Goethes Faust. Eine heitere Tragödie. Mephistopheles als Harlekin.

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Der Harlekin in der Tragödie - ein Kunstgriff Goethes[Bearbeiten]

Humoristische Kühnheiten, mit Geist und Sinn auf das Theater gebracht, sind von der größten Wirkung. [ ] Wenn nun solche gutmütige Schalks- und Halbschelmenstreiche zu edlen Zwecken mit persönlicher Gefahr ausgeübt werden, so sind die daraus entspringenden Situationen, ästhetisch und moralisch betrachtet, für das Theater von dem größten Wert. (Dichtung und Wahrheit)


Goethe kannte aus seiner Kindheit das Puppenspiel vom Doktor Faust, das auf Jahrmärkten aufgeführt wurde.[1] In ihm tritt eine lustig-derbe Harlekin-Figur auf, die Kasperle heißt.[2] Zunächst ist sie Fausts Diener, dann Nachtwächter.

Der Harlekin (italienisch: Arlecchino) stammt aus der Commedia dell’arte. Sein Name leitet sich von kleiner Teufel her. In der Commedia hat er die Rolle eines Dieners und Possenreißers.

Während des Prologs im Himmel nennt Der Herr Mephistopheles Schalk (339). Der mit Hilfe des Teufels geschaffene künstliche Mensch Homunculus redet ihn ebenfalls mit Schalk an, sinnigerweise auch mit Vetter. (6865)

Als Faust und Mephistopheles den Marterort (1853) Studierzimmer verlassen - Faust soll erst die kleine, dann die große Welt (2052) als Kursum durchschmarutzen (2054) - offeriert sich ihm Mephistopheles mit der Zusage:

Mephistopheles
Und, mach ich’ ich dir’s recht,
Bin ich dein Diener, bin ich dein Knecht (1647 - 48).

Ein frecher Bediensteter in der Commedia dell’arte, ist der Schalk hier ein gefährlicher Diener.


Zur Harlekinade wird Mephistopheles' Rolle, nachdem ihn der Kaiser zum Hofnarren ernannt hat (4755 - 56). Die Staatskasse ist leer.

Mephistopheles
Wo fehlt’s nicht irgendwo auf dieser Welt?
Dem dies, dem das, hier aber fehlt das Geld. (4879 – 80)

Mephistopheles überredet den Kaiser, in Kriegszeiten vergrabene Münzen und Geschmeide, die irgendwo in seinem Reich im Boden liegen, aber noch nicht gefunden worden sind, als sein Eigentum zu deklarieren. (5007 - 5046) Sie sollen als Pfand und Deckung für die Einführung von Papiergeld gelten. Erhofftes Geld wird als vorhandenes legitimiert und in Umlauf gebracht.

In der Szene Lustgarten erfreuen sich Kaiser und Hofleute übermütig ihrer wundersam erlangten Zahlungsfähigkeit. Wieder hat Mephistopheles das letzte Wort:

Mephistopheles
Wer zweifelt noch an unsres Narren Witz! (6172)

Während Faust bei den Müttern weilt, wird der beschlagene Hofnarr Mephistopheles von Mitgliedern des Hofes um Rat angegangen (Szene Hell erleuchtete Säle). Einer Blondine, die sich über Sommersprossen in ihrem hübschen Gesicht beklagt, rät er zu einer Mixtur aus Froschlaich und Krötenzungen.(6319 - 28) Das mag noch gehen. Doch schon bei der nächsten Ratsuchenden kann des Kaisers Narr den Teufel in sich nicht mehr hintanhalten. Eine Braune klagt über Beschwerden in ihrem erfrorenen Fuß. Der Teufel tritt zur Linderung mit aller Kraft darauf. Die Mishandelte spürt den harten Tritt wie Pferdhuf.(6329 - 40). Einer Dame, die unglücklich verliebt ist, rät er, Kohle zu essen, mit der sie zuvor ihren Erwählten heimlich bestrichen hat, doch ohne Hilfe von Wein oder Wasser. (6343 - 58) Einem verleibten Pagen, der sich nicht für voll genommen fühlt, berät er auf dessen Wunsch ebenalls.

Mephistopheles
Müßt euer Glück nicht auf die jüngste setzen.
Die Angejahrten wissen euch zu schätzen. - (6361 - 62)

Auch dass Mephistopheles sich häufig am Schluss einer Szene an das Publikum wendet, das Vorangegangene spöttisch kommentierend, entspricht dem Muster des Harlekin, dem Genre des Jahrmarkttheaters.


Im Theater nördlich der Alpen war der Hanswurst der Prototyp der lustigen Person. Er trat nicht nur in den Steigreifkomödien des Jahrmarkttheaters auf (dort spielte auch die Commedia dell’arte), sondern ebenso in ernsten Stücken. Vor Goethes Epoche war er von Gottsched und der Theater-Prinzipalin Caroline Neuber offiziell von der Bühne verbannt worden, um der Schauspielkunst mehr Würde zu geben, - auf Kosten des Unterhaltungswertes, zur Enttäuschung des Publikums, aber auch enttäuschend für Literaten und Dichter mit Theater-Instinkt.[3] [4] Goethe hat ihn als eine Facette des Teufels wieder hervorgeholt. Mephistopheles verkörpert die kalte Teufelsfaust (1381), äußert fatale Wahrheiten und lockert die Tragödie auf mit Spott und Ulk. Dabei ist er mehr Nachfahre des gewitzten Arlecchino als des dummdreisten Hanswurst.


  1. «Dichtung und Wahrheit», 2. Teil, zehntes Buch
  2. Weblinks im Anhang → Wurm, Helmut
  3. Möser, Justus: Harlekin oder Vertheidigung des Groteske-Komischen. Neue verbesserte Auflage. Osnabrück: Cramer 1777, 80 S. (Erstausgabe 1761).
  4. In Dichtung und Wahrheit, III. Teil, 13. Buch schreibt Goethe bedauernd, dass durch einen gewissen Halbgeschmack die lustige Person von der Bühne vertrieben ward, obwohl geistreiche Köpfe [ Möser und Lessing ] für sie einsprachen.



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