Benutzer:Cethegus/Philosophie2

Aus Wikiversity
Wechseln zu: Navigation, Suche

Bisherige Sitzungen

Inhaltsverzeichnis

Aktuelles[Bearbeiten]

  • MomoBerlin (ein alter Berliner Philosophenzirkel gerade entdeckt)

Schulden[Bearbeiten]

David Graeber nennt als zentrale Fragestellung seines Buches »Schulden. Die ersten 5000 Jahre»[1] : «Was heißt das genau, zu sagen, unser Gefühl für Moral und Gerechtigkeit werde auf die Sprache eines Geschäfts reduziert? Was bedeutet es, wenn wir moralische Verpflichtungen auf Schulden reduzieren? Was ändert sich, wenn das eine zum anderen wird? Und wie sprechen wir darüber, wenn unsere Sprache so sehr vom Markt bestimmt wurde? Auf einer Ebene ist der Unterschied zwischen Verpflichtung und Schuld einfach und offensichtlich. Eine Schuld ist eine Verpflichtung, eine bestimmte Geldsumme zu zahlen. Folglich lässt sich eine Schuld anders als jede andere Form der Verpflichtung genau quantifizieren. Dadurch werden Schulden einfach, kalt und unpersönlich - und das macht sie wiederum übertragbar. Wenn man jemandem einen Gefallen schuldet oder sein Leben verdankt, ist man dieser bestimmten Person verpflichtet.» [2]

Graeber führt für seine Untersuchung basale Unterscheidungen ein: die Unterscheidung zwischen Verantwortung und Verschuldung, und die Unterscheidung zwischen Angehörigen und Fremden.

Zwischen Angehörigen besteht ursprünglich eine Beziehung der Verantwortung und Verpflichtung:

»Es herrscht die Annahme, von jedem, der nicht ausdrücklich Feind ist, könne man etwas erwarten nach dem Grundsatz »jeder nach seinen Fähigkeiten«, wenigstens bis zu einem gewissen Grad: ...» [3] Dagegen sind Fremde erst einmal Feinde, mit denen man friedfertigen Umgang erst aushandeln muss. Fremde werden verjagt, getötet oder versklavt.

Zwischen den Angehörigen einer solchen ursprünglichen Gesellschaft entfaltet sich eine Ökonomie des Gebens und Nehmens, die Graeber als »humane Ökonomie« bezeichnet. Ich hätte hier den Begriff Verpflichtungsökonomie als weniger missverständlich empfunden.

Zwischen den Angehörigen einer 'humanen Ökonomie' gibt es Kredit (man kann anschreiben lassen) und Geld (virtuelles Geld, eine Methode zu bestimmen: X entspricht sechsmal Y). In den 'humanen Ökonomien', « … [dient] Geld in erster Linie als soziales Zahlungsmittel [...], um Beziehungen zwischen Menschen zu schaffen, zu erhalten und zu trennen, und nicht dazu, Dinge zu kaufen.» [4]

Tauschen findet gelegentlich statt, normalerweise mit Fremden; Tauschen ist ein Austauschen von Geschenken – mit viel Trickserei (Tauschen = Täuschen). Dieser Vorgang zwischen (wilden) Angehörigen ist gefährlich (jeder ist "nur einen Millimeter von der Kehle aller anderen entfernt")[5]. Schon von daher verbietet sich die Annahme einer Tauschwirtschaft.

Nachdem die Verpflichtungsökonomie allmählich zerstört und durch die kommerzielle Ökonomie verdrängt worden war, werden Verantwortung, Tausch Geld und Schenken neu definiert. «Der Tauschhandel hingegen war offenbar in erster Linie eine Art zufälliges Nebenprodukt der Verwendung von Münzen und Papiergeld: Historisch betrachtet fand Tauschhandel anscheinend immer dann statt, wenn Menschen, die Transaktionen mit Geld gewohnt waren, aus dem einen oder anderen Grund keinen Zugang zu geldlichen Zahlungsmitteln hatten.» [6]

Die kommerzielle Ökonomie bestimmt nun, was «...Staat und Markt, unseren grundlegenden Vorstellungen, was Freiheit, Moral und Zusammenleben in einer Gesellschaft bedeuten. All das wurde durch eine Geschichte voller Krieg, Eroberungen und Sklaverei geprägt in einer Weise, die wir nicht einmal mehr wahrnehmen, weil wir uns die Dinge gar nicht mehr anders vorstellen können.» [7]

Der größere Teil des Buches befasst sich mit den falschen Mythen der kommerziellen Ökonomik, zentral mit dem Mythos vom Tauschhandel. Wenn man beim Lesen von David Graebers Buch nicht sorgfältig den Sprachgebrauch der kommerziellen Ökonomik, also den Sprachgebrauch, der seit spätestens Adam Smith bei der Beschreibung und Rechtfertigung von Gesellschaft, Wirtschaft, Markt und Arbeit vorherrschend ist, unterscheidet von Graebers Sprachgebrauch, bekommt man schnell Verständnisprobleme.

David Graeber stellt die Frage, warum der Tauschwirtschaftsmythos nicht verschwindet, obwohl er historisch nicht begründbar ist: «Anscheinend kann der Mythos vom Tausch nicht verschwinden, weil er für den gesamten Diskurs der Wirtschaftswissenschaften so entscheidend ist.» [8]


Kritik einzelner Thesen Graebers[Bearbeiten]

Freiheit[Bearbeiten]

Graeber behauptet, jedes Recht bestehe in den Verpflichtungen des anderen. "Mein Recht auf freie Meinungsäußerung ist die Verpflichtung eines anderen, mich nicht dafür zu bestrafen" [9] Wenn wir das Recht der Selbstbestimmung haben, bedeutet das, dass wir unsere Sklaven sind [10].

Jede entfremdete Arbeit bedeutet nach Graeber Sklaverei. Dass wir ihren Gewaltcharakter nicht erkennen, ist danach darauf zurückzuführen, "dass wir uns nicht mehr vorstellen können, wie eine Welt aussähe, die auf sozialen Vereinbarungen beruht, welche nicht die ständige Bedrohung durch Elektroschockwaffen und Überwachungskameras erfordern." [11]


Kritik

Seit langem ist bei uns Freiheit als durch die Freiheit des anderen begrenzt angesehen. Das heißt, die Meinungsäußerung ist nur so weit frei, wie sie nicht beleidigend ist oder zu ungesetzlichen Handlungen aufruft (weil dieses beides Freiheiten anderer einschränken würde). Der Staat kann zum Schutz dieser Freiheit aufgerufen werden.
Dagegen haben andere das Recht, uns wegen unserer Meinungsäußerungen durch soziale Ausgrenzung zu sanktionieren, so lange diese Ausgrenzung nicht unsere unmittelbaren Persönlichkeitsrechte berührt.
Auch in unserer Welt gibt es Arbeit, die wir nicht für sinnvoll halten, die wir aber aufgrund von sozialen ausführen, ohne dass ein durch physische Gewalt abgesichertes Machtverhältnis besteht.
Kurz gesagt: Graeber vertritt ein philosophisches Konzept, das durchaus nicht schlüssig hergeleitet ist und andere bestehende Konzepte stillschweigend negiert. (Walter)

Erwiderung

Um Graeber angemessen zu lesen muss man bereit sein, die 'gängige' Metaphysik (z.B. den mataphysischen Begriff 'Freiheit' wie Schiller ihn gebraucht in seinem Gedicht 'Drei Worte des Glaubens') zu dekonstruieren. Graeber: »Dass die Vorstellung von Ehre ohne die Möglichkeit der Entwürdigung keinen Sinn ergibt, zeigt eine Rekonstruktion dieser Geschichte, und das kann uns noch mehr Grund zur Beunruhigung bieten, wie stark unsere grundlegenden Konzepte von Freiheit und Moral durch Institutionen geformt wurden — vor allem, aber nicht ausschließlich durch die Sklaverei —, an die wir lieber nicht mehr erinnert werden möchten.« [12]
Schuld, Kredit, Zins[Bearbeiten]

Nach Graeber gilt: "Eine Schuld ist definitionsgemäß eine schriftliche Aufzeichnung wie auch eine Vertrauensbeziehung." [13]

Kritik

Aber: "Die Ursprünge des Zinses [...] liegen vor der Schrift."[14] Er wurde für "Darlehen" erhoben.

Walter: Darlehen begründen doch offenkundig ein zahlenmäßig bestimmbare Schuld. Sonst könnte ja kein Zins berechnet werden. Was gilt also: Schriftform oder keine?

Die Einführung von Darlehen bringt (nach G.) "einen grundlegenden Mangel an Vertrauen zum Ausdruck".[15]

Walter: Setzt eine Schuld also eine Vertrauensbeziehung voraus oder einen Mangel an Vertrauen?.

Erwiderung

Der Kredit setzt immer eine Vertrauensbeziehung voraus; auf der Seite des Gläubigers mindestens das Vertrauen in die Verfügbarkeit von Mitteln, den Schuldner bei Fälligkeit zur Zahlung der Schuld zwingen zu können; auf der Seite des Schuldner das Vertrauen, bis zur Fälligkeit unbehelligt zu bleiben. Der Unterschied zwischen den den einzelnen Kreditverhältnissen besteht hauptsächlich darin, ob Gläubiger und Schuldner Nächste sind, oder Fremde. In dem Maße, in dem die Regeln der Kreditverbindungen sich an dem Usus der Fremdenkredite ausrichten reduzieren sich Menschen und Dinge zu Wertgegenständen, die einen Preis haben. Schuldner und Gläubiger sind nur noch wechselseitig am Besitz/Eigentum des Gegenübers interessiert. Graeber sieht Schulden als Indikator von gestörten Sozalbeziehungen: »Was sind Schulden denn überhaupt? Sie sind nichts weiter als die Perversion eines Versprechens, das von der Mathematik und der Gewalt verfälscht wurde. Wenn wirkliche Freiheit darin besteht, Freundschaften zu schließen, so umfasst sie zwangsläufig auch die Fähigkeit, wirkliche Versprechen abzugeben. Welche Art von Versprechen könnten wirklich freie Menschen einander geben? Heute sind wir nicht einmal in der Lage, diese Frage zu beantworten. Wir müssen erst einmal die Fähigkeit entwickeln, herauszufinden, wie solche Versprechen aussehen könnten.«[16]

Medien[Bearbeiten]

David Graeber bei Maybrit Illner

Mehr zu Geldtheorie[Bearbeiten]

Currency-Theorie - Joseph Huber - Richard Werner

Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. [Schulden. Die ersten 5000 Jahre. 1. Auflage. Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2012 (Originaltitel: Debt. The First 5000 Years), ISBN 978-3-608-94767-0.]
  2. a.a.O S. 19,6
  3. a.a.O S. 102,6
  4. a.a.O S. 166,1
  5. a.a.O. S. 39,4
  6. a.a.O. S. 47,3
  7. a.a.O. S. 21,1
  8. a.a.O. S. 49,6
  9. a.a.O S. 216
  10. a.a.O S. 218 u. S.220
  11. a.a.O S. 221
  12. a.a.O S. 174
  13. a.a.O S. 225
  14. a.a.O S. 227
  15. a.a.O S. 227
  16. a.a.O S. 410


Kritik an der Vorstellung, es gebe einen Gott[Bearbeiten]

Richard Dawkins: Der Gotteswahn

Dawkins Erklärung für das Vorhandensein von Religionen

Evolutionärer Humanismus

Gefühle und Sprache[Bearbeiten]

Was sind Gefühle?[Bearbeiten]

„Wir wissen, was überall auf der Welt passiert, wir sind über alle möglichen Dinge und Undinge informiert, aber die Information berührt nicht unsere Existenz. Das Wissen bleibt abstrakt und äußerlich, es verändert uns nicht. Es ist bloßes Verstandeswissen. Was wir dagegen versäumen zu kultivieren, ist "existenzielles" Wissen, ein Wissen von uns selbst.“
Existieren statt spekulieren (über Kierkegard)

Kurzdarstellung zu Kierkegaard an der Wikipedia orientiert:

„was er zur Geltung bringen wollte, war gerade, dass Wahrheit nicht in Sätzen gelehrt werden könne, sondern eine Bewegung des Menschen in der Zeit sei.“

K. unterscheidet mehrere Stadien der menschlichen Entwicklung: Im ästhetischen Stadium ist er „mit sich selbst nicht im Reinen“

Im ethischen Stadium verhält der Mensch sich „vernünftig und erkennt seine Verantwortung vor sich selbst und der Welt. [...] Die Begründung seines Wesens als geistiges und insoweit nicht der Kausalität der Welt unterworfenes Selbst findet er nicht in sich selbst.“ Gas findet er erst im religiösen Stadium versucht der Mensch, „in ein existenzielles Verhältnis zu Gott zu treten. Dies kann allein im Glauben geschehen. Gott als der Absolute ist nicht der Kausalität der Welt unterworfen und entzieht sich daher als der Unbekannte dem menschlichen Verstand, er ist rational nicht erkennbar. Der Glauben fordert als Bedingung daher die „Kreuzigung des Verstandes“.[...] Da das sich zu Gott existenzielle Verhalten immer nur momenthaft geschehen kann und der Mensch immer wieder in seine eigene Existenz zurückfällt [...]“ muss er immer wieder den „Sprung in den Glauben“ wiederholen. (Søren Kierkegaard)

Sprache[Bearbeiten]

Sprache (Ludwig Wittgenstein oder die Fliege aus dem Glas finden lassen)

Was soll ich tun?[Bearbeiten]

  • Was soll ich tun (Podcast)
  • Precht: Wer bin ich und wenn ja, wie viele?, Kapitel 1-4 in Abschnitt Was soll ich tun?, S.125-156

Altruismus[Bearbeiten]

Altruismus

Brauchen wir andere Menschen?[Bearbeiten]

Warum helfen wir anderen?[Bearbeiten]

(Thomas Henry Huxley)

Warum soll ich gut sein?[Bearbeiten]

Unterbewusstsein, Unbewusstes, Freud (23.6.)[Bearbeiten]

Unterbewusstsein - Links zu Definitionen von Jutta neu herausgesucht[Bearbeiten]

Sigmund Freud in Das Ich und das Es (1923): Wenn das Unterbewusste von der Person wahrgenommen wird, ist es normal, dass "das vordem Unbemerkte jetzt nicht vom Bewußtsein erkannt wird, sondern oft genug ihm völlig fremd, gegensätzlich erscheint und von ihm schroff abgelehnt wird".
Unterbewusstsein - alte Links[Bearbeiten]

Woher weiß ich, wer ich bin?[Bearbeiten]

Hirnforschung und philosophische Reaktion: Neues Menschenbild; Thomas Metzinger: Ego-Tunnel;

Gerhard Roth: Wie das Gehirn die Seele macht 51. Lindauer Psychotherapiewochen 2001[Bearbeiten]

Thesen:

  • 1) Das Unbewusste bestimmt weitgehend das Bewusstsein;
  • 2) das Unbewusste entsteht ontogenetisch vor dem Bewusstsein; es legt sehr früh die Grundstrukturen der Weise fest, wie wir mit uns und unserer Umwelt umgehen;
  • 3) das bewusste Ich hat keine oder eine nur geringe Einsicht in die unbewussten Determinanten des Erlebens und Handelns;
  • 4) das emotionale Erfahrungsgedächtnis hat das erste und das letzte Wort, nämlich beim Entstehen unserer Wünsche und Handlungsabsichten und bei der Letztentscheidung über die Realisierung dieser Wünsche und Absichten.

Gliederung

  • 1. Was ist aus neurobiologischer Sicht Bewusstsein und was das Unbewusste?

"Bewusstsein umfasst alle Zustände, die von einem Individuum erlebt werden, [...]

Bewusstseinszustände treten entweder als Hintergrundbewusstsein auf, welches Ich-Identität, "Meinigkeit" und willentliche Kontrolle des Körpers, Verortung des Ich und des Körpers in Raum und Zeit und den Realitätscharakter des Erlebten betrifft, oder als schnell wechselndes Aktualbewusstsein, welches sich aus den jeweiligen Sinneserlebnissen, den Emotionen, den kognitiven (Denken, Vorstellen, Erinnern) und exekutiven Zuständen (Handlungsplanung und Handlungskontrolle) zusammensetzt."

Aus Sicht der Hirnforschung hat das Unbewusste folgende Inhalte:

  • "(1) Inhalte, die einmal bewusst waren, aber ins Unbewusste abgesunken sind und unter günstigen Bedingungen wieder bewusst gemacht ("erinnert") werden können (z. B. nicht-aktivierte Inhalte des deklarativen Gedächtnisses);
  • (2) vorbewusste Inhalte von Wahrnehmungsvorgängen, die nach hinreichender Aktivierung der assoziativen Großhirnrinde bewusst werden (die geschieht mit einer Verzögerung von durchschnittlich 300 bis 500 Millisekunden nach Reizbeginn);
  • (3) unterschwellige (subliminale) Wahrnehmungen;
  • (4) Vorgänge in Gehirnregionen außerhalb der assoziativen Großhirnrinde, die grundsätzlich unbewusst ablaufen;
  • (5) alle perzeptiven, kognitiven und emotionalen Prozesse, die im Gehirn des Fötus, des Säuglings und des Kleinkindes vor Ausreifung des assoziativen Cortex ablaufen. Man nimmt an, dass sich beim Menschen Ich-bezogene Bewusstseins- und Gedächtnisinhalte erst ab Ende des dritten Lebensjahres entwickeln; dies würde die Idee Freuds von einer infantilen Amnesie bestätigen."
  • 2. Wo und wie im Gehirn entstehen Affekte und Emotionen?

(für uns weniger bedeutsam)

  • 3. Wo im Gehirn existiert das Ich und wann und wie entsteht es?

In Entsprechung zu den oben genannten Bewusstseinszuständen ist das Ich modular, d.h. aus funktional unterschiedlichen Untereinheiten aufgebaut. [...] Man unterscheidet diese verschiedenen Ich- und Bewusstseinszustände vor allem deshalb, weil sie "dissoziieren", d. h. unabhängig voneinander beeinträchtigt sein können.

"Das Über-Ich Freuds lässt sich ohne große Schwierigkeiten im orbitofrontalen Cortex ansiedeln. Wie bereits geschildert, sind hier die in der Kindheit und Jugend erworbenen moralischen und ethischen Regeln niedergelegt."

"Das Ich ist in seinen vielfältigen Ausprägungen also ein ontogenetisch spätes Produkt des Gehirns. Als autobiographisches, sprachlich vermitteltes und reflexives Ich bildet es sich nicht vor dem Ende des dritten Lebensjahres aus. Im Gegensatz hierzu beginnt das limbische System seine Arbeit bereits im Mutterleib und setzt sie verstärkt in den ersten Wochen, Monaten und Jahren unseres Lebens fort [...] Das bewusste Ich sieht sich ab dem vierten Lebensjahr in diese "limbische" Persönlichkeit sozusagen hineingestellt und von ihr getragen."

  • 4. Hat das Ich Kenntnis von den Faktoren, die es determinieren, und in welchem Maße lenkt es oder das Unbewusste unser Handeln?

"Unser bewusstes Ich erlebt sich sowohl als Quelle unserer Wünsche, Gedanken, Vorstellungen und Handlungspläne als auch als Verursacher des Handelns, [...] Dies ist der Kern des Gefühls der subjektiven Willensfreiheit." "Aus neurobiologischer Sicht ist Freud in diesem Zusammenhang Recht zu geben: Das unbewusste, limbische Erfahrungsgedächtnis lenkt unser Handeln stärker als unser bewusstes Ich."

  • 5. Was sind aus neurobiologischer Sicht psychische Erkrankungen, und wie ist Psychotherapie möglich?

"Ziel jeder Psychotherapie muss es entsprechend sein, die Psyche des Patienten dadurch zu verändern, dass die Fehlfunktionen subcorticaler limbischer Netzwerke behoben werden. Dies ist jedoch allein schon aus neurobiologischer Sicht mit erheblichen Schwierigkeiten verbunden.

Man muss nämlich davon ausgehen, dass corticale und subcortical-limbische Netzwerke sich grundlegend in der Veränderbarkeit ihrer synaptischen Kontakte unterscheiden. Corticale Netzwerke sind schnell veränderbar, und zwar etwa im Sekundentakt, der auch der Takt des Bewusstseins ist. Diese Netzwerke können also in "Sekundenschnelle" Informationen aufnehmen, sie mit vorhandenen Informationen aus den verschiedensten funktionsspezifischen Gedächtnissen verbinden und so bereits bestehende Netzwerke verändern oder neue Netzwerke schaffen."

"Wir müssen gleichzeitig davon ausgehen, dass es während der Individualentwicklung bei limbischen Lern- und Gedächtnisbildungsprozessen "sensible" Phasen gibt, wie sie aus der Verhaltensbiologie bei Prägungsprozessen bekannt sind. Hierbei werden Netzwerkstrukturen und -funktionen so verändert, dass sie gegen spätere Veränderungen relativ resistent sind. [...] Entsprechend bleiben bloße Appelle an die Einsicht wirkungslos [...] Der Psychotherapeut hingegen kann mit geeigneten therapeutischen Mitteln, insbesondere mithilfe der Erzeugung eines "emotionalen Aufruhrs", auf das Unbewusste des Patienten einwirken und damit Veränderungen subcorticaler limbischer Zentren bewirken. [...] Zweifellos gibt es [...] Fälle, in denen durch Therapiemaßnahmen die Quellen emotional-affektiver Störungen lediglich übertüncht, aber nicht beseitigt sind. In anderen Fällen kommt es indes doch zu einer langfristigen Veränderung in limbischen Netzwerken, so dass die Patienten sich der gefährlichen Situation aussetzen können, ohne einen Rückfall zu erleben."

Links[Bearbeiten]

Fragen[Bearbeiten]

Inwiefern ist das bewusste "Ich" in der Lage, Lebenskontexte zu entwerfen und zu realisieren, die dafür sorgen, dass die eigene Persönlichkeit gefördert wird?

Es muss a) ein präzises und operationalisierbares Selbstkonzept entwickelt werden mit allen Dimensionen, (Persönlichkeitsmerkmale), die entweder verstärkt oder im Gegenteil unterdrückt werden sollen und b) müssen Lebensumfelder konstruiert werden, die entsprechende Wirkungen auf die eigene Persönlichkeit zeigen.--Jeanpol 13:09, 23. Jun. 2010 (CEST)

Kann das Selbstkonzept auf das limbische System einwirken? - Vermutlich ist gemeint, dass das Selbstkonzept Voraussetzung für die Konstruktion von Lebensumfeldern ist, die Erfahrungen zeitigen, die langfristig Charakter verändern. Oder? --Cethegus 14:20, 23. Jun. 2010 (CEST)

Freiheit und Gerechtigkeit (30.6.10)[Bearbeiten]

Kann ich wollen, was ich will?[Bearbeiten]

(Jutta)

Nach den abstrakten Konzepten von Hegel und Marx orientierte Arthur Schopenhauer sich wieder stärker an der Erfahrungswelt. Seine Ethik gründete er nicht wie Kant auf die Pflicht, dem kategorischen Imperativ zu folgen, sondern auf das Gefühl des Mitleids (ab hier Jutta)

mit den Mitmenschen. Menschen sah er grundsätzlich als Leidende, weil sie von einem blinden, ziel-und sinnlosen Wollen angetrieben sind, dem sowohl der Verstand als auch die Vernunft untergeordnet sind um dessen Ziele in der kausalen Welt der Vorstellungen und Erscheinungen zu erreichen. Das Mitleid entspringt also einem grundsätzlichen Pessimismus über das unabänderlich Gegebene, dem unsichtbaren Urgrund Leben zu wollen. Jedoch fasst Schopenhauer das Mitleid als eine Erweiterung des Bewusstseins auf, indem es über sich selbst und das eigene Leid hinaus blickt und das allgemeine darin bei anderen erkennt und dort, wo es möglich ist, Unterstützung anbietet, schliesslich sogar zu Gelassenheit findet. Andererseits stellt Schopenhauer fest, dass je grösser der Gesichtskreis, umso grösser das Ausmass des Leids.- Schopenhauer schrieb viele Episoden wie die von den Stachelschweinen, die, weil es zu kalt ist nah aneinander rücken, sich so aber verletzen und dann zu einer Balance zwischen Nähe und Distanz finden, die getragen ist von Höflichkeit und guter Sitte. In seinen Schriften über "Die Welt als Wille" (2) und "die Welt als Vorstellung" (2) setzte sich Schopenhauer mit den Formen und Konsequenzen von einer Bejahung und Verneinung des "Willens" auseinander. Schopenhauer gesteht dem Menschen eine gewisse Selbstbestimmung zu, indem er sich gegen den Willen stellt, jedoch bleibt bei mir der Eindruck, dass dieser Wille als erstes und Urgrund aufgefasst gegenüber dieser stark dominiert. So zielt seine Philosophie auch nicht auf ein glückliches Leben sondern eines, in dem man das Schlimmste vermeiden lernen kann, einer defensiven Grundhaltung. Spannend finde ich jedoch das Resultat einer quasi Ich-losen Subjektivität. Damit setzt er sich gegenüber dem Buddhismus, von dem er deutlich beeinflusst wurde, sowie von Hegel mit seiner Unterordnung des Individuums unter das Allgemeinwohl, ab.

(Quelle: Kleine Geschichte der Philosophie, Otfried Höffe)

Freiheit[Bearbeiten]

Wille[Bearbeiten]

Epikuros von Samos: „Wer behauptet, es geschehe alles mit Naturnotwendigkeit, hat kein Recht, den zu tadeln, der sagt, es geschehe nicht alles mit Naturnotwendigkeit; denn sonst gibt er zu, daß auch dies mit Naturnotwendigkeit geschieht“

Für die Philosopie geht es bei der Freiheit des Willens um die Sinnfrage des philosophischen Treibens: Weil Philosopie sich um die gute/richtige/wahre Argumentation bemüht macht sie für die Lebenspraxis nur dann Sinn, wenn ihre Argumente Handlungsrelevanz haben. Ist das Handeln der Menschen durch Argumente steuerbar?

Der menschliche Wille wird von Aristoteles verstanden als ein vernunftgemäßes bzw. durch Gründe (nicht etwa Begehrungen) bestimmtes Streben. Aristoteles sieht dabei Überlegung und Entscheidung bei einer Handlung obwalten: Das nämlich, worüber auf Grund der Überlegung eine Vorwahl stattgefunden hat, bildet den Gegenstand der Entscheidung. »Denn jeder hört auf zu suchen, wie er handeln soll, sobald er das bewegende Prinzip auf sich selbst zurückgeführt hat, und zwar auf den Teil seiner Selbst, der die Führung hat: dieser Teil ist es, der die Entscheidung fällt.« (Nikomachische Ethik)

John Locke: „Da der Geist . . . in den meisten Fällen die Kraft besitzt, bei der Verwirklichung und Befriedigung irgendeines Wunsches innezuhalten und mit allen andern [sic] Wünschen der Reihe nach ebenso zu verfahren, so hat er auch die Freiheit, ihre Objekte zu betrachten, sie von allen Seiten zu prüfen und gegen andere abzuwägen. Hierin besteht die Freiheit, die der Mensch besitzt“ (Locke, 1968, [Buch II, Kap. XXI, Nr. 47.]). Lockes Grundfrage lautet dabei aber nicht, ob der Wille, sondern ob der Mensch frei sei, mithin also, ob eine Handlungsfreiheit des Menschen vorliege. Der Mensch habe nicht die Freiheit etwas willkürlich zu wollen, doch bestimme nichtsdestotrotz der Geist das Wollen, wobei indes der Wille vom Begehren strikt zu trennen sei. Unbehagen, das auf den Geist einwirke, sei der Grund für das Wollen der Menschen, deren Ziel das Glücklichsein sei. Die gleiche Notwendigkeit, die uns zur Verfolgung des Glücks bestimme, ermögliche auch die Befähigung zur Suspendierung inadäquater Handlungen.

Wittgenstein: (Untersuchungen §613). «In dem Sinne, in welchem ich überhaupt etwas herbeiführen kann (etwa Magenschmerzen durch Überessen) kann ich auch das Wollen herbeiführen. In diesem Sinne führe ich das Schwimmen-Wollen herbei, indem ich ins Wasser springe. Ich wollte wohl sagen: ich könnte das Wollen nicht wollen; d.h., es hat keinen Sinn, vom Wollen-Wollen zu sprechen. »Wollen« ist nicht der Name für eine Handlung und also auch für keine unwillkürliche. Und mein falscher Ausdruck kam daher, daß man sich das Wollen als ein unmittelbares, nichtkausales, Herbeiführen denken will. Dieser Idee aber liegt eine irreführende Analogie zu Grunde; der kausale Nexus erscheint durch einen Mechanismus hergestellt, der zwei Maschinenteile verbindet. ...»

§ 615 «Das Wollen, wenn es nicht eine Art Wünschen sein soll, muss das Handeln selber sein. Es darf nicht vor dem Handeln stehen bleiben.»


Anhänger des Epiphänomenalismus halten das Bewußtsein und den Willen für ein nutzloses Zusatzprodukt der Gehirnfunktionen. Auch Gerhard Roth sieht im Willensentschluss nicht den Auslöser für eine gewollte Handlung (‚Willensfreiheit im starken Sinne‘). Aber er nennt zwei Funktionen des ‚Freien Willens‘ (vergl. Roth, Aus Sicht des Gehirns, Suhrkamp 2003; S. 179f)

  • Das Gefühl des Wollens stärkt die Aktivitäten beim Überwinden von psychischen und dinglichen Widerständen. Gerade weil ich gar nicht weiß, durch was mein Wille verursacht ist, fühle ich mich subjektiv frei Hindernisse zu überwinden und Handlungsalternativen zu unterdrücken.
  • Das Gefühl des Wollen und Gewollt-Habens kennzeichnet meine Handlungen als ‚meine‘ Handlung und integriert sie in mein Erwartungsmodell.
Freier Wille[Bearbeiten]

(das Thema ist in der Mischmaschine.Xaver 12:21, 21. Jul. 2010 (CEST)

Überlebenswille[Bearbeiten]

Bleibt die Frage, durch was meine gewollten Handlungen verursacht werden, wenn die Willensfreiheit nur ein subjektives Vertärkungsmoment ist.

Wenn ich etwas will, dann handle ich mit einem Handlungsziel, ich will etwas verwirklichen, das in der Zukunft liegt, der Wille ist final und nicht kausal bestimmt. Oder besser: die Kausalität des Willens ist seine Finalität.

W.Deppert sieht in der Evolutionstheorie eine Möglichkeit, kausale und finale Deutung des Willens zu versöhnen.

«Der Wille kommt als Überlebenswille in Form von Systemattraktoren in die Welt!

Dieser Überlebenswille ist der Ursprung aller später unterscheidbaren Willens- und Bewußtseinsformen. An dieser Stelle findet die Versöhnung von kausaler und finaler Weltbetrachtung wirklich statt; denn die Begegnung der Atome, die Bildung von Ionen und deren Verhalten ist noch ganz kausal zu verstehen, nicht aber die Tatsache, daß sich bestimmte Ionen bilden; denn das ist durch die systemcharakterisierenden Attraktoren festgelegt, welches eine finale Bestimmung darstellt. Die Attraktoreigenschaften eines Systems kann man auch als intrinsische Eigenschaften bezeichnen, da sie erst dann in Erscheinung treten, wenn die entsprechenden Umweltbedingungen vorliegen. Durch die intrinsischen Eigenschaften entsteht in dem Moment ein neues System, in dem die Umweltbedingungen dazu gegeben sind. Dann beginnt eine neue Ursachen-Wirkungskette, nach der Kant zur Begründung seiner Moralphilosophie im Rahmen der kausalen Naturnotwendigkeit vergeblich gesucht hat.»

Freiheit[Bearbeiten]

«Die Fähigkeit des Improvisierens ist aber so charakteristisch für den Menschen, dass sie unter den Namen der Freiheit oder der Emanzipation von Naturzwängen sogar zu seinem Hauptmerkmal erhoben wurde.» (Karl Eibl, Kultur als Zwischenwelt. edition unseld 2009, S.48) D.h. wir Menschen können von unseren (instiktiven) Verhaltensweisen abweichen, Handlungssequenzen entkoppeln und neu zusammensetzen. Dabei nutzen wir die hochpotente Methode der Beachtung von Geltungseinschränkungen. Was in diesem Fall angemessen ist, gilt in dem anderen Fall nicht. Das Wissen über die Fallunterscheidung ist kulturell (z.B. sprachlich) gespeichert und in den Archiven der Gesellschaften abgelegt. (Wird fortgesetzt von Xaver 10:11, 30. Jun. 2010 (CEST))


(Xaver)

Artikelserie zur Willensfreiheit[Bearbeiten]

Winfried Hassemer: Haltet den geborenen Dieb FAZ.net, 15.6.2010

Gerhard Roth und Grischa Merkel: Haltet den Richter!, Frankfurter Rundschau (FR) 26.6.2010 (mit 60 Kommentaren)

Michael Walter: Schuld und Wille, FR 5.7.2010

Peter Janich: Hingespinste, FR 12.7.2010

Klaus Lüderssen: Wer determiniert die Hirnforscher?, FR 19.7.2010

Michael Pauen: Das Schuldprinzip antasten, ohne es abzuschaffen FR 26.7.2010

Bormann: Verantwortung und Verdrängung FR 1.8.2010

Lutz Wingert: An der Realität vorbei FR 8.8.2010

Freiheit im Existenzialismus (September '10)[Bearbeiten]

Materialien[Bearbeiten]

Zitat aus: Jean Paul Sartre: Das Sein und das Nichts (Vierter Teil, erstes Kapitel, III):

"So gibt es keine Zwischenfälle in einem Leben; ein gesellschaftliches Ereignis, das plötzlich ausbricht und mich mitreißt, kommt nicht von außen; wenn ich in einem Krieg eingezogen werde, ist dieser Krieg mein Krieg, er ist nach meinem Bild, und ich verdiene ihn. Ich verdiene ihn zunächst, weil ich mich ihm immer durch Selbstmord oder Fahnenflucht entziehen konnte: diese letzten Möglichkeiten müssen uns immer gegenwärtig sein, wenn es darum geht, eine Situation zu beurteilen. Da ich mich ihm nicht entzogen habe, habe ich ihn gewählt; das kann aus Schlaffheit, aus Feigheit gegenüber der öffentlichen Meinung sein, weil ich bestimmte Werte sogar der Kriegsdienstverweigerung vorziehe (die Achtung meiner Nächsten, die Ehre meiner Familie usw.). Jedenfalls handelt es sich um meine Wahl. Diese Wahl wird in der Folge bis zum Ende des Krieges fortgesetzt wiederholt werden; man muß also den Ausspruch von Jules Romains unterschreiben: "Im Krieg gibt es keine unschulidgen Opfer." Wenn ich also dem Tod oder der Entehrung den Krieg vorgezogen habe, dann geschieht alles so, als trüge ich die gesamte Verantwortung für diesen Krieg. Gewiß, andere haben ihn erklärt, und man wäre vielleicht versucht, mich als bloßen Komplizen zu betrachten. Aber dieser Begriff der Komplizenschaft hat nur einen juristischen Sinn; hier hält er nicht stand; denn es hat von mir abgehangen, daß für mich und durch mich dieser Krieg nicht existiert, und ich habe entschieden, daß er existiert."

Mitschriftnotizen zu diesem Podcast:

Gerade das Terrorregime der Nazis ermöglichte durch Ablösung davon Freiheit. Jeder vom totalitären Regime losgelöste Gedanke war Freiheit. In jedem Fall bleibt die Möglichkeit, sich dem totalitären Zugriff durch Selbstmord zu entziehen.

Existenzialismus prägte das Leben und die Mode. Heute bedeutet E. Ablehnung von Normen: Sartre, Beauvoir, Camus wichtige Vertreter. Deutscher Einfluss: Heidegger u. Jaspers Dänischer Ursprung: Kierkegaard

Kierkegaard: Freiheit offenbart sich als Angst. Sartre: Menschliche Existenz ist Freiheit. Man wählt immer. Auch dann wenn man die Lebensangst nicht zulässt, weil man damit den äußeren Zwang, den totalitären Zugriff zulässt. Jeder muss seinen Sinn selbst schaffen, weil es keinen Sinn außerhalb des Einzelnen gibt.

Sartre: Der Mensch beginnt als Leerstelle. Er ist nichts als das, wozu er sich macht. Dasein heißt immer, mit anderen zu leben. (Heidegger: Mitsein ist Wesen des Menschen.) Sartre: Meine Freiheit und die der anderen gehören zusammen.

Existenzialisten waren notwendig politisch engagiert, auch im Totalitarismus.

Der Existenzialismus akademisch nie sehr etabliert, er ist in konkreter Lebenspraxis verankert. So sind z.B. Zusammenleben ohne Trauschein, Patchworkfamilie und Sabbatjahr auf den Existenzialismus zurückzuführen.

Kürzestdarstellung[Bearbeiten]

Der Existenzialismus - weit entfernt Hirnforschungsergebnisse als lebensrelevant anzuerkennen - geht davon aus, dass im totalitären Regime genauso wie in der Demokratie jeder für die Folgen seines Handelns verantwortlich sei. Er verwirft radikal die Vorstellung von "Befehlsnotstand", aber auch das sich Arrangieren mit den Verhältnissen im Sinne von "Man kann ja doch nichts machen" oder den "ohne mich"-Standpunkt in der Demokratie. Weil der Mensch im Ausgangspunkt frei sei, sei er auch für seine Unfreiheit verantwortlich.

Damit verwirt er auch das "'s ist leider Krieg und ich begehre, nicht schuld daran zu sein" aus dem (Anti-)Kriegslied von Matthias Claudius. (Walter)

Kommentare[Bearbeiten]

Ich selbst sehe einen unterschiedlichen Grad von Freiheit einerseits bei der Entscheidung, an diesem Philosophiekurs teilzunehmen (oder nicht) und unter den gegebenen Sicherheitsvorkehrungen die Loveparade in Duisburg zu genehmigen (oder nicht) und andererseits bei den Teilnehmern der Loveparade im Tunnel, die von Hunderten von hinten geschoben wurden, bei der Entscheidung vorwärts zu gehen oder mich rechtzeitig auf den Boden zu werfen, bevor ich auf einen Stürzenden treten kann. Wenn mir diese Differenzierung verwehrt wird, kann ich weder der Hirnforschung noch dem Existenzialismus folgen. (Walter)

Gerechtigkeit[Bearbeiten]

(Walter)

Darstellung[Bearbeiten]

Gerechtigkeit bezieht sich auf soziales Zusammenleben. Eine Ausnahme davon bildet nur die Vorstellung vom gerechten Gott, der jedem Einzelnen für sich ohne Vergleich mit anderen Gerechtigkeit widerfahren lässt. Außerdem finden sich im Sprachgebrauch die Wendungen historische Gerechtigkeit, jemandem gerecht werden, einer Sache gerecht werden, die nicht auf einen sozialen Zusammenhang abstellen.

"Die Gerechtigkeit ist die erste Tugend sozialer Institutionen, so wie die Wahrheit bei Gedankensystemen."[1]

Die unterschiedlichen Positionen zur Gerechtigkeit unterscheiden sich primär danach, wie sie den Anspruch des Einzelnen und den des Anderen und der Gesamtheit gewichten.

"Libertäre erkennen keine positiv definierten Rechte wie etwa das Recht auf Nahrung, Obdach oder Gesundheitsfürsorge an, sondern nur negativ definierte Freiheiten, wie die Freiheit, nicht angegriffen, missbraucht, beraubt oder zensiert zu werden. Soziales Handeln und Solidarität entstehen nicht mit juristischem Druck, sondern durch ethische Erwägungen. Libertäre halten staatlich erzeugte soziale Maßnahmen für kontraproduktiv und daher letztlich für unsozial." (Wikipedia:Libertatismus)

Die Gegenposition stellt der radikale Utilitarismus dar, wonach ebenfalls die Menschnrechte nicht gelten, diesmal aber, weil sie immer hinter dem Glück/Nutzen der größtmöglichen Zahl zurückstehen.

In Notfällen, wo mit knappen Mitteln in kürzester Zeit geholfen werden muss, wird allgemein das utilitaristische Prinzip der Triage angewandt. Kurz gesagt: Man verzichtet auf Hilfe bei denen, die sich selbst helfen können und bei denen, bei denen eine Rettung aussichtslos erscheint. Zu Differenzierungen sieh dort.

Im gesellschaftlichen Alltag herrschen weniger radikale Positionen vor:

Besonders stark die Einzelrechte betonen Adam Smith und ihm folgend der Manchesterliberalismus.[2], während der Liberalismus sie etwas weniger radikal vertritt und etwa die Gemeinschaftsaufgabe der Verteidigung der individuellen Freiheit aller als Verpflichtung jedes einzelnen sieht.

Der Kommunitarismus sieht in der Betonung des Individualismus eine Gefahr und betont demgegenüber die Rechte der Gesamtheit, doch ebenso grenzt er sich vom Wohlfahrtsstaat ab und fordert statt dessen Hilfe zur Selbsthilfe. Die sieht er am besten realisiert, wenn die mittlere Ebene zwischen Individuum und Gesamtgesellschaft, die Gemeinschaft, gestärkt wird.

Zur Sicherung auch der sozialen Menschenrechte hat Rawls sein Konzept vom Schleier des Nichtwissens entwickelt: Rechte und Ansprüche sollen so vergeben werden, wie man es in Unkenntnis der zukünftigen eigenen Position in der Gesellschaft für richtig hielte. Damit und mit seinem Vorrang der Freiheit vor dem sozialen Ausgleich grenzt er sich vom Kommunismus ab, so weit er das Prinzip Jedem nach seinen Bedürfnissen[3] vertritt.

All diese Überlegungen werden aber, insofern sie sich auf Gerechtigkeit innnerhalb einer Gesellschaft beziehen, dem Gerechtigkeitsproblem unter den Bedingungen der Globalisierung noch nicht gerecht, da zwischen Staaten noch weithin das Prinzip der Souveränität des Einzelstaates und damit der Nichteinmischung in die inneren Verhältnisse gilt. Ausnahme: Das von den westlichen Industriestaaten vertretene Prinzip der Intervention zum Schutz der Menschenrechte, das von asiatischer Seite weithin als Menschenrechtsimperialismus abgelehnt wird.

Soziale Gerechtigkeit ist aber politisch sehr brisant, denn es gilt vemutlich das Wort von Carigiet: "Nur eine mehrheitlich als sozial gerecht empfundene Gesellschaft wird auf Dauer das notwendige Potenzial zur Konfliktregelung und gewaltlosen Streitschlichtung zur Verfügung stellen können."[4]

Kürzestdarstellung[Bearbeiten]

Menschliche Gerechtigkeit setzt einen sozialen Zusammenhang voraus. Der wird mittlerweile die Weltgesellschaft berücksichtigen, auch wenn es gegenwärtig keine einheitliche Werteskala gibt.[5] Das Konzept des Schleiers des Nichtwissens von Rawls hat aber eine recht weite Anerkennung gefunden.

Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion kam es weltweit zur Stärkung individualistischer Gerechtigkeitskonzepte, die Finanzkrise ab 2007 hat diese Tendenz wohl abgeschwächt.

Kommentare[Bearbeiten]

  • Ich widerrufe ... ein bisschen

Mein hartnäckiges Festhalten an der These, dass Gerechtigkeit Gleichheit voraussetzt, muss ich bei näherer Betrachtung (und Lesen des Wikipedia-Artikels) doch revidieren:

Nein, Gerechtigkeit setzt nicht Gleichheit vorraus, sondern meint "einen angemessenen, unparteilichen und einforderbaren Ausgleich der Interessen und der Verteilung von Gütern und Chancen zwischen den beteiligten Personen oder Gruppen".

Die Bezugsgröße der Angemessenheit kann variieren:

  • Ist es die Leistung, dann ist gerecht, wenn der Bessere (Schnellere, Stärkere, Fleißigere) mehr erhält.
  • Ist es die (Schutz)Bedürftigkeit, dann wird es gerecht empfunden, wenn der Schwächere von Lasten befreit wird (z.B. durch Arbeitsschutzgesetze)
  • Ist es die Gleichheit (Gleichberechtigung), dann verlangt Gerechtigkeit eine gleichmäßige Verteilung der Güter und Chancen (z.B. Wahlrecht für alle, gleicher Zugang zu Bildung)

Und doch: es muss laut Wikipedia-Artikel "als formales Grundprinzip die Gleichheit (Gleichberechtigung) der Menschen sichergestellt sein". Dies gilt meines Erachtens zumindest für unseren Gebrauch des Begriffes, denn wie sonst könnten wir begründen, dass etwa die Kastengesellschaft oder der unterschiedliche Reichtum der Völker dieser Erde ungerecht wären?

Auch unser Grundgesetz und die Vereinten Nationen formulieren doch diesen Zusammenhang laut Wikipedia-Artikel

Die Gleichheit vor dem Gesetz ist eine der entscheidenden Grundlagen des juristischen Bemühens um die Gerechtigkeit. Sie gilt als Fundament des Rechtsstaates und ist Bestandteil der meisten Verfassungen. So legt Artikel 3 Absatz 1 des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland fest: „Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich.“ Darüber hinaus wird ausdrücklich auf die Gerechtigkeit Bezug genommen: „Das Deutsche Volk bekennt sich darum zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt.“ (Art. 1 Abs. 2 GG)
In der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen von 1948 heißt es: „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. [...] Jeder Mensch hat Anspruch auf die in dieser Erklärung verkündeten Rechte und Freiheiten ohne irgendeine Unterscheidung, wie etwa nach Rasse, Farbe, Geschlecht, Sprache, Religion, politischer oder sonstiger Überzeugung, nationaler oder sozialer Herkunft, nach Eigentum, Geburt oder sonstigen Umständen.“

Und last not least Gustav Radbruch:

"Die Gerechtigkeit enthält in sich eine unüberwindbare Spannung: Gleichheit ist ihr Wesen, Allgemeinheit ist deshalb ihre Form – und demnach wohnt ihr das Bestreben inne, dem Einzelfall und dem Einzelmenschen in ihrer Einzigartigkeit gerecht zu werden."

Gustav Radbruch, Vorschule der Rechtsphilosophie, 2. Aufl., Göttingen 1959, S. 25}}

Alles in Allem denke ich deshalb doch: Gerechtigkeit ohne Gleichheit ist für uns nicht vorstellbar.

--Klaus.winterhude 10:10, 12. Sep. 2010 (CEST)

Einverstanden: Gleichheit in den grundsätzlichen Anspruch auf Würde Art.1 GG und den entsprechenden Menschenrechten. Dementsprechend auch Anspruch auf Unterstützung beim Ausgleich fehlender Chancengleichheit. Schließlich eine Verlässlichkeit des Rechtsstaates mit allgemeinen Normen und verlässlichen Rechtswegen. Deshalb berührt das Buch von Reinhard Berkau: Ich gegen Amerika mit seiner Beschreibung von US-Justiz auch so sehr. --Cethegus 12:33, 12. Sep. 2010 (CEST)
Allerdings bedeutet „Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich.“ dass alle Menschen den Anspruch haben, gleich behandelt zu werden. Friedrich A.Hayek beschreibt das so: "Eine notwendige und nur scheinbar paradoxe Schlussfolgerung, dass die formale Gleichheit vor dem Gesetz sich im Widerstreit befindet, ja unvereinbar ist mit einer Politik, die bewusst die materielle oder substantielle Gleichheit verschiedener Individuen anstrebt und dass irgendeine Politik, die sich direkt das substantielle Ideal der Verteilungsgerechtigkeit zum Ziel setzt, zur Zerstörung des Rechtsstaates führen muss. Wenn man verschiedene Individuen in dieselbe Lage bringen will, so muss man sie notwendigerweise verschieden behandeln." --Jeanpol 13:33, 12. Sep. 2010 (CEST)
Anatole France sagt dazu: „La majestueuse égalité des lois interdit aux riches comme aux pauvres de coucher sous les ponts, de mendier dans la rue et de voler du pain.“ (Das Gesetz in seiner erhabenen Gleichheit verbietet es Reichen wie Armen, unter den Brücken zu schlafen, auf den Straßen zu betteln und Brot zu stehlen.) (Le lys rouge, 1894) - Im 20. Jh. kam man aber auf so spinnerte Ideen wie die, dass Blinde subventionierte Braille-Bücher erhalten, und kostenlos Begleiter in der Bahn mitnehmen dürfen. Noch schrecklicher: In einzelnen Parteien gibt es Frauenquoten, was dazu geführt hat, dass wir - o Hayek hätte es verhindern sollen! - jetzt sogar eine Kanzlerin haben. Dass sie verteilungsgerecht nach Hartz IV bezahlt würde, hat sich freilich noch nicht durchgesetzt. --Cethegus 17:16, 12. Sep. 2010 (CEST)
Ich habe nicht meinen Standpunkt dargestellt, sondern die spezielle Interpretation, die Hayek von "Gerechtigkeit" liefert, auf die ich ohne unseren Workshop nicht gekommen wäre.--Jeanpol 18:37, 12. Sep. 2010 (CEST)
Meine Äußerung, so polemisch sie klingen mag, war auch nicht gegen das Einstellen von Hayek gerichtet, sondern nur als Warnung für allzu gläubige Leser gedacht. Denn Hayek klingt ja so, als ob unterschiedliche Behandlung sogleich Ungleichheit vor dem Gesetz bedeutete. --Cethegus 00:27, 14. Sep. 2010 (CEST)

In diesem Zusammenhang kann ich den Satz von Aristoteles "Die Schwachen beschäftigen sich stets mit der Frage der Gerechtigkeit und der Gleichheit. Die Starken kümmert es nicht." nicht wegdrängen. Diese Ansicht wurde im Laufe der Philosophiegeschichte immer wieder vertreten, ganz massiv durch Nietzsche. Den Satz erinnere ich vor allem dann mit Schmerz, wenn es mir nicht gut geht und ich mich "schwach" fühle. Auf diesem Hintergrund ist es auch interessant, die gegenwärtige Diskussion um Sarrazins Thesen zu verfolgen. Wie ich gestern hörte, findet Sarrazin Unterstützung bei Sloterdijk. Meine ganzen Vorurteile werden bestätigt (über Sloterdijk).--Jeanpol 08:58, 14. Sep. 2010 (CEST)

  • Ich ergänze ein bisschen ;-) (Jutta)

Handel ist ja ebenfalls ein wichtiger Aspekt in der Diskussion um Gerechtigkeit, so werben seit einigen Jahren Firmen mit "Gerechtem Handel".- Ich finde diese Situation des Handelns eine interessante, weil sie eines der Paradoxe in unserem Leben darstellt. Denn, derjenige, der verkaufen will, will natürlich den höchsten Preis erzielen und der, der kaufen will, den geringsten.- In Gesellschaften, die noch etwas näher an Strukturen leben, die Tauschgeschäfte ermöglichen, werden diese Aushandlungsdialoge meiner Vermutung nach als etwas Vitalisierendes erlebt, ein grosszügiger Zeitrahmen, Rituale, Konversation spielen eine grosse Rolle. Es geht nicht nur um das Ergebnis, sondern auch um den Prozess. Und ich finde hier ein weiteres Beispiel dafür, wenn ich sage, "unserer Gesellschaft fehlt es an Magie".

Gerechtigkeit in der funktionalen Argumentation (Juli 2011)[Bearbeiten]

Im Namen der Gerechtigkeit werden wehrlose Menschen getötet (z.B. durch die Todesstrafe), Schlachten geschlagen ('Gerechter Krieg'), Strafen vollstreckt, Eigentum weggenommen (Steuern) usw. Im Namen der Gerechtigkeit werden barrierefreie Verkehrsmittel eingesetzt, Betrüger bestraft, Schadensersatz durchgesetzt usw. 1980 stellt eine Umfrage bei (west)deutschen Bauern fest, dass 87% von ihnen sich 'allgemein benachteiligt und ungerecht behandelt' fühlten. Die jetztige Familienministerin Schröder schrieb in ihrer Doktorarbeit: «Insgesamt lassen sich die Ergebnisse des Instituts für Demoskopie Allensbach so zusammenfassen, dass offenbar eine knappe Hälfte der Bevölkerung Gerechtigkeit auch als Gleichheit interpretiert, daher eine Verringerung der Ungleichheit fordert und unter Umständen auch bereit ist, eine Nivellierung nach unten in Kauf zu nehmen. Ein Drittel scheint streng egalitären Positionen anzuhängen, also Gleichheit eine Priorität vor anderen Werten einzuräumen.»[6] (Das kursive auch ist im Original durch Unterstreichung hervorgehoben.) Gerechtigkeitstheorien dienen dazu, reale gesellschaftliche Gewaltausübung ethisch zu problematisieren und dadurch den Gewaltanwendungen ein Qualitätssiegel zu verleihen: Diese Steuer (Strafe, Umweltzerstörung, Gesundheitsschutznorm, Durchführungsverordnung, AKW-Abschaltung, ...) ist ethisch einwandfrei! Die Argumentation mit der Gerechtigkeit ist hochgradig funktional, d.h. sie zielt auf Überzeugungen. Da jedermann weiß, dass Gerechtigkeit einen hohen Wert hat, ist es gut, sinnvoll oder nützlich, Gerechtigkeit durchzusetzen; Gerechtigkeit zu beanspruchen ist demgemäß richtig. Wenn es gelingt, einen Anspruch als gerecht darzustellen, liefert man eine Letztbegündung für diesen Anspruch, d.h. die Feststellung, ein Anspruch (auch ein nicht geäußerter) sei gerecht, beendet die Diskussion.

Meiner Meinung nach beginnt dort die Diskussion, wo ein solcher Gerechtigkeitsanspruch in Frage gestellt wird. Der Vorzug ist, dass Gerechtigkeit von beiden Seiten als (vorgebliches?) Ziel anerkannt wird und nicht Tradition, Macht o.ä. als Rechtfertigung der gegebenen Strukturen verwendet werden. --Cethegus 09:46, 25. Aug. 2011 (CEST)

Sachbezogene Argumentation[Bearbeiten]

Funktioneller Gebrauch des Gerechtigkeitsbegriffes zeigt sich oft am Beispiel oder Modell. A. Krebs zeigt am Kuchenbeispiel, wie durch ein geschickt gewähltes Modell wesentliche Fragen gar nicht aufkommen.

„Die Verteilung eines Kuchens an Kinder ist eine unterkomplexe Situation, Kinder können im Unterschied zu Erwachsenen zum Beispiel wederselbst Kuchen backen noch kaufen. In realen komplexen Verhältnissendürfte die Gleichverteilungsoption so gut wie nie durchschlagen.Ferner lässt das Kuchenbeispiel den Suffizienz-Gedanken erst gar nichtaufkommen. Von Süßigkeiten können Kinder nie genug kriegen, und mankann dies ihnen, da sie noch Kinder sind, auch nicht verübeln.Schließlich fingiert das Kuchenbeispiel eine Tabula-rasa-Situation der Verteilung aller sozialen Güter und nicht die gewordenen Verhältnisse, indenen wir uns nun einmal mit unseren Gerechtigkeitsbestrebungen vorfinden.“[7]

Funktionale Argumente kann man mit sachbezogenen Argumenten kontrastieren. Sachbezogene Argumente berufen sich darauf, daß die jeweils zur Diskussion stehende Überzeugung unter inhaltlichen Gesichtspunkten begründet, vernünftig oder plausibel ist. (Zur Unterscheidung von funktionaler vs. sachbezogener Argumentation vgl. Birnbacher, Dieter: Funktionale Argumente in der ökologischen Ethik.)[8] Xaver 11:07, 4. Sep. 2011 (CEST)

Literatur[Bearbeiten]

Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. Rawls: Eine Theorie der Gerechtigkeit, 1979, S.19
  2. Doch gewichtet Smith dabei auch die Rechte anderer Gemeinschaften recht stark und tritt gegen Sklaverei und Ausbeutung von Gold- und Silbervorkommen von Kolonien ein.
  3. "Kommunismus als eine Gesellschaftsform, in der „jeder nach seinen Fähigkeiten“ tätig sein und „jedem nach seinen Bedürfnissen“ der produzierte Reichtum offen stehen solle (vgl. Wikipedia Kommunismus)
  4. Erwin Carigiet u.a. (Hrsg.): Wohlstand durch Gerechtigkeit, Zürich 2006, S.396
  5. Was sein Gerechtigkeitskonzept über das gerechte Verhältnis der Aufwendungen für das zweite Kind einer Hartz IV-Empfängerin und für einen pakistanischen Staatssekretär sagt, hat vermutlich noch kein Philosoph durchdacht.
  6. Köhler, Kristina: Gerechtigkeit als Gleichheit? Eine empirische Analyse der objektiven und subjektiven Responsivität von Bundestagsabgeordneten © VS Verlag für Sozialwissenschaften | GWV Fachverlage GmbH, Wiesbaden 2010 ISBN 978-3-531-17053-4
  7. Angelika Krebs: Gleichheit oder Gerechtigkeit? | [1]
  8. Birnbacher, Dieter: Funktionale Argumente in der ökologischen Ethik / aus: Aufklärung und Kritik 2/1997 (S. 66 ff.)

Liebe[Bearbeiten]

w:Solidarität, w:Altruismus, w:Gegenseitige Hilfe, w:Gutmensch, w:Helfersyndrom,

Liebe nach Luhmann[Bearbeiten]

(Auszug aus Niklas Luhmann, Liebe als Passion stw1124 ISBN 987 3 518 28724)

Vorwort

Die hier vorgelegten Untersuchungen zur Semantik von »Liebe« kombinieren zwei verschiedene Theoriezusammenhänge. ...

  • Sie gehen von der These aus, daß der Umbau des Gesellschaftssystems von stratifikatorischer in funktionale Systemdifferenzierung tiefgreifende Veränderungen des Ideenguts der Semantik erzeugt, mit dem die Gesellschaft die Kontinuität ihrer eigenen Reproduktion, des Anschließens von Handlung an Handlung ermöglicht. Bei evolutionären Transformationen dieser Art mögen Wortkleider, Floskeln, Weisheiten und Erfahrungssätze durchtradiert werden; aber sie ändern ihren Sinn, ihre Selektivität, ihre Fähigkeit, Erfahrungen zu packen und neue Perspektiven zu eröffnen. Es verlagert sich der Schwerpunkt, von dem aus Sinnkomplexe Operationen steuern; und in dieser Weise kann Ideengut, wenn es nur reich genug ist, tiefgreifende Veränderungen in den Sozialstrukturen vorbereiten, begleiten und hinreichend rasch plausibilisieren. Dank dieser Hilfe können strukturelle Transformationen relativ rasch, oft geradezu revolutionsartig ablaufen, ohne alle ihre Voraussetzungen auf einmal erzeugen zu müssen.
  • Den zweiten Kontext gewinnen wir mit Ansätzen zu einer allgemeinen Theorie symbolisch generalisierter Kommunikationsmedien. Entsprechend wird Liebe hier nicht, oder nur abglanzweise, als Gefühl behandelt, sondern als symbolischer Code, der darüber informiert, wie man in Fällen, wo dies eher unwahrscheinlich ist, dennoch erfolgreich kommunizieren kann. Der Code ermutigt, entsprechende Gefühle zu bilden. Ohne ihn würden die meisten, meinte La Rochefoucauld, gar nicht zu solchen Gefühlen finden. Und Engländerinnen, die den prävictorianischen Romanen zu entsprechen suchen, müssen sogar auf sichtbare Zeichen ehebereiter Liebe warten, bevor sie bewußt entdecken dürfen, was Liebe ist. Es handelt sich also nicht um eine reine Erfindung soziologischer Theorie, sondern um einen in der Liebessemantik längst reflektier/9/ten Sachverhalt. Die Theorie fügt dem nur Abstraktionsgewinne hinzu, sie ermöglicht Vergleiche mit ganz andersartigen Sachverhalten, zum Beispiel mit Macht, mit Geld, mit Wahrheit; sie gewinnt dadurch zusätzliche Erkenntnisse und zeigt damit, daß Liebe nicht nur eine Anomalie ist, sondern eine ganz normale Unwahrscheinlichkeit. Die Steigerung der Wahrscheinlichkeit des Unwahrscheinlichen — das ist die Formel, die Gesellschaftstheorie, Evolutionstheorie und Theorie der Kommunikationsmedien verbindet. Die Normalisierung unwahrscheinlicherer Gesellschaftsstrukturen stellt höhere Ansprüche an die Kommunikationsmedien, sie spiegelt sich in ihrer Semantik, und Evolution ist das Konzept, das erklären soll, wie so etwas zustandekommt....

Kapitel 1 Gesellschaft und Individuum: Persönliche und unpersönliche Beziehungen

Es ist sicher ein Fehlurteil, wenn man die moderne Gesellschaft als unpersönliche Massengesellschaft charakterisiert und es dabei beläßt. Eine solche Auffassung kommt teils durch zu enge theoretische Bestimmungen des Gesellschaftsbegriffs, teils durch optische Täuschungen zustande. Wer die Gesellschaft primär in ökonomischen Kategorien begreift, wer sie also von ihrem Wirtschaftssystem her auffaßt, kommt zwangsläufig zur Vorstellung einer Vorherrschaft unpersönlicher Beziehungen, denn für das Wirtschaftssystem gilt dies in der Tat.

Aber die Wirtschaft ist nur ein Moment des gesellschaftlichen Lebens neben anderen. Auch wenn man den Standpunkt des Einzelnen einnimmt, gilt natürlich, daß er zu den meisten anderen nur unpersönliche Beziehungen herstellen kann. Insofern erscheint die Gesellschaft, wenn man darunter die Gesamtheit möglicher Beziehungen versteht, als vorwiegend unpersönlich.

Zugleich gilt aber für jeden Einzelnenauch, daß er die Möglichkeit hat, in einigen Fällen persönliche Beziehungen zu intensivieren und viel von dem, was er als sein Eigenstes begreift, anderen mitzuteilen und in anderen bestätigt zu finden. Auch diese Möglichkeit ist, wenn man bedenkt, daß sie für jeden eine Möglichkeit ist und von vielen ergriffen und realisiert wird, massenhaft gegeben; und es gehört mit zu den Merkmalen der modernen Gesellschaft, daß sie frei zugänglich und mit wenig Rücksichten auf andere Beziehungen belastet ist.

Wir gehen im folgenden deshalb davon aus, daß im Vergleich zu älteren Gesellschaftsformationen die moderne Gesellschaft sich durch eine Steigerung in doppelter Hinsicht auszeichnet: durch mehr Möglichkeiten zu unpersönlichen und durch intensivere persönliche Beziehungen. ...

Wir wollen solche Beziehungen mit dem Begriff der zwischenmenschlichen Interpenetration kennzeichnen. Im gleichen Sinne kann man auch von Intimbeziehungen sprechen. ...

...beschränken uns auf eine in diesem Zusammenhang wichtige Teilfrage: die Frage nach der Entstehung eines symbolisch generalisierten Kommunikationsmediums, dem die spezifische Aufgabe zugewiesen wird, kommunikative Behandlung von Individualität zu ermöglichen, zu pflegen, zu fördern. ...

Zunächst kommt es im Übergang von stratifikatorischer zu funktionaler Gesellschaftsdifferenzierung zu einer stärkeren Differenzierung von personalen und sozialen Systemen (was genau genommen heißt: von System/Umwelt-Differenzen für personale bzw. soziale Systeme). Der Grund dafür ist:

  • daß bei funktionaler Differenzierung die Einzelperson nicht mehr in einem und nur einem Subsystem der Gesellschaft angesiedelt sein kann, sondern sozial ortlos vorausgesetzt werden muß4.
  • Das heißt nicht nur, daß die Personen selbst sich jetzt durch größere Verschiedenartigkeit ihrer Merkmale auszeichnen (was man sehr wohl auch bezweifeln könnte), sondern
  • daß für die Systemreferenz der personalen Systeme deren System/Umwelt- Verhältnisse sich stärker differenzieren, so daß es als Zufall (und nicht als Gattungsmerkmal) behandelt werden muß, wenn Personen trotzdem gleiche Merkmale aufweisen.
  • Dieser systemtheoretisch gut faßbare Differenzierungstrend bedeutet für die Einzelperson mehr und mehr Anlaß, die eigene Differenz zur Umwelt (und in der Zeit-Dimension: die Geschichte und die Zukunft dieser Differenz) auf die eigene Person zurück zuinterpretieren, wodurch das Ich zum Focus des Erlebens und die Umwelt relativ konturlos wird.
  • Für die Selbstidentifikation als Grundlage des eigenen Erlebens und Handelns reicht es nicht mehr aus, um die Existenz des eigenen Organismus zu wissen, einen Namen zu haben und durch allgemeine soziale Kategorien wie Alter, Geschlecht, sozialer Status, Beruf fixiert zu sein.
  • Vielmehr muß der Einzelne auf der Ebene seines Persönlichkeitssystems, und das heißt: in der Differenz zu seiner Umwelt und in der Art, wie er sie im Unterschied zu anderen handhabt, Bestätigung finden.
  • Zugleich werden die Gesellschaft und die durch sie konstituierten Weltmöglichkeiten sehr viel komplexer und undurchschaubarer. Daraus ergibt sich der Bedarf für eine noch verständliche, vertraute, heimische Nahwelt (übrigens annähernd der Sinn des altgriechischen philos), die man sich noch aneignen kann.
Liebe als symbolisch generalisiertes Kommunikationsmedium[Bearbeiten]

Allgemein handelt es sich bei symbolisch generalisierten Kommunikationsmedien um semantische Einrichtungen, die es ermöglichen, an sich unwahrscheinlichen Kommunikationen trotzdem Erfolg zu verschaffen1.

  • »Erfolg verschaffen« heißt dabei: die Annahmebereitschaft für Kommunikationen so zu erhöhen, daß die Kommunikation gewagt werden kann und nicht von vornherein als hoffnungslos unterlassen wird. Das Überwinden dieser Unwahrscheinlichkeitsschwelle ist vor allem deshalb wichtig, weil es anders nicht zur Bildung sozialer Systeme kommen kann; denn soziale Systeme kommen nur durch Kommunikation zustande. Unwahrscheinlichkeiten markieren, mit anderen Worten, Entmutigungsschwellen und, in Bezug auf Evolution gesehen, Schwellen der Wiederausmerzung von Variationen.
  • Können diese Schwellen hinausgeschoben werden, erhöhen sich zunächst die Systembildungsmöglichkeiten im Gesellschaftssystem, erhöht sich zugleich die Zahl der kommunikationsfähigen Themen, steigen intern die Freiheitsgrade der Kommunikation und extern die Anpassungsfähigkeiten des Systems; und mit all dem nimmt die Wahrscheinlichkeit der Evolution zu2.
  • Für alle Kommunikationsmedien wird man unterstellen können, daß die Anforderungen im Laufe der gesellschaftlichen Evolution steigen.
  • Wenn das Gesellschaftssystem und die für es mögliche Umwelt komplexer werden, nimmt auch die Selektivität aller Festlegungen zu. *Was immer mitgeteilt werden muß, wird zur Auswahl aus mehr anderen Möglichkeiten. Dadurch wird die Motivation zur Übertragung und Annahme von Selektionsleistungen unwahrscheinlicher. Also wird es schwieriger, durch die Art der Selektion zur Annahme zu motivieren. Genau dies ist aber die Funktion der Kommunikationsmedien. ...
Höchstpersönliche Kommunikation[Bearbeiten]

Jedes symbolisch generalisierte Kommunikationsmedium wird mit Bezug auf ein spezifisches Schwellenproblem ausdifferenziert. Für das Medium Liebe liegt dies Problem in der höchstpersönlichen Kommunikation selbst.

  • Unter höchstpersönlicher Kommunikation wollen wir eine Kommunikation verstehen, mit der der Sprecher sich von anderen Individuen zu unterscheiden sucht. Das kann dadurch geschehen, daß er sich selbst zum Thema macht, also über sich selbst spricht; aber auch dadurch, daß er bei Sachthemen seine Beziehung zur Sache zum Angelpunkt der Kommunikation macht.
  • Je individueller, idiosynkratischer, absonderlicher der eigene Standpunkt und die eigene Weltsicht, desto unwahrscheinlicher wird der Konsens und das Interesse bei anderen. Dabei geht es nicht nur um die Eigenschaften, die jemand als Individuum besitzt oder sich selbst zuschreibt; also nicht nur um Schönheit und Tugend der Person, die in der Liebesliteratur des 17. und 18. Jahrhunderts die ausschlaggebende Rolle spielen.
  • Persönliche Eigenschaften könnte man wie Fakten hinnehmen, bewundern oder doch tolerieren. Was darüber hinausgeht, und das wird erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts klar, ist der Weltbezug des personalen Individuums. Wird dieser Weltbezug mitindividualisiert, ist es nicht mehr möglich, sich als Kommunikationspartner auf die Anerkennung eines erfreulichen, nützlichen, noch akzeptablen oder sonstwie bewerteten Faktums zurückzuziehen, das in der Person des anderen gegeben ist.
  • Gibt sich der andere als weltkonstituierende Individualität, ist jeder, der angesprochen wird, in dieser Welt immer schon untergebracht und damit unausweichlich vor die Alternative gestellt, den egozentrischen Weltentwurf des anderen zu bestätigen oder abzulehnen.
  • Diese Komplementärrolle des Weltbestätigers wird einem zugemutet, obwohl mitimpliziert ist, daß dieser Weltentwurf einzigartig, also eigenartig, also nicht konsensfähig ist. Das heißt auch: es wird einem ein Bestätigungsverhalten zugemutet, das nach außen nicht anschlußfähig ist, das man also anderswo nicht vertreten kann. So bedrängt, wird jeder vernünftige Adressat die Flucht ergreifen oder doch versuchen, die sich andeutenden personalen Bezüge der Kommunikation zu ignorieren und taktvoll ins Unpersönliche der »anonym« konstituierten Welt überzuleiten.
Es geht nicht um totale Kommunikation, sondern Universalität des Bezuges[Bearbeiten]
  • Somit geht es, auch wenn es den Liebenden am Anfang so erscheinen mag, in der Liebe nicht um »totale Kommunikation«7, nicht um thematische Konzentration möglichst aller Kommunikationen auf den Partner oder auf das Liebesverhältnis.

Nicht Totalität, sondern Universalität des Bezuges wird erwartet im Sinne einer laufenden Mitbeachtung des Partners in allen Lebenslagen; man könnte auch sagen: einer laufenden Mitanreicherung des Informationsgehalts aller Kommunikationen durch den »für ihn«-Aspekt. In diesem Sinne ist nicht die thematische Ebene des Kommunikationsprozesses, sondern seine Codierung der Ansatzpunkt, von dem her Liebe zu begreifen und zu praktizieren ist. Ein besonderer »Code« für Liebe bildet sich, wenn alle Informationen dupliziert werden im Hinblick auf das, was sie in der allgemeinen, anonym konstituierten Welt, und das, was sie für Dich, für uns, für unsere Welt bedeuten. Die Differenz kann nicht so behandelt werden, daß eine Information eine bleibt und entweder in die eine oder in die andere Welt gehört; denn natürlich projiziert jede Privatwelt ihre eigenen Unendlichkeiten in den Totalhorizont der Welt, die für alle dieselbe ist. Sondern die Information muß dupliziert werden, um in beiden Welten (je nach aktuellem Bedarf) Prüftests bestehen und Geltung gewinnen zu können. Ähnlich also wie bei der Schrift wird für Sonderverwendung dupliziert, was nicht heißt, daß die zu Grunde liegende Einheit bestritten würde.

  • Daß erfolgreiche Kommunikation unter dieser Bedingung zunehmender Individualisierung der Weltverhältnisse bei Erhaltung der anonym konstituierten Welt zunehmend unwahrscheinlich wird, wird noch deutlicher, wenn man auf die Verortung der Zurechnung von Selektionen im Erleben und Handeln der Beteiligten achtet8.
  • Ein Individuum kann (sofern es nicht Fichte gelesen hat) sein Weltverhältnis nicht als eigene Handlung begreifen; es kann unmöglich alles, was es als Selektion erfährt, sich selbst als Handlung zurechnen. Es registriert die Masse der Selektionen, wie immer idiosynkratisch sie auf Erwartungen bezogen, gegen Differenzen profiliert und bewertet werden, als Selektionen der Welt selbst.
  • Ein anderer, der in die Rolle des Weltbestätigers gedrängt wird, hat dagegen zu handeln; denn er müßte sagen, weshalb er bestimmte Ansichten nicht teilt. Durch die Problemschwelle und Unwahrscheinlichkeit höchstpersönlicher Kommunikation wird die Verteilung der Zurechnung als asymmetrisch geordnet: Der Liebende, der idiosynkratische Selektionen bestätigen soll, muß handeln, weil er sich mit einer Wahl konfrontiert findet; der Geliebte hatte dagegen nurerlebt und Identifikation mit seinem Erleben erwartet. Der eine muß sich engagieren, der andere (der an seinen Weltentwurf immer schon gebunden ist) hatte nur projektiert. Der Informationsfluß, die Selektivitätsübertragung von Alter (Geliebter) auf Ego (Liebender) überträgt mithin Erleben auf Handeln.
Verstehen: Erleben mit Handeln zuvorkommen[Bearbeiten]
  • Das Besondere (und wenn man will: das Tragische) der Liebe liegt in dieser Asymmetrie, in der Notwendigkeit, auf Erleben mit Handeln zu antworten und auf Schongebundensein mit Sichbinden9. Andererseits ergeben sich in Liebesbeziehungen für den, der jeweils liebt (Ego ist),Handlungsanschlüsse nur, weil das Erleben des Geliebten Reduktionen vorgibt. Das in der Liebessemantik immer wieder auftauchende Unendlichkeitsthema hat auch den Sinn, daß es in der Erlebniswelt des anderen keine Grenzen für eigenes Handeln gibt; zumal für den nicht, der in diese Welt als ebenfalls geliebt eingeht.
  • Die Asymmetrie von Erleben und Handeln enthält dann die Chance des Zuvorkommens: Man kann sich nach dem Erleben des anderen richten, auch wenn er noch nicht entsprechend gehandelt hat, auch wenn er noch keinen Wunsch geäußert, noch keine Zurechnung auf sich selbst auf sich genommen hat. Das ist gemeint, wenn die Liebessemantik ein Hinausgehen über die Pflichten der Galanterie fordert oder wenn sie von »wortloser« Übereinstimmung spricht, und das wird erfahren, wenn Liebende keine Abstimmungsprozeduren brauchen, um Dritten gegenüber übereinstimmend handeln zu können. Mit der Feststellung, daß Liebe auf die Einzelperson, auf das »Individuum« gerichtet ist und den Geliebten ganz und unteilbar erfaßt, ist das Medium demnach nicht ausreichend charakterisiert. Damit ist der andere Mensch immer noch dinganalog begriffen, und das wird nur dementiert, nicht aber durch andere Vorstellungen ersetzt, wenn man ihn als »Subjekt« bezeichnet.
  • Erst durch Ineinanderfügen von Systemtheorie und Kommunikationstheorie kommt man über diese Forschungslage einen wesentlichen Schritt hinaus.
  • Was als »Erleben« bezeichnet ist, kann nämlich in zwei Richtungen weiter aufgeschlüsselt werden, und in beiden Richtungen ergeben sich sogleich extreme Anforderungen an Beobachtung und Korrespondenzhandeln.
    • Wir denken jetzt an Alter als an ein psychisches System. Erleben heißt, daß das System sich im Zurechnen von Tatbeständen und Ereignissen auf seineUmwelt bezieht. Für einen Beobachter ist es außerordentlich schwer, die Umwelt des beobachteten Systems mit in seine Beobachtung einzubeziehen; denn einerseits bedeutet dies, daß er das Erleben nicht als Faktum, sondern als selektive Relationierung eines anderen Systems auf dessen Umwelt erfassen muß (und Relationen lassen sich nicht beobachten, sondern nur erschließen); und außerdem ist er selbst (jedenfalls wenn es um Liebe geht) Teil und oft wichtiger Teil dieser Umwelt, er stößt also nicht nur an den eigenen Systemgrenzen, sondern sozusagen mitten in der Welt auf zwingende Selbstreferenzen zu sich selbst10. **Eine zweite Überlegung knüpft an den Begriff der Information an. Normalerweise kann man an anderen Systemen nur Input und Output beobachten. Man sieht, daß der andere zuhört, etwas sieht, etwas liest und darauf reagiert. Damit ist aber dessen Information und dessen Informationsverarbeitung noch nicht erfaßt.
      • Information ist selektive Behandlung von Differenzen; sie besteht darin, daß der Erlebende Ereignisse gegen einen Horizont anderer Möglichkeiten projiziert und den eigenen Systemzustand durch die Erfahrung »dies und nichts anderes«, »dies und nicht das« festlegt.
      • Welche anderen Möglichkeiten in welchem Moment beim anderen als Vergleichsschema fungieren, ist daher extern kaum feststellbar, und ohne Miterfassung dieses Selektionshorizontes ist Information nicht beobachtbar. Man müßte dessen selbstreferentielle Informationsverarbeitung mitvollziehen oder doch adäquat nachvollziehen können, um »verstehen« zu können, wie Input in ihm als Information wirkt und wie er seinen Output (das, was er sagt, zum Beispiel) an die eigene Informationsverarbeitung wieder anschließt.
  • Dies Unwahrscheinliche dann doch zu ermöglichen, ist Funktion des Kommunikationsmediums Liebe. Dies wird alltagssprachlich als »Verstehen« chiffriert, wird als Wunsch nach Verständnis zum Ausdruck gebracht, wird als Klage über mangelndes Verständnis über die Grenzen des technisch Möglichen hinausgetrieben.
Liebe als System der Interpenetration[Bearbeiten]

So viel von Intimität, Intimbeziehungen und Ähnlichem gesprochen wird: Es gibt keinen theoretisch hinreichenden Begriff dafür. Am ehesten wird man das, was gemeint ist, als hohe zwischenmenschliche Interpenetration auffassen können7. Das heißt: Personen senken im Verhältnis zueinander die Relevanzschwelle mit der Folge, daß das, was für den einen relevant ist, fast immer auch für den anderen relevant ist. Entsprechend werden kommunikative Beziehungen verdichtet. Achtet man auf die Typik der Selektionsübernahme, die wir im Kapitel 2 behandelt haben, dann läßt sich Intimität dadurch charakterisieren, daß schon das (selektive) Erleben und nicht nur das Handeln des einen Partners für den anderen handlungsrelevant wird. Topoi der französische Klassik hierfür waren: Es gibt keine Bagatellen in der Liebe; Betonung der Pflichterfüllung ist mit Liebe unvereinbar; man muß nicht nur alles tun, was verlangt wird, man muß zuvorkommen. Der deutsche Idealismus hätte gesagt: sich das Weltverhältnis des anderen zu eigen machen, das heißt: es mitgenießen. Auch der hohe Grad an Verbalisierung der Liebesverhältnisse belegt diese These. Liebende können unermüdlich miteinander reden, weil alles Erlebte mitteilenswert ist und kommunikative Resonanz findet. Wie bei allen symbolisch generalisierten Kommunikationsmedien stellt sich die Frage: Ist die Ausdifferenzierung entsprechender Sozialsysteme möglich und mit welchen Konsequenzen? Können Intimbeziehungen zu autonomer Selbstregulierung freigegeben werden? Können sie sozial haltlos für sich bestehen, mit der Umwelt nur durch Prozesse verbunden, die nicht ihrem eigenen Wesen, nicht ihrem besonderen Modus der Informationsverarbeitung entsprechen? Und eine zweite Frage wäre gleich anzuschließen: Eignet sich eine Semantik wie amour passion, mit deren Hilfe die Ausdifferenzierung befördert und durchgesetzt worden ist, für die Behandlung der dadurch entstandenen Sachverhalte? Das Unwahrscheinliche zunächst einmal zu ermöglichen und zu plausibilisieren, ist eine Sache; es zu ertragen, eine andere.

Kommentare[Bearbeiten]
Walters Kurzfassung der Textabschnitte[Bearbeiten]

In der modernen Gesellschaft werden Personenbeziehungen versachlicht. In Einzelfällen kann man aber versuchen, viel von dem, was man als sein Eigenstes begreift, anderen mitzuteilen und in anderen bestätigt zu finden. Das ist im Prinzip für jeden mit wenig Rücksichten auf andere Beziehungen möglich.

Da die Welt komplexer und undurchschaubarer wird, wächst das Bedürnis nach einer durchschaubaren Nahwelt. Mit besserer Kommunikation erhöht sich die Anpassungsfähigkeiten des Systems. Unter höchstpersönlicher Kommunikation wollen wir eine Kommunikation verstehen, mit der der Sprecher sich von anderen Individuen zu unterscheiden sucht. Das kann dadurch geschehen, daß er sich selbst zum Thema macht, also über sich selbst spricht; aber auch dadurch, daß er bei Sachthemen seine Beziehung zur Sache zum Angelpunkt der Kommunikation macht. Je individueller der eigene Standpunkt und die eigene Weltsicht, desto unwahrscheinlicher wird der Konsens und das Interesse bei anderen. D.h. wird der Weltbezug individualisiert, wird Kommunikation schwieriger.

Liebende versuchen den eigenen Weltbezug zu verdeutlichen und sich in den des anderen einzufühlen. Liebende versuchen dabei  »wortlose« Übereinstimmung. Personen senken im Verhältnis zueinander die Relevanzschwelle mit der Folge, daß das, was für den einen relevant ist, fast immer auch für den anderen relevant ist. Der deutsche Idealismus hätte gesagt: sich das Weltverhältnis des anderen zu eigen machen, das heißt: es mitgenießen. Auch der hohe Grad an Verbalisierung der Liebesverhältnisse belegt diese These. Liebende können unermüdlich miteinander reden, weil alles Erlebte mitteilenswert ist und kommunikative Resonanz findet. Das Unwahrscheinliche zunächst einmal zu ermöglichen und zu plausibilisieren, ist eine Sache; es zu ertragen, eine andere.

Walters Kommentar[Bearbeiten]

Dass das Bedürfnis nach größerer Nähe Liebende zu verstärkter Kommunikation treibt und dass das Scheitern dieser Kommunikation besonders schmerzhaft erlebt wird, halte ich für treffend. Damit ist freilich nicht viel über Liebe gesagt, vielleicht aber etwas für die Verbindung von System- und Kommunikationstheorie geleistet.

Freilich scheint der Begriff von Liebe hier sehr stark an den der Verliebtheit angenähert. Von "Liebe heißt loslassen können" ist hier gar nicht die Rede.

Vielleicht lässt sich aus meiner Kurzfassung erschließen, was ich nicht verstanden habe und weshalb mir die Textabschnitte wenig gebracht haben. --Walter

Xavers re[Bearbeiten]

Liebe als Passion. Liebe als Leidenschaft, als Exzess, Krankheit und Wahn, Plaisir, Amour - als beidseitig gekonnt/gekannte Trickserei. Nicht über Freundschaft und Nächstenliebe schreibt und redet Luhmann.

dctp.tv

dann passt mein Ansatz "Liebe als Fixierung auf eine Quelle der Bedürfnisbefriedigung"[2] ganz gut. Die Fixierung kann Formen einer Manie und einer Sucht annehmen.--Jeanpol 11:25, 23. Sep. 2010 (CEST)
Referat mit Einwürfen anderer:[Bearbeiten]

Stränge

1. System erhält sich selbst, indem es drinnen und draußen unterscheidet. System/Umwelt

vgl. Schrödinger: Was ist Leben? Drinnen draußen. Haut als Grenze.

System ist nicht das, was etwas braucht. Ich bilde mich, indem ich meine Umwelt abgrenze.

2. Liebe eng: Passion - Fall: galante franz. Literatur 17./18. Jh.

Ich will nicht wissen, was die Leute denken, sondern was sie sagen. Mich interessiert die Sprache.

2a. Was muss sein, damit der Zugriff auf den anderen gelingt?

Sie müssen sich gegenseitig ihrer Liebe versichern. Dafür müssen sie sich in den Partner einfühlen. Ihr Kode muss "Ich liebe dich" signalisieren. Gefahr: Es wird als Heuchelei verstanden.

Ich brauche die Liebe.

Beispiel: Beendigung des L-verhältnisses. Es muss von dem beendet werden, der noch liebt. Die Interpenetration hält an, auch wenn einer ausscheiden will.

Jutta: sind ein gemeinsames System geworden, müssen aber erst wieder getrennt werden.

Xaver: Der andere bleibt Umwelt, ist für Selbstkonstruktion nötig.

Jutta: Therapeuten betonen: es gibt eine gemeinsame Identität. Sie wollen sich gemeinsam von der Umwelt abgrenzen. Frage: Warum braucht Luhmann die Bedürfnisse dafür nicht?

Jean-Pol: Der Begriff Liebe ist gefährlich, weil sehr subjektiv. Er hat keinen Erklärungscharakter. Walter: Also kein philosophischer Begriff.

Jutta: Für Luhmann ist Liebe kein Begriff, sondern ein Kode.

Xaver: Sex: Spaß zum Zweck. (Diamond: "Wie würde ein Hund das Sexualleben des Menschen beschreiben?")

Bedürfnis: Wenn es mein (ego) Bedürfnis ist, deinen (alter) Bedürfnissen entgegenzukommen, dann ist es nicht mehr klar, ob es dabei um mein (ego) oder dein (alter) Bedürfnis geht.

Xaver: Geben nicht als Begriff, sondern Symbol:

Luhmannzitat:"Soweit es überhaupt um »Geben« geht, besagt Liebe deshalb: dem anderen zu ermöglichen, etwas zu geben dadurch, daß er so ist, wie er ist. In der Semantik des Mediums Liebe findet man diese Funktion nicht formuliert, aber symbolisiert. Es wird nicht vorgeschrieben, daß man als Liebender eine Privatwelt gegen die öffentliche Meinung zu beglaubigen habe, aber die Liebe wird mit Symbolen beschrieben, die ausdrücken, daß dies geschieht, wenn man liebt. Das Leitsymbol, das die Themenstruktur des Mediums Liebe organisiert, heißt zunächst »Passion«, und Passion drückt aus, daß man etwas erleidet, woran man nichts ändern und wofür man keine Rechenschaft geben kann. Andere Bilder mit zum Teil sehr alter Tradition haben den gleichen Symbolwert — so wenn man sagt, Liebe sei eine Art Krankheit; Liebe sei Wahnsinn, folie à deux [...]" (Liebe als Passion, S.11)

Liebe nach Fromm[Bearbeiten]

Erich Fromm: Die Kunst des Liebens

Wichtig ist nicht das Glück, geliebt zu werden, sondern die Veränderung der Persönlichkeit, die es ihr erlaubt, zu lieben.

Liebe als Tugend[Bearbeiten]

Unter Tugend versteht man die Fähigkeit und innere Haltung, das Gute mit innerer Neigung zu tun. Im allgemeineren Kontext bezeichnet man mit Tugend den Besitz einer positiven Eigenschaft.

Der altgriechische Ausdruck „ἀρετή" (areté) ist ein Werturteil und bezeichnet eher die Tüchtigkeit und Tauglichkeit im Sinne eines Qualitätsmerkmals.[1] Der lateinische Begriff virtus leitet sich von „vir“ (Mann) ab. Der Mann, genauer: der Krieger, galt als Träger der Tugenden. virtus steht für Tüchtigkeit, Mannhaftigkeit, Kraft, Stärke, Tapferkeit, gute Eigenschaft, Tugendhaftigkeit, Sittlichkeit.

Die Tugendlehre ist nach Schleiermacher einer der drei Zweige der Ethik neben der Güter- und der Pflichtenlehre.

Es wird unterschieden zwischen natürlicher Tugend (in der klassischen Ethik), angeborener Tugend, erworbener Tugend (durch Übung, also oftmaliges Tun des Guten) und übernatürlicher Tugend (in der christlichen Theologie von Gott gegeben). Kardinaltugenden

Als die vier klassischen Grundtugenden (Kardinaltugenden) gelten Klugheit (Weisheit), Gerechtigkeit, Tapferkeit und Mäßigung. Platons Theorie der Grundtugenden wurde für die ganze tugendethische Theorie richtungsweisend.

Solidarität bezeichnet vor allem das Grundprinzip des menschlichen Zusammenlebens ein Gefühl von Individuen und Gruppen, zusammen zu gehören. Dies äußert sich in gegenseitiger Hilfe und dem Eintreten für einander. Solidarität kann sich von einer familiären Kleingruppe bis zu Staaten und Staatsgemeinschaften erstrecken. In der Arbeiterbewegung wurde „Solidarität“ als Tugend der Arbeiterklasse (s. a. Brüderlichkeit) hervorgehoben. Sie hat hier eine ähnliche Bedeutung wie das Wort „Kameradschaft“ beim Militär oder anderswo.

Gelegentlich wird unterschieden zwischen

  • Solidarität der Gesinnung (Einheitsbewusstsein),
  • Solidarität des Handelns (gegenseitige Hilfsbereitschaft) und
  • Interessen-Solidarität (die durch Interessengleichheit in einer bestimmten Situation wirksam ist und nach dem Erreichen des gemeinsamen Zieles endet).

Im Christentum wird die Solidarität zu jedem Menschen in Form von christlicher Nächstenliebe gefordert. Dies stellt einen Unterschied zu abgrenzenden Solidaritätskonzepten dar, wo Solidarität z. B. auf Menschen mit gleichen Interessen oder einer Zusammengehörigkeit beschränkt wird. Die christlich begründete Solidarität soll sowohl im immateriellen, wie auch im materiellen Bereich gelten. So enthält die Bergpredigt von Jesus Christus folgende materielle Forderung: „Wer dich bittet, dem gib, und wer von dir borgen will, den weise nicht ab.“ Sie ist ursprünglich einer moralischen Art, d. h. als Selbstverpflichtung an das Individuum bzw. eine Verpflichtung vor Gott formuliert. Im modernen Recht hat sie auch institutionalisierte Formen angenommen, z. B. durch Gesetze, die unterlassene Hilfeleistung unter Strafe stellen. Solche Gesetze existieren in eingeschränkter Form auch im materiellen Bereich, z. B. durch eine Unterhaltspflicht zwischen Ehegatten sowie zwischen Kindern und Eltern.

Die Tugend der allgemeinen Menschenliebe ist zu unterscheiden von einem Helfersyndrom, wo der Helfer anderen helfen muss unabhängig davon, ob sie auf die Hilfe angewiesen sind und ob seine Kräfte dazu ausreichen, die angestrebte Hilfe zu erbringen. Allerdings werden nicht selten auch krasser Egoismus oder Rassismus damit gerechtfertigt, dass man jede andere Haltung als Gutmenschentum oder Helfersyndrom abqualifiziert.

Kürzestfassung[Bearbeiten]

Liebe als allgemeine Menschenliebe kann als Tugend, d.h. als positive Eigenschaft, verstanden werden, insofern sie dazu befähigt, leicht und mit Freude moralisch zu handeln. (vgl. Altruismus)

Ben-Ze'ev[Bearbeiten]

Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. Otto Friedrich Bollnow nennt als Beispiele für „areté“ etwa auch die Schnelligkeit eines Pferdes oder die Schärfe eines Messers (vgl. auch Platon, Politeia: Tugend von Pferden und Hunden).

Glück[Bearbeiten]

Gott[Bearbeiten]

„Ramachandran treibt die Grenzen seiner Forschung tief in andere Disziplinen hinein. Vor allem seine Entdeckung eines "Gottesmoduls" im Gehirn sorgte für Aufsehen. Nun merkt der Leser bald, daß er nicht den Sitz Gottes im Hirn, sondern nur das Zentrum religiöser Empfindungen im Blick hat, doch die Provokation ist perfekt.“ S. Zerki in der FAZ zu Vilaynur S. Ramachandran / Sandra Blakeslee: Die blinde Frau, die sehen kann.

„Will man sich der oft als heikel empfundenen Frage nicht entziehen, warum bei geistigen, altruistischen und kreativen Ausnahmeleistungen Juden fünfzig- bis hundertmal häufiger vertreten sind, als das ihrem Anteil an der Weltbevölkerung entspricht, so müsste man wohl antworten: Die auch für Kinder schon geltende Unterbindung kollektiv gebilligter, weil religiös abgesegneter Formen von Aggressionsabfuhr (Opfer etc.) und Schuldgefühlsverflüchtigung (Beichte etc.) nötigt den jüdischen Nachwuchs zu individualisierter Sublimierung der ihm wie jedem anderen Nachwuchs eigenen Aggression. Es sind nun einmal Sorge um andere, Wahrheitssuche und schöpferisches Handeln, die – neben der eher körperorientierten Selbstbeherrschung, die im östlichen Buddhismus wichtiger wird – die drei akzeptierten Umformungsergebnisse solcher Emotionen bieten.“ (G. Heinsohn: Die Erschaffung der Götter. Das Opfer als Ursprung der Religion S.138 f)

Gemeinhin nimmt man an, dass die frühe Beschäftigung mit dem Lernen einer Fremdsprache und mit der Diskussionskultur des Talmud sowie die Verweigerung von Berufskarrieren als Bauern und Handwerker die Intellektualität der Juden gefördert habe und dass die Christen des Mittelalters einen Hass auf Geldverleiher hatten und sie als Sündenböcke für Seuchen und anderes Unglück gebrauchen konnten. - Die Erklärung aus der Bronzezeit hat den Vorzug, nicht widerlegt werden zu können. --Cethegus 19:31, 19. Dez. 2010 (CET)

Tod[Bearbeiten]

"Es gibt keinerlei Grund, sich um seinen Nachruhm zu kümmern; denn die Toten wissen nicht, dass es sie je gegeben hat. Das ist eine der am häufigsten übersehenen Tatsachen des Lebens."

Lars Gustafsson: Alles, was man braucht, S.95

Es ist immer problematisch, vom Leben auf den Tod und vom Tod auf das Leben zu schließen. -- Walter

»Bis zu einem bestimmten Zeitpunkt ist der Tod für uns etwas zu Fernes, als daß wir uns mit ihm beschäftigten. Er wird nicht gesehen, und er ist unsichtbar. Das ist die erste, glückliche Phase des Lebens. Dann aber sehen wir ihn plötzlich vor uns und können unsere Gedanken nicht von ihm lösen. Er ist bei uns. Und da die Unsterblichkeit sich an den Tod klammert wie Hardy an Laurel, können wir sagen, daß auch unsere Unsterblichkeit bei uns ist. Und von dem Moment an, da wir wissen, daß sie bei uns ist, fangen wir an, uns fieberhaft um sie zu kümmern. Wir lassen ihr einen Smoking scheidern und kaufen ihr eine Krawatte, weil wir Angst haben, daß andere uns vielleicht zuvorkommen und eine schlechte Wahl treffen könnten. Das ist der Moment, da Goethe beschließt, seine Memoiren zu schreiben, sein berühmtes Werk Dichtung und Wahrheit;« (S.93)

Milan Kundera: Die Unsterblichkeit. Fischer Taschenbuchverlag 1992 ISBN 3 596 10672 9


Selbsttötung[Bearbeiten]

Für unser Anliegen, also für die Beschäftigung mit dem Thema aus philosophischer Sicht scheint mir [aus der Wikipedia] der Abschnitt über Verfassungsrecht am fruchtbarsten: Verfassungsrecht

Besonders zu vertiefen sind folgende Stellen:

"Ihre Konkretisierung erfährt die Unantastbarkeit der Menschenwürde insbesondere im Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit, soweit diese nicht Rechte anderer verletzt oder gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verstößt (Art. 2 GG). Dieses Grundrecht umfasst nach gegenwärtiger Ansicht die Freiheit, lebensverlängernde oder gesundheitserhaltende Maßnahmen abzulehnen. Uneinigkeit besteht, inwieweit die Ausübung dieses Freiheitsrechts gegen das Sittengesetz verstößt. Religiös fundierte Wertsetzungen können für die Klärung dieser Frage nicht maßgebend sein."

"Entsprechendes gilt für Wertsetzungen, die aus philosophisch-weltanschaulichen Systemen abgeleitet sind, denn keines von ihnen kann beanspruchen, allgemeingültig zu sein. Der Philosophie Kants folgend, der der Begriff des Sittengesetzes entlehnt ist, verbinden sich denn auch damit keine bestimmten materiellen Bewertungen, sondern eine Prüfung der Frage, inwieweit das Handeln des Einzelnen Maßstab für eine allgemeine Gesetzgebung sein könnte (Kategorischer Imperativ)." - JP

Ein paar Überlegungen[Bearbeiten]

  1. Meine Durchsicht der Wikipedia-Artikel über Suizid und Sterbehilfe offenbart, dass man als Akteur rechtlich vor einem Wirwarr an Deutungen steht, der Handeln sehr erschwert. Diesen Satz habe ich gefunden, konnte aber aus Zeitgründen nicht prüfen, ob er stimmt: "Der Suiziversuch ist in Deutschland als Ausdruck des Selbstbestimmungsrechts straffrei, ebenso die Teilnahme (Beihilfe und Anstiftung)". Allerdings: "Wer aufgrund einer Garantenpflicht verpflichtet ist (z.B. Angehörige, Ärzte etc.), eine Selbsttötung zu verhindern, kann wegen Totschlags (oder ggf. Mordes) durch Unterlassen bestraft werden, wenn er gebotene Rettungshandlungen unterlässt."
  2. Die zentrale (philosophische) Frage bleibt, ob jemand das Recht zugesprochen werden kann, sich selbst das Leben zu nehmen oder einem anderen zu helfen, aus dem Leben zu scheiden. Hält man das Leben für ein Gut, das Gott geschenkt und nur Gott wieder entziehen kann, so sind Suizid und Sterbehilfe abzulehnen. Allerdings gibt es auch hier diverse Ausnahemklauseln. Die nächste Frage ist, inwiefern der Suizident mit vollem Bewusstsein seine Handlung ausführt oder von anderen auszuführen lassen möchte. Auch hier sind diverse Fälle denkbar: leidet jemand unter Depression, so wird ihm der Zustand des vollen Bewusstseins abgesprochen.
  3. Unterschiedliche Rechtsgüter müssen gegeneinander abgewogen werden, dies meint der Satz: "Uneinigkeit besteht, inwieweit die Ausübung des Selbstbestimmungsrecht des Suizidenten gegen das Sittengesetz verstößt." Was ist dieses Sittengesetz? An dieser Stelle sollte aus meiner Sicht eine breite Diskussion einsetzen. Und argumentiert man hier universalistisch oder relativistisch? Daher hatte ich mich auch bemüht, die Position der Utilitaristen, der Deontologen und der Tugendethiker herauszuheben, mit der Frage, inwieweit aus deren Grundpositionen heraus Regeln zu formulieren wären. Dies allerdings unabhängig von ihren tatsächlichen Statements in Bezug auf Suizid und Sterbehilfe. So war Kant dezidiert gegen den Suizid, aus dem Kantschen Imperativ lässt sich diese seine Position aber nicht ableiten.--Jeanpol 18:22, 19. Jan. 2011 (CET)
Zu Kant: Es kommt darauf an, wie man die Maxime formuliert. Beim die Unwahrheit sagen, hat er unterstellt, die Alternative zu seiner Vorstellung wäre: Jedem ist es erlaubt, jederzeit die Unwahrhit zu sagen, wenn es ihm passt. - Wenn man als Alternative zum Verbot der Selbsttötung die Maxime formulierte: Jedem steht jederzeit frei, sich selbst zu töten, wenn er eine von ihm erwartete Handlung nicht ausführen will, könnte man die zum allgemeinen Gesetz erheben?
Da es unwahrscheinlich scheint, dass Menschen nach einer solchen Maxime leben, scheint sich die Frage zu erübrigen. Wie ist es aber zu bewerten, dass Verhandlungen zum Klimawandel nach der Devise geführt werden, wir sind bereit, unseren kollektiven Untergang in Kauf zu nehmen, wenn wir dafür heute nichts an unserem Verhalten ändern müssen? --Walter

Nachgedanken[Bearbeiten]

Bis auf die einheitliche Begründung, dass man nicht zerstören darf, was Gott geschaffen hat, scheint es, dass es soviele Begründungen für oder gegen Suizid gibt wie Denker oder Philosophien. Hier drei Beispiele:

  1. Kant a) bedient sich des Bildes, dass ein Mensch seinen Wachposten nicht verlassen darf. b) Dieser Philosoph findet den Suizid grundsätzlich verwerflich: „Das Subjekt der Sittlichkeit in seiner eigenen Person vernichten, ist eben so viel, als die Sittlichkeit selbst ihrer Existenz nach, so viel an ihm ist, aus der Welt zu schaffen.“
  2. David Hume ist dagegen der Meinung, dass die Selbsttötung ein der menschlichen Gesellschaft eingestiftetes Recht sei. Der christlichen Ansicht, dass das menschliche Leben heilig und einzigartig sei und alle Anstrengungen unternommen werden müssten, dieses zu schützen, entgegnet Hume, dass es in diesem Sinne für einen Christen auch falsch sein müsse, einen natürlichen Tod hinauszuzögern, da dies Gottes Wille widerspräche.
  3. Arthur Schopenhauer, dessen philosophischisches System in seinem Hauptwerk Die Welt als Wille und Vorstellung in die „Verneinung des Willens zum Leben“ als ethisches Ziel mündet, verwarf gleichwohl den Suizid, weil dieser ihm zufolge keineswegs − wie die freiwillige Askese − eine Verneinung des Willens zum Leben zum Ausdruck bringe, sondern vielmehr „ein Phänomen starker Bejahung des Willens“ darstelle. Denn „die Verneinung [des Willens zum Leben] hat ihr Wesen nicht darin, daß man die Leiden, sondern dass man die Genüsse des Lebens verabscheuet. Der Selbstmörder will das Leben und ist bloß mit den Bedingungen unzufrieden, unter denen es ihm geworden.“--Jeanpol 18:22, 19. Jan. 2011 (CET)

Sterbehilfe[Bearbeiten]

Alle Versuche, Würde zu bestimmen, knüpfen an die Vernunftbegabtheit, die Wahlfreiheit und die Selbstmächtigkeit (Th.v.Aquin) an.

  • Kant: Würde ist die Autonomie, die Selbstgesetzlichkeit des Willens.
  • Sartre: Würde ist die Fähigkeit, sich zu entwerfen.
  • Ontologische Begründung: Der Mensch nimmt im Ganzen des Seins eine herausragende Stellung aufgrund seiner Vernunftbestimmtheit und Freiheit. "Innherhalb des ontologischen Ansatzes wird der Begriff der Menschenwürde zumeist an den der Person gebunden. Person zeichnet sich im klassischen Sinne durch Eigenständigkeit, Einheit, Selbstbezüglichkeit und Handlungsmächtigkeit aus. Strittig ist zuweilen, ob Personsein an eine Aktualisierung bestimmter Eigenschaften gebunden ist und ob W. daher mit einer bestimmten 'Würdeleistung' verknüpft ist.
  • Nach der gängigen Verfassungsinterpretation beruht die Menschenwürde auf der Vernunftbegabtheit und dem freien Willen.

Menschen, die für sich Sterbehilfe wünschen, können damit argumentieren, dass sie ihre eigene Würde nach der oben genannten Definition nicht mehr bewahrt sehen und sich daher - moralische und medizinische - Hilfe von der Gesellschaft wünschen, ein würdeloses Dasein zu beenden. J-P.

Der Unterschied zur Euthanasie unter der NS-Herrschaft läge also darin, dass das Individuum selbst die Bedingungen definiert hat, unter denen es von einem Verlust seiner Würde ausgeht. Man könnte des weiteren fordern, dass ein breiter gesellschaftlicher Konsens darüber besteht, dass ein Individuum unter solchen Bedingungen in der Tat seine Würde verloren hat und dass der Verlust der Würde nicht durch menschliches Eingreifen entstanden ist (vgl. Primo Levi: Ist das ein Mensch?). Das scheinen mir notwendige Bedingungen für die Rechtfertigung von Sterbehilfe. Es ist die Frage, ob sie hinreichend sind. --Walter
Wenn man die Parameter "notwendig" und "hinreichend" heranzieht, kann man überlegen, ob die Abwesenheit eines einzigen Kriteriums (z.B. "Handlungsmächtigkeit") ausreicht, um die eigene Würde als nicht mehr gegeben zu betrachten und den entsprechenden Suizid-Wunsch zu äußern.--Jeanpol 12:52, 24. Jan. 2011 (CET)

Links[Bearbeiten]

Sinn[Bearbeiten]

«Sinn gibt es ausschließlich als Sinn der ihn benutzenden Operationen, also auch nur in dem Moment, in dem er durch Operationen bestimmt wird, und weder vorher noch nachher. Sinn ist demnach ein Produkt der Operationen, die Sinn benutzen, und nicht etwa eine Weltqualität, die sich einer Schöpfung, einer Stiftung, einem Ursprung verdankt.44 Es gibt demnach keine von der Realität des faktischen Erlebens und Kommunizierens abgehobene Idealität. Platon hatte zwar Recht, daß Ideen mit Gedächtnis zusammenhängen. Aber die Erinnerung führt nicht zurück zum eigentlichen, fast vergessenen Sinn des Seienden, seinen Wesensformen, den Ideen; sondern das Gedächtnis konstruiert Strukturen nur für momentanen Gebrauch zur Bewahrung von Selektivität und zur Einschränkung von Anschlußfähigkeit. Es ist eine Selbstillusionierung sinnkonstituierender Systeme, wenn sie meinen, zeitüberdauernde Identitäten habe es immer schon gegeben und werde es weiterhin geben und man könne sich daher auf sie wie auf Vorhandenes beziehen. Alle Orientierung ist Konstruktion, ist von Moment zu Moment reaktualisierte Unterscheidung.»

N. Luhmann : Die Gesellschaft der Gesellschaft

"Der Mensch ist ein so breites, buntes, mannigfaltiges Ding, dass die Definitionen alle ein wenig zu kurz geraten. Er hat zuviele Enden."

M. Scheler, Zur Idee des Menschen, in: M.S., Vom Umsturz der Werte. Abhandlungen und Aufsätze, 2 Bde., Leipzig 1915, Bd. l, 324.

Letzte Sinngebung geschieht stets durch Handlungen[Bearbeiten]

«Daß die Arbeit der Philosophie nicht in der Aufstellung von Sätzen besteht, daß also die Sinngebung von Aussagen nicht wiederum durch Aussagen geschehen kann, ist leicht einzusehen. Denn wenn ich etwa die Bedeutung meiner Worte durch Erläuterungssätze und Definitionen angebe, also mit Hilfe neuer Worte, so muß man weiter nach der Bedeutung dieser andern Worte fragen, und so fort. Dieser Prozeß kann nicht ins unendliche gehen, er findet sein Ende immer nur in tatsächlichen Aufweisungen, in Vorzeigungen des Gemeinten, in wirklichen Akten also; nur diese sind keiner weiteren Erläuterung fähig; und bedürftig; die letzte Sinngebung geschieht mithin stets durch Handlungen, sie machen die philosophische Tätigkeit. Es war einer der schwersten Irrtümer vergangener Zeiten, daß man glaubte, den eigentlichen Sinn und letzten Inhalt wiederum durch Aussagen zu formulieren, also in Erkenntnissen darstellen zu können: es war der Irrtum der „Metaphysik”. Das Streben der Metaphysiker war von jeher auf das widersinnige Ziel gerichtet (vgl. meinen Aufsatz „Erleben, Erkennen, Metaphysik”, Kantstudien, Bd. 31, S. 146), den Inhalt reiner Qualitäten (das „Wesen” der Dinge) durch Erkenntnisse auszudrücken, also das Unsagbare zu sagen; Qualitäten lassen sich nicht sagen, sondern nur im Erlebnis aufzeigen, Erkenntnis aber hat damit nichts zu schaffen. So fällt die Metaphysik dahin, nicht weil die Lösung ihrer Aufgabe ein Unterfangen wäre, dem die menschliche Vernunft nicht gewachsen ist (wie etwa Kant meinte), sondern weil es diese Aufgabe gar nicht gibt. Mit der Aufdeckung der falschen Fragestellung wird aber zugleich die Geschichte des metaphysischen Streites verständlich.»

Die Wende der Philosophie, Moritz Schlick (Wien)

Kann man die Dinge nicht einfach der Evolution überlassen?[Bearbeiten]

«Würde man die moderne Gesellschaft lediglich als eine Menge von autonomen Funktionssystemen beschreiben, die einander keine Rücksicht schulden, sondern den Reproduktionszwängen ihrer eigenen Autopoiesis folgen, ergäbe das ein höchst einseitiges Bild. Es wäre dann schwer zu verstehen, wieso diese Gesellschaft nicht binnen kurzem explodiert oder in sich zerfällt. Irgendwo und irgendwie müsse doch, so lautet ein naheliegender Einwand, für „Integration“ gesorgt werden. Spätestens der Umstand, daß diese Gesellschaft in erhebliche ökologische Schwierigkeiten geraten ist, die sich in absehbarer Zukunft zu ernsthaften Krisen auswachsen werden, dürfte die Notwendigkeit von Planung (und sei es nur Rahmenplanung) oder Steuerung (und sei es nur Kontextsteuerung1288) plausibel machen. Ähnlich hatte man schon zur Zeit der weltweiten Hochflut faschistischer Bewegungen gemeint, man könne die Dinge nicht einfach der Evolution überlassen. Der gegenwärtige Ruf nach einer Ethik der Verantwortung gehört mit in diesen Zusammenhang.1290 An diesen Rettungsversuchen fällt auf, daß alte Erfahrungen mit den neu ins Gespräch gebrachten Konzepten übergangen werden oder unter Inkaufnahme erheblicher Theorielasten eingebaut werden, so als ob das Problem eine überrollende Dringlichkeit besäße, die auch Verzweiflungskonzepte rechtfertigen würde. Integration angesichts fundamentaler Differenzen und Vorherrschaft differenztheoretischer Theorieansätze? Planung und Steuerung angesichts intransparenter Komplexität? Ethik angesichts bekannter Schwierigkeiten, auf die alle Ethiken beim Versuch der Begründung moralischer Urteile gestoßen sind? Und schließlich: Hoffnung auf das Kommunikationspotential einer Zivilgesellschaft — nicht nur gegenüber zerfallenden kommunistischen Regimes, sondern auch gegenüber den Folgeproblemen funktionaler Differenzierung? Könnte es sein, daß zu sehr mit rückwärtsgewandtem Blick gesucht wird und das man bei Konzepten, die die Geschichte schon widerlegt hat, nochmals Hoffnung tankt, weil Hoffnung anders nicht zu haben ist?»

Luhmann: Die Gesellschaft der Gesellschaft (1997), ISBN 3-518-28960-8

In unserer Umwelt hat alles Sinn und Bedeutung[Bearbeiten]

«Nur solange die Welt unsere Umwelt ist, hat alles in ihr Sinn und Bedeutung, denn alles, was in ihr ist, existiert nur dank seiner Beziehungen zu unseren Sinnesorganen. Die Sinnesorgane aber bilden einen Teil unseres zweckmäßig gebauten Körpers. Es umschließt dann eine zweckmäßige Welt unseren zweckmäßigen Körper. Wir können jedoch jeden zweckmäßig gebauten Körper an jeder beliebigen Stelle zerlegen und die Wirkung der einzelnen Teile aufeinander prüfen, ohne ihre Beziehung zum Ganzen zu beachten, dann zeigt es sich, daß diese Wirkungen immer kausaler Art sind. Alle Beziehungen in unserer Welt sind zweckmäßig, aber alle Wirkungen kausal.»

UEXKÜLL, Jakob von: Die Umwelt. In: Die neue Rundschau 21 (1910), Nr. 2, S. 646. – Heft 5 vom Mai 1910

Gegenüberstellung der Sinnzusammenhänge „Musik“ und „Materie“[Bearbeiten]

«Solange man noch auf die Vorgänge der lebenden Natur voraussetzungslos lauschte, konnte man sein Ohr dem eigenartigen Rhythmus nicht verschließen, der alles lebendige Geschehen auszeichnet, und der seine Eigengesetzlichkeit ausmacht. Später war es damit vorbei, eine Autonomie des Lebens gab es nicht. Als Vergleich nehme ich an: Es sei zwei Forschern ein schwer leserliches Notenblatt zur Entzifferung übergeben; dann hätten sie in der vormateriellen Periode sich darüber streiten können, welche von den Zeichen als Noten und welche von ihnen bloß als zufällige Tintenkleckse anzusehen seien. In der materiellen Zeit, die keine Musik kennt, ist der Streit gegenstandslos – es gibt keine Noten mehr, nur Tintenkleckse. Wie es zweifellos richtig ist, daß jede geschriebene Note materiell ein Tintenklecks ist, so ist zweifellos jede Eigenschaft der Lebewesen etwas materiell Festgelegtes. In den Eigenschaften der Lebewesen aber nichts anderes wahrnehmen zu wollen als den Ausdruck irgendeines Atomgezappels, ist nicht Schwerhörigkeit, sondern prinzipielle Taubheit.»

UEXKÜLL, Jakob von: Theoretische Biologie. 2., gänzlich neu bearbeitete Auflage. Berlin : Springer, 1928. – 1. Auflage 1920 S. 166 f.

Handlungen sind bedeutungsvoll geregelt[Bearbeiten]

«Grundsätzlich muss ich bedenken, daß es eine Irreführung ist, wenn man

  • 1. statt eines Kunsthistorikers einen Chemiker beauftragt, ein Bild zu beurteilen;
  • 2. wenn man statt einem Musiker einem Physiker die Beurteilung einer Symphonie anvertraut;
  • 3. wenn man, statt einen Biologen heranzuziehen, einem Mechaniker das Recht zugesteht, die Realität der Handlungen aller Lebewesen nur soweit anzuerkennen, als sie dem Gesetz der Erhaltung der Energie gehorchen.

Die Handlungen sind keine bloßen Bewegungen oder Tropismen, sondern bestehen aus Merken und Wirken und sind nicht mechanisch, sondern bedeutungsvoll geregelt. Natürlich widerspricht diese Auffassung dem Gesetz der Denkökonomie, mit dem sich die Mechanisten das Forschen so leicht gemacht haben. Aber Probleme beiseite schieben, heißt nicht sie lösen. Betrachten wir die Fortschritte der Lebensforschung der letzten Jahrzehnte, soweit sie im Zeichen des „Behaviorismus“ und der „bedingten Reflexe“ gestanden haben, so kann man wohl sagen, daß das Experimentieren immer komplizierter, das Denken aber immer einfacher und billiger geworden ist. Billiges Denken wirkt wie eine ansteckende Krankheit und erstickt alle Ansätze einer selbständigen Weltanschauung im großen Publikum: „Gott ist Geist und Geist ist Nichts“ lautet die billige Weisheit, mit der sich der einfache Mann heutzutage zufrieden gibt. Diese Weisheit ist so billig, daß sie mit Recht eine kapitale Dummheit genannt werden kann.»

UEXKÜLL, Jakob von: Bedeutungslehre. Leipzig : Barth, 1940 S.2

Moderne Sinnsuche-Bewegung[Bearbeiten]

«Gewiß: Interaktion ist hier wie überall unentbehrlich. Sie dient aber vor allem dazu, die Einheit und Größe der Bewegung zu demonstrieren. Deshalb das Interesse an, und die Focussierung der Aktivität auf, „Demonstrationen“ (wobei die Assoziation vonDemonstration und Demokratie ein hilfreicher linguistischer Zufall ist). Interaktion beweist Engagement; „kommt!“, lautet die Parole. Aber der Sinn des Zusammenseins liegt (wie in anderer Weise auch in Organisationen) außerhalb des Zusammenseins. Er setzt sich für die Teilnehmer aus höchst individuellen Problemen der „Sinnsuche“ und „Selbstverwirklichung“ zusammen, die sich durch soziale Focussierung nur auf stets prekäre Weise bündeln und ausbeuten lassen.1405 Die sozialistische Bewegung des 19. Jahrhunderts hatte mit Hinweis auf Klassenlage und Fabrikorganisation eine relativ einheitliche, daher auch einheitlich ansprechbare Motivlage voraussetzen können. Oder zumindest hatte sie ihre Welt so konstruiert. Sie war deshalb auch organisations‐, ja sogar theoriefähig gewesen. Das ist für die heutigen „neuen“ sozialen Bewegungen anders. Sie haben es mit stärker individualisierten Individuen zu tun, und wie man gesagt hat: mit Individuen, die die Zumutungen ihrer Lebenslage als paradox empfinden1406 und deshalb Externalisierungen, „Sinngebungen“, Unterscheidungen zur Entfaltung der Paradoxie benötigen. Sie vertreten den Anspruch (den jeder auf seine Weise auslegen kann), in den Aussichten auf selbstbestimmte Lebensführung nicht oder nur aus einsichtigen Gründen beeinträchtigen zu werden. Sie argumentieren als „Betroffene“ für „Betroffene“. Vor allem Jugendliche und Akademiker scheinen in dieser Weise selbstbezüglich paradoxieempfindlich zu sein. Das heißt aber auch, daß die neuen sozialen Bewegungen, die darauf ansprechen, ihre Teilnahmemotive in einem notorisch instabilen Publikum finden.»

Luhmann: Die Gesellschaft der Gesellschaft (1997), ISBN 3-518-28960-8

„Dem Lebensganzen […] denkend gegenüber zu stehen, ist etwas Anderes, als es im Einzelleben immer aufs neue sinnlos wiederholen zu müssen […]; - damit gewinnt die rein abstrakte Betrachtungsweise eine Richtung auf das Persönliche, und die philosophische Theorie wird in das empfindliche lebendige Fleisch hineingedrückt, gleich einem schmerzenden Sporn, der dazu antreiben soll, um jeden Preis eine neue Hoffnung, einen neuen Lebenssinn, ein neues Lebensziel zu schaffen.“

Andreas-Salomé, Lou: Friedrich Nietzsche in seinen Werken. 2. Aufl. Wien: Konegen 1911. S. 228

Sinn des Lebens besteht in einer Rechtfertigung des Daseins aller Menschen[Bearbeiten]

«Zarathustra: „Was liegt an meinem Glücke! Es ist Armuth und Schmutz, und ein erbärmliches Behagen. Aber mein Glück sollte das Dasein selber rechtfertigen!“ (Z I, 15). „Gesetzt, wir sagen Ja zu einem einzigen Augenblick, so haben wir damit nicht nur zu uns selbst, sondern zu allem Dasein Ja gesagt“»

Friedrich Nietzsche; Kritischen Studienausgabe (KSA) von Giorgio Colli und Mazzino Montinari XII, 7[38], 307f

Vier Sinn-Dispositionen[Bearbeiten]

«Die These ist, daß sich vier Dispositionen zeigen lassen, die wohl in die spezifisch menschliche exzentrische Körpergegebenheit, aber nicht aufeinander zurückzuführen sind. Es sind vier Spannungsbögen aus der exzentrischen Leibposition heraus, in die Menschen jeweils zu sich, zur Welt und zum Anderen gestellt sind und die sie in ihrem eigentümlichen kulturellen und sozialen Tun und Lassen disponieren und dynamisieren: Vertrauen, Begehren, Beherrschen, Vernunft

«...der Mensch muss etwas aus sich selber machen mit seiner Natur in der Natur, aber der Sinn dieses Tuns treibt in vier entgegengesetzte Richtungen, je nachdem ob sich das Vertrauen auf die schöpferische Kraft der Natur einlässt, so wie sie sich gibt und wieder entzieht, oder ob das Begehren unaufhörlich ihren Stoff in neue Moden verwandelt und verzehrt; der Wille zur Macht, der die Natur in ihren elementarsten Bedingungen zu fassen strebt, will etwas ganz anderes als die Vernunft, die in begründeter Selbstbegrenzung bestimmte Bestände schont und die Finger davon lässt.»

Joachim Fischer:Philosophische Anthropologie. Zur Rekonstruktion ihrer diagnostischen Kraft

Vertrauen als Voraussetzung für Erkenntnis in: Eva-Maria Engelen: Was leisten Gefühle und Emotionen für das Denken?

Vernunft[Bearbeiten]

Schnädelbach: Vernunft (schriftl.)


Philosophie und Wissenschaft[Bearbeiten]

Konstruktivismus[Bearbeiten]

Konstruktivisten nehmen an, dass ein erkannter Gegenstand vom Betrachter selbst durch den Vorgang des Erkennens konstruiert wird.

«In der „Kritik der reinen Vernunft“ führt Immanuel Kant aus: „Ich kann also äußere Dinge eigentlich nicht wahrnehmen, sondern nur aus meiner inneren Wahrnehmung auf ihr Dasein schließen, indem ich diese als Wirkung ansehe, wozu etwas Äußeres die nächste Ursache ist.“»

«Say: I am real, this is real, the world is real, and nobody laughs. But say: this is a simulacrum, you are only a simulacrum, this war is a simulacrum, and everybody bursts out laughing. With a condescending and yellow laughter, or perhaps a convulsive one, as if it was a childish joke or an obscene invitation. Anything which belongs to the order of simulacrum is obscene or forbidden, similar to that which belongs to sex or death. However, our belief in reality and evidence is far more obscene. Truth is what should be laughed at. One may dream of a culture where everyone bursts into laughter when someone says: this is true, this is real.»

Jean Baudrillard - Radical Thought Translated by Francois Debrix Sens & Tonka, eds., Collection Morsure, Paris, 1994


«Man kann sich eine Gesellschaft, die den Körper leugnet, wie man in zunehmenden Maße die Seele geleugnet hat, schwer vorstellen, doch gerade auf eine solche Gesellschaft treiben wir zu.»

Paul Virilio: Der negative Horizont. Bewegung - Geschwindigkeit - Beschleunigung 1989 ISBN 978-3-446-15005-8 S.291

Prosit![Bearbeiten]

«Ernst genommener Konstruktivismus kann dabei nicht ohne Folgen für das Verständnis von Wissenschaft sein. Denn wenn es nicht mehr darum geht, der beobachterunabhängigen Struktur der Welt da draußen auf die Schliche zu kommen, dann bleibt (nur noch) das instrumentalistische Ziel, Wissenschaft solle helfen, anstehende Probleme zu lösen, indem sie unerwünschte Zustände zu beseitigen und erwünschte Zustände hervorzubringen hilft. Dies bedeutet nicht, dass man nicht buchhalterisch verstehen soll, was bisher geschah oder was gegenwärtig beobachtet werden kann. Diese Buchhaltung der Beobachtung scheint absolut notwendig, um mehr über die Zukunft zu erfahren. Aber es ist gerade diese Zukunft, die es in Prognosen zu fassen gilt, wenn Wissenschaft einer instrumentalistischen Zielvorgabe genügen will. Motto: Es möge nützen!» «Die alten Römer hätten für dieses instrumentalistische Verständnis von Wissenschaft mit "Prosit!" die richtige Losung zur Hand: Die bedeutet nicht nur "Wohl bekommt's", sondern auch "Es möge nutzen!" Berauschend kann diese Form von Wissenschaft allemal sein (auch ohne eine beobachterunabhängige Realität im Rücken.)»

(in: Rathje, Dirk: Beobachtung, Information und Kommunikation. Von einem Minimum an Annahmen zu systemorientiert-konstruktivistischen Begriffsbestimmungen rund um die Beobachtungen Information und Kommunikation. DISS Hamburg 2008)

Wahrnehmen - Erfinden - Erkennen[Bearbeiten]

„Anstatt die Umwelt mit einer Steigerung der Kapazität der Sinnesorgane immer exakter zu erfassen, hat das Gehirn in seiner Stammesgeschichte sozusagen die entgegengesetzte Richtung eingeschlagen, nämlich das interne Bewertungssystem ungeheuer zu steigern und wirksamer zu gestalten.“

Roth, Gerhard: Erkenntnis und Realität. Das reale Gehirn und seine Wirklichkeit.


„Die Umwelt, so wie wir sie wahrnehmen, ist unsere Erfindung.“

Foerster von, Heinz: Das Konstruieren einer Wirklichkeit. In: Watzlawick, Paul (Hrsg.), 2003: Die erfundene Wirklichkeit. Wie wissen wir, was wir zu wissen glauben? Beiträge zum Konstruktivismus. 16. Aufl. München., S. 40.


  • Erkennen → Errechnen von Beschreibungen einer Wirklichkeit
  • Erkennen → Errechnen von Beschreibungen
  • Erkennen → Errechnung einer Errechnung

Foerster von, Heinz: Das Konstruieren einer Wirklichkeit. In: Watzlawick, 2003, S. 46.


„Auch in der Naturwissenschaft ist also der Gegenstand der Forschung nicht mehr die Natur an sich, sondern die der menschlichen Fragestellung ausgesetzte Natur, und insofern begegnet der Mensch auch hier wieder sich selbst.“

Heisenberg, Werner, 1955: Das Naturbild der heutigen Physik

"Es scheint, dass die menschliche Vernunft die Formen erst selbständig konstruieren muss, ehe wir sie in den Dingen nachweisen können. Aus Keplers wunderbarem Lebenswerk erkennen wir besonders schön, dass aus bloßer Empirie allein die Erkenntnis nicht erblühen kann, sondern nur aus dem Vergleich von Erdachtem mit dem Beobachteten."

Seelig, Carl (Hrsg.): Albert Einstein. Mein Weltbild. Ullstein Taschenbücher Verlag GmbH, West-Berlin, 1959. S.151 (1934 Erstdruck)

Vernunft konstruiert was wir empirisch nachweisen können.--Xaver

Wissen[Bearbeiten]

  • 1 (a) Wissen wird nicht passiv aufgenommen, weder durch die Sinnesorgane noch durch Kommunikation.
  • 1 (b) Wissen wird vom denkenden Subjekt aufgebaut.
  • 2 (a) Die Funktion der Kognition ist adaptiver Art,und zwar im biologischen Sinne des Wortes, und zielt auf Passung oder Viabilität;
  • 2 (b) Kognition dient der Organisation der Erfahrungswelt des Subjektes und nicht der „Erkenntnis“ einer objektiven ontologischen Realität.“

Glasersfeld von, Ernst, 1997: Radikaler Konstruktivismus. Ideen, Ergebnisse, Probleme. Frankfurt a. M., S. 96

Konstruktivismus und Macht[Bearbeiten]

Macht ist einerseits die Fähigkeit, das Verhalten anderer im eigenen Sinn und Interesse – zu beeinflussen, andererseits die Fähigkeit, sich äußeren Ansprüchen nicht unterwerfen zu müssen

Poststrukturalismus und Macht[Bearbeiten]

«[...] Mit der Entzauberung des Staates durch die weiterentwickelte Systemtheorie der70er und 80er Jahre lösten sich die Machtanalysen in Netzwerkanalysen auf. Der französische Poststrukturalismus hat theoretisch eine weitere Verflüssigung der Macht vorgenommen. In der französischen Tradition war die Macht vor allem negativ gesehen worden. Es ging darum, sie rechtlich zu begrenzen. Foucault (in: "Dispositive der Macht") ging einen Schritt weiter und versuchte, auch die technisch-positive Seite der Macht zu entlarven. Die Machtkritik der französischen Linken war auf das politische System als ganzes gerichtet. Für Foucault (vgl. ebd.) mußte eine zeitgemäße Machtkritik über die marxistische und antiautoritäre Machtkritik hinausgehen. Der Staat wurde nicht als Verkörperung der Macht angesehen. Der Staat konnte für Foucault nur auf der Grundlage vorher bestehender Machtverhältnisse funktionieren. Er war noch immer eine Art Überbau, aber nicht über der Ökonomie, sondern Überbau über eine ganze Reihe von Machtnetzen, die ihrerseits von einer Art Übermacht konditioniert wurden, die um Verbotfunktionen herum strukturiert gedacht wurde. Das zirkuläre Denken der Nachmoderne hatte damit auch die Machttheorie erreicht. Macht wurde nicht mehr in irgendeiner Institution entrückt gedacht, sondern in einer Kette netzförmiger Organisationen. Widerstand gegen Machtverhältnisse konnte nicht von einer großen Bewegung erwartet werden, die revolutionäre Gegenmacht einsetzt. Die relationale Machtkonzeption wurde konsequent durchgehalten: in jedem Machtverhältnis ist immer schon Widerstand mit eingebaut. Diese Theorie der Macht ist für die Politikwissenschaft bisher nicht operationalisierbar geworden. Dennoch ist sie ein wichtiger Beitrag zum Selbstverständnis vieler neuer sozialer Bewegungen, vor allem des Feminismus.»

Beyme, Klaus von: Die politischen Theorien der Gegenwart. Eine Einführung. 7. A. Opladen: Westdeutscher Verlag, 1992. S. 142-143.

Gängige Meinungen zu Macht und Herrschaft[Bearbeiten]

Macht …

  • … scheint so etwas wie ein Grundstoff zu sein, der alles politische Handeln begleitet. (Karl Rohe)
  • … bedeutet jede Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen. (Max Weber)
  • … ist ein politisch-soziologischer Grundbegriff, der für Abhängigkeits- oder Überlegenheitsverhältnisse verwendet wird. /…/ Macht kann von Personen, Gruppen, Organisationen (Parteien, Verbänden, Behörden) bzw. dem Staat ausgeübt werden oder von gesellschaftlichen (wirtschaftlichen, technischen, rechtlichen, kulturell-religiös geprägten) Strukturen ausgehen. (Online-Lexikon)
  • … bezeichnet einen fundamentalen Aspekt, ohne den die soziale Wirklichkeit von Politik nicht zu verstehen ist. (Wolfgang Sander)
  • … entsteht in einem koordinierenden Zusammenschluss, in einem Prozess des „Miteinander- Redens-und-Handelns“. (Hannah Arendt)

Herrschaft …

  • … ist ein politisch-soziologischer Grundbegriff, der ein Über- und Unterordnungsverhältnis zwischen Herrschenden und Beherrschten beschreibt. (Online-Lexikon)
  • … ist die Chance, für einen Befehl bestimmten Inhalts bei angebbaren Personen Gehorsam zu finden. (Max Weber)
  • … ist ein Spezialfall von Macht, die sich verdichtet, verfestigt und akkumuliert hat. (Peter Imbusch)
  • … bezeichnet eine asymmetrische soziale Beziehung, in der Macht dauerhaft, institutionalisiert und regelgebunden ausgeübt wird und für eine Befehlsgebung somit Gehorsam erwartet werden kann. (Wolfgang Bergem)

Quellen in der Reihenfolge der Nennung: Rohe, Karl: Politik. Begriffe und Wirklichkeiten. Stuttgart 1994 (2., völlig überarb. Aufl.), S. 82 Weber, Max: Wirtschaft und Gesellschaft. 1922 Online-Lexikon der Bundeszentrale für Politische Bildung, siehe unter http://www.bpb.de/popup/popup_lemmata.html?guid=U1RMI7 (letzter Zugriff Nov. 2009) Sander, Wolfgang: idB, S. 5 Arendt, Hannah: Macht und Gewalt. 1970 (zit. aus: Kühn, Rainer: Macht/Gewalt, in: Weißeno, Georg/Richter, Dagmar (Hrsg.): Lexikon der politischen Bildung, Bd. 1, Didaktik und Schule. Schwalbach 1999, S. 151) Online-Lexikon der Bundeszentrale für Politische Bildung, siehe unter http://www.bpb.de/popup/popup_lemmata.html?guid=QZHZXQ (letzter Zugriff Nov. 2009) Weber, Max: Wirtschaft und Gesellschaft. Tübingen 1976, S. 28 Imbusch, Peter: Macht und Herrschaft, in: Korte, Hermann/Schäfers, Bernhard (Hrsg.): Einführung in Hauptbegriffe der Soziologie. Opladen 2002, S. 172 Bergem, Wolfgang: Herrschaft, in: Weißeno, Georg/Richter, Dagmar (Hrsg.): Lexikon der politischen Bildung, Bd. 1, Didaktik und Schule. Schwalbach 1999, S. 103

(aus: Informationen zur Politischen Bildung Nr. 31)

Die Macht der Konstrukteure (1)[Bearbeiten]

«Was kann ein Künstler, ein Weltstar wie Sie bewegen?

PAUL McCARTNEY: Im Grunde alles. Ich glaube, John Lennon hatte einen großen Anteil daran, daß der Vietnamkrieg beendet wurde. Eine Million Leute standen vor dem Weißen Haus und sangen Give Peace a Chance. Danach hat Richard Nixon den Truppenrückzug befohlen. Hätten sie nur gerufen Wir wollen Frieden, wäre die Wirkung geringer gewesen. Wenn ich mir die Weltgeschichte anschaue, sehe ich nur Beweise für die Macht der Musik. Sicher haben Symphonien auch die russische Revolution in Gang gebracht.

SPIEGEL: Demzufolge hat die heutige Rockmusik Anteil am Zusammenbruch des Ostblocks?

PAUL McCARTNEY: Natürlich.» Der Spiegel, 36/1991

Die Macht der Konstrukteure (2)[Bearbeiten]

"...Hör zu: was weißt du über dein Unbekanntes?" "Nichts, ich weiß nicht mal, ob es existiert." "Siehst du. Nun stell dir vor, so ein Wiener Spaßvogel hat sich, um seine Freunde zu unterhalten, aus Jux und Dollerei die ganze Geschichte mit dem Ich und dem Über-Ich ausgedacht, und das mit dem Ödipus, und Träume, die er nie geträumt hat, und dem kleinen Hans, den er nie gesehen hat... Na, und was ist dann passiert? Millionen von Menschen waren bereit, im Ernst neurotisch zu werden. Und tausende anderer bereit, sie auszubeuten."

Eco, Umberto, Das Foucaultsche Pendel, München/Wien 1989, S. 625

Die Macht der Konstrukteure(3)[Bearbeiten]

«Powision: Sie halten also Phänomene, die von den Naturwissenschaften experimentell erzeugt wurden, nicht für soziale oder kommunikative Konstruktionen?

Bruno Latour: Natürlich sind das Konstruktionen, das heißt aber noch lange nicht, dass sie nicht existieren. Klar, zu sagen, das Ozonloch sei unabhängig von diskursiven und instrumentellen Praktiken, ist absurd. Es macht keinen Sinn, das Ozonloch ohne seine Diskursivität zu beschreiben. Ihre Kaffeetasse können Sie genauso wenig wahrnehmen, ohne automatisch auf kommunikativ erzeugte Konstruktionen zurückzugreifen. Die Diskursivität ist also Teil des Phänomens. Idiotisch ist es zu sagen: Wenn es ein diskursives Phänomen ist, existiert es nicht. Diese alberne Frage wurde uns von der gegenwärtigen modernistischen Philosophie aufgezwungen. Es ist, als würden Sie mir sagen, das Gebäude, in dem wir uns gerade befinden, ist konstruiert, folglich ist es nicht da. Das ist absurd! Ja, es ist konstruiert, gerade deswegen ist es da. Das Andocken des Begriffs der Konstruktion an die große philosophische Frage, ob die Dinge existieren oder nicht, ist meiner Meinung nach philosophischer Schwachsinn, der größtenteils der Arroganz einer bestimmten positivistischen Erkenntnislehre geschuldet ist, die behauptet: Das Ozonloch existiert, weil wir es beschreiben und ausdrückenkönnen, also ist es ein unbestreitbares Faktum.

Dann haben Sie einen Luhmann oder einen x-beliebigen Postmodernen der sagt: Nein, es existiert nicht, es ist diskursiv. Und umgekehrt: Wenn es diskursiv ist, ist es nicht wahr. Das sind Kämpfe. Wenn die Frage “Ist das Ozonloch konstruiert oder real?” eine große philosophische Frage ist, ist sie ohne Interesse. Denn dann ist es eine Frage, die lediglich Anti-Konstruktivisten, Sokalisten und ähnliche Leute interessiert.»

http://www.uni-leipzig.de/~powision/wordpress/magazin/ausgabe_6/latour-bruno-kann-die-menschheit-ohne-thunfisch-noch-dieselbe-sein-ein-gesprach/

Die Macht der Konstrukteure(4)[Bearbeiten]

In der Marketingwirtschaft ist eine genaue Definition der Zielgruppe die wichtigste Grundlage für eine effektive Werbung. In der Zielgruppenbeschreibung wird genau festgelegt, welche Personen die Werbung ansprechen soll (Adressaten). Das kann auf verschiedene Arten geschehen, entweder durch einfache demografische Merkmale wie Alter, Familienstand, Haushaltseinkommen oder durch tiefergehende psychografische Merkmale wie Offenheit oder ästhetisches Empfinden. Eine weitere psychografische Methode ist die von der Firma TNS infratest für die Marktforschung entwickelte Methode Semiometrie(TM). Passend zum Profil der untersuchten Zielgruppe werden anschließend Empfehlungen zum Beispiel für die Mediaplanung, das Sponsoring, die Auswahl geeigneter Testimonials, das Cobranding oder das Direktmarketing abgeleitet. Medienanbieter (TV-Sender, Zeitschriften, Web-Portale entwickeln auf der Basis der für einen Werbespot/Anzeige notwendigen Werbeumgebung passende Unterhaltung, Information, Reportagen etc. Längst sucht sich nicht die Werbung einen geeigneten Platz im alltäglichen Unterhaltungsangebot, sondern die Medienanbieter planen und produzieren z.B. Sendungen, die für bestimmte Werbung geeignet sind. Das geschieht natürlich auf der Grundlage der Analyse von Werbeetatpotenzialen. Xaver 16:02, 8. Feb. 2011 (CET)

Luhmann

Luhmann[Bearbeiten]

Luhmann(0): Macht als sanktionsvermittelter Einfluss[Bearbeiten]

«Nach allgemeinem Verständnis setzt der Machtbegriff voraus, daß Handeln auf Handeln einwirkt. Es geht also nicht um ein Medium, das Erlebenszusammenhänge zu ordnen versucht. Das unterscheidet Macht, wie hier nicht näher zu erläutern ist, von Medien wie Wahrheit oder Liebe, Kunst oder Geld. In einem extrem weiten Sinne könnte man jede Fähigkeit zu effektivem Handeln als Macht bezeichnen. Danach hätte man Macht, wenn man den Zustand der Welt (und sei es Lage oder Zustand des eigenen Körpers) nach eigenen Absichten verändern kann. Macht in diesem weitesten Sinne einer potestas in seipsum ist Voraussetzung jeder anderen Macht. Man kann auch sagen: Macht setzt Freiheit voraus. Diese Machtfreiheit allein ließe sich aber nicht als ein soziales System ausdifferenzieren. Sie wäre im übrigen geringe Macht - sich die Zähne zu putzen, seinen Wagen zu parken, ein Buch in den Abfalleimer zu werfen, oder einfach: etwas zu sagen. Zu einem engeren, und deshalb stärkeren, Machtbegriff kommt man, wenn man das Verhalten anderer einbezieht. Das kann über Sanktionen geschehen. Über Inaussichtstellen von Sanktionen kann man erreichen, daß andere etwas tun, was sie anderenfalls nicht tun würden. Auch dies ist zwar noch unmittelbare Macht: es geschieht nur, wenn die Möglichkeit besteht, es geschehen zu lassen. Aber die Einschränkung auf Bewirkung des Verhaltens anderer bedeutet einen Zugewinn an Macht. Wir wollen diese, ebenfalls noch sehr weite Form von Macht Einfluß nennen. Für jeden Sanktionsvermittelten Einfluß ist entscheidend, daß er über Kommunikation laufen muß, also eine Sozialform annehmen und vor allem verstanden werden muß. Das bindet ihn (in der Sprache Max Webers) an Typisierungen und schränkt ihn auch insoweit ein. Andererseits wird auf diese Weise eine gewisse Zeitpunktunabhängigkeit gewonnen. Die Mitteilung der gewünschten Handlung braucht nicht in dem Augenblick zu geschehen, in dem diese zu erfolgen hat. Und auch die Sanktion kann zeitpunktunabhängig in Aussicht stehen; ja es genügt oft (vor allem bei negativen Sanktionen) ihr bloßes Inaussichtstehen.» Luhmann: Die Politik der Gesellschaft, S. 38

Luhmann(1): Macht beruht auf Selbstantizipation[Bearbeiten]

«Schon in der allgemeinen Kommunikationstheorie hat man im übrigen genau dasselbe Problem: daß Kommunikation entweder vom kommunikativen Handeln der Mitteilung her erklärt werden kann oder vom Verstehen des Sinns der Mitteilung. Im Ergebnis führt aber diese Doppelung der Zurechnungsmöglichkeiten (und es geht hier, wohlgemerkt, nicht um die Unterscheidung von Ursache und Wirkung, sondern um zwei verschiedene Möglichkeiten der Placierung der Ursache) nur dahin, daß man ein zirkuläres Verhältnis oder kybernetisch: eine Rückkopplungsschleife unterstellen muß, wodurch dann Zeitprobleme relevant werden. Macht beruht auf Antizipation von Gehorsam und auf Antizipation ihrer tatsächlichen Anwendung. Macht beruht, verkürzt gesagt, auf Selbstantizipation; also auf einem System, das sich in seinen rekursiven Operationen selbst voraussetzt. Die Frage, wie im System der Zirkel angeschnitten, gebrochen, re-asymmetrisiert wird, läßt sich dann als Frage nach dem Beobachter reformulieren. Dies hängt davon ab, welcher Beobachter die Zäsur setzt. Und damit ist zugleich gesagt, daß ein machtbasiertes System in gewissem Umfange unterschiedliche Beobachtungen ertragen, mit verschiedenen Zurechnungen kompatibel sein, trotz Zurechnungsdissens noch funktionieren kann, solange die Operationen erzeugt, solange im Medium Anweisungsformen gebildet werden können - solange die Autopoiesis des System fortgesetzt wird.

... Die Analyse befreit uns nur von einer ontologischen Unterstellung, daß es so etwas wie »Macht« erst einmal geben müsse, damit ein machtbasiertes System zustande gebracht werden könne. Das autopoietische System der Machtkonstitution und -benutzung erzeugt sich selbst und konstruiert dafür Annahmen über die Umwelt, etwa über Personen und ihre Absichten oder ihre Ressourcen.»

Luhmann: Die Politik der Gesellschaft S.26f

Luhmann(2): Macht verdoppelt die Handlungsmöglichkeiten[Bearbeiten]

«Macht erzeugt sich als Medium dadurch, daß sie die Handlungsmöglichkeiten verdoppelt. Dem von Alter gewünschten Verlauf wird ein anderer gegenübergestellt, den weder Alter noch Ego wünschen können, der aber für Alter weniger nachteilig ist als für Ego, nämlich das Verhängen von Sanktionen. Die Form der Macht ist nichts anderes als diese Differenz, die Differenz zwischen der Ausführung der Weisung und der zu vermeidenden Alternative. Wenn die Sanktionsmittel hinreichend generalisiert sind (wie zum Beispiel Anwendung physischer Gewalt oder Entlassung aus einem Arbeitsverhältnis), besteht im Medium ein Verhältnis loser Kopplung zwischen einer Vielzahl möglicher Machtziele und den Sanktionsmitteln, und die Benutzung von Macht legt dann die Form fest, in der das Medium vorübergehend strikt gekoppelt wird. Die Grenze der Macht liegt also dort, wo Ego beginnt, die Vermeidungsalternative zu bevorzugen und selbst die Macht in Anspruch nimmt, Alter zum Verzicht oder zur Verhängung der Sanktionen zu zwingen.» Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft S.161

Luhmann(3): Funktion von Macht ist Konfliktvermeidung[Bearbeiten]

«Sowohl Wahrheit als auch Geld neutralisieren die gefährliche, konfliktnahe Machtkommunikation, indem sie Ego nur Erleben zumuten, und Sozialutopien benutzen daher gern die Vorstellung, die Gesellschaft lasse sich allein durch Wahrheiten oder allein durch den Markt steuern. Das hieße jedoch auf wichtige Ordnungsmöglichkeiten verzichten, nämlich auf all das, was über konditionierte Willkür an langen Handlungsketten organisiert werden kann. Denn weder Wahrheit noch Geld können festlegen, was der Empfänger mit dem Empfangenem tut — und genau dies ist die Funktion von Macht.» Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft S.176

Luhmann(4): Macht macht berechenbar[Bearbeiten]

«Wenn Wahrheiten feststehen, kann man von ihnen ausgehen, ohne sie erneut prüfen zu müssen, und bei durchsetzungsfähiger Macht kann jeder damit rechnen, daß auch die anderen den Anforderungen folgen und er nicht allein der Dumme ist.» Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft S.177

Luhmann(5): Unsicherheit als Machtquelle[Bearbeiten]

So wird in der Organisationsforschung Unsicherheit als Machtquelle betont. Wer über die Möglichkeit verfügt, die Unsicherheit anderer zu beheben oder auch auszunutzen, »verdient« sozusagen Macht (was nicht heißen muß, daß er sie zu nutzen versteht).3 Das läßt jedoch unerklärt, woher die Unsicherheit kommt. Außerdem kann Macht, wenn einmal etabliert, als weitere Quelle von Unsicherheit gebraucht (manche würden vielleicht sagen: mißbraucht) werden; denn die unmittelbar nächste Frage ist dann ja: was wird der Machthaber, soweit er noch nicht festgelegt ist, verlangen. Die Politik der Gesellschaft, S. 19

Luhmann(6): Macht braucht Information[Bearbeiten]

«Obwohl es hochgeneralisierte, für viele Zwecke einsetzbare Machtmittel (Drohpotentiale) gibt, zeichnen sich deutliche Grenzen der Anwendbarkeit ab. Die vielleicht wichtigste ist die Informationsabhängigkeit des Machthabers. Selbst wenn er bewirken kann, was er will, ist damit noch nicht ausgemacht, was er wollen wollen kann. Alle politischen Systeme, die sich vornehmen, die Wirtschaft über Produktionspläne und Preisfestsetzungen politisch zu steuern, haben zum Beispiel das Problem, daß sie sich keine von ihren eigenen Entscheidungen unabhängige Information über Wirtschaftlichkeit beschaffen können und sich daher zu einem riesigen Netzwerk interner Manipulationen entfalten, dessen wirtschaftliche Mißerfolge dann wieder zu einem politischen Problem werden. Anders gesagt: Macht ist — auf politischer Ebene, aber auch auf Organisationsebene — auf Ausdifferenzierungen und auf machtunabhängige Informationsquellen angewiesen, weil sich andernfalls alle Information in Macht verwandelt. Es genügt nicht, wenn sie sich nur selbstreferentiell, nur auf Grund des Schemas von Erfolg/Mißerfolg ihrer eigenen Pläne bzw. Befolgung/Nichtbefolgung ihrer Weisungen informiert. Es gibt mithin immanente Gründe des Mediums Macht, sich nicht zum Universalmedium der Gesellschaftsbeherrschung aufzuschwingen, sondern auf Spezifikation der eigenen Universalkompetenz zu bestehen.» Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft S.162

Psychlogischer Konstruktivismus: Interpretation und Macht[Bearbeiten]

Interpretation des Konstruktivismus von Watzlawik in unserem Zusammenhang

Wähle die Interpretation der Wirklichkeit so, wie sie dich am glücklichsten macht.

Wenn das für alle gelten soll, folgt:

Lass dem anderen die Freiheit, das seinerseits zu tun.

Die Begriffe Sinn und Handlung mit eingebracht:

Eine Interpretation der Wirklichkeit ergibt dann Sinn, wenn sie Handeln ermöglcht, nie eine Situation auswegslos erscheinen lässt.

Auf Macht bezogen:

Eine Handlungsoptionen eröffnende Interpretation von Wirklichkeit gibt dem einzelnen Macht. Macht muss immer so kontrolliert werden, dass sie die Interpretationsfreiheit des einzelnen nicht stärker einschränkt, als es für die Interpretationsfreiheit der anderen erforderlich ist. -- Walter


Bei der Interpretationsfreiheit muss man unterscheiden

  1. die zwischen Partnern, Gruppen ohne Machtgefälle (einseitige Abhängigkeiten)
  2. die zwischen Kommunikationspartnern mit unterschiedlichen Abhängigkeiten.

Beispiel zu 1

Nehmen wir ein Ehepaar. Beide haben ihr eigenes gutes Einkommen, Kinder keine. Jedoch aus welchen Gründen auch immer: sie schuldigen sich gegenseitig an, nicht vertrauenswürdig und wert genug zu sein. Die angeblichen Insuffizienzen werden täglich anhand von "Beweisen" aufs Butterbrot geschmiert.

Das bleibt jedoch ohne weitere Konsequenzen ausser dass sie selbst bis auf weiteres unglücklich sind.

Beispiel zu 2 Eine Regierung behauptet, Arbeitslose seien deshalb arbeitslos, weil sie im Grunde garnicht arbeiten wollen. Damit sie nicht allzu verwöhnt werden, müssten sie finanziell und auch in Sachen Anerkennung kurz gehalten werden. Die betroffene Gruppe kann ihre eigene Selbstdefinition natürlich entgegen halten, jedoch: das wird das Loch im Portmonee nicht füllen. Es besteht eine objektive Abhängigkeit, nicht nur materiell. -- Jutta

Gedächtnisforschung und Konstruktivisms[Bearbeiten]

nicht ein Gedächtnis, sondern viele Schichten von Gedächtnis: Erinnerung und Trauma / Ortrun Hopf, Gerhard Unterthurner / 16.09.2000 (http://bacchus.univie.ac.at/audiothek/index.php?id=4&entrypage=9&search_q=erinnerung%20trauma&no_cache=1&tx_relecture_pi1[pointer]=0&tx_relecture_pi1[showUid]=1188)

Fragestellungen (Sitzung 23.3.2011)[Bearbeiten]

Für mich waren in unserem Gespräch folgende Unterscheidungen wichtig:

  • - Wissenschaften mit Anspruch auf Vorraussagen
  • - Wissenschaften ohne Anspruch auf Vorraussagen
  • - Wissenschaften mit Empfehlungen (Geschichte) ?
  • - Interdisziplinäre Wissenschaftsarbeit (eklektisch ?)
  • - Theoretische Philosophie (Marxismus?)
  • - Angewandte/Praktische Philosophie (Marxismus?) (eklektisch? )
  • - Funktionalisierbare, willkürliche Philosophie (Marxismus?)

Foucault[Bearbeiten]

Walters und Klaus´ Komplexitätsreduktion aus Klaus' Zusammenstellung:

Foucault will Strukturalismus (nicht-subjektbezogene Sehweise) mit historischer Sicht (Großepochen, die Erkenntnisstrukturen bedingen: Episteme) verknüpfen. Innerhalb dieser geschichtlich wandelbaren Verstehensrahmen entwickelt sich das Spiel der Diskurse und entscheidet über das Denkbare und die Fundamente möglichen Wissens.

Ein späterer Fokus liegt auf der Verschlingung von Macht und Wissen, das er als "unumgänglich kontingentes Ergebnis von Kräfteverhältnissen und in sich selbst machthaltiger Zugriff auf die Welt" sieht.

Zitat: "Philosophie ist eine Bewegung, mit deren Hilfe man sich frei macht von dem, was für wahr gilt."

Probleme bei Foucault:

  • Übergänge zwischen den Epistemen/Epochen
  • zeitlich parallele Strömungen mit unterschiedlichem Epistem, die aber miteinander kommunizieren
  • Eurozentrismus (wie ordnet er asiatische, afrikanische und amerikanische Denkweisen den Epstemen zu?)
  • Reflexivitätsproblem (wie kann er den Verstehensrahmen analysieren, in dem er selbst steckt?)

Dewey[Bearbeiten]

„Zu häufig vergessen wir, dass John Dewey ein Radikaler war.“ meint Hilary Putnam[1]. Und Richard Rorty bezeichnet ihn als einen der ”drei bedeutendsten Philosophen” des letzten Jahrhunderts neben Wittgenstein und Heidegger.

Als Alternative zum herrschenden Liberalismus seiner Zeit entwirft Dewey eine demokratische Praxis mit einer neuen Form der Individualisierung. „Die Vorstellung einer von Haus aus bestehenden Harmonie zwischen dem jetzigen sogenannten kapitalistischen Regime und der Demokratie ist die absurdeste metaphysische Spekulation, die der Mensch im Laufe seiner Geschichte angestellt hat.“[2] "Wir sind ausserstande zu zeigen, dass die Ideale, Werte und Bedeutungen, welche die Philosophie, der wir nominell anhängen, in eine andere Welt verlagert, geeignet sind, die Welt, in der wir leben, die Welt unserer wirklichen Erfahrung, konkret mit einem gewissen Mass an Sicherheit zu charakterisieren.“ [3]. Also müssen wir uns an dem sich ständig verändernden Erfahrungsbestand der Experimentalwissenschaften orientieren. John Dewey stellt wie Foucault eine demokratische Lebenspraxis einer in der Moderne vorherrschenden Form der Individualisierung entgegen. Nicht die Zentrierung auf das Selbst, sondern die Öffnung in der Kommunikation erzeugt die erkenntniserzeugende erschütternde Intersubjektivität.[4] »Kommunikation ist die wunderbarste Sache der Welt. Daß Dinge von der Ebene äußerlichen Stoßens und Ziehens auf eine Ebene übergehen können, auf der sie sich dem Menschen und dadurch sich selbst enthüllen; und daß die Frucht der Kommunikation Teilnahme, Teilhabe ist, ist ein Wunder, neben dem das Wunder der Transsubstantiation verblaßt.« [5] Aufgabe der Philosophie ist die Lösung der Probleme, die aus den Belastungen und Anspannungen innerhalb einer Gemeinschaft hervorgehen.[6] So ist die die Philosophie Deweys "...gar keine »philosoph. Anschauung«, sondern eine kognitionsbiologische Hypothese, die auch den Wahrheitsbegriff einem empirischen, realwissenschaftlichen Zugriff darbietet." [7]

  1. Putnam, Hilary: Deweys Politikbegriff – eine Neubewertung; in Hilary Putnam: Für eine Erneuerung der Philosophie; Stuttgart 1997; S. 251
  2. Dewey, John: Freiheit und Kultur (1939); Zürich 2003, S. 58
  3. (Dewey, John (1929 / 1998), Die Suche nach Gewissheit, Frankfurt a.M., 80)
  4. Joas, Hans: Die Entstehung der Werte, Frankfurt am Main: Suhrkamp 1997; zweite Auflage 1999. ISBN 3-518-58254-2
  5. Dewey, Erfahrung und Natur (1929), Frankfurt am Main 1995.., S. 167
  6. vergl. Dewey, John: Die Erneuerung der Philosophie (1920) (Mit einer neuen Einleitung von 1948, S. 9-45); Hamburg 1989, S. 9/10
  7. Eibl, Karl: Zwischenwelt: Wahrheitsdefinitionen: Instrumentalismus

Ist Philosophie Dichtung?[Bearbeiten]

Das Studium der Philosophiegeschichte birgt die Gefahr, ahistorische und situationsunabhängige philosophischen Probleme – wiederkehrende philosophische Themen - für wirklich zu halten. Für John Dewey sind diese Themen eher Ausdruck der Wiederkehr von ähnlichen Situationen. Denn er sieht die Aufgabe der Philosophie darin, immer wieder eine vernünftige und umfassende Antwort auf die Widersprüche und Spannungen der individuellen und gemeinsamen Lebensführung unter der Berücksichtigung der besonderen historischen Bedingungen zu geben. Philosophisches Denken ist der Ausdruck des Bedürfnisses nach Veränderung der gemeinsamen Denk - und Handlungsweisen. „Wir kritisieren nicht um der Kritik willen, sondern um dauerhaftere und umfassendere Werte zu erreichen und zu fixieren.“[1]

Dewey beschreibt die Entstehung der Philosophie prozessual instrumental. In alten Zeiten entstanden Erzählungen und Dichtungen als emotionales Band zwischen den verschiedenen Mitgliedern einer Gemeinschaft. Der jeweilige Sinn der Erzählungen entwickelte sich zum tradierbaren Mythos und damit verbunden zur Schöpfung von gemeinsamen Symbolen, die die alltäglichen Vorstellungen bestimmten und Rituale begründeten. „Gewisse Traditionsgewebe entstehen; die Erzählung wird zum gesellschaftlichen Erbe und Besitz; die Pantomime entwickelt sich zum festen Ritual.“[2]

Dann kommt irgendwann die Philosophie auf als Mytheninterpretation. „Um es mit einem Wort zu sagen: Das, was auf Brauch beruhte, sollte so wiederhergestellt werden, dass es nicht mehr auf den Gewohnheiten der Vergangenheit beruht, sondern auf der Metaphysik des Seins und des Universums.“[3] „An die Stelle einer Erlösung durch Ritus und Kultus setzte sie die Befreiung durch die Vernunft.“[4]

Die befreiende Funktion der antiken abendländischen ('alteuropäisch' würde Luhmann sagen) Philosophie richtet sich gegen die emotionale Wirkungsabsicht der Dichtung. Man erinnere sich an Platons Ausfälle gegen die Sänger und Schauspieler.

Auch die sich ständig ändernden Bedingungen des praktischen Alltagslebens, die Wechselhaftigkeit der Techniken und Moden werden durch die Philosophie abgewertet, sie bilden eine schattenhafte Zufallswelt. Die Philosophen folgen nun der Vorstellung vom der ewigen Ideenwelt. „Was ist, im vollen und prägnanten Sinne des Wortes, ist immer, ewig. Es ist ein Widerspruch in sich, wenn sich das, was ist, ändert.“[5]

Also nicht die Beobachtung und Analyse der realen Welt, sondern Kontemplation. Philosophie bedeutet „…daß Erkennen mit der Enthüllung der Eigenschaften schon immer bestehender, der Erkenntnis vorgängiger Existenzen und Essenzen befasst ist und daß die Werteigenschaften, die sich darin finden, die autoritativen Maßstäbe für die Lebensführung bereitstellen.“[6]

  1. Dewey, John: Erfahrung und Natur (1925); Frankfurt am Main 1995, S. 377
  2. Dewey, John: Die Erneuerung der Philosophie (1920); Hamburg 1989, S. 56
  3. aaO. S. 65
  4. Dewey, John: Die Suche nach Gewissheit (1929); Frankfurt am Main 1998, S. 21
  5. Dewey 1998, S.23
  6. Dewey 1998, S. 75

--Xaver 06:23, 9. Mai 2011 (CEST)

Ist Philosophie Kunst?[Bearbeiten]

--Xaver 20:52, 14. Mai 2011 (CEST)

Auswirkungen der Medientechnologie auf Philosophie[Bearbeiten]

--Xaver 20:52, 14. Mai 2011 (CEST)


Einzelne Philosophen[Bearbeiten]

Sitzung vom 1.6.2011[Bearbeiten]

Heidegger: Als lebendige Wesen sind wir von Not bedroht. Bewacht werden wir von Sorge (unser Lebensprinzip, Vitalität). Die Sorge erzeugt die Zeit, in der wir leben. Das Selbst ist die Antwort der Sorge auf das Problem der Zeitknappheit. Das Selbst grenzt sich vom Anderen (als "man" bezeichnet) ab.

Diskussion[Bearbeiten]

Links[Bearbeiten]