidnische Litteratur gehört einem anderen Gebiete an, und liegt unserer Aufgabe fern; allmählich erstarb in ihr das Leben, und auch die Geschichtschreibung beschränkte sich immer mehr auf Auszüge aus den älteren Werken. Hieran konnte sich natürlich keine weitere Entwickelung anknüpfen. Den vorhandenen Stoff, wie ihn besonders Eutropius zubereitet hatte, faßte zuletzt noch einmal Paulus Diaconus in seiner römischen Geschichte zusammen, und machte ihn durch Verschmelzung mit der Kirchengeschichte für seine Zeit brauchbarer. So ging er in das Mittelalter hinüber, und bildete hier die Grundlage aller Kenntniß der römischen Welt. Aber ungeachtet der christlichen Zusätze und Fortsetzungen blieb doch dieses Werk nur eine todte Masse; die lebendige neue Entwickelung schloß sich an die christliche Geschichtschreibung, welche sich für die veränderte Auffassung und andere Bedürfnisse auch neue Formen erschuf.

Die römische Weltgeschichte konnte den Christen unmöglich genügen, die eigene Geschichte der römischen Republik sie nur wenig anziehen. Ihnen war das Wesentliche in der Weltgeschichte

[41] die Geschichte des Reiches Gottes, der Mittelpunkt lag ihnen in der jüdischen Geschichte, und davon meldeten die Werke der Römer nichts. Daher fand auch Adelperga den Eutrop, welchen Paulas Diaconus ihr zu lesen- gegeben, so ungenügend, und einige Zusätze konnten hier nichts helfen; es mußte eine ganz neue Weltgeschichte aufgestellt werden, die mit dem veränderten Standpunkte im Einklang war, die namentlich auch das hohe Alter der jüdischen Kultur, die spätere Entstehung der heidnischen Staaten nachwies. Um dieses möglich zu machen, kam es vor allem darauf an, das chronologische Verhältniß der heiligen und profanen Geschichte zu bestimmen, um dann eine Verschmelzung der beiderseitigen Nachrichten vornehmen zu können. Diese Aufgabe leiste, nach dem Vorgange des Sextus Julius Africanus, Eusebius (264 — 340); seine zwei Bücher Allgemeiner Geschichte enthielten zuerst in darstellender Form die Chronographie, dann tabellarisch den synchronistischen Kanon. Auf diesem großen Werke beruhen alle späteren Weltchroniken, der Byzantiner sowohl wie des Abendlandes, während zugleich aus seiner Kirchengeschichte das Mittelalter alle seine Kenntniß von den Anfängen dieser christlichen Kirche schöpfte. Dieses letztere Werk hatte für die Lateiner Rufinus bearbeitet und fortgesetzt, die Chronik aber Hieronymus welcher sie zugleich bis 378 fortsetzte.

Diese Chronik des Hieronymus finden wir vollständig oder im Auszug an der Spitze aller umfassenden Chroniken des Mittelalters; er war ihre Grundlage und ihr Vorbild, und dadurch war die knappe Form der annalistischen Aufzeichnung gegeben.

Darstellende Werke aller Art hatten daneben freien Raum, aber um eine übersichtliche Anschauung von dem chronologischen Zusammenhange der Weltbegebenheiten zu erhalten, war diese Form unstreitig die angemessenste, wie man ja auch heut zu Tage der Tabellen zu diesem Zwecke nicht entbehren kann. Sehr dürftig und ungenügend freilich erscheint uns diese Form, wo sie fast allein und ausschließlich zur Ueberlieferung der geschichtlichen Ereignisse verwandt wird, wie dies in den nächsten Jahrhunderten nach Hieronymus der Fall war. Diese ersten magern Fortsetzungen seiner Chronik sind für uns ihres Inhalts wegen wichtig; der Geschichtschreiber der auf römischem Boden angesiedelten deutschen Stämme ist großentheils auf diese dürftigen Quellen angewiesen, für die Entwickelung der Historio-


[42] graphie in Deutschland aber haben sie nur insofern Bedeutung, als durch ihre Vermittelung die unmittelbare Anknüpfung der späteren Chronisten an den Hieronymus möglich wurde.

Bemerkenswerth aber ist bei diesen Chronisten der allen gemeinsame römische Standpunkt, das ängstliche Festhalten am römischen Reich. Uns erscheint gegenwärtig der Gedanke, daß in den neuen Bildungen, den romanischen Staaten, der fruchtbare Keim einer neuen Zukunft enthalten war, als natürlich und naheliegend; damals aber fiel weit mehr die Zerstörung des alten Reiches ins Auge; man sah und beklagte überall nur den Verfall, und wer die Weltgeschichte zu betrachten yersuchte, sah fortwährend nur in dem römischen Weltreich den Träger derselben.

Besonders auffallend tritt das hervor bei dem Bischof Marius von Avenche (Lausanne), der gegen das Ende des sechsten Jahrhunderts so recht mitten in der germanischen Völkerbewegung lebte, und für den doch noch immer das römische Reich die eigentliche Basis, die legitime Herrschaft ist, nach deren Jahren er rechnet, deren Triumphe er feiert Die Siege des Narses über Gothen, Heruler und Franken scheinen für ihn ganz dieselbe Bedeutung zu haben, wie für einen Angehörigen des byzantinischen Reiches.

Mochte das abendländische Römerreich in Trümmer fallen, das morgenländische keinen Schatten von Macht über den Westen besitzen, für die Chronisten ist und bleibt es das Weltreich, der Faden, der sie leitet. Die in das Reich eindringenden deutschen Stämme sind und bleiben Barbaren, wenn auch der Schreibende, welcher jedoch immer der Kirche angehört, selber ihr Landsmann ist. Diese Auffassung beschränkt sich nicht auf diese Zeit, sie bleibt herrschend durch das ganze Mittelalter, denn sie war bedingt durch die seit Hieronymus allgemein angenommene Erklärung von dem Traume des Nebukadnezar, bei dem Propheten Daniel, nach welchem das römische Reich, das eiserne, welches die früheren zermalmt, bleiben soll bis zum Eintritt des himmlischen Reiches. Die Fortdauer desselben war daher außer aller Frage. Demgemäß behandeln auch die späteren Weltchroniken die deutsche Geschichte niemals als etwas neues, selbständiges, sondern nur als eine Fortführung des römischen Reiches; sie führen

[43] nach dem Untergange des westlichen Reiches die byzantinischen Kaiser fort bis auf Karl den Großen und bewahren so eine scheinbare Continuität; wenn sie auch dazwischen die Volksgeschichten episodisch in ihr großes Fachwerk einschalten, wie Ekkehard.

Neben der großen Chronik des Hieronymus gab es nun aber auch noch eine andere, sehr dürftige und compendiarische, welche nur einige Anhaltpunkte zur chronologischen Orientierung gewährte. Sie läßt sich zurückführen auf ein älteres griechisches Werk des Hippolyt von Porto, das bis 254 reichte, ein Werk, welches auch dem Liber Generationum des sogenannten Fredegar zu Grunde liegt. Ueberarbeitet und bis 334 fortgesetzt, bildet es einen Theil jenes merkwürdigen römischen Staatskalenders, den Th. Mommsen in seiner Abhandlung über den Chronographus von 354 ausführlich behandelt hat. Chronograph von 354

Wilhelm Wattenbach: Deutschlands Geschichtsquellen im Mittelalter bis zur Mitte des XIII. Jahrhunderts. Berlin 1858, S. 40 ff.

Vorlage Chronikon: v. Chr.[Bearbeiten]

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