Benutzer:Cethegus/Philosophie

Aus Wikiversity
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Sitzungen ab 16.6.2010

Einführung[Bearbeiten]

Die meisten Teilnehmer dieses Workshops haben dem ersten SLO-Workshop zu Philosophie teilgenommen und dabei Philosophen von Thales bis Rawls behandelt sieh hier.

Sie haben beschlossen, von jetzt ab eher frage-orientiert vorzugehen. Dabei hat die Darstellung von R. Precht: Wer bin ich und wenn ja wie viele?[1][2] für die Fragestellungen anregend gewirkt. Sie wird zur begleitenden Lektüre empfohlen. Im Übrigen möchte ich auf Diskussion und Links hinweisen.

Die Einteilung in Lektionen denke ich mir in etwa, wie folgt:

  1. Wahrheit, dabei auch Habermas
  2. Anthropologie
  3. Gehirn, Ich, (Gefühle, Unterbewusstsein)
  4. 16.6.: Unterbewusstsein, Unbewusstes, Freud
Differenziertere Vorplanung: Was ist das Ich?
Versuch, die Aussagen der Neurophysiologie und der Psychoanalyse für uns in eine Synthese zu bringen
Zu Neurophysiologie: Text von Franz
zu Freud: http://web-philosophen.mixxt.info/networks/wiki/index.sigmund%20freud
5. Willensfreiheit/Freiheit; Gerechtigkeit
6. Liebe, Glück, Gott

Und jetzt noch ein ganz kurzer Überblick über unsere Fragen mit ersten Antworten.

Was kann ich wissen?[Bearbeiten]

"Ich weiß, dass ich nichts weiß."

"Und sehe, dass wir nichts wissen können ..." (Faust und andere)

"Drittens wirst du dir den Satz des Protagoras merken, daß der Mensch das Maß der Dinge ist. Denn mit dem Sinn mißt er das Sinnenfällige, mit der Vernunft das durch die Vernunft Erkennbare, und was über dem durch die Vernunft Erkennbaren ist, berührt er im Überschreiten." Nikolaus von Cues, Über den Beryll [1488] (Hamburg: Meiner 31987), 7 [Kap. 5]

Wiki:Cethegus: Was ist Wahrheit

Was ist Wahrheit?[Bearbeiten]

»Von Anaximander (611-545 v. Chr.) ist der Satz erhalten: „Ich schreibe, was meines Erachtens die Wahrheit ist; denn die Überlieferungen der Griechen scheinen mir zu zahlreich und zu lächerlich." Und schon ist das Wahrheitsproblem entstanden, hat bald viele Ausprägungen angenommen und uns nicht mehr verlassen.«(Riedl, Strukturen)

Literatur

Es gibt einige ;-) Literatur über Versuche, Ordnung in die Wahrheiten zu bringen,

z.B. Herbert Huber "Was ist Wahrheit?"- Überblick zu aktuellen Wahrheitstheorien, veröffentlicht in Aufklärung und Kritik 1 (2002). 96–103[3] oder

Dr. Michael Schmidt-Salomon, Was ist Wahrheit? Das Wahrheitskonzept der Aufklärung im weltanschaulichen Widerstreit [4] oder

Die Geschichte des philosophischen Begriffs der Wahrheit, Markus Enders und Jan Szaif (Hg) (kann man nach kostenloser Anmeldung im Volltext lesen bei PaperC) [5]

Überblick

»In der modernen Debatte um den Wahrheitsbegriff können wir grob zwei Lager voneinander unterscheiden. Auf der einen Seite stehen diejenigen Philosophen, die geltend machen, daß der Begriff der Wahrheit ein wichtiger, ein tiefer, ein unentbehrlicher oder ein substantieller Begriff ist, ein Begriff jedenfalls, um den es sich zu kämpfen lohnt. Innerhalb dieses Lagers können wir weiter diejenigen Philosophen, die sich einer realistischen Auffassung der Wahrheit verschrieben haben, von denjenigen unterscheiden, die für eine epistemische Analyse dieses Begriffs eintreten. Die alethischen [alethisch - auf die Wahrheit bezogen] Realisten glauben, daß Wahrheit als eine Beziehung zwischen Sprache und den Gedanken, die sie ausdrückt, und der Realität erklärt werden muß. Sie sind gewöhnlich auch Anhänger der klassischen Korrespondenztheorie der Wahrheit, deren zentrale These besagt, daß eine Aussage genau dann wahr ist, wenn es eine Tatsache gibt, der sie korrespondiert, und falsch, wenn es eine solche Tatsache nicht gibt. Dagegen versuchen die Befürworter epistemischer Analysen den Begriff der Wahrheit durch ein epistemisches Begriffsrepertoire, durch solche Begriffe wie Verifizierbarkeit oder gerechtfertigte Behauptbarkeit oder Rechtfertigbarkeit unter idealen Bedingungen, zu definieren.

Auf der anderen Seite stehen Philosophen, die behaupten, daß die Vertreter des ersten Lagers sich schwer täuschen, daß sie im Grunde einer Schimäre nachjagen, wenn sie glauben, Wahrheit habe eine zugrundeliegende Natur, eine Natur, die epistemisch oder ontologisch oder semantisch analysiert werden könnte. Die Vertreter des zweiten Lagers stellen die radikale Behauptung auf, daß Wahrheit kein substantieller oder explanatorisch relevanter Begriff ist, kein Begriff, der eine interessante Eigenschaft oder eine interessante Relation ausdrückt. Wahrheit ist ihnen zufolge vielmehr ein rein formaler Begriff. Sie plädieren für eine „deflationistische“ oder „minimalistische“ Analyse der Wahrheit.»[6]

Bei meinem Versuch, mit Euch, meine lieben Philosophinnen und -sophen, das Wahrheitsproblem in der Philosophie zu sichten, folge ich Erwin Schrödinger: «Wenn wir unser wahres Ziel nicht für immer aufgeben wollen, dann dürfte es nur den einen Ausweg aus dem Dilemma geben: dass einige von uns sich an die Zusammenschau von Tatsachen und Theorien wagen, auch wenn ihr Wissen teilweise aus zweiter Hand stammt und unvollständig ist – und sie Gefahr laufen, sich lächerlich zu machen.»

Ich stütze mich (sehr frei) als Basis meiner Strukturierung auf einen Vertreter der Evolutionären Erkenntnistheorie(EE), Karl Eibl [7] Dabei ziele ich auf eine Erläuterung der Frage:

Was machen wir, wenn wir nach Wahrheit suchen?[Bearbeiten]

Menschen, da Lebewesen, orientieren sich. Orientieren richtet sich an Attraktoren aus, die bewertet/beurteilt werden, ob sie gut/passend sind. Dazu benutzt der Mensch sein Wissen. Wissen hat verschiedene Grade der Güte/Brauchbarkeit. Wahrheit ist ein Gütekriterium für Wissen.

Wissen kommt aus verschiedenartigen Quellen: phylogenetisch - kulturell - Erfahrungswissen - Einbildung/Illusion - Wissenschaft. Tugendhat - Herleitung der Rationalität als außerkommunikativer Sprachgebrauch - die Menschen denken sich die Dinge aus, um sie für die verschiedenartigen Entgegnungen in der Kommunikation zurechtzumachen. Hier wird Wahrheit zum Geltungskriterium. Güte und Geltung schaffen Sicherheit der Prognose. Sie richten sich gegen jeden Verdacht des Scheins, der Täuschung und des Betruges (Werbung/Propaganda/Lüge).

Alle Mittel, die zur tendenziellen Beseitigung des Scheines (der Einbildung), der Täuschung (der Sinnestäuschung) und des Betruges (der Lüge) kennen das Prädikat 'wahr'.

  • Das Erkennen hält die Einbildung in Schach; Wahrheit ist aber nicht das Erkannte (Wissen), sondern die Wahrheit "...ist vielmehr zu allererst etwas Praktisches, eine Haltung: Sie ist das, wozu man steht. Und man steht zur Wahrheit so, wie man zu seiner Moral steht." Pfaller (Illusion ,S.19)
  • Die Täuschung braucht den Perspektivwechsel, d.h. Objektivität. Die erreichen die Menschen dadurch, dass sie in der Weise nach der Wahrheit suchen, dass sie sich selbst los werden. (Arne Gron) (Subjekt-Objekt-Problem)
  • Die Einschätzung der wahren Absichten, die andere Menschen mit ihrem Tun verfolgen, kann mit formalen Mitteln nicht erfolgen. Aber der Mensch wird von andern Menschen verdächtigt, dass er nicht nur spricht, sondern auch denkt, d.h. möglicherweise nicht 'meint', was er sagt. Die Realität des Denkens ist allen die Realität des Verdachts, der sich notwendigerweise beim Betrachter einstellt, der den sprechenden Anderen beobachtet. Das Denken ist ein Name für die Gefahr der Täuschung, Irreführung, Verstellung, die der Andere ständig ausstrahlt. (Boris Groys) Psychoanalyse, Analytische Philosophie (und Ontologie - für den Fall, dass dem Sein subjektive Absichten zugeschrieben werden) sind Versuche, den Verdacht zu verwalten

A) Die ganze Wahrheit Bei der >ganzen Wahrheit< geht es nicht um eine Eigenschaft von Sätzen, sondern um eine Korrespondenz von Mikrokosmos und Makrokosmos, Innewerden der eigenen Seinsbestimmung, Entbergung des Seins im Kunstwerk und ähnliche wertvolle Sachverhalte. (Eibl:). Wahrheit bekommt Dingcharakter, und zwar den Charakter eines verborgenen Dings, zu dem man nur durch besondere Methoden, am besten eine Offenbarung oder Einweihung, Zugang gewinnt. Da kann man dann sagen (oder glauben): »Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.« (Johannes 14,6) Letztlich will ein solcher Wahrheitsanspruch soviel und sowenig sagen wie: Meine/unsere Lebens- und Weltkonzeption ist die richtige. Das Leben ist voll mit Situationen, in denen man sich nicht allein an geprüften wahren Sätzen orientieren kann, sondern zu Grundüberzeugungen greifen muss. Da Menschen sich ständig in ihrer Welt zurechtfinden müssen, sind sie in ständigem Zeitdruck, Antworten/Erklärungen für ihre Situation zu finden. Grundüberzeugungen liefern Fertiglösungen und verringern Angst.

B) Wahre Sätze Hier geht es um die Wahrheitsdefinition(en): Unter welchen Voraussetzungen kann man Sätze als wahr bezeichnen? Wahr sind für uns Sätze dann, wenn sie (a) zu unseren Erkenntnissen/Erfahrungen passen - wenn sie (b) zu unseren Erwartungen/Theorien passen - (c) wenn sie zu den Erfahrungen unserer Mitmenschen passen. (Die Gewichtung dieser drei Ebenen von Wahrheitsprüfung ist situationsabhängig).

a) Korrespondenz-Theorie: Aussagen sind dann wahr, wenn sie mit den Tatsachen übereinstimmen. Im Alltag verlassen wir uns gewöhnlich auf diese Definition.

b) Kohärenz-Theorie. Aussagen sind dann wahr, wenn sie sich mit anderen Aussagen vertragen. Die Verträglichkeit kann vernünftigerweise festgestellt werden, setzt also auf die A-priori-Richtigkeit der Vernunft

c) Konsens-Theorie: Aussagen sind wahr, wenn ihr alle relevanten Gesprächsteilnehmer zustimmen. Das Gespräch (der Diskurs) muss allerdings ideal (d.h. ohne Täuschungsabsichten, Idiotien u.ä.) geführt werden, wo bei die idealen Gesprächsteilnehmer bestimmen, wer sonst ein idealer Gesprächsteilnehmer ist.

Was kann die Philosophie über die Wahrheit wissen[Bearbeiten]

Was kann die Philosophie über die Methoden sagen, mit denen Menschen ihr Wissen gewinnen, sammeln und archivieren? (Das Problem der Induktion, der logischen Schlüsse, der Verallgemeinerung/Kategorien.)

Was kann die Philosophie sagen über die Methoden der Bedeutungsübertragung und Bedeutungsverschiebung mit Hilfe der Sprache? (Das Problem des typischen Beispiels/Exempel, biogene Aporien/Irrtümer, Metaphern.)

Was kann die Philosophie sagen über die Verwaltung des eigenen Zweifels, über die Methode, um zu einer vollständigen Evidenz der eigenen Vorstellung und des eigenen Denkens zu gelangen? (Das Problem mit dem Verdacht, dass sie Dinge in ihrem Inneren anders sind, als sie sich uns zeigen.)


Für Einstein war die Frage, was ein Mann sieht, der neben einem Lichtstrahl einherläuft, die treibende Kraft für die Entwicklung der speziellen Relativitätstheorie. Welche heuristische Frage könnten wir uns stellen, um eine Antwort zu finden auf das philosophische Wahrheitsproblem?

B. Russell: Der Philosoph ist leider nicht im Besitz einer besonders feinen, nur ihm zu Gebote stehenden Erkenntnismethode, die ihn in die Lage versetzen könnte, unser gesamtes Alltagswissen von höherer Warte aus zu beurteilen. Alles, was von ihm erwartet werden kann, ist eine kritische Prüfung und Säuberung dieses Wissens aufgrund der diesem Wissen selbst innewohnenden Kriterien – eine Untersuchung also, welche nach denselben Regeln verfährt, wie der gesunde Menschenverstand sie unbewußt auch anwendet, nur mit dem Unterschied, daß der Philosoph bei der bewußten Nachprüfung der Ergebnisse mit mehr Sorgfalt und Genauigkeit zu Werke geht.

In der Halbleiterindustrie beklagt man seit Jahren seit das “verification gap” : heutzutage müssen ca. 70% der Forschungs&Entwicklungs-Kosten für einen Elektronic-Chip nicht für den eigentlichen Schaltungsentwurf, sondern für die Verifikation, d.h. die Qualitätssicherung des Entwurfs, aufgewandt werden. Trotz der enormen Kosten ist der Erfolg der Verifikation eher bescheiden: In jedem ASIC-Projekt kommt es durchschnittlich 1.7 mal zu der Situation, dass die schon eingerichtete Fertigung gestoppt werden muss, weil sich der ASIC als fehlerhaft erweist, und die Fertigungsunterlagen abgeändert werden müssen. Das Hauptarbeitspferd der Verifikationsingenieure (sic!) ist immer noch Simulation. Fast genauso alt wie die Klage über das verification gap ist der Traum, dass formale Verifikation das Gap schließen könne, oder doch zumindest helfen könne, es weniger stark klaffen zu lassen. Aber mit kombinatorischer Äquivalenzverifikation wird nur nachgewiesen, dass die Nutzfunktion erhalten bleibt. Es wird nicht nachgewiesen, ob die Nutzfunktion richtig im Sinne einer Spezifikation ist. Ich finde hier eine eine spannende Parallele zu den Versuchen in der Philosophie, das "verification gap" mit Wahrheitsdefinitionen zu schließen: "Entweder ist ein Schluss korrekt; dann ist er zwar wahrheitskonservierend, aber nicht gehaltserweiternd. Oder aber er ist gehaltserweiternd; dann haben wir keine Gewähr dafür, dass die Konklusion wahr ist, selbst wenn alle Prämissen richtig sind." (Stegmüller)


Wahrsprechen nach Michel Foucault[Bearbeiten]

Vier Formen des Wahrsprechens[Bearbeiten]

»Ich glaube, daß seit der griechischen Kultur das wahrsprechende Subjekt diese vier möglichen Formen annimmt: Entweder ist es Prophet, Weiser, Fachmann oder Parrhesiast.« Michel Foucault: Mut zur Wahrheit[8]

  • Das Wahrsprechen des Propheten: Er ist das Sprachrohr Gottes/ der Zukunft. Seine Worte sind rätselhaft, sie müssen interpretiert werden.
  • Das Wahrsprechen des Weisen: Er ist Sprachrohr von dem, was der Fall ist. Seine Rede ist apodiktisch. Der Weise spricht aus sich selbst, nichts verpflichtet ihn, zu sprechen.
  • Das Wahrsprechen des Lehrenden/Fachmann: Der Lehrende besitzt erlerntes und in eigener Praxis erworbenes Wissen (Techne). Er sieht sich in der Pflicht, sein Wissen weiterzugeben. Seine Rede ist fachmännisch.
  • Das Wahrsprechen des Parrhesiasten: Der Parrhesiast enthüllt seinem Gesprächspartner - oder hilft ihm zu erkennen - was er selbst ist. Seine Rede ist polemisch. Er fühlt sich verpflichtet, die Wahrheit deutlich zu sagen, das Risiko der Zurückweisung und Verfolgung einzugehen. Sokrates ist Parrhesiast.
Über Foucaults "Wahrsprechen"[Bearbeiten]

Thomas Assheuer zu Foucaults Darstellung der Auffassung von Wahrheit als Wahrhaftigkeit und Wahrsprechen (Thomas Assheuer: "Seid furchtlos, Bürger", in: ZEIT Nr.18, 29.4.2010):

"Politisch gesehen, ist Parrhesia der »Freimut« vor der Macht; ethisch betrachtet, ist es der »Freimut« vor sich selbst, die Selbstbindung des Einzelnen und die Anstrengung, dem Leben eine Bestimmung zu geben – so wie Sokrates, der genau die Lehre lebt, die er öffentlich verkündet. Man sieht, Parrhesia ist ein zweipoliger Begriff. Mal meint das »Wahrsprechen« eine Form von Selbstbeglaubigung und zielt auf eine »Ästhetik der Existenz«, die nicht nur ästhetisch, sondern auch moralisch ist, weil sie die anderen Polis-Bewohner gleich mit verändern soll. Dann wiederum meint Parrhesia den Mut des Bürgers, sich öffentlich ins Spiel zu bringen und etwas aufs Spiel zu setzen. In beiden Fällen ist das »Wahrsprechen« eine demonstrative Distanz zum Allgemeinen und markiert einen heilsamen Abstand zu gesellschaftlichen Denkroutinen, zu Üblichkeiten, Opportunitäten und Mehrheitsmeinungen. Das »Wahrsprechen« stört das Konzert der Lüge und der Heuchelei, es bekämpft die Pest der Anpassung und die Epidemie des Vorurteils. [...]

Ohne »Wahrsprechen« bleibt auch die Demokratie eine leere Form. Einlässlich diskutiert Foucault den Einwand antiker Philosophen, Demokratien könnten nicht zwischen Wahrheit und Unwahrheit unterscheiden und liefen Gefahr, nur das als Wahrheit zuzulassen, was die Mehrheit für die »Wahrheit« hält. Foucault teilt diese elitäre Skepsis und gibt ihr eine überraschend egalitäre Wendung. Er bindet das Gelingen der Demokratie an Freimut und Selbst sorge und sagt: Je mehr Parrhesia, je furchtloser die Bürger vor sich und den anderen nach der Wahrheit fragen, desto vitaler ist ihre Polis. [...] Foucault bewundert die Kyniker für das Ideal des »unverborgenen Lebens«, das sich in Armut, Würde und Einsamkeit der Welt entgegensetzt und jede öffentliche Demütigung als Zeichen ihrer höheren Auserwähltheit versteht. »Der Kyniker ist ein Amtsträger der Menschheit im Allgemeinen, er ist ein Amtsträger der ethischen Universalität.« [...]

Foucault hat eine beinahe vitalistische Furcht vor der »Schließung« der Moderne, vor einer Gesellschaft, die den Streit um die Wahrheit erstickt und deren Bürger nicht mehr »souverän« sind, sondern gleichförmige Produkte medialer und politischer Macht."


vgl. auch Th. Schäfer: Der Gefängnisphilosoph, ZEIT Nr.52, 2002

Wahrheit vom Standpunkt der Praxis der Regierung des Selbst und der anderen[Bearbeiten]

"Mit dem Begriff der parrhesia, der ursprünglich in der politischen Praxis und der Problematisierung der Demokratie verwurzelt ist und dann auf den Bereich er persönlichen Ethik und der Konstitution des moralischen Subjekts abgeleitet wurde, mit diesem im Politischen verwurzelten und auf das moralische abgeleiteren Begriff haben wir die Möglichkeit, um es sehr schematisch zu sagen, die Frage nach dem Subjekt und der Wahrheit vom Standpunkt der Praxis dessen zu stellen, was man die Regierung des Selbst und der anderen nennen könnte. Aus diesem Grund interessierte ich mich für ihn, hielt ich bei ihm inne und halte ich mich immer noch bei ihm auf. So treffen wir auf das Thema der Regierung, das ich vor mehreren Jahren untersucht hatte." Michel Foucault: Mut zur Wahrheit[9]

Kritik an Foucault[Bearbeiten]

Kritik an Foucault (Wikipedia)


Erkenntnistheorie[Bearbeiten]

In der Antike gab es „keine weltweit verbundene Forschung, die sich über neueste Befunde austauschte und ein konsistentes Hintergrundmodell der Realität erzeugte.“ Die erkenntnistheoretischen Überlegungen der Vorsokratiker erlangten praktischen Wert „vor allem über die Mathematik, durch die sie eine stark theoretische Ingenieurwissenschaft inspirierten. Das Nachdenken über mechanische Gesetze, Hebelwirkungen, Kraftübertragung, das bei Archimedes (287 v. Chr. – 212 v. Chr.) auffällt, verweist auf Traditionen einer Philosophie, in der Mathematik und Erkenntnistheorie eng verknüpft wurde." Seite „Erkenntnistheorie“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 29. April 2010, 14:23 UTC. URL: http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Erkenntnistheorie&oldid=73756117 (Abgerufen: 29. April 2010, 15:24 UTC)

Im Mittelalter und in der frühen Neuzeit spielte Metaphysik eine wesentliche Rolle (so noch bei Spinoza und Leibniz). Die Empiristen wollten nur noch das Wahrgenommene anerkennen, Hume bestritt sogar Kausalität und Ich.

Kant dagegen meinte, Wahrnehmung ohne Begriffe sei blind. Sie könne erst durch Denken zur Erkenntnis werden, dadurch sei freilich all unsere Erkenntnis durch die Struktur unseres Denkapparates vorgeformt. (Er wies dabei auf Raum, Zeit und Kausalität hin.) Modernere Philosophen sehen unser Denken schon durch unsere Sprache bestimmt, andere verweisen auf das Erkenntnisinteresse (z.B. Beherrschung der Natur zur Verbesserung menschlichen Lebens (Bacon)). Schließlich wird betont, wir konstruierten unsere Wirklichkeit.

Hegel, Marx und noch radikaler Heidegger setzten aber den Menschen in den Mittelpunkt. Ohne den Menschen lasse sich die Welt / das Sein nicht verstehen. Heidegger sah gerade die menschliche Dimension der Zeit als Voraussetzung für das Verstehen des Seins.

Habermas[Bearbeiten]

Habermas meint, Wahrheit entstehe durch Kommunikation zwischen den Menschen. Nur im herrschaftsfreien Diskurs könne ein allgemeiner Konsens über die wichtigen Erkenntnis- und Lebensfragen gewonnen werden (weil dabei nämlich alle Interessen eingehen könnten). Dieser Diskurs gelingt freilich nur, wo der "zwanglose Zwang des besseren Arguments und das Motiv der kooperativen Wahrheitssuche" gilt (Also in einer ebenso hypothetischen Situation wie der Schleier des Nichtwissens von Rawls. Aber jedes Gespräch unter "Freunden der Weisheit" strebt solch eine ideale Gesprächssituation an.)[10]

(Bei beiden Kurzartikeln lohnt es, auch auf die Kommentare zu achten.)

Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. vgl. folgende nicht unkritische Rezensionen bieten eine Einschätzung des Werks: Manuel Clemens: Der Pauschalurlaub zur reinen Vernunft, in: Information Philosophie, 2/2009; Gustav Falke: So dass man denkt, wie einfach das alles ist, FAZ, 7. März 2008; Jens-Christian Rabe: Der erste Schritt zum Glück, SZ, 13. Juni 2008.
  2. Ein interessantes Beispiel für seine Art der Darstellung und Argumentation liefert er in folgendem Aufsatz über Tierversuche in Zeit-online und auch in Focus zu Fragen der Evolution.
  3. http://www.gavagai.de/themen/HHP68.htm
  4. http://www.schmidt-salomon.de/wahrheit.htm
  5. http://paperc.de/3195-die-geschichte-des-philosophischen-begriffs-der-wahrheit-9783110193787
  6. Schantz, Richard: Wahrheitstheorien in der analytischen und pragmatischen Tradition in Markus Enders, Jan Szaif (Hrsg.): Die Geschichte des philosophischen Begriffs der Wahrheit
  7. Karl Eibl,Kultur als Zwischenwelt. Eine evolutionsbiologische Perspektive. edition unseld SV eu20, 2009
  8. Foucault, Michel. 2010. Der Mut zur Wahrheit: Vorlesung am Collège de France 1983/84. Berlin: Suhrkamp. S. 48
  9. Foucault, Michel. 2010. Der Mut zur Wahrheit: Vorlesung am Collège de France 1983/84. Berlin: Suhrkamp. S. 23
  10. Jedenfalls habe ich unsere Gespräche - technisch gestört, wie sie sei mögen - so erlebt.

Woher kommen wir?[Bearbeiten]

Darstellung zu Anthropologie[Bearbeiten]

Jean-Pols Beitrag zur philosophischen Antropologie

(sieh hier)

Auszug:

  • Die modernen mit dem Menschen befassten Naturwissenschaften haben gezeigt, dass dieser dem Tier nicht nur ähnlich ist, sondern auch ähnliches Verhalten aufweist. Der Mensch ist rein genetisch gesehen dem Schimpansen näher verwandt (Hominide) als dieser dem Orang-Utan. Die Soziobiologie argumentiert, dass die umstrittenen 'egoistischen Gene' sogar Altruismus zuließen. Der Erkenntnisapparat ist vor allem auf die Orientierung in der Umwelt ausgerichtet, was jedoch letztlich nicht ohne die Erkenntnis von Wahrheit möglich wäre. Evolutionisten fragen sich, was die Evolution dem Menschen noch bringen wird. Einige Implikationen dieser Fragen führen in den Bereich der Tierethik.
  • Ein wesentliches Merkmal des Menschen ist die Fähigkeit, sich künftige Bedürfnislagen zu vergegenwärtigen. Daraus resultieren Neugier und Experimentierfreudigkeit, aber auch Ängste vor dem Ungewissen. Warum werden in der philosophischen Anthropologie die Intersubjektivität, Gefühle, die Bedürftigkeit oder Stimmungen (Fröhlichkeit, Trauer, Leid) des Menschen als wesentliche Elemente seines Seins kaum thematisiert?
  • Der Mensch als gesellschaftliches Wesen ist Schöpfer neuer Stoffe, Gentechniker und Gefährder der Natur. Kann der im Zivilisationsprozess enthaltenen Selbstbedrohung noch entgegengewirkt werden? Bedeuten die ökologischen Krisen, dass der Mensch die Natur doch nicht beherrscht, sondern diese wieder Macht über ihn gewinnt? Was bedeutet die Mediengesellschaft für den Menschen? Wird er in Zukunft mit tatsächlicher künstlicher Intelligenz konfrontiert?
  • Als Einzelwesen ist der Mensch mit Grenzsituationen (Krankheit, Unglück, Schuld) und seiner Endlichkeit konfrontiert. Er ist in einigen Bereichen auch dem Zufall unterworfen. Der Zölibat ist ein Beispiel der Überwindung der biologischen Gesetze der Evolution. Kann der Mensch also seine vielschichtige soziale und instrumentelle Intelligenz nutzen, um sich mit sich selbst zu versöhnen, oder bleibt er ewig die 'Bestie', von der Krieg und Gewalt ausgeht?

JPMs Antworten auf Fragen:

  • Ist der Mensch offen?

Er ist sehr stark determiniert: Gene, soziale Herkunft, Ideologischer Rahmen (Religion, politische Haltung der Eltern usw.). Angesichts dieser extremen Einengung muss er permanent kämpfen, um "offen" zu bleiben, das bedeutet Chancen und Möglichkeiten zu erkennen oder selbst zu schaffen, die noch nicht prädefiniert sind und sie auszunutzen. Konkret bedeutet es, dass man sich gegen zusätzliche Einengungen von außen (Fremdbestimmung) wehrt und sich keinem Angebot von außen verschließt, das einem Entwicklungschancen eröffnet.

  • Ist er ein Mägelwesen?

Vergleiche mit Tieren helfen kaum weiter. Wenn der Mensch körperlich nicht so toll an die Umwelt angepasst ist, kompensiert er mit seinem etwas stärker ausgebauten kognitiven Apparat. Außerdem war der Mensch zu Beginn durchaus angepasst, wie alle anderen Affen auch. Kein Mängelwesen also. Und dann veränderten sich bestimmte Parameter, die ihn zu Innovationen zwangen. Er innovierte und ersetzte bestimmte Kompetenzen durch andere.

  • Ist er frei?

Siehe Frage 1. Der Mensch ist stark determiniert durch seine Herkunft, seine Triebe und die von der Umwelt gesetzten, engen Grenzen.

  • Versucht er, die Zukunft vorauszubestimmen und zu kontrollieren?

Ja, er muss permanent antizipieren, damit er "konzeptgesteuert" handeln kann und nicht immer wieder staunen muss über die neuen Entwicklungen in der Welt (Naivität).

  • Verändert er Natur zu Kultur?

Er schafft sich Instrumente, die ihm das Überleben ermöglichen. Diese nennt er "Kultur".

  • Ist er auf ein Gegenüber bezogen?

Er ist nicht mehr oder weniger auf sein Gegenüber bezogen als der Affe. In seinen Denkaktivitäten (Entwicklung von Handlungsplänen) bezieht er die Umwelt, auch die menschliche, permanent ein. Das machen Tieren wohl auch.

  • Macht erst Erziehung den Menschen zum Menschen?

Die Erziehung erleichtert ihm die Adaptation an die menschliche und materielle Umwelt.

  • Setzt er seine Vernunft zur Bedürfnisbefriedigung ein?

Klar, voll und ganz. Er setzt seine Vernunft ein, um seine Bedürfnisse zu befriedigen und die Gefühle helfen ihm, intuitiv zu erspüren, wo er seine Denkenergie investieren soll (Ökonomieprinzip).

  • Ist das Kontrollbedürfnis ein Grundbedürfnis, oder ist das Grundbedürfnis die 'Inkongruenzminderung'? (Xaver)

Nicht nur: Kontrollbedürfnis dehnt sich auf alle Bereiche menschlicher Lebensbewältigung aus. Das habe ich in "meinem" Menschenbild beschrieben, indem ich alle Handlungen und Grundbedürfnisse des Menschen dem Kontrollbedürfnis unterordne. Das Kontrollbedürfnis bestimmt auch den Drang nach Selbstverwirklichung im Sinne einer Expansion des Kontrollfeldes. Auch das Bedürnfis nach Transzendenz ist dem Kontrollbedürfnis zuzuordnen. Auf der Ebene der Emotionen induziert Kontrollverlust Panik und Wiedergewinnung von Kontrolle Triumphgefühle.

Wer ist „Ich“?[Bearbeiten]

Wie funktioniert mein Gehirn?[Bearbeiten]

Qualia[Bearbeiten]

Alles, was uns begegnet, wenn wir wach und aufmerksam sind, seien es Gegenstände, Vorstellungen, Gedanken, Halluzinationen oder sonst irgendetwas, erscheint uns auf irgendeine Weise. Egal, was wir tun, es fühlt sich irgendwie an. In jeder Situation, die ich bei Bewußtsein erlebe, ist es irgendwie, in dieser Situation zu sein. Dieses erste, praktische Vorverständnis kann man so formulieren, daß uns unsere wachen, aufmerksamen geistigen Episoden phänomenal bewußt sind. Die sinnlichen Qualitäten haben für Lebewesen Repräsentationsfunktion. Sie dienen dem Zweck der Orientierung.

Richard Gregory: Wenn Sie Ihre Augen schließen und wieder öffnen - das ist ja das Schlüsselexperiment -, dann verschwinden die Qualia, aber der Teppich ist noch da.

Im Mittelpunkt der Diskussion innerhalb der Philosophie des Geistes steht die Erforschung des phänomenalen Bewusstseins. Ist Bewußtsein etwas Zusätzliches? Ist es von den Gehirnprozessen, von denen es abhängt, getrennt oder nicht? Das ist die zentrale Frage, anhand deren sich die großen Bewußtseinstheorien voneinander unterscheiden lassen.

Hierbei entscheidend ist der phänomenale oder qualitative Gehalt bzw. der subjektive Erlebnischarakter unseres bewussten Erlebens. Hierfür steht auch das Kunstwort „Qualia“. Die Diskussion bewegt sich um den entscheidenden Punkt dieser Empfindungs- oder Erlebnisfähigkeit und gipfelt in der Frage, ob diese Fähigkeiten des phänomenalen Gehaltes physikalisch vollständig erklärt werden kann, was bedeuten würde, dass er keiner immateriellen Substanz zu seiner restlosen Erklärung bedarf. Kann der phänomenale Gehalt vollständig erklärt werden?

Stuart Hameros: ... ich glaube, es gibt für Qualia und bewußte Erfahrung im Prinzip zwei Erklärungstypen. Einer ist die Emergenz: Das Gehirn verarbeitet eine Vielzahl komplexer Informationen, und aufgrund dieser Komplexität emergiert auf einer höheren Ebene eine neue Eigenschaft. ... Die andere Betrachtungsmöglichkeit ist die, daß das Bewusstsein beziehungsweise irgendeine Art von Protobewusstsein ein Grundbestandteil des Universums ist. Es gehört zu unserer Realität wie der Spin, die Masse oder die Ladung. Das heißt, es gibt in der Physik bestimmte irreduzible Dinge, von denen man einfach sagen muss: »Es gibt sie« - und dazu zählt auch das Bewusstsein.

Viele bereits bewältigte Probleme in der Geschichte, wie die Überwindung der Idee der kalorischen Flüssigkeit, des elan vital beziehungsweise der Lebenskraft oder die Erklärung von Licht und Schall, stellten sich zu ihrer Zeit ganz ähnlich dar. Der berühmte Philosoph Bischof Berkeley lacht über die Idee, Schall sei eine sich in der Atmosphäre ausbreitende Druckwelle. Er beruft sich auf die qualitative Natur des Schalls und tut die Druckwellentheorie verächtlich ab, denn schließlich handelt es sich dabei doch bloß um Teilchen, die sich vor und zurück bewegen.

Vielfach wird der Begriff "Qualia" freier verwendet, als Synonym für »Erlebnis«. Wenn man auf diesen Unterschied achtet, lassen sich Verwirrungen eventuell vermeiden.

  • Leib-Seele Problem: Leib

Wer sich ganz streng an die Definition von Qualia hält, hat sich damit eigentlich schon mehr oder weniger der Idee verschrieben hat, dass es einen intrinsischen Unterschied zwischen Erfahrungen und der physikalischen Welt gibt. Die »Physikalische Welt« der klassischen Physik (vor-Quantentheoretische Physik) operiert im Quadrupel von vier Realitäten.

- Werden die Körper als »Massenpunkte« stilisiert, so sind sie im Raum zwar nicht ausgedehnt, aber lokalisiert.

- Die Chemie sieht die Atome als kleine Körper an.

- Die Feldtheorien studieren die innere Dynamik der Kräfte als durch den ganzen Raum verbreitete Realitäten.

- Die spezielle Relativitätstheorie betrachtet eine gemeinsame Symmetrie von Raum und Zeit; doch bleibt der Unterschied zwischen »raumartigen« und »zeitartigen« Abständen zweier Ereignisse wohldefiniert. Die allgemeine Relativitätstheorie führte zur Hoffnung, die metrischen Eigenschaften des Raum-Zeit-Kontinuums zugleich als das wahre Wesen der Kräfte und letztlich auch der Körper zu erkennen. Das Programm erwies sich aber außerhalb der Quantentheorie nicht als ausführbar.

Kennzeichnend für diese Ontologie ist, was sie ausschließt. Die sinnlichen Qualitäten der Naturgegenstände: Bild, Farbe, Ton, Duft... werden als »subjektive« Reaktionen des menschlichen Empfindens zu »sekundären« Qualitäten der Körper herabgestuft. Man hat das unlösbare Leib-Seele-Problem durch den ontologischen Ansatz selbst erzeugt. Man wird es nicht lösen, wenn man auf diesen Ansatz nicht verzichtet. (nach C.F. von Weizsäcker, Zeit und Wissen)

Die Physik als Ort der primären Qualitäten muss stets in Abhängigkeit vom naturwissenschaftlichen Fortschritt bestimmt werden; es steht also zu erwarten, dass sich ständig verändert, was als primäre Qualität gelten soll.

(Einen Ansatz zur Erklärung der Qualia im Rahmen der modernen Physik findet man bei Roger Penrose. Er ist der Ansicht, dass die Qualia, wenn sie elementar sind, auch auf der elementaren Ebene des Universums, der untersten Stufe der Realität, die es gibt, existieren müssen. In der modernen Physik wird das am besten anhand der Planck-Skala beschrieben, der Ebene, an der die Raum-Zeit-Geometrie nicht mehr glatt, sondern quantisiert ist. Wenn man auf der Skala bis zu einer Länge von etwa 10E-33 cm nach unten geht, gelangt man auf eine Ebene der Raumzeit, wo eine Körnung auftritt, und das ist die elementare Ebene. Qualia könnten auf dieser Ebene als Muster in der elementaren Körnung der Raum-Zeit-Geometrie, die das Universum ausmacht, eingebettet sein. Penrose vermutet auch, dass platonische Werte in der Mathematik ebenso wie Ethik und Ästhetik dort eingebettet sind.)

  • Leib-Seele Problem: Seele

Zumindest eine der Ursachen für die große Undurchsichtigkeit der Qualia-Diskussion liegt in der Vernachlässigung der wahrnehmungstheoretischen Komponente des Problems des phänomenalen Bewusstseins. Viele Philosophen meinen, dass sich die Frage, wie mir etwas erscheint, aus der Innenperspektive lösen lassen muss, denn mein phänomenales Erleben sei relativ unabhängig von der tatsächlichen Beschaffenheit der physikalischen Welt. Über meine Qualia könne ich mich auch nicht täuschen, denn wenn mich jemand irgendwie dazu bringt, den Eindruck eines roten Kreises zu haben, ohne dass ein solcher in meiner Umwelt existiert, habe ich doch den Eindruck eines roten Kreises. Aber kann man sagen, wie man etwas erlebt, ohne eine Theorie darüber im Hintergrund zu haben, was ich denn da erlebe. Es ist problematisch, den (auch phänomenalen) Gehalt einer Wahrnehmung bestimmen zu wollen, ohne auf das Objekt einzugehen, das wahrgenommen wird. Tatsächlich machen sich einige neuere Theorien (z.B. der Repräsentationalismus oder Intentionalismus) durchaus Gedanken darüber, dass phänomenale Episoden in der Regel auf bestimmte Gegenstände in der Umwelt gerichtet sind. Eine Erläuterung dessen, wie es konkret, d.h. bezogen auf unsere biologische Ausstattung, möglich sein soll, dass wir uns auf Umweltobjekte richten können, sucht man dagegen vergebens.

Die Geschichte der Ideenlehre lässt sich auch als Geschichte der Welterkenntnis aus der »Innenperspektive« lesen. »Platon verbrannte seine eigenen Theaterstücke und übte Kritik an der Malerei wegen ihrer Mimesis-Funktion. Möglicherweise wollte er den Neuronengruppen des visuellen Systems mehr Freiheit für den Umgang mit abstrakten Begriffen verschaffen und sie daher im Feuer der Verbrennung eigener Texte «umformen». Folgt man diesem Gedankengang, dann war Platon gegen die Wahrnehmung, weil er wesentliche Momente derselben für die Erkenntnis des Begrifflichen benötigte. Er steht hier in der Geschichte der griechischen Philosophie, in der Anaximander noch ins Gefängnis geworfen wurde, weil er bestritt, dass die Sterne der Sitz der Götter seien. Platon, der die kritische Vernunft, mit der diese Kritik an dem Göttersitz durchgeführt wurde, zur Ideenlehre weiterentwickelte, benutzte die Wahrnehmung des seiner Bedeutung nun entkleideten Sternenhimmels, um die Ideenwelt selber zu beschreiben. Die Wahrnehmung wurde somit in den Dienst des Geistigen gestellt. Der Intellekt konnte sich mit den Qualia des Sternenhimmels schmücken und zugleich glauben, auf die Sinnlichkeit herabzublicken. Damit war eine Umkehrung in dem Netzwerk der visuellen Verarbeitung konstituiert, die von größter Tragweite für die menschliche Kognition war. Plötzlich konnten geistige Dinge wahrgenommen werden wie die bunten Blumen und Käfer auf einer Wiese. Mozart, das Genie der abstrakten Klangwelt, beschreibt auf eindringliche Weise, wie er eine Komposition visuell wie eine vor sich aufgebaute Festtafel betrachten konnte.« Linke, D. B., Kunst und Gehirn, : Rowohlt-Taschenbuch-Verl., 2002

  • Leib-Seele Problem: Innenperspektive

Was ist an phänomenalen Zuständen problematisch, warum muß man mehr dazu sagen, als dass es eine grundlegende Erfahrung ist, dass sich alles für uns irgendwie anfühlt? Es ist nicht selbstevident, dass es hier ein philosophisches Problem gibt, das über die empirischen Probleme hinausgeht, die sich überall stellen. Wir denken und fühlen offenbar mit unseren Gehirnen; warum überlassen wir das Problem dann nicht einfach den Biologen, die doch für Organfunktionen zuständig sind? Philosophen sollten versuchen, diese Probleme klar zu formulieren und zudem aufweisen, wie sie entstehen. Ich vermute, das wirkliche Problem der »Qualia« besteht nicht darin, dass bestimmte physikalisch realisierte Systeme Eigenschaften haben, die der physikalischen Beschreibung unzugänglich bleiben, sondern darin, dass einige hochkomplexe Systeme so etwas wie eine Innenperspektive entwickeln.

--Xaver 10:01, 2. Jun. 2010 (CEST)

Kommentare[Bearbeiten]

Zum letzten Satz: Sind Bewusstseinszustände wirklich Eigenschaften "physikalisch realisierte(r) Systeme"? - Ist mit Innenperspektive eine (oder mehrere) der Funktionen des Ichs gemeint? --Cethegus 17:20, 2. Jun. 2010 (CEST)

Texte als Arbeitsgrundlage[Bearbeiten]
Darstellung[Bearbeiten]

1. Vortrag des Hirnforschers Thomas Kammer, Mitarbeiter von Manfred Spitzer in Ulm, in Kürzestfassung

  • Das Gehirn arbeitet mit spezialisierten Modulen.

Verschiedene Aufgaben auf dem Bereich der Bewegungssteuerung und der Wahrnehmung werden in unterscheidbaren Gehirnbereichen wahrgenommen.

  • Es lernt immer, auch im Schlaf.

Auf Reize hin verändert sich das Gehirn, um auf neue Reize ähnlicher Art besser reagieren zu können.

  • Es konstruiert Wirklichkeit.

Während man zunächst nur schwarze und weiße Flecken wahrnehmen kann, sieht man, sobald man darauf aufmerksam gemacht worden ist, einen Dalmatiner im Schnee oder den Kopf einer Kuh. Andere Beispiele: Kippbilder und Optische Täuschungen

  • Es entwickelt Erwartungen über die Zukunft.

Das Gehirn entwickelt eine Reaktion beim Belohnungszentrum, wenn ein positives Ergebnis auftritt, das nicht regelmäßig erfolgt. (z.B. Belohnung durch Saft)

  • Es trifft Entscheidungen.

In einfachen Fällen (z.B. nur wenige Merkmale eines Produkte sind zu beurteilen) können Versuchspersonen sich besser bewusst entscheiden, in schwierigen (viele Merkmale) besser unbewusst.

  • Alle diese Aufgaben erfüllt es auch unbewusst. (sieh oben!)

2. Bewusstsein

Es lässt sich zwar feststellen, dass bei unbewussten Handlungen andere Gehirnregionen arbeiten als bei bewussten, aber vorläufig noch nicht, wodurch es zum Bewusstsein kommt.(vgl. WP) Ein Sonderproblem stellt der subjektiven Erlebnisgehalt eines mentalen Zustandes dar. Wie weit ist dieser rein materialistisch beschreibbar? (vgl. Qualia) Dabei gibt es einerseits die Position, dass sie bisher noch nicht beschreibbar sind (erkenntnistheoretisches Problem) und andererseits die, dass sie mehr sind als ihre materialistischen Begleiterscheinungen (metaphysisches Problem). (vgl. WP: Qualia und Bewusstsein und Ich-Bewusstsein sowie Klaus Kusanowsky zum Verhältnis von Gehirn und Bewusstsein: 1. Reflexion 2. Virtualität und strukturelle Koppelung

3. Auszug aus Zeitungsartikel zu Vortrag von Manfred Spitzer zu Hirnforschung

Menschen ticken überall auf der Welt gleich, sie sind "gleich fair", wollen Güter schaffen und verteilen und reagieren auf Unfairness ("Das tut weh, da ist im Gehirn mehr los") zunächst mit Bauchweh. Gleichzeitig ist das menschliche Gehirn für ein Dauerglück nicht konstruiert - wohl aber für lebenslanges Lernen. Glück ist lediglich ein "Nebenprodukt" von relativ kurzer Lebensdauer.

Spitzer definierte das Glückszentrum als Lernturbo für rasches Lernen von Dingen, die gut für den Einzelnen sind. Und er machte deutlich, dass nicht die Anlagen entscheidend für Intelligenz sind, sondern, was Menschen aus ihnen machen, sprich ob und wie wir lernen. Wer positiv über sich denkt, sich etwas zutraut und es wirklich will, wird demnach auch erfolgreich sein. Mit negativen Emotionen redet man sich schlecht: "Angst hat beim Lernen nichts zu suchen, weder im Kindergarten noch in der Schule." Mit der Erkenntnis, wer intelligent, gewissenhaft und gebildet ist, wer dauerhaft lernt und sich um andere kümmert, lebt länger als ein "Schlamper" und verdient dazu mehr, begann der Hirnforscher seinen Vortrag über das Gehirn ("Sie haben nicht nur ein Gehirn, sie sind Ihr Gehirn"). [...]

Niemand hat uns Vokale oder Grammatik beigebracht, und dennoch haben wir sprechen gelernt: "Das Gehirn lernt immer. Es lässt sich das Lernen nicht abgewöhnen". Allerdings, so Spitzer, ist es keineswegs egal, was man damit anstellt, denn Erfahrungen hinterlassen andauernde Spuren. (Bergsträßer Anzeiger 08. Mai 2010)


Weitere Einzelbeobachtungen finden sich hier.

Links[Bearbeiten]

Wie funktioniert unser Gehirn? - Sendung im SDR am 1.8.2010: Kurzdarstellung, Podcast ca. 30 min und Manuskript

Woher weiß ich, wer ich bin?[Bearbeiten]

Philosophische Antworten u.a. (Descartes), (David Hume)

Hirnforschung und philosophische Reaktion: Neues Menschenbild; Thomas Metzinger: Ego-Tunnel; Gerhard Roth: Wie das Gehirn die Seele macht 51. Lindauer Psychotherapiewochen 2001

Bewusstsein und Ich[Bearbeiten]

"Resultate der empirischen Bewusstseinsforschung.

Bewusstsein tritt beim Menschen in einer Vielzahl von Zuständen auf:

a) als Sinneswahrnehmungen von Vorgängen in der Umwelt und im eigenen Körper;
b) als mentale Zustände wie Denken, Vorstellen und Erinnern;
c) als Selbst-Reflexion;
d) als Emotionen, Affekte, Bedürfniszustände;
e) als Erleben der eigenen Identität und Kontinuität;
f) als "Meinigkeit" des eigenen Körpers;
g) als Autorschaft und Kontrolle der eigenen Gedanken und Handlungen;
h) als Verortung des Selbst und des Körpers in Raum und Zeit;
i) als Realität des Erlebten, als Unterscheidung von Realität und Vorstellung.
Die unter e) bis i) genannten Zustände bilden zusammen ein "Hintergrund-Bewusstsein", vor dem die unter a) bis d) genannten spezielleren Bewusstseinszustände mit wechselnden Inhalten, Intensitäten und Kombinationen auftreten."
Gerhard Roth: Homo neurobiologicus - ein neues Menschenbild?, S. 6

Funktionen des Ich[Bearbeiten]

"Eine erste Funktion erfüllt es als Zuschreibungs-Ich: Das Gehirn entwickelt eine von Bewusstsein begleitete Instanz, über die es zu einer Erlebniseinheit wird, und damit kommt es zur Ausbildung von Identität. Offenbar ist es von großem Vorteil, in die vom Gehirn konstruierte Erlebniswelt eine Instanz hineinzusetzen, die von sich meint, die unterschiedlichen Wahrnehmungen, Gedanken, Vorstellungen, Erinnerungen und Gefühle seien ihre Zustände. Dies dürfte die wichtige Unterscheidung der eigenen mentalen Zustände von denen anderer und damit die Unterstellung einer Erlebniswelt bei anderen Menschen (Theory of Mind) überhaupt erst ermöglichen.

Die zweite Funktion besteht im Handlungs- und Willens-Ich. Hier geht es um die Schaffung einer Instanz, die es ermöglicht, den Willen auf eine Handlungsabsicht zu "fokussieren", ohne sich um Ausführungsdetails zu kümmern. Eine bewusste Repräsentation der vielen Untersysteme, die an der Kontrolle und dem letztendlichen Auslösen einer Handlung beteiligt sind, würde eine effektive Handlungssteuerung unmöglich machen.

Eine dritte Funktion besteht im Interpretations- und Legitimations-Ich. Das bewusste, sprachliche Ich hat die Aufgabe, die eigenen Handlungen vor sich selbst und vor der sozialen Umwelt zu einer plausiblen Einheit zusammenzufügen und zu rechtfertigen, und zwar unabhängig davon, ob die gelieferten Erklärungen auch den Tatsachen entsprechen. Gerhard Roth: Homo neurobiologicus - ein neues Menschenbild? S8-9

Aus heutiger Sicht sind es vier Faktoren, die unsere Persönlichkeit und unser Handeln bestimmen, nämlich

1) genetische Prädispositionen,
2) Eigenheiten der Hirnentwicklung,
3) frühe psychische Prägungen, insbesondere im Rahmen der Bindungserfahrung, und
4) weitere psychosoziale Erfahrungen in Kindheit und Jugend.

Zwischen diesen Hauptfaktoren besteht eine sich verstärkende oder schwächende Interaktion Gerhard Roth: Homo neurobiologicus - ein neues Menschenbild? S.10

Freier Wille[Bearbeiten]

Epikuros von Samos: „Wer behauptet, es geschehe alles mit Naturnotwendigkeit, hat kein Recht, den zu tadeln, der sagt, es geschehe nicht alles mit Naturnotwendigkeit; denn sonst gibt er zu, daß auch dies mit Naturnotwendigkeit geschieht“

Für die Philosopie geht es bei der Freiheit des Willens um die Sinnfrage des philosophischen Treibens: Weil Philosopie sich um die gute/richtige/wahre Argumentation bemüht macht sie für die Lebenspraxis nur dann Sinn, wenn ihre Argumente Handlungsrelevanz haben. Ist das Handeln der Menschen durch Argumente steuerbar? Der menschliche Wille wird von Aristoteles verstanden als „ein vernunftgemäßes bzw. durch Gründe (nicht etwa Begehrungen) bestimmtes Streben. Aristoteles sieht dabei Überlegung und Entscheidung bei einer Handlung obwalten: Das nämlich, worüber auf Grund der Überlegung eine Vorwahl stattgefunden hat, bildet den Gegenstand der Entscheidung. Denn jeder hört auf zu suchen, wie er handeln soll, sobald er das bewegende Prinzip auf sich selbst zurückgeführt hat, und zwar auf den Teil seiner Selbst, der die Führung hat: dieser Teil ist es, der die Entscheidung fällt. (Nikomachische Ethik) John Locke: „Da der Geist . . . in den meisten Fällen die Kraft besitzt, bei der Verwirklichung und Befriedigung irgendeines Wunsches innezuhalten und mit allen andern [sic] Wünschen der Reihe nach ebenso zu verfahren, so hat er auch die Freiheit, ihre Objekte zu betrachten, sie von allen Seiten zu prüfen und gegen andere abzuwägen. Hierin besteht die Freiheit, die der Mensch besitzt“ (Locke, 1968, [Buch II, Kap. XXI, Nr. 47.]). Lockes Grundfrage lautet dabei aber nicht, ob der Wille, sondern ob der Mensch frei sei, mithin also, ob eine Handlungsfreiheit des Menschen vorliege. Der Mensch habe nicht die Freiheit etwas willkürlich zu wollen, doch bestimme nichtsdestotrotz der Geist das Wollen, wobei indes der Wille vom Begehren strikt zu trennen sei. Unbehagen, das auf den Geist einwirke, sei der Grund für das Wollen der Menschen, deren Ziel das Glücklichsein sei. Die gleiche Notwendigkeit, die uns zur Verfolgung des Glücks bestimme, ermögliche auch die Befähigung zur Suspendierung inadäquater Handlungen. Wittgenstein: (Untersuchungen §613). In dem Sinne, in welchem ich überhaupt etwas herbeiführen kann (etwa Magenschmerzen durch Überessen) kann ich auch das Wollen herbeiführen. In diesem Sinne führe ich das Schwimmen-Wollen herbei, indem ich ins Wasser springe. Ich wollte wohl sagen: ich könnte das Wollen nicht wollen; d.h., es hat keinen Sinn, vom Wollen-Wollen zu sprechen. »Wollen« ist nicht der Name für eine Handlung und also auch für keine unwillkürliche. Und mein falscher Ausdruck kam daher, daß man sich das Wollen als ein unmittelbares, nichtkausales, Herbeiführen denken will. Dieser Idee aber liegt eine irreführende Analogie zu Grunde; der kausale Nexus erscheint durch einen Mechanismus hergestellt, der zwei Maschinenteile verbindet. ... § 615 "Das Wollen, wenn es nicht eine Art Wünschen sein soll, muss das Handeln selber sein. Es darf nicht vor dem Handeln stehen bleiben".

Argumenten zu folgen ist möglich, wenn Handlungsfreiheit gegeben ist; Argumenten zu folgen kann freiwillig oder unfreiwillig geschehen. Ist Handlungsfreiheit gegeben? Gibt es Freiwilligkeit?

Links[Bearbeiten]

Fortsetzung[Bearbeiten]

zu den Sitzungen ab 9.6.2010