Mach dich schlau am Instrument/Anfang

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Was bringt über 50-Jährige dazu, in den Musikunterricht neu- oder wiedereinzusteigen? Weshalb investiert ein älterer Erwachsener Zeit in Instrumentalunterricht? Was sind Motivatoren bei Stagnation oder Anspannung? Mit diesen Fragen setzt sich dieses Kapitel ebenso auseinander wie mit dem Aspekt des musikalischen Zieles: Was möchte ein Lernender musikalisch erreichen? Die Motivation und Ziele werden sowohl aus der Sicht der Lernenden, als auch aus der Sicht der Lehrenden diskutiert.

Anfang, Motivation und Ziel[Bearbeiten]

Bezugspersonen geben den Anstoss[Bearbeiten]

Mögen Verwandte, Bekannte oder der familiäre Hintergrund noch so unterschiedlich sein, so ist es doch oftmals dieses Umfeld, das den Anstoss gibt, ein Instrument überhaupt erlernen zu wollen: «Mein Vater war Leiter der Knabenmusik Solothurn, da hatte ich das Glück Klarinette zu lernen, aber das Instrument war nichts für mich. Mein Vater hat mir dann eine Flöte nach Hause gebracht – seit ich 13 Jahre alt bin, seit 71 Jahren spiele ich Flöte.» (Herr S., 84, Querflöte).
Nicht nur die eigenen Eltern, auch andere Verwandte bringen sozusagen den musikalischen Stein ins Rollen: «Vor allem meine Tante hat relativ früh gemerkt, dass ich musikalisch bin. Sie hatte ein Klavier. […] So durfte ich Klavier spielen lernen.» (Herr F., 65, Klavier und Kontrabass).
Im Erwachsenenalter sind es Partner oder eigene Kinder, die bei Lernenden den Wunsch nach Musikunterricht auslösen: «C’est après que ma femme ait reprit le piano que je trouvait que c’était une partie de ma vie qui manquait, la musique, la pratiquer – et c’est elle m’a poussé un tout petit peu.» (Herr G., 67, Saxophon). «Ich hatte Mütter und Väter, die kamen in den Unterricht weil ihre Kinder zuerst kamen. Zum Mitspielen. Manchmal gab es dann Eltern die selbständig weitermachen wollten.» (Herr H., 62, unterrichtet Djembe und Palindrum).
Einer Person beim Spielen zuzuhören oder zuzusehen, kann auch ein Auslöser für den Neu- oder Wiedereinstieg in den Unterricht sein: «Ich habe sie [die Lehrperson] bei einem Konzert gehört und es hat mir so gut gefallen, dass ich sie angerufen habe und ihr sagte, dass ich bei ihr Stunden haben möchte.» (Herr G., 72, Geige).

Sehen und Hören, Träume und Wünsche[Bearbeiten]

Das Visuelle spielt für den Musikunterrichtseinstieg neben den Bezugspersonen auch eine Rolle: «Stundenlang habe ich mit vier oder fünf Jahren eine Barpianistin in den Skiferien beobachtet.» (Herr G., 71, Klavier). Der Klang und die Faszination für ein Instrument, aber auch das Hören von Stücken und die Liebe zur Musik sind weitere Faktoren für den Neu- oder Wiedereinstieg in den Unterricht: «Ich war schon immer fasziniert von diesem Instrument und dem Klang.» (Frau G., 63, Klarinette). «Zur Oboe kam ich durch das Oboenkonzert von Mozart.» (Herr F., 65, Klavier, Kontrabass und früher Oboe). «Ich wollte schon etwas mit Musik machen, ich liebe es, singe auch in einem Kirchenchor.» (Frau I., 55, Querflöte).
Neben dem Visuellen und Auditiven sind auch Wünsche, für die man bisher keine Zeit hatte, Motivatoren: «Nach der Hochzeit und mit den Kindern habe ich eine musikalische Pause gemacht. Danach wollte ich ein neues Instrument lernen. Auf der Querflöte spielen zu lernen ist jetzt schon die Erfüllung von einem Traum.» (Frau V., 51, Querflöte). Auch Lehrende erleben, dass Lernende ihre Leidenschaft ausleben möchten: «Nach der Pensionierung möchten Lernende endlich Zeit für die Leidenschaft Musik investieren. Neben dem Üben heisst das auch, überall hinreisen, um Konzerte zu hören.» (Herr B., 39, unterrichtet Klavier).
Gerade nach der Pensionierung, dem Erwachsenwerden oder Auszug der Kinder ist Zeit auch ein wichtiger Faktor für die Entscheidung der Wiederaufnahme oder des Neueinstiegs in den Instrumentalunterricht. «Ich habe jetzt auch mehr Zeit, als vor der Pensionierung.» (Herr R., 73, Fagott). Mehr Zeit zu haben bedeutet zwar mehr Freiraum zu haben, diesen möchte man aber auch sinnvoll ausfüllen: «Ich war viel Zuhause. […] Da habe ich erlebt, wie es einem langweilig sein kann. Man liest, hört Radio, macht alles Mögliche. Plötzlich hat man genug von allem, man ist übersättigt. Und da habe ich gedacht es wäre doch gut, wenn ich mit Klavierspielen die Zeit ausfüllen könnte und dies der Moment zum Wiedereinsteigen ist.» (Herr A., 88, Klavier).
Damit die Motivation aufrecht erhalten werden kann, braucht es manchmal auch Anstösse: «Ich denke, dass man die Motivation gerade bei Erwachsenen hochhalten kann, indem man sie kulturell einbindet. Man kann sie fragen, ob sie an ein Konzert mitgehen, sich Aufnahmen anhören, oder Partituren vergleichen möchten.» (Herr P., 35, unterrichtet Klavier).

Leisten und sich kognitiv herausfordern[Bearbeiten]

Nicht nur die Seele will durch den Instrumentalunterricht genährt sein, auch der Geist soll trainiert und gefordert werden. «Die Motivation für den Kontrabass war, dass ich gewisse musiktheoretische Dinge besser begreifen wollte, z.B. Notation.» (Herr F., 65, Klavier, Kontrabass und Oboe). «Ich habe nach Musik gegriffen. Mein Ziel ist das Studium von Werken, diesen Werken mit meinen Mitteln einigermassen gerecht zu werden.» (Herr G., 71, Klavier). Gerade beim Älterwerden setzt man sich auch wieder mehr damit auseinander, dass man auch geistig nicht einrostet. So erleben auch die Lehrenden, dass Lernende sich noch fordern möchten: «Sie wollen sowohl im Kopf als auch körperlich fit bleiben.» (Herr O., 56, unterrichtet Horn).
Nicht nur im kognitiven Bereich fordern sich die Lernenden heraus, sie wollen auch musikalisch gewisse Ziele erreichen: «Man muss einen gewissen Stand erreichen. Sonst ist es nicht befriedigend. Ich hatte auch das Ziel, gewisse Stücke einmal spielen zu können.» (Herr S., 72, Geige). Auch auf der Seite der Lehrenden ist klar, dass Lernende musikalisch Fortschritte machen möchten: «Sie merken, dass sie nicht weiterkommen und möchten dies ändern, so dass sie nachher auch mit anderen spielen können.» (Frau R., 72, unterrichtet Geige und Bratsche). Ebenso erleben Lehrende, dass eigene musikalische Ziele der Lernenden Motivation für den Musikunterricht geben kann: «Ein Auftritt, aber auch schon eine Probe können stimulierend wirken für das Üben.» (Frau E., 83, unterrichtet Violine).

Geschenke, Inserate und Zufälle[Bearbeiten]

Auch aus mehr oder weniger zufälligen Ereignissen entsteht der Bedarf, in den Musikunterricht neu einzusteigen oder diesen wieder aufzunehmen. «Nach dem Auszug der Kinder blieb das Cello im Haus zurück. Es ist deshalb kein Zufall, dass dies das Instrument der Wahl wurde.» (Frau Z., 62, Cello).
Neben Zuhause vorhandenen Instrumenten, gibt es auch äussere Impulse und Gelegenheiten, die ohne klare Absicht zum Musikunterricht führen. «Ich habe die Musikunterrichtstunden geschenkt bekommen.» (Herr R., 73, Fagott). «Nein, es war kein Traum, es war eher Zufall. Ich wollte einfach etwas machen, und mein Mann unterrichtet Saxophon. Wir hatten dieses Instrument zuhause, und so habe ich angefangen.» (Frau E., 59, Saxophon).
Neben den Zufällen haben auch die Medien ihren Einfluss. So stossen Lernende auch schon mal per Inserat zum Musikunterricht: «Ich sah in der Zeitung ein Inserat für die Bläserklasse, dann habe ich angefangen.» (Frau V., 51, Querflöte).

Wie der Frust der Lust weicht[Bearbeiten]

Neues zu lernen oder einmal Erlerntes wieder aufzufrischen und weiterzuentwickeln ist nicht immer nur einfach. Damit Lernende weiterhin motiviert bleiben, braucht es Fortschritte: «Um die Motivation hochzuhalten sollten Erfolge generiert werden, das heisst wenn Fortschritte greifbar sind, dann übt man, wenn man Rückschritte macht oder stehen bleibt, ist die Motivation relativ schnell flach.» (Herr O., 56, unterrichtet Horn).
Auch wenn es manchmal nur langsam vorangeht, gibt es Möglichkeiten, die Motivation wieder zu wecken: «Bei Schülern, die an ihre Grenzen stossen und deswegen frustriert sind, ist es wichtig, kleine Lernerfolge aufzuzeigen und die Ziele wenn möglich anzupassen.» (Herr T., 45, unterrichtet Violoncello). Es kann aber auch vorkommen, dass den Lernenden der weitere Weg noch genauer aufgezeigt werden muss: «Wenn sie frustriert sind, sagen die Lernenden dies auch. Man muss eine Übung oder eine Lösung finden mit der man das Problem angehen kann, damit es dann doch funktioniert mit den Fingern oder mit dem Atmen. Sie wollen konkrete Übungen haben.» (Herr A., 52, unterrichtet Klarinette und Saxophon).
Es kann auch sein, dass Lehrende ganz andere Wege einschlagen müssen, damit der Frust der Lust weicht: «Und wenn ich merke, jetzt bin ich in einer Sackgasse, dann breche ich halt ab. Eine Lernende ist immer sehr angespannt, aber sie improvisiert sehr gerne. Also sage ich ihr jeweils, dass es nun Zeit sei, etwas zu improvisieren.» (Herr H., 57, unterrichtet Gitarre). Und in manchen Situationen reicht es nicht aus, zu motivieren oder Erfolge zu generieren: «Manchmal muss man etwas einfach aufgeben. Das kommt auch vor.» (Herr H., 57, unterrichtet Gitarre).

Auftreten und begleiten versus für sich selber spielen[Bearbeiten]

Ältere Erwachsene, die Musik machen, können durch diese zu bestimmten Zielen angespornt werden: «Ich möchte pro Jahr 2–3 Konzerte für die Familie geben. Das motiviert mich und ist ein Ziel, das ich erreichen möchte.» (Frau E., 59, Saxophon). «Auftreten und spielen, z.B. das Urner Bodekafi, das geht so schnell – das möchte ich können.» (Frau B., 72, Saxophon). Es gibt sogar Musizierende, die finden, dass Auftritte unbedingt dazugehören: «Ohne Auftritt geht es nicht. Auch im Alter brauchen wir den Anreiz.» (Herr F., 65, Klavier). Um einen Auftritt zu wagen, kann es auch hilfreich sein, wenn die Lehrperson mitspielt: «Und wenn ich spüre, dass sie Lampenfieber haben, dann kann ich sie beruhigen, weil sie merken, dass ich mitspiele.» (Herr H., 62, unterrichtet Djembe und Palindrum). Auftreten und sein Können zeigen kann man auch in einer Gruppe: «Pourquoi pas tout-à-coup jouer avec un groupe, ou trouver quelqu’un qui fait un peu du jazz et puis pouvoir participer.» (Herr G., 67, Saxophon).
Im Gegensatz zu Lernenden, die auftreten oder gemeinsam musizieren möchten, gibt es auch Musizierende, die nur für sich selber spielen wollen: «Klavier spiele ich einfach lieber für mich selber, das ist etwas Privates.» (Frau A., 52, Euphonium und Klavier). Auch Lehrende erleben, dass Neu- oder Wiedereinsteiger nicht auf der Bühne stehen wollen: «Wer erst mit 50 beginnt, will normalerweise nicht mehr auf die Bühne – il va même se gêner d’être sur scène.» (Frau C., 42, unterrichtet Saxophon).

Leistung versus l’art pour l‘art[Bearbeiten]

Sich selber fordern und das Hirn trainieren sind Faktoren, die Musizierende als wichtiges Ziel erachten: «Pour le cerveaux, les deux mains ne font pas la même chose – ça ne peut pas faire de mal.» (Frau D., 69, Klavier). Sich herauszufordern im musikalisch-technischen Bereich nimmt auch eine wichtige Stellung ein: «Dass die einzelnen Töne gut ansprechen, das ist für mich ganz wichtig. Eines meiner musikalischen Ziele ist es, auch technisch anspruchsvollere Stücke zu spielen.» (Herr R., 73, Fagott). Neben den technischen Herausforderungen muss auch die Qualität den Ansprüchen genügen: «Mein Qualitätsanspruch ist extrem hoch. Der ist an sich zu hoch. Ich habe ein gutes Gehör und ärgere mich, wenn ich schief liege.» (Herr F., 65, Klavier, Kontrabass und Oboe). Eine Leistung kann auch sein, Werke besser verstehen zu wollen: «Mein Ziel ist das Studium von Werken. … Wie bringe ich diese Noten zum Klingen? Was ist in der Welt der Noten versteckt? Dem auf die Spur zu gehen und das für mich alleine zu entdecken ist mir wichtig.» (Herr G., 71, Klavier).
Während einige Lernende die Herausforderung brauchen, anderen die Qualität wichtig ist, gibt es auch solche, die einfach musizieren, da sie es gerne machen. «Ich habe nicht das Ziel, eine gute Musikerin zu werden, der Spass an der Musik zählt für mich.» (Frau E., 59, Saxophon). «Ich glaube, dass sie für sich Klavier spielen wollen. Weil sie Freude daran haben, weil sie das Instrument an sich mögen.» (Herr P., 35, unterrichtet Klavier). Es gibt auch Neu- und Wiedereinsteigende, die ganz eigene Anliegen an ihr Musizieren haben: «Ich möchte eines Tages einen Tango spielen können.» (Frau K., 59, Klavier). «Improvisieren, das möchte ich können.» (Herr M., 73, Djembe). Anderen ist es wichtig, dass sie die Stücke selber wählen dürfen: «Also ich habe das Verlangen, dass ich meine Stücke wähle, weil ich sie als schön empfinde.» (Herr R., 73, Fagott). Auch wenn Lernende aus Spass musizieren brauchen sie manchmal Unterstützung, um etwas Neues zu probieren: «Ich muss ihnen manchmal einen Anstoss geben, damit sie zum Beispiel etwas im Freundeskreis, in der Gemeinde oder nur schon den eigenen Kindern vorspielen.» (Frau S., 27, unterrichtet Fagott).

Bereicherung und Hilfestellung für das Leben[Bearbeiten]

Es gibt Lernende, denen nicht unbedingt die Herausforderungen oder die Qualität am wichtigsten sind. Vielmehr ist die Musik etwas, das einem Halt gibt, Spass macht und spezifisch im Alter das Leben erleichtern kann: «Alle Leute sollten so etwas machen, es gibt einem viel im Leben, man kommt über viele Schwierigkeiten hinweg. Es macht Freude und Spass und man kann das Alter besser annehmen.» (Frau B., 72, Saxophon). Lehrende sehen bei den Lernenden auch, dass diese Freude am gemeinsamenen Musizieren haben: «Ihre Motivation ist, dass man es gut hat untereinander. Das ist ganz wichtig. Wenn das nicht stimmt, dann kommen sie nicht lange.» (Herr H., 62, unterrichtet Djembe und Palindrum). Zu schätzen weiss man auch, dass man nicht in die Stunden muss, sondern darf und es keinen Druck gibt: «Ich kann selber bestimmen, wann ich in die Stunden will. Es gibt keinen Druck.» (Frau K., 57, Klavier).

Resümee[Bearbeiten]

Bezugspersonen, die das musikalische Interesse eines Kindes, Partners, Freundes erkennen, geben oftmals den Anstoss dazu, dass Lernende den Musikunterricht (wieder) aufnehmen. Diese Ermutigung kann die Entscheidung für den womöglich lange gehegten Wunsch erleichtern. Jeder Neu- oder Wiedereinsteigende kann aber auch seines eigenen Glückes Schmid sein: So wollen Lernende Versäumtes nachholen oder das vorhandene musikalische Interesse bringt sie dazu, musikalisch aktiv zu werden. Weiter spielen das Kognitive und Zufälle eine Rolle: Man möchte sich herausfordern, Musikwerke besser verstehen, ein Instrument ist Zuhause vorhanden oder man bekommt Unterrichtsstunden geschenkt. Sollte neben der Motivation Frust auftreten, dann sind Tipps und Unterstützung von den Lehrenden gefragt.
So wie es Lernende gibt, die in Gruppen musizieren oder auftreten wollen, gibt es andere, die nicht öffentlich vorspielen möchten. Während einige einfach gerne musizieren, haben andere konkrete Ziele wie z.B. ihre Technik zu verbessern oder komplexe Werke zu spielen. Weiter bereichert das Musizieren das Leben, gibt ihm mehr Inhalt und macht Spass. Die Abstimmung der Ziele von Lehrperson und Lernenden ist dabei von entscheidender Bedeutung, schätzen die Lernenden doch zum einen den nicht vorhandenen Druck, wollen aber andererseits dennoch herausgefordert werden. Motiviert werden können Erwachsene ebenso wie Kinder, indem man sie fordert, aber nicht überfordert. Die Freude über Gelungenes regt zu weiterer Arbeit am Instrument an.


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Ein Forschungsprojekt der Berner Fachhochschule (2015)