Birnbaum, Carl (1909)

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Birnbaum, Carl: Über psychopathische Persönlichkeiten. Eine psychopathologische Studie. Wiesbaden: J. F. Bergmann 1909, Erstdruck.


Hatte Koch noch von psychopathischen Minderwertigkeiten gesprochen, so nimmt Birnbaum eine weniger abwertende Haltung ein. Psychopathische Einzelzüge seien nicht ohne weiteres als pathologisch zu werten. Sie würden sich gelegentlich auch bei nichtpsychopathischen Persönlichkeiten finden. Pathologisch seien sie erst in Hinblick auf jenen, in Wirklichkeit gar nicht existierenden Idealtyp der voll entwickelten Durchschnittspersönlichkeit, der zum Vergleich mit den psychopathischen Persönlichkeiten herangezogen werde.

Psychopathische Persönlichkeiten würden, zumal wenn sich mit dem abnorm angelegten Gefühlsleben hervorragende Verstandeskräfte verbinden, nicht nur pathologischen und wertlosen Zeiterscheinungen als Erzeuger und Anhänger dienen, sondern im besten Sinne Träger echter Kultur, Förderer gediegenen Fortschritts und Schöpfer fruchtbarer Ideen sein. „Denn was im biologischen Sinne Minderwertigkeit, Entartung und Niedergag bedeutet, ist im wirklichen Leben oft aufs engste verknüpft mit Hochwertigkeit, Hebung und Kulturfortschritt verknüpft.“ (S.88) Birnbaum wiederholt, was Entartung und Niedergang betrifft, 1909 eine Aussage der literarischen Décadence, die von Thomas Mann in Buddenbrooks (1901) thematisiert worden war.


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