Mach dich schlau am Instrument/Auswirkungen

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Im Zentrum dieses Kapitels stehen die positiven und negativen Auswirkungen, die Instrumentalunterricht auf erwachsene Lernende haben kann. Gestützt auf Aussagen der Lehrenden und Lernenden, beginnt das Kapitel mit einem Einblick in die erfreulichen aber auch in die herausfordernden Auswirkungen von Instrumentalunterricht. Danach folgt eine kurze Zusammenfassung (Resümee) der bevorzugten Elemente, um möglichst viele positive Auswirkungen ermöglichen zu können.

Auswirkungen von Musikunterricht[Bearbeiten]

Positive Auswirkungen[Bearbeiten]

Glücksgefühl und Auszeit[Bearbeiten]

Dass Musizieren beim Instrumentalunterricht ein Glücksgefühl auslösen kann, darüber sind sich Lernende und Lehrende einig: «Das Spielen gibt Sicherheit und das Gefühl, dass doch alles schön ist. Das Gefühl haben, dass es Sinn hat, dass man etwas Schönes machen kann.» (Frau S., 27, unterrichtet Fagott). Oder sehr kurz zusammengefasst: «Der Lernerfolg erzeugt Glücksgefühle.» (Herr T., 45, unterrichtet Violoncello). Obwohl es für viele Studierende nicht selbstverständlich ist, im beschäftigten Alltag Zeit für die Probe oder den Unterricht zu schaffen, bereitet genau diese «Auszeit» viel Freude: «Vor dem Proben denke ich manchmal, ich will nicht, ich bin müde, aber während dem Proben heisst es geniessen, abschalten und Batterie wieder aufladen.» (Frau I., 55, Querflöte). «Wenn ich zurückkomme bin ich glücklich, wie in einer anderen Welt, beim Musizieren kann ich gut abschalten.» (Frau E., 59, Saxophon). Die Effekte solcher Gedankenpausen gehen über das Musikalische hinaus: «Während der Probe kann ich von allem, was mich sonst beschäftigt, abschalten. Danach habe ich für andere Sachen wie Beruf oder Familie mehr Energie. So wie ein anderer joggen geht, mache ich Musik.» (Frau V., 51, Querflöte). Für manche Lernende hat das Spielen auch eine starke emotionale Bedeutung. «Klavier reguliert meine Stimmung. Am Klavier kann ich mich ausdrücken, Trauer, Freude. Ich kann immer wieder in die Musik flüchten. Manchmal suche ich mich selbst, und in der Musik finde ich mich.» (Herr G., 71, Klavier). Manchen gibt der Unterricht auch einen Halt: «Häufig ist das Fagott meine Rettung: wenn es mir nicht so gut geht, dann ist es sehr wichtig und ein guter Begleiter.» (Herr R., 73, Fagott).

Selbstermächtigung und Stärkung kognitiver Fähigkeiten[Bearbeiten]

Menschen die im späteren Alter Musikunterricht besuchen, haben manchmal viele Jahre darauf gewartet und erfahren den Unterricht als eine Form der Selbstermächtigung. «Du hast es vielleicht jahrelang nicht gemacht, weil du keine Zeit, kein Geld, irgendetwas nicht hattest, und plötzlich hast du die Freiheit: ‹Ich mache etwas für mich›» (Herr H., 62, unterrichtet Djembe). Der Unterricht und vor allem die Erfolgserlebnisse können dann den Selbstwert steigern: «Mein Selbstbewusstsein hat zugenommen. Ich spiele Stücke, die nicht einfach sind und habe einen gewissen Stolz. Nach vierzig Jahren habe ich wieder Fortschritte gemacht.» (Frau A., 63, Cello). Lernende beschreiben den manchmal anstrengenden kognitiven Prozess, etwas Neues zu erarbeiten, und unterstreichen die Zufriedenheit bei Erfolg. «Ich lerne sämtliche Werke auswendig. Das ist eine harte Arbeit. Das braucht viel, aber ich bin hoch erfreut, wenn ich es kann.» (Herr G., 71, Klavier). Auch andere Lernende betrachten den Unterricht als Stärkung ihrer kognitiven Fähigkeiten. «Ein Gedächtnistraining? Ja, sowieso, mit den Noten.» (Frau B., 72, Saxophon). «Die Herausforderungen am Instrument halten mich sicher lebendig und haben einen positiven Einfluss auf das Älterwerden.» (Herr R., 73, Fagott).

Soziale Kontakte[Bearbeiten]

Zusammen mit anderen musizieren zu können, ist das Ziel für viele Lernende. Eine Lehrperson bringt es so auf den Punkt: «Alles, was wir machen, machen wir, damit wir mit anderen spielen können. Das ist das Ziel des Ganzen.» (Frau R., 72, unterrichtet Geige). Dieses Ziel und den positiven Effekt des Zusammenspiels erwähnen auch diverse Lernende: «Miteinander musizieren macht zufrieden und glücklich.» (Frau A., 52, Euphonium). Der eigentliche Unterricht ist dabei ein Mittel zum Zweck, übergeordnetes Ziel ist klar das Zusammenspiel mit Anderen: «Der Musikunterricht hat eher, das ist jetzt nicht negativ gemeint, eine Trainingsfunktion. [...] Das Zusammenspiel ist mir sehr wichtig! Ich habe auch (das) Gefühl, dass es mir wirklich Freude gibt. Also wirklich richtige Glücksgefühle.» (Frau P., 60, Fagott). Der soziale Aspekt geht aber über das gemeinsame Musizieren hinaus. Vor allem beim Gruppenunterricht, in Musikkapellen oder Orchestern geht es auch um die Erweiterung des Freundeskreises, oder darum, neue Leute kennenzulernen. «Das Soziale ist ein zentraler Aspekt. Ich habe einen unglaublich grossen Freundeskreis bestehend aus Musikern. Das bereichert mich wahnsinnig». (Herr G., 71, Klavier). Damit können altersbedingte Verluste teilweise kompensiert werden: «Man verliert ja viele Freunde und es ist sehr wertvoll, in andere Kreise zu kommen.» (Frau B., 72, Saxophon). Im Gruppenunterricht sollte aber die soziale Gruppenzusammensetzung ausgewogen sein. Das sei bei älteren Schülern sogar noch wichtiger als bei Kindern, findet eine Lehrperson: «Die Chemie muss wirklich stimmen.» (Herr W., 62, unterrichtet Saxophon).

Körper fit halten – auch im Alter[Bearbeiten]

Viele ältere Lernende und Lehrpersonen erfahren, dass Musizieren einen positiven Einfluss auf den Körper hat, und haben das Gefühl, es könnte sogar gewissen Altersbeschwerden vorbeugen. Bei Blasinstrumenten kommt dazu noch der entspannende Effekt einer beherrschten Atmung: «Durch die tiefen Töne, wenn man lange Töne aushält und einfach tiefe Töne bläst, sind die meisten nachher viel lockerer.» (Frau S., 27, unterrichtet Fagott). Auch die Ausdauer wird gestärkt: «Regelmässig spielen ist gut für die Kondition. Das merke ich schon nach einigen Wochen Ferien, wenn die Kondition zurückfällt.» (Frau E., 59, Saxophon). Körperliche Gebrechen können gemildert werden oder machen sich jedenfalls kaum bemerkbar: «Ich habe einen Herzfehler, aber ich könnte stundenlang blasen: das hält mein Herz in Schwung!» (Frau B., 72, Saxophon). Auch andere sind sich sicher, dass das Üben körperlich viel Gutes bewirkt: «Ich bin überzeugt, dass das viel ausmacht. Dass man von den Noten in die Koordination der beiden Hände und der Finger umsetzt, das ist ein unheimliches Training.» (Herr S., 72, Geige). Auch die Körperhaltung spielt mit: «Die Körperhaltung kann einem die gute Laune wieder geben» (Frau S., 27, unterrichtet Fagott).

Negative Auswirkungen[Bearbeiten]

Frustriert durch zu hohe Selbstansprüche[Bearbeiten]

Für die meist gelassenen Lernenden ist Frustration kein Thema, weil sie sich realistische Ziele setzen. Für andere können irrational hohe Selbstansprüche für Druck sorgen. «Wenn ich vorspiele, bekomme ich Lampenfieber und dann spiele ich viel schlechter.» (Frau P., 60, Fagott). Manchmal müssen Ziele auch zurückgesteckt werden: «Manchmal muss ich einsehen: das liegt nicht drin. Das muss ich akzeptieren, denn meine Ansprüche sind enorm hoch. Ich würde daran zerbrechen.» (Herr G., 71, Klavier). Es kommen durchaus auch Gedanken des Aufgebens zur Sprache: «Es gab Probleme, dass ich gewisse Sachen nicht hinbekommen habe und dass ich deswegen aufgeben wollte.» (Herr R., 73, Fagott). Gleichzeitig wird erzählt, dass Wege gefunden wurden, mit solchen Situationen umzugehen: «Wenn es nicht geht, lege ich es weg und versuche es später noch mal. Ich weiss wie ich entgegenwirken kann, damit Frust nicht aufkommt.» (Frau V., 51, Querflöte).

Unzufrieden mit dem Unterricht[Bearbeiten]

Es war unter den befragten Lernenden selten, aber es kommt vor: Lernende, die mit dem Unterricht oder der Lehrperson dermassen unzufrieden sind, dass sie sich verabschieden und wechseln, oder sogar aufhören. Bei solch einem Entscheid standen stets die didaktischen und nicht die musikalische Fähigkeiten der Lehrperson zur Debatte: «Der Lehrer hat nicht gerne unterrichtet. Ich spürte keine Empathie. Es war immer eine mühsame, trockene Sache, und deshalb habe ich auch das Fagott an den Nagel gehängt.» (Herr R., 73, Fagott). Die Unterrichtsmotivation der Lehrperson wird dabei sehr genau wahrgenommen: «Also der erste Lehrer, der hat viel gespielt, er war ein Profi. Aber er hat nicht so wahnsinnig gern unterrichtet. Dann habe ich zu dieser jungen Frau gewechselt, die wirklich Freude am Unterrichten hat. Das ist ein eindeutiger Unterschied.» (Frau P., 60, Fagott).

Körperbeschwerden & Altern[Bearbeiten]

Bei manchen älteren Lernenden tauchen auch körperliche Beschwerden auf. Dabei ist sowohl seitens der Lernenden als auch der Lehrpersonen einiges an Flexibilität gefragt. «Man übt und übt und es geht einfach nicht. Man kann die Finger nicht so weit auseinander halten, oder gewisse Umstellungen gehen nicht» (Herr S., 72, Geige). Frau I., 55, die Querflöte lernt, tun manchmal die Finger und Schultern weh. Der beste Umgang mit diesen Körperbeschwerden, finden die Befragten, ist Akzeptanz und Flexibilität: «Da muss ich mir mit der Lehrerin dann etwas anderes überlegen» (Herr F., 65, Klavier).

Resümee[Bearbeiten]

Insbesondere für ältere Lernende gilt, dass es für viele eine Mutprobe darstellt, im Alter noch etwas Neues anzufangen. Lehrende können die Motivation ihrer Schülerinnen und Schüler unterstützen, indem sie diesen Prozess würdigen. Die Selbstermächtigung der Lernenden, im späteren Alter noch Musikunterricht aufzugreifen und Neues zu lernen, sorgt für Spass und Selbstvertrauen. Die meisten Lernenden – aber keineswegs alle – geniessen den sozialen Austausch, egal ob es um ein Orchester oder das Üben mit Anderen geht. Auch das Zusammenspiel mit den eigenen Lehrpersonen sowie weiteren Musikerinnen und Musikern trägt viel zu den positiven Erlebnissen bei. Dieser Austausch kann besonders von den Unterrichtenden angeregt werden. Wenn auch jeder Mensch in jedem Alter unterschiedliche Bedürfnisse hat, wird man sich gerade im späteren Alter dieser Bedürfnisse bewusster. Manche ältere Lernende erwarten vom Musikunterricht konkrete Herausforderungen, während bei anderen die Entspannung an erster Stelle steht. Bei den letztgenannten kann eine Pflicht zum Vorspielen oder ein Konzert ein grosser Stressfaktor sein, während andere durch Vorspiele in geeignetem Rahmen besonders motiviert werden können. Eine Anpassung des Unterrichts, abgestimmt auf jeden individuellen Lernenden – ob älter oder jünger – erhöht die Zufriedenheit im Unterricht. Speziell nri älteren Lernenden mit körperlichen Beschwerden ist es wichtig, dass Lehrpersonen diese nicht überspielen. Manche Lernende stellen dabei an sich selbst extrem hohe Qualitätsansprüche. Wenn es Lehrpersonen gelingt, solche unrealistischen Ziele durch die Lenkung des Blicks auf andere Qualitätsmerkmale sachte zu korrigieren, führt das zu weniger Frustration. Bei erwachsenen Lernenden gilt im Besonderen, dass die Investition vieler finanzieller und zeitlicher Ressourcen einen bewussteren Umgang mit der allgemeinen Zufriedenheit bewirkt. Bei Unstimmigkeiten oder Missverständnissen auf der Beziehungsebene kann es im schlimmsten Fall zu einem Wechsel der Lehrperson kommen.


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Ein Forschungsprojekt der Berner Fachhochschule (2015)