Zum Inhalt springen

Kurs:Diskrete Mathematik (Osnabrück 2020)/Vorlesung 17

Aus Wikiversity
So sah Vorli als Welpe aus.

Schon in Beispiel 15.5 sind wir einer Situation begegnet, wo eine Kante in einem Graphen eine direkte Verbindung bedeutet, wo aber auch die passende Aneinanderreihung von Kanten eine naheliegende und sinnvolle Interpretation besitzt.



Wege und Zusammenhang

Ein Weg in einem Graphen ist eine Folge v1,v2,,vm von Knoten derart, dass vivi+1 für alle i eine Kante ist.

Statt Weg sagt man auch Kantenzug oder Pfad. v1 heißt Anfangspunkt und vm heißt Endpunkt des Weges. Man sagt in dieser Situation auch, dass der angegebene Weg die Punkte v1 und vm verbindet. Zu jedem Knotenpunkt v gibt es den konstanten, kantenleeren Weg, der keine Kanten besitzt, und v mit sich selbst verbindet. Bei einem Weg sind Wiederholungen erlaubt, und zwar sowohl von Punkten als auch von Kanten.

Gelegentlich wird ein Weg in der Form e1,,em1 mit Kanten  eiE  angegeben, wobei dann vorauszusetzen ist, dass die Kanten ei und ei+1 stets koinzident sind und der Anfangspunkt eventuell explizit zu machen ist.


Ein Graph (V,E) heißt zusammenhängend, wenn es zu je zwei Punkten  u,vV  einen Weg gibt, der u und v verbindet.



Lemma  

In einem Graphen  G=(V,E)  ist die Verbundenheit zwischen Knotenpunkten

eine Äquivalenzrelation auf der Knotenmenge V.

Beweis  

Jeder Knotenpunkt ist durch den leeren Kantenzug mit sich selbst verbunden. Dies sichert die Reflexivität. Wenn u und v durch den Kantenzug u=v1,v2,,vr1,vr=v miteinander verbunden sind, so ist v mit u durch den umorientierten Kantenzug vr,vr1,,v2,v1 verbunden. Dies sichert die Symmetrie. Wenn u mit v durch den Kantenzug u=v1,v2,,vr=v verbunden ist und v mit w durch den Kantenzug v=w1,w2,,ws=w verbunden ist, so ist u mit w durch den zusammengesetzten Kantenzug u=v1,v2,,vr=v=w1,w2,,ws=w verbunden. Dies sichert die Transitivität.



Zu einem Punkt  vV  in einem Graphen nennt man

Z(v)={uVes gibt einen Weg, der u und v verbindet}

die Zusammenhangskomponente von v.

Die Zusammenhangskomponenten eines Graphen sind einfach die Äquivalenzklassen zur Äquivalenzrelation, miteinander verbunden zu sein. Ein isolierter Punkt eines Graphen ist dasselbe wie eine einpunktige Zusammenhangskomponente. Die verschiedenen Zusammenhangskomponenten eines Graphen haben nichts miteinander zu tun und daher studiert man vor allem zusammenhängende Graphen.



Lemma  

Es sei  G=(V,E)  ein Graph und  bV  ein Blatt des Graphen.

Dann ist G genau dann zusammenhängend, wenn Gb zusammenhängend ist.

Beweis  

Es sei G zusammenhängend und  u,vG{b}.  Dann gibt es in G einen verbindenden Weg von u nach v. Wenn in diesem Weg b vorkommt, so jedenfalls nicht als Anfangs- oder als Endpunkt, da dies explizit ausgeschlossen ist. Wenn b in der Mitte vorkommt, so in der Form w,b,w, wobei {b,w} die einzige Kante an b bezeichne. Doch in diesem Fall kann man diesen Wegabschnitt herausnehmen und erhält einen kürzeren Weg von u nach v. Deshalb gibt es auch einen verbindenden Weg, in dem b gar nicht vorkommt.

Es sei nun G{b} zusammenhängend und seien  u,vG.  Wenn  u,vb  ist, so kann man direkt einen verbindenden Weg aus G{b} nehmen. Wenn  u=b  ist, so ist b mit einem weiteren Knotenpunkt w verbunden, und einen Weg in G{b} von w nach v kann man durch die Kante {b,w} zu einem Weg in G von b nach v verlängern.



Weglänge und Abstand

Unter der Länge eines Weges in einem Graphen versteht man die Anzahl seiner Kanten.

Dabei zählt man sich wiederholende Kanten mehrfach, d.h. der Weg v1,,vm hat die Länge m1, auch wenn in dem Weg die gleiche Kante mehrfach vorkommt.


Zu zwei Knotenpunkten u und v in einem zusammenhängenden Graphen versteht man unter dem Abstand d(u,v) die minimale Länge eines verbindenden Weges von u nach v.

In einem nicht zusammenhängenden Graphen setzt man manchmal den Abstand zwischen zwei Punkten, die zu verschiedenen Zusammenhangskomponenten gehören, als unendlich an.


Unter dem Durchmesser eines zusammenhängenden Graphen  G=(V,E)  versteht man das Maximum über alle Abstände d(u,v) zu  u,vV


Unter dem Radius eines zusammenhängenden Graphen  G=(V,E)  versteht man

min(max(d(u,v)|uV)|vV).

Zu einem Knotenpunkt  vV  eines zusammenhängenden Graphen  G=(V,E)  nennt man

e(v)=max(d(u,v)|uV)

die Exzentrizität von v.

Der Durchmesser ist also das Maximum über alle Exzentrizitäten und der Radius ist das Minimum über alle Exzentrizitäten.


Wir betrachten das Metronetz von Lissabon. Es handelt sich um einen zusammenhängenden Graphen. Der durch die gelbe Linie beschriebene Weg hat die Länge 12. Der Abstand von São Sebastião zu Alameda ist 2, der kürzeste Weg ist über Saldanha (mit der roten Linie) gegeben. Es gibt natürlich auch deutlich längere Wege zwischen diesen beiden Stationen, beispielsweise über Marquês de Pombal mit der blauen Linie, dann nach Campo Grande mit der gelben Linie und dann mit der grünen Linie nach Alameda, der die Länge 12 besitzt. Der Durchmesser des Netzgraphen ist 21, dieser wird im Abstand von Reboleira zu Aeroporto angenommen. Der Radius des Graphen ist 11, und zwar haben sowohl Saldanha als auch São Sebastião diese Exzentrizität. Die Exzentrizität von Cidade Universitária beträgt 14.




Zyklen und Kreise

Ein Weg v1,,vm in einem Graphen (V,E) heißt Zyklus, wenn  v1=vm  ist.

Den konstanten Weg und einen Weg der Form u,v,u betrachten wir als triviale Zyklen.


Ein Kreis in einem Graphen ist ein Zyklus der Länge 3 ohne Wiederholungen.

Mit der Formulierung ohne Wiederholungen meint man ohne Wiederholungen in der Knotenmenge mit Ausnahme der Endpunkte. Dies schließt insbesondere Wiederholungen in der Kantenmenge aus. Umgekehrt kann es aber Wege ohne Kantenwiederholungen geben, bei denen sich Knotenpunkte wiederholen, dies sind keine Kreise. Ein zyklischer Graph ist ein Graph mit zumindest einem Kreis. Andernfalls nennt man ihn zyklenfrei.

Die Circle line von London ist für sich genommen ein Rundgang.

Ein Graph G heißt Rundgang, wenn es in ihm einen Kreis v1,v2,,vm=v1 gibt, der alle Knotenpunkte und alle Kanten genau einmal durchläuft.

Die beiden folgenden Definitionen ergeben nur für zyklische Graphen Sinn.


Die Taille eines zyklischen Graphen G ist die kürzeste Länge eines Kreises in G.

Statt mit der kürzesten Länge eines Kreises kann man genauso gut mit der Länge eines nichttrivialen Zyklus arbeiten. Die Taille ist zumindest 3.


Der Umfang eines zyklischen Graphen G ist die längste Länge eines Kreises in G.

Hier kann man nicht mit beliebigen Zyklen arbeiten, da man diese ja mehrfach durchlaufen kann. Der Umfang ist durch die Knotenanzahl des Graphen beschränkt.



Lemma  

Es sei  G=(V,E)  ein Graph und  bV  ein Blatt des Graphen.

Dann ist b in keinem Kreis von G enthalten.

Beweis  

Das Blatt b ist nur zu einem einzigen Knotenpunkt c benachbart. Es kann in einem Zyklus nur in der Form ...cbc... vorkommen. In einem Kreis muss dann aber bereits das linke mit dem rechten c als Punkt des Kreises übereinstimmen, was aber nach Definition auch kein Kreis ist, da er nur die Länge 2 besitzt.




Bäume und Wälder

Ein Graph ohne Kreis heißt Wald.




Lemma  

Es sei G ein Baum mit zumindest zwei Knotenpunkten.

Dann besitzt G ein Blatt.

Beweis  

Wir betrachten die Menge aller Wege ohne Kantenwiederholungen. Da es in G keine Kreise gibt, gibt es in einem solchen Weg auch keine Knotenwiederholung. Somit haben alle diese Wege eine (durch #(V)) beschränkte Länge. Wir betrachten einen Weg, der unter diesen Wegen in G maximale Länge besitzt. Dann sind die Endpunkte Blätter, da man andernfalls den Weg verlängern könnte.



Lemma  

Es sei  G=(V,E)  ein Graph und  bV  ein Blatt des Graphen.

Dann ist G genau dann ein Baum, wenn Gb ebenfalls ein Baum ist.

Beweis  

Die Äquivalenz der Zusammenhangseigenschaft folgt aus Lemma 17.5. Ein Kreis in Gb ist direkt ein Kreis in G. Die Umkehrung folgt aus Lemma 17.17.



Satz  

Es sei  G=(V,E)  ein Graph mit nichtleerer Knotenmenge V. Dann sind folgende Aussagen äquivalent.

  1. G ist ein Baum.
  2. Zwischen je zwei Punkten  u,vV  gibt es einen eindeutigen Verbindungsweg ohne Wiederholung.
  3. G ist zusammenhängend und es gilt  #(E)=#(V)1

Beweis  

Aus (1) folgt (2). Da G nach Voraussetzung zusammenhängend ist, gibt es zu u,v zumindest einen verbindenden Weg. Würde es zwei Wege geben, so könnte man daraus direkt einen Zyklus und dann auch einen Kreis konstruieren, was ausgeschlossen ist.

Aus (2) folgt (1). Die Zusammenhangseigenschaft ist klar. Würde es einen Kreis geben, so könnte man dies direkt als einen zweifachen Weg ohne Wiederholung zwischen zwei Punkten auffassen.

Aus (1) folgt (3). Wir führen Induktion über die Anzahl der Punkte von G. Bei einem einzigen Punkt gibt es keine Kante und die Gleichung stimmt. Es sei also G ein Baum mit  n2  Punkten. Nach Lemma 17.20 besitzt G ein Blatt und nach Lemma 17.21 ist Gb ebenfalls ein Baum. Dabei wird ein Punkt und eine Kante herausgenommen. Nach Induktionsvoraussetzung gilt die Gleichung für den verkleinerten Baum, also gilt sie auch für G.

Von (3) nach (1). Wir führen wieder Induktion über die Knotenanzahl, bei einem Knoten ist alles klar. Aufgrund der Voraussetzung und Lemma 15.16 gilt

vVd(v)=2(#(V)1)=2#(V)2.

Wegen der Zusammenhangseigenschaft sind die Grade zumindest 1. Deshalb muss es (zumindest 2) Punkte mit Grad 1, also Blätter geben. Es sei b ein Blatt. Die Formel gilt dann auch für Gb. Nach Induktionsvoraussetzung ist Gb ein Baum, und daher ist nach Lemma 17.21 auch G ein Baum.

Ein Kladogramm der Tetrapoden (Landwirbeltiere)



<< | Kurs:Diskrete Mathematik (Osnabrück 2020) | >>

PDF-Version dieser Vorlesung

Arbeitsblatt zur Vorlesung (PDF)