Thematische Rollen

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Zielsetzungen[Bearbeiten]

In seinem klassischen Aufsatz "Thematic Proto-Roles and Argument Selection" (1991) beschäftigt sich David Dowty mit der Frage, welche Thematischen Rollen es gibt und welchen Status sie haben, wobei es ihm insbesondere um das Problem der Argument-Selektion geht, also um die Frage, welche Thematischen Rollen mit welchen grammatischen Relationen assoziiert werden. Zu klären ist, nach welchen Prinzipien diese Selektion funktioniert. Auf den traditionellen Ansatz, diskrete Rollen (Agens, Patiens, Source) mit grammatischen Relationen (Subjekt, Objekt) zu verknüpfen, antwortet Dowty mit dem Vorschlag, stattdessen nur zwei Rollen einzuführen, nämlich 'Proto-Agens' and 'Proto-Patiens', die sich mittels ihrer logischen Folgebeziehungen charakterisieren lassen. Ziel des Aufsatzes ist es dabei nicht, alle Probleme, die in der Forschungsgeschichte mit Thematischen Rollen verknüpft sind, klären zu können, sondern seine neue Definition der Proto-Rollen darzulegen. Die Theorie der thematischen Rollen dient als Einstieg in das Gebiet der Verbsemantik, weil die Eigenschaften thematischer Rollen, wie immer man sie definiert, sich aus der Verbbedeutung ergeben.

(Hier geht es zurück zur Hauptseite des Kurses Verbsemantik )

Definition von Thematischen Rollen und Bezug zur Verbsemantik[Bearbeiten]

In § 2 gibt Dowty eine erste Definition von Thematischen Rollen: "the most general notion of thematic role (type) is a set of entailments of a group of predicates with respect to one of the arguments of each." (Dowty 1991:552) Die Thematische Rolle (Typ) ist demzufolge eine Menge von logischen Folgerungen aus einer Gruppe von Prädikaten hinsichtlich ihrer Argumente. In den Beispielen x ermordet y, x nominiert y und x befragt y bestehen diese logischen Folgerungen darin, dass x einen "volitional act" (Willensakt: etwas absichtlich tun) ausführt und dass dieser Willensakt dasjenige ist, was das Verb ausdrückt (morden, nominieren). Darüber hinaus teilen alle drei Verben, dass x durch diesen Akt ein Ergebnis hervorruft, welches y involviert (y stirbt, y wird nominiert), und dass sich x bei diesem Akt 'äußerlich'/'nach außen' physisch 'bewegt' oder 'verändert'. Hiervon ausgehend kann zwischen sehr ähnlich erscheinenden Verben präzise unterschieden werden. So unterscheiden sich zum Beispiel ermorden und töten im Hinblick auf die erste logische Folgerung: bei töten muss es kein willentlich handelndes x geben (Beispiel: jemand wird durch einen Autounfall getötet). Die Unterscheidung der Rollen nach logischen Folgerungen von Verbgruppen kann so Verben genau beschreiben, ohne damit jedoch bestimmte Implikationen 'einkaufen' zu müssen, wie es etwa die traditionelle Rolle von 'Agens' tut: "a role type like 'Agent' is defined semantically as whatever entailments of verbs about NP referents are shared by the verbal argument-positions that we label with the term 'Agent' (and excludes whatever is entailed for those arguments that differs from one verb to the next)." (Dowty 1991:552) - ???


Thematische Rollen als Folgerungen aus der Verbbedeutung[Bearbeiten]

Katz und Maus

Die Katze spricht: Ich bin nicht so,

wie alle Welt vermutet.

Ich töte Mäuse, ja, jedoch

mit einem Herz, das blutet.

Mit einem Herz, das zuckt und schreckt,

mit einem Herz, das leidet –

Mit meinem Herz? Nein, dem der Maus!

Denn wenn uns etwas scheidet,

die Maus und mich, dann ist es das:

Ich bin der Fresser. Sie ist Fraß.

(Robert Gernhardt)


Wenn wir uns in diesem Beispiel die beiden Begriffe „Freser“ und „Fraß“ anschauen, stellen wir fest, dass das Verb „fressen“ anscheinend zwei unterschiedliche thematische Rollen vergibt (darauf deutet die Tatsache hin, dass zwei unterschiedliche Nomina aus dem Verb fressen abgeleitet wurden). Hierbei stellt sich die Frage, ob „Fresser“ und „Fraß“ tatsächlich schon thematische Rollen darstellen.

Was sind denn eigentlich thematische Rollen?

Im vorherigen Abschnitt wurde bereits darauf hingewiesen, wie der Begriff „Thematische Rolle“ mit Dowty formuliert werden kann, nämlich über den Begriff der logischen Folgerung:

Eine Thematische Rolle ist eine Menge von (möglichen) logischen Folgerungen für eine Gruppe von Prädikaten hinsichtlich eines ihrer Argumente. (Vgl. Dowty S. 552)


Blicken wir aber nun nochmal auf eines der beiden oben genannten Beispiele: Wenn es ein Ereignis des „Fressens“ gibt, gibt es darin einen „Fresser“. Die Frage, die sich nun stellt, ist Folgende: Was wissen wir über dieses Individuum, wenn wir wissen, dass es ein Fresser ist?

Mögliche erste Antworten und ihre Überprüfung:

  • „Er ist hinterher satt!“ – Diese Vorstellung wird sich häufig aufdrängen, ABER: Eine strikte Folgerung, scheint hier nicht vorzuliegen, da jemand der frisst, 'nicht in jedem Fall dabei satt werden muss.
  • „Ein Lebewesen macht etwas!“ – Hier können wir uns auch fragen, ob dies in jedem Fall, d.h. in allen Verwendungen des Verbs, gelten muss. Wie ist es, wenn wir sagen, dass ein Auto „Benzin frisst“? Wenn hier eine reguläre Verwendung des Verbs "fressen" vorliegt, wäre es ein Fall, wo der Schluss auf eine Handlung eines Lebewesens nicht aufkommt. Allerdings kann man einwenden, dass es sich hier um eine Metapher handeln könnte, d.h. um eine Verwendung, die gerade nicht die wörtliche Bedeutung des Verbs fressen zeigt.

Solange wir keine Theorie haben, wie die Bedeutung von Metaphern zustandekommt und wie sie in der Semantik einzustufen ist, sollte man sich nicht auf solche Fälle stützen, um für oder gegen die Eigenschaften thematischer Rollen zu argumentieren (wir würden diese Fälle also lediglisch aus methodischen Gründen ausklammern). – Man kann aber übrigens auch auf folgendes verweisen: Wenn man mit Bezug auf den Benzinverbrauch eines Autos hier „fressen“ verwendet, schreibt man dem Gegenstand "Auto" vielleicht gerade eine metaphorische Lebendigkeit und Aktivität zu. Insofern könnte man auch aus der besonderen Art wie Metaphern Dinge beschreiben erschließen, dass etwas derartiges in der wörtlichen Bedeutung anwesend gewesen sein muss.

Bei dem Begriff der logischen Folgerung geht es immer um die Frage, ob ein Schluss bzw. eine Folgerung von der Verbbedeutung als solcher garantiert ist.

Hierbei ist wichtig, genau zu unterscheiden, ob es sich tatsächlich um eine logische Folge („entailment“ / Dowty, S. 552) oder lediglich um Inferenz handelt. Inferenz ist ein weiterer Begriff, der auch Schlüsse umfasst,, die aus dem Alltagswissen erschlossen ist; eine Folgerung, die typischerweise eintritt.

Logische Folgerungen sind solche, die sich rein logisch oder aus der Bedeutung eines Wortes ergeben.

Damit ergibt sich eine starke Verbindung zwischen thematischen Rollen und der Bedeutung eines Wortes. Die Verbbedeutung begründet quasi die thematische Rolle eines Substantives. Ebendies meint Dowty, wenn er von „analytic implications“ spricht. Thematische Rollen kann man also auch als Folgerungen aus der Verbbedeutung bezeichnen („entailments of a group of predicates“). Man geht hier von der unmittelbaren Wortbedeutung aus und klammert in aller Regel den Bereich der übertragenden Wortbedeutungen aus. Deshalb ist hier die Sprache vom „logischen bzw. harten Typ“ der thematischen Rollen.


Dowty beschreibt vier Arten von möglichen Folgerungen, die für zweistellige Prädikate gelten (Dowty, S. 552):

  1. Das Verb beschreibt einen willentlichen Akt eines Individuums i; eine Handlung, die so beabsichtigt ist oder war (vgl. die klassische Agens-Rolle).
  2. Ein Individuum i verursacht etwas, das sich auf einen zweiten Teilnehmer auswirkt (vgl. die klassische Agens-Rolle).
  3. Ein Individuum i bewegt oder verändert sich äußerlich (vgl. die klassische Patiens-Rolle). Anmerkung: Bei dieser Art von Folgerung stellt man fest, dass sie vorwiegend für y als zweite Prädikatstelle vorkommt, aber ebenso für x als erste Prädikatstelle diskutiert werden muss, z.B. beim Verb „fressen“: X frisst Y. Die Veränderung, die sich mit x ereignet, ist aber nicht dieselbe Veränderung, die mit y geschieht.
  4. Ein Individuum i verändert sich in mentaler Hinsicht; dergestalt also, dass die Inhalte, die jemand oder etwas denkt, sich verändern.


Beispiele:

(a) X frisst Y

(b) X ermordet Y

(c) X nominiert Y

(d) X befragt Y

(e) X überzeugt Y

(f) X tötet Y

(g) X schaut Y an

(h) X versteht Y


Wendet man die Einteilung von Folgerungs-Arten auf verschiedene Beispiele an, so ergeben sich eventuell mehrere Rollen für ein Argument.

(Bis hierher ist dementsprechend noch kein Unterschied bei Dowty und seinem Konzept der thematischen Proto-Rollen im Vergleich zum traditionellen Rollenverständnis erkennbar.)

In den Beispielen (a) bis (d) trifft auf X sowohl die Folgerung 1. als auch die Folgerung 2. zu.

ABER: Kann ein Argument mehrere Rollen gleichzeitig einnehmen? Die erste Art von Folgerungen passt für sehr viele Verben – ist damit nur eine einzige thematische Rolle gemeint?

Nun aber kommt unsere Definition des Begriffs „Thematische Rolle“ ins Spiel, die wir ja als „Menge von Folgerungen“ und eben nicht als Einzelfolgerung definiert haben.

Also müssen wir aus Folgerungen Mengen bilden. Das Problem hierbei ist jedoch: Welche Mengen sollen das sein? (Z.B. Kombination aus den Folgerungen 1. und 2.)

Wenn wir einzelne Folgerungen betrachten, haben wir dieses Problem nicht. „Willentlich beteiligt“ wäre z.B. eine thematische Rolle. Dies wäre jedoch zu speziell. Insofern wäre es geschickter – wie gerade erwähnt – Folgerungen 1. und 2. zusammenzufassen. Diese neue Rolle entspräche dann jedoch immer noch der klassischen Agens-Rolle in weiten Teilen. Problem bleibt ebenso: Können wir damit jedem möglichen Argument (mindestens) eine Rolle zuschreiben, sodass keines „aus dem Raster fällt“ und keine Rolle abbekommt?

Was passiert z.B., wenn auf ein Argument nur Folgerung 2. und nicht Folgerung 1. zutrifft?

Ein möglicher Versuch wäre zu sagen: Die Rolle „Agens“ besteht aus einer Menge von Folgerungen, die nicht immer alle zutreffen müssen.

Die Rollen „Agens“ und „Thema“ sind günstige Zusammenfassungen von Folgerungen.

ABER: Wir haben noch immer kein Rezept, wie wir Folgerungen zusammenfassen können!

Außerdem darf es nicht vorkommen, dass Argumentstellen in einen sogenannten „Crack“ (= „Ritze“) zwischen zwei Rollen fallen. Sie müssen nach Dowty (Dowty, S. 549) genau zugeordnet werden können. Unsere Beispiel-Analyse hat jedoch gezeigt, dass es solche Ritzen gibt.


FAZIT: Wir können (mit einigen Mühen) thematische Rollen definieren. Wenn wir einzelne Folgerungen betrachten, können wir Rollenzuordnungen vornehmen.

Es gibt 2 Arten thematische Rollen zu verstehen:

  • Rollentyp (Menge von Folgerungen)
  • Individuelle Folgerungen

Weiterhin bleibt der Begriff „Thematische Rolle“ sehr variabel.

In den folgenden Kapiteln werden wir Dowtys Vorschlag Rollen anders zu definieren, kennen lernen.

Individuelle thematische Rolle und ihre Indizierungsfunktion[Bearbeiten]

Zusammenhang mit Θ-Rollen (GB-Theorie)

Stichwort: Indizierungsfunktion

Theta-Rollen werden verwendet, um Argumente des Verbs zu indizieren.

Das Verb „beißen“ fordert zwei Argumente, die verschiedene Rollentypen übernehmen. Die Definition der Typen kann nach verschiedenen Theorien erfolgen:

Datei:Beißen.jpg

Datei:Dass der Hund den Brieftraeger biss.jpg

Im Passiv fordert das Verb nur noch ein Argument. Der Patiens, der zuvor Objekt war, wird nun Subjekt. Somit sind Theta-Rollen nicht mit Satzgliedern identisch.

Datei:Der brieftraeger wurde gebissen.jpg

Problemfall :

Datei:Dass der brieftraeger gebissen worden zu sein scheint.jpg

Der Briefträger ist das Subjekt des Satzes und soll eigentlich als Agens fungieren. Dabei stellt sich aber die Frage, ob das Verb scheinen dem Subjekt des Satzes eine thematische Rolle vergibt? Lösung: Das Subjekt des Satzes „der Briefträger“ bekommt vom Verb “scheinen“ seinen Kasus ist aber mit „scheinen“ inhaltlich nicht verbunden, dabei bleibt aber „der Briefträger“ Patiens vom Verb beißen und bekommt vom Verb „beißen“ den entsprechenden Index zugewiesen.

Von individuellen Thematischen Rollen zu Rollentypen[Bearbeiten]

Individuelle thematische Rollen schreiben jedem Verb eine individuelle thematische Rolle zu – so könnte es für das Verb to hit etwa die thematische Rolle eines hitters geben. In einem solchen Modell gibt es keine verbübergreifenden Rollen, obwohl deren Existenz nicht ausgeschlossen wird.


Das Modell von individuellen thematischen Rollen entwickelte sich aus den Zweifeln am vorhergehenden Modell, das Jackendoff thematischen Rollentypen nennt. Im Modell der thematischen Rollentypen hat jedes NP-Argument eines Prädikats genau eine (Theta-)Rolle, zwei NPs desselben Prädikats können nicht dieselbe Theta-Rolle einnehmen. Ebendies, dass jedes Argument genau einer thematischen Rolle zuzuordnen sei, wurde angezweifelt. Als Lösung dieses Problems wurde das Modell der individuellen thematischen Rollen entwickelt.


Dieses ficht Jackendoff nicht an, aber er stellt eine neue Annahme thematischer Rollen vor. Jackendoff will einzig semantische Muster in der lexikalischen Subkategorisierung und in der Syntax beschreiben, er will nicht Argumente anzeigen.


Weitere Informationen: Siehe vorheriger Abschnitt "Thematische Rollen als Folgerungen aus der Verbbedeutung"


Wieviele und welche thematischen Rollen gibt es?[Bearbeiten]

Gängige Rollenlisten und -hierarchien[Bearbeiten]

In vielen Einführungsbüchern werden Listen von semantischen Rollen angeboten, die eine praktische Einteilung darstellen sollen, welche Eigenschaften von Argumenten häufig vorkommen. Es ist jedoch dann oft nicht eindeutig, wie die einzelnen Rollen zu definieren sind und ob so eine Liste vollständig sein kann. Diese Herangehensweise findet sich auch im Wikipedia-Eintrag Semantische_Rolle [ http://de.wikipedia.org/wiki/Semantische_Rolle] widergespiegelt, der hier separat besprochen wird

In dem Lehrbuch von Pittner und Berman (2004) [1] zum Beispiel wird die Semantische Valenz in Kapitel 4.3.2 aufgegriffen, und die Autoren führen die foglenden sieben thematischen Rollen an:

  • Agens: Handelnder, Verursacher eines Geschehens — Hans liest.
  • Patiens/Thema: direkt vom Geschehen betroffener Mitspieler, der oft eine Zustands- oder Ortsveränderung durchmacht — Peter öffnet die Tür.
  • Rezipient: Empfänger — Eva schickt dem Otto eine Mail.
  • Experiencer: Träger eines mentalen oder emotionalen Prozesses — Eva hasst Spinnen.
  • Stimulus: Auslöser eines solchen Prozesses (manchmal auch unter Thema subsumiert, oder als "Ursache" klassifiziert) — Klatschgeschichten interessieren Karin.
  • Instrument: Mittel, das zu einem Zweck eingesetzt wird — Suppe isst man mit dem Löffel.
  • Benefaktiv (oder Benefizient): Nutznießer einer Handlung — Sie öffnet ihm die Tür.

In einem späteren Kapitel bei Pittner & Berman (Kap. 4.5) wird die Zuordnung von thematischen Rollen zu syntaktischen Funktionen betrachtet. Dabei diskutieren die Autoren hauptsächlich die logisch-semantische Seite der Valenz und ihre morphosyntaktische Realisierung. Die Autoren brechen das System erst einmal auf die häufigsten Kasusmuster herunter und betrachten im Einzelnen einstellige, zweistellige und dreistellige Verben. Anhand der Häufigkeit von verschiedenen Auftretensmustern wird eine Hierarchie der syntaktischen Funktionen erstellt.

Subjekt>Akkusativobjekt>Dativobjekt>Präpositionalobjekt Das Subjekt ist die ranghöchste syntaktische Funktion.

Dem gegenüber steht die Hierarchie der theoretischen Rollen Agens>Patiens>Rezipient>…

Der Agens ist ausnahmslos an das Subjekt gebunden (nicht betrachtet werden hierbei Passiv und Infinitivsätze). Jedoch kann nicht angenommen werden, dass jedes Subjekt die Agensrolle beinhaltet.

Viele einstellige Verben vergeben an ihr Subjekt jedoch eine Thema- bzw. Patiensrolle, z.B. Verben wie 'ankommen, zerbrechen,' etc. Diese Verben werden "ergative" oder "unakkusativische" Verben genannt und weisen Besonderheiten, die in diesem Skript im Kapitel 2: Unakkusativität und ihre semantischen Grundlagen näher besprochen werden. Bei zweistelligen Verben wird der Patiens immer durch den Akkusativ realisiert. Der Dativ tritt hauptsächlich bei dreistelligen Verben auf und wird als Rezipient oder Betroffener dargestellt.

Bei Handlungsverben wird der Agens zum Subjekt und der Patiens zum Objekt. Bei psychologischen Verben, die mentale Zustände und Prozesse bezeichnen, ist die Zuordnung variabler. Hier kann sowohl der Experiencer als auch der Stimulus als Objekt realisiert werden. Den Grund für die Variabilität liefert Dowty (1991) mit seinem Prototypenkonzept (siehe …).


Ereignisabhängige vs perspektivabhängige thematische Rollen[Bearbeiten]


Andere Funktion der thematischen Rollen besteht darin, Argumente voneinander zu unterscheiden.

Problemfall: symmetrische Prädikate

  • a ist gleich b
  • a wiegt genauso viel wie b
  • a ähnelt b

haben gleiche grammatische Form und syntaktische Funktonen, folglich bekommen sie auch gleiche thematische Rollen.

ABER eine thematische Rolle darf nur an EINE Ergänzung vergeben werden.

Laut GB-Theorie darf ein Index nicht zweimal vergeben werden.

Demzufolge müsste man an die Argumente verschiedene Rollen vergeben, dabei stellt sich aber die Frage, inwiefern sich diese Prädikate voneinander unterscheiden.

Perspektivabhängige thematische Rollen Gestaltpsychologie führt Begriffe Figur und Grund ein. Der Unterschied zwischen Figur (Vordergrund) und Grund (Hintergrund) wird in der Wahrnehmungspsychologie untersucht. Folgendes Bild illustriert die Tatsache, dass Figur und Grund vertauscht werden können:

Figur-und-Grund

Diese Begriffe (Figur und Grund) werden auf Sprache übertragen: Talmy (1978, 1985a, 1985b):

x ist nahe bei y

Figur Grund

(Vordergrund) (Hintergrund)

Dowty kritisiert diese Annahme:

Begriffe Grund und Figur sind kontextabhängig, und hängen auch mit der Art der NP zusammen. Begriffe Grund und Figur sind variable Eigenschaften. Dies widerspricht aber der Definition der thematischen Rollen: „thematische Rollen sind Folgerungen aus dem Prädikat.“ Figur und Grund sind kontextabhängig, individuell, deswegen schlechter Kandidat für eine thematische Rolle. Nach Dowty sollen thematische Rollen ereignisabhängig sein

Ereignisabhängige thematische Rollen Dowtys Argumentation: Thematische Rollen sind Folgerungen aus der Bedeutung des Verbs. Verben beschreiben Ereignisse: typische nominale Bedeutung typische verbale Bedeutung „x ist ein Tisch“ „e ist ein Fressen“ Mit Verben bezeichnet man eine andere Klasse der Gegenstände -> Ereignisse Demzufolge besteht die Verbbedeutung in der Beschreibung eines Ereignisses. Problemfall : Kopulaverben. Bezeichnen sie auch Ereignisse? Ereignisbeschreibung ist eine typische Verbbedeutung, man kann sie aber nicht auf alle Verben anwenden. Der Begriff des Ereignisses im weiten Sinne beinhaltet auch Zustände. Dieser Begriff wird aber später definiert. Demzufolge sind thematische Rollen, als Folgerungen aus der Verbbedeutung, an Ereignisse verknüpft.

Die Rolle "Inkrementelles Thema"[Bearbeiten]

“The meaning of a telic predicate is a homomorphism from its (structured) theme argument denotation into a (structured) domain of events.” Dowty (S. 567)

Gehen wir dieses "Motto", mit dem Dowty den Begriff des inkrementellen Themas einführt, entlang der wichtigsten Begriffe durch. Demnach soll verkürzt gesagt ein "Homomorphismus" bestehen zwischen der "Denotation" des Thema-Arguments und der Domäne der Ereignisse. Der Begriff Denotation bezeichnet die Klasse der Gegenstände, die man mit einem Ausdrück bezeichnen kann (siehe Glossar für Einzelheiten). In einem Satz wie "Otto mähte die Wiese" ist Wiese das Thema-Argument, die Denotation von "Wiese" demnach alle Gegenstände, die man als eine Wiese bezeichnen kann. Verben bezeichnen Ereignisse, daher ist die "Domäne der Ereignisse" einfach die Denotation des Verbs.

Die Erklärung der Rolle "inkrementelles Thema" fußt nun hauptsächlich auf dem mathematischen Begriff des Homomorphismus. Dowty (S. 567) sagt, dass bei Verben mit inkrementellem Thema der Fall vorliege, dass die Bedeutung eines telischen Prädikats ein Homomorphismus ist, und zwar "aus dem Bereich der strukturierten Denotationen des Thema-Arguments in einen strukturierten Bereich von Ereignissen." Auch wenn der mathematische Hintergrund dieser Definition außerhalb unseres Seminarstoffes liegt, gehört es sich doch, den Begriff Homomorphismus kurz aufzuklären. (Das folgende ist also erst einmal nur eine Hintergrundinformation für Interessierte, die Merksätze im übernächsten Absatz würden uns ansonsten genügen).

Mathematisch gesagt handelt es sich um eine Abbildung, die eine algebraische Struktur auf eine andere überführt und dabei bestimmte Eigenschaften der ersten bewahrt. Daher ist in Dowtys Definition von "strukturierten" Dentotationen die Rede. Die Struktur, die er dabei im Sinn hat, ist eine Teil-Ganzes-Struktur, und dies ist also die Struktur, die bei der Abbildung bewahrt werden soll.

Wir können uns an dem Beispiel "die Wiese mähen" klarmachen, dass wir, wenn wir wollen, die Wiese "strukturieren" können, d.h. in Teile einteilen. Nehmen wir an, wir teilen die Wiese x in drei Abschnitte: x1, x2, x3. Dann kann die ganze Wiese als die Vereinigung dieser drei Teile gefasst werden: x = x1 + x2 + x3 (der Einfachheit halber mit dem Symbol "+" geschrieben, obwohl keine Addition gemeint ist, sondern eben das Zusammenfügen von Teilen zu einem größeren Gegenstand (eine Mereologie)). Dies ist also der genannte "strukturierte Bereich der Denotationen des Thema-Arguments": die Denotation von "Wiese" besteht in den Objekten, die man mit diesem Wort bezeichnen kann, also die x die eine Wiese sind, und die Strukturierung ist die genannte Teil-Ganzes-Struktur. Dasselbe machen wir jetzt mit Ereignissen: Das Verb " mähen " bezeichnet Ereignisse, und wenn e ein Ereignis des Mähens ist, können wir es auch in Teile aufteilen: e1 sei die Anfangsphase, e2 wenn man mittendrin ist, und e3 sei das Teilereignis, in dem man allmählich fertig wird. Dann ist e = e1 + e2 + e3 (eine Teil-Ganzes-Strukturierung im Bereich der Ereignisse, also der Verbdenotation). Ein Homomorphismus liegt dann vor, wenn die Teil-Ganzes-Struktur der Objekte sich genau auf die der Ereignisse überträgt. Dies kann man mathematisch so formulieren: Wir definieren eine Funktion f(x) = e und zwar so dass jedem Objekt x dasjenige Ereignis e zugeordnet wird, in dem x abgemäht wurde. Ein Homomorphismus erfüllt dann die Bedingung: f( x1) + f(x2) = f(x1 + x2). In Worten: Wenn ich das Teilereignis, in dem das Wiesenstück x1 gemäht wurde (also e1), summiere mit dem Teilereignis, in dem das Wiesenstück x2 gemäht wurde (= e2), dann erhalte ich immer dasselbe Ereignis, wie wenn ich gleich danach frage, in welchem Ereignis der Teil der Wiese gemäht wurde, der der Summe (x1 + x2) entspricht. (Es ist jedesmal das Ereignis e1+e2).

die Wiese mähen

Es genügt, sich zu merken: Die Teil-Ganzes-Struktur vom Objekt-Argument und vom Ereignis entsprechen sich eins zu eins; für jeden Teil des Objekts gibt es einen Teil des Ereignisses, in dem genau dieser Objektteil dem Ereignis unterworfen wurde. In anderen Worten, das Ereignis geht schrittweise über die einzelnen Teile des Objekts hinweg. Daraus folgt ein sehr wichtiges Ergebnis: Die Begrenzung des Objekts wird zur Begrenzung des Ereignisses. Das Mähen der Wiese ist dann fertig, wenn der letzte Teil der Wiese gekürzt ist. Danach bleibt kein Teil der Wiese der noch zu kürzen wäre, und deswegen gibt es auch keine weiteren Teile des Ereignisses "Mähen". Daher ist also " die Wiese mähen " telisch. Dies gilt jedenfalls, wenn die Wiese begrenzt ist. Sobald wir keine Information darüber haben, wie der Gegenstand des Thema-Arguments begrenzt ist, haben wir auch keine Information mehr, wie das Ereignis endet. Daher ist "die Wiese mähen" telisch, jedoch "(er musste ständig) Wiesen mähen" nicht telisch. (Telisches Prädikat: ‚telisch‘ von gr.‘Telos‘ ‚Ziel‘ Beinhaltet die Bedeutung eines Prädikats ein absehbares Ende, bzw. das Erreichen eines Ziels kann von einem telischen Prädikat gesprochen werden). Daraus kann man schließen, dass solche Verben wie

  • den Kuchen essen
  • ein Loch bohren
  • die Wiese mähen
  • das Lied singen usw

eine besondere Verbklasse bilden, und zwar: Verben mit inkrementellem Argument.


Wenn ein Prädikat sich also so verhält, dass die Begrenztheit (Telizität) des Ereignisses von der Begrenztheit seines Objekt-Arguments abhängt, hat das Objekt die Rolle eines inkrementellen Themas. — Während es den Semantikern schon lange aufgefallen war, dass die Telizität von Verben von der Art ihres Objekts abhängen kann, ist die vollständige Erklärung durch den Begriff des Homomorphismus im wesentlichen erst Manfred Krifka in seiner an der Uni München erstellten Dissertation von 1989 gelungen ("Nominalreferenz und Zeitkonstitution"). Die klassisch gewordene Zusammenfassung für die englischsprachige Welt erschien als Krifka (1992) [2].

Dowtys Proto-Rollen und ihre Anwendung auf die Argumentselektion[Bearbeiten]

Dowtys Proto-Rollen: Der Unterschied zu traditionellen Rolleneinteilungen[Bearbeiten]

In der klassischen Forschung von E. Rosch orientiert man sich an „besten Beispielen“ (Prototypen). Es gibt Prototypen für sämtliche Kategorien. Die Ausdehnung der Kategorie wird je nach Ähnlichkeit zum besten Beispiel bemessen, statt strikte Kriterien festzulegen, die diese Abgrenzung definieren würden.



Bei Dowty sind die Rollentypen Agens und Patiens auch Kategorien dieser Art, er sieht diese als Ballungen von Merkmalen (cluster concept). Für Agens und Patiens legt er folgende Eigenschaften fest, die unabhängig und ggf. einzeln in den Argumentrollen von Verben vorkommen:

Proto-Agens

  • Ist willentlich an einem Ereignis oder Zustand beteiligt
  • Ist durch Empfinden und/oder Wahrnehmung beteiligt
  • Ist Verursacher eines Ereignisses oder einer Zustandsveränderung eines Teilnehmers
  • Bewegt sich (relativ zur Position eines Anderen)
  • (Existiert unabhängig vom Ereignis welches vom Verb beschrieben wird)

Proto-Patiens

  • Macht eine Zustandsveränderung durch
  • Inkrementelles Thema
  • Beeinflusst durch anderen Teilnehmer
  • Bewegt sich nicht (relativ zur Position eines Anderen)
  • (Existiert nicht unabhängig vom Ereignis welches vom Verb beschrieben wird)


Diese Kriterien sollen helfen zu verstehen warum gewisse Wörter Subjekt und andere wiederum Objekt werden. Welches Argument aus der Folgerung der Verbbedeutung subjektwürdig ist. Die relative Gewichtung, also die überwiegende Anzahl der Eigenschaften, entscheidet ob es sich um Agens oder Patiens handelt.

Beispiele für Subjektwahl bei zweistelligen Verben[Bearbeiten]

  • Der Vogel baut ein Nest.

Der Vogel ist Verursacher des Ereignisses und ist willentlich beteiligt. Somit hat er bereits zwei Eigenschaften sicher erfüllt und ist damit Proto-Agens zuzuordnen. Außerdem existiert der Vogel unabhängig vom Ereignis, während das Nest davon abhängig ist.

  • Die Katze frisst die Maus.

Die Katze ist hier definitiv Verursacher des Ereignisses bzw. der Zustandsveränderung der Maus und wird somit Proto-Agens. Schwieriger ist hingegen die Frage, ob die Katze willentlich beteiligt war oder nicht. Ist dies an der reinen Wortbedeutung zu erkennen oder halten wir dies nur für typisch? Der Satz Das Hobby frisst meine Zeit macht die Schwierigkeit dieser Abgrenzung sichtbar.

Es gibt weitere Fälle bei denen die Abgrenzung schwer fällt oder Kriterien gar nicht zutreffen. Die Verben lassen, haben oder auch übersehen beispielsweise sind äußerst schwierig mit Dowtys Modell zu vereinbaren. Es ist fragwürdig ob lassen ein willentlicher Akt ist oder man dadurch zum Auslöser des Ereignisses wird (Ich lasse sie Fernsehen). Bei übersehen kann man ganz sicher nicht von einem willentlichen Akt sprechen; bei Otto übersieht den Mops erfüllt Otto keins der beschriebenen Eigenschaften.


Besondere Fälle für die Anwendung der Proto-Agens-Eigenschaften[Bearbeiten]

Wir haben bisher gesehen, dass die Protorollentheorie von Dowty auf zwei verschiedene Pole referiert, Agens und Patiens, die jeweils bestimmte Eigenschaften aufweisen und dann als Prototyp (Proto-Agens bzw. Proto-Patiens) fungieren können. Unser nächstes Ziel soll es nun sein, das Problem der Argumentselektion bei transitiven Prädikaten zu lösen. Dabei stellen wir uns vor allem die Frage nach dem zugrundeliegenden Subjekt bzw. Objekt.

Beispiele:

(1) lassen: Otto ließ Anna Fernsehen schauen.

Protoagenseigenschaften von lassen:

  • willentliche Beteiligung: ist diskutierbar, da verschiedene Schattierungen möglich sind, z.B. Unterlassung, Gleichgültigkeit

hier ist nur ein schwacher Wille vorhanden

Otto fungiert hier als ‚echtes‘ Subjekt, stellt jedoch aufgrund von nur einer einzigen und zudem schwach ausgeprägten Proto-Agens-Eigenschaft einen weniger typischen Agens dar.

weitere Fälle untypischer Verben:

(2) lieben: es trifft nur die Eigenschaft der Wahrnehmung zu
(3) haben: hier ist die Zuordnung von Eigenschaften schwierig

In slavischen Sprachen gibt es gar kein Verb für haben:

(4) Ich habe ein Auto. slav.: Es gibt bei mir ein Auto.

Folgerung: entscheidend für die Wahl des Subjekts ist die relative Gewichtung zwischen den Proto-Agens-Eigenschaften und den Proto-Patiens-Eigenschaften.

Für die Verbtypen bedeutet dies zudemfolgendes:

Man unterscheidet zwischen:

  • Verben mit typischer transitiver Struktur:

Dabei besteht ein eindeutiges Gefälle zwischen den Argumenten in Proto-Agens vs. Proto-Patiens-Eigenschaften.

  • Verben mit untypischer transitiver Struktur:

Hier können auch die Protorollen keinen eindeutigen Ausschlag geben. Es lässt sich vermuten, dass dieser Verbtyp auch in der Realisierung seiner Argumente schwankt.

Weiterhin existieren keine Verben mit überwiegend patienshaftem Subjekt bzw. überwiegend agenshaftem Objekt.


Dowty: Prinzip der Argument-Selektion (argument selection principle, S. 576): Bei Prädikaten mit grammatischem Subjekt und Objekt (transitive Verben) wird dasjenige Argument mit der höchsten Anzahl an Proto-Agens-Eigenschaften als Subjekt bestimmt. Im Gegenzug gilt das Argument mit den meisten Proto-Patiens-Eigenschaften als direktes Objekt.

Dowty leitet aus diesem Prinzip der Argument-Selektion folgende Lehrsätze ab:

1. Im Fall von zwei Argumenten mit jeweils derselben Anzahl an logisch gefolgerten Proto-Agens bzw. Proto-Patiens-Eigenschafte kann man beide als Subjekt bzw. als Objekt finden.

(5) ein Haus bauen

Bei diesem Beispiel können sowohl das Haus als Subjekt sowie der Erbauer als Objekt ausgeschlossen werden. Das heißt, der Agens kann in keinem Fall als Objekt fungieren.

Eine Bestätigung liefert uns das Wort für bauen im Hindi/Urdu, das dort ohne Agens steht: (vgl. G. Ramchand 2012: Licensing of Instrumental Case in Hindi/Urdu Causatives)

Die Behandlung dreistelliger Verben[Bearbeiten]

Bei dreistelligen Prädikaten wie geben stellt sich die Frage, ob eine neue Proto-Rolle geschaffen werden muss. Dowty löst diesen Fall, indem er dem Argument mit den meisten Proto-Agens-Eigenschaften die Rolle des Subjekts zuweist; das Argument mit den meisten Proto-Patiens-Eigenschaften hingegen erfüllt die Funktion des direkten Objekts. Das dritte Argument, das dann übrig bleibt und nicht klar als Subjekt oder Objekt eingeordnet werden kann, wird schließlich als "Sonstiges" gekennzeichnet.

Beispiel:

(6) Otto gibt Anna den Hammer.

Proto-Agens-Eigenschaften von Otto:

  • verursacht eine Veränderung
  • willentliche Beteiligung

Proto-Agens-Eigenschaften von Anna:

  • der Besitzstand von Anna ändert sich
  • willentliches Entgegennehmen des Hammers?

Es entsteht eine Konkurrenz um die Subjektposition zwischen Otto und Anna. Da Otto aber mehr Proto-Agens-Eigenschaften als Anna hat, spricht dies für Otto als Subjekt.

Proto-Patiens-Eigenschaften des Hammers:

  • Zustandswechsel (Ort, Besitz)

Der Hammer wird hier als direktes Objekt klassifiziert.

Folglich bleibt Anna als drittes Argument übrig und wird zu "Sonstiges", erhält also den Dativ. Möglicherweise hat "Anna" einige Proto-Rolleneigenschaften eines Agens oder Patiens, aber weniger als dies bei "Otto" bzw. "Hammer" der Fall ist, deshalb gelangen diese letzteren beiden in den Subjekt-Objekt-Rahmen.


weiteres Beispiele:

(7) Anna nahm den Hammer (an). annehmen = zulassen

Frage: Hat Anna nicht in (6) und (7) dieselbe Rolle?

Antwort: Anna kann nicht zum direkten Objekt werden, da Otto mehr Eigenschaften aufweist als Anna. In (7) fungiert Anna als Subjekt von nehmen und weist als dieses stärkere Proto-Agens-Eigenschaften auf.

Besondere Verbklassen[Bearbeiten]

Symmetrische Prädikate[Bearbeiten]

Zu Beginn der Transformationsgrammatik nahm man an, dass die Beispiele in (39) und (40) synonym zueinander seien und lediglich Varianten derselben Tiefenstruktur darstellen.

(39) Dieser und jener (This and that one)

  • reimen sich (rhyme)
  • kreuzen sich (intersect)
  • sind sich ähnlich (are similar)
  • sind gleich (are alike)
  • sind identisch (are equal)
  • sind verschieden (are different that)


(40) Dieser (This)

  • reimt sich mit (rhymes with)
  • kreuzt mit (intersects with)
  • ist ähnlich zu (is similar to)
  • ist wie (is like)
  • ist identisch mit (is equal to)
  • ist verschieden von (is different from)

Und dann nahm man an, dass diese Analyse auch auf Fälle wie diese übertragen werden kann:

John und Mary stimmen überein. vs. John stimmt mit Mary überein. John und Mary küssen sich. vs. John küsst Mary.

Auf den ersten Blick mag es keinen wirklichen semantischen Unterschied geben, denn alle Sätze führen im Endeffekt zu demselben Ergebnis. Aber dann kam Chomsky und machte auf das Beispiel in (41) aufmerksam, das vom Schema her den oberen Sätzen entspricht:

(41) a. Der Betrunkene umarmt den Laternenpfahl. b. *Der Betrunkene und der Laternenpfahl umarmen sich.

In (41b) nimmt also der Laternenpfahl an der Aktion teil, was aufgrund seines Merkmals der Unbelebtheit in einem realen Kontext nicht möglich ist. Es herrscht also eine Assymetrie in den Sätzen, es gibt nämlich nur einen der für die Handlung verantwortlich ist. Und dieser Unterschied wird einem nun auch in dem Beispiel von John und Mary klar.

Schnell stellte sich heraus, dass eine ganze Ansammlung von Verben gibt, die sich genau so verhalten. Fillmore (1966) nannte sie Verben der partially symmetric human interaction - also Verben der partiell symmetrischen menschliche Interaktion. Hier einige Beispiele:

(42) Kim und Sandy

  • umarmten sich (im engl.: hugged, embraced; kein Bedeutungsunterschied im Deutschen und v.a. reflexiv)
  • küssten sich (engl.: kissed, d.h. nicht reflexiv)
  • machten Liebe
  • fickten
  • sprachen miteinander (engl.: talked, d.h. nicht reflexiv)
  • waren nicht derselben Meinung (engl.: (?)disagreed)
  • schüttelten sich die Hände (engl.: (?)shook hands)

(43) Kim

  • umarmte
  • küsste
  • machte Liebe mit
  • fickte
  • sprach mit
  • war nicht derselben Meinung wie (engl.: (?)disagreed)
  • schüttelte die Hände mit (engl.: (?)shook hands)

Sandy.

Warum in (42) und (43) die jeweils letzten beiden Strukturen im Englischen als fraglich angesehen werden, ist leider nicht ganz klar. Die Übersetzung ins Deutsche ist außerdem nicht ohne weiteres möglich. Wie schon obern erwähnt, gibt es im Deutschen keinen Bedeutungsunterschied zwischen embrace und hugg, des weiteren muss im Deutschen für Strukturen wie in (42) größtenteils eine reflexive Form gewählt, wohingegen sich im Englischen (42) und (43) lediglich durch das Hinzutreten einiger Präpositionen unterscheidet. Schließlich muss disagree mit einer Paraphrase ins Deutsche übertragen werden. Ähnliche Übersetzungsschwierigkeiten gelten für die Daten in (39) und (40).

Da es sich in den symmetrischen Beispielen in (39) und (40) um statische Verben handelt, könnte man nun dem Fehler unterliegen, dass alle agentivischen Verben eine Asyemmtrie aufweisen. Dem ist aber nicht so, was folgende Beispiele belegen:

(44) a. Kim und Sandy

  • heirateten (married)
  • spielten Schach (played chess)
  • debatierten (debated)
  • diskutierten die Angelegenheit (discussed the matter)

b. Kim

  • heiratete (married)
  • spielte Schach mit (played chess with)
  • debatierte mit (debated)
  • diskutierte die Angelegenheit mit (discussed the matter with)

Sandy.

Diese Verben haben eines gemeinsam: Sie beschreiben Handlungen, die die willentliche Teilnahme zweier Parteien daran voraussetzen. Das Merkmal des Willens ist für die Verben in (39) und (40) irrelevant. Die Sätzen aus (42) und (43) unterscheiden sich von diesen beiden Typen. Der Wille kann von einem oder von beiden an der Handlung Beteiligten ausgehen.

Laut Dowty folgt der Wille zwingend aus der Proto-Agens-Rolle. Und wenn ein Wille überhaupt zwingend folgt, dann für das Subjekt und nie für das Objekt. Außerdem scheint es, dass jedes Verb, das eine Art von Beziehung beschreibt, die als willentlich für einen oder beide Beteiligten interpretiert werden könnte, aber in seiner Bedeutung symmetrisch ist, beide Strukturmöglichkeiten zulässt (s. 42 und 43).

Anders hier: (45) a. Der Truck kollidierte mit dem Laternenpfahl. (The truck collided with the lamppost.) b. (*) Der Truck und der Laternenpfahl kollidierten. (The truck and the lamppost collided.)

Auch (45b) könnte in bestimmten Kontexten eine mögliche Struktur sein, z.B. wenn der Laternenpfahl von einem anderen Lastwagen transportiert würde, sich dann löste und auf den anderen Lastwagen draufrollen würde. Der Unterschied zwischen (45a) und (45b) besteht darin, dass aus (45a) zwingend folgt, dass sich der Lastwagen bei der Kollision bewegt hat, wohingegen in (45b) eine Bewegung des Lastwagens und des Laternenpfahls folgt. Die Strukturen sind also denen in (42) und (43) ähnlich, aber die Folge, die die hier Subjekt von objekt unterscheidet, ist nicht Willen oder eine andere Standard Eigenschaft des Agens, sondern Bewegung. Dowty gibt an dieser Stelle zu bedenken, dass weder der Truck noch der Laternenpfahl personifiziert sind, wie es klassische Rollenzuweisung mit dem Merkmal "aktiv-sein" zuweist.

Weitere Beispiele dafür sind: (46) a. Das Schiff passierte den Leuchtturm bei Nacht. (The ship passed the lighthouse in the night.) Die Schlange trennte sich von ihrer Haut. (The snake seperated from its skin.) Der Efeu verflechtet sich allmählich mit dem Spalier. (The ivy gradually intertwined with the trellis.)

b. (*) Das Schiff und der Leuchtturm passierten sich bei Nacht. (The ship and the lighthouse passed in the night.) (*) Die Schlange und ihre Haut trennten sich voneinander. (The snake and its skin seperated.) (*) Der Efeu und das Spalier verflechteten sich allmählich. (The ivy and the trellis gradually intertwined.)

Deshalb können Sätze wie in (45) und (46) nicht wie die in (43) analysiert werden, indem man ein abstraktes Agens annimmt, das Kontrolle über beide NPs in den a-Sätzen hat, aber nur über eine im korrespondierenden b-Satz. Keine traditionelle thematische Rolle vereint diese beiden Fälle. Nur die Proto-Rollen-Hypothese kann dies laut Dowty bewerkstelligen.

"Psychologische Verben"[Bearbeiten]

Beispiele:

   x liebt (loves)	   y	    vs.	     y ängstigt (frightens)    x
         fürchtet (fears)			           befriedigt (satisfies)				
                                                          erfreut (pleases)					    
                                                          gefällt (pleases)

Auf den ersten Blick wirken beide Verbgruppen spiegelbildlich, da x und y jeweils vertauscht sind (logische Folgerung: wenn x fürchtet y, dann gilt auch y ängstigt x). Jedoch widerspricht diese Vermutung der Theorie; es muss also einen Bedeutungsunterschied geben.

Nach Croft besteht der Bedeutungsunterschied darin, dass die Verben der ersten Gruppe immer statisch sind, während die Verben der zweiten Gruppe in manchen Fällen auch inchoativ auftreten können.

Letztere lassen laut Dowty eine zusätzliche Proto-Agens-Eigenschaft zu: Dowty S. 580: “[..] the inchoative interpretation implies a change of state in the Experiencer […], but not necessarily any motion or other change in the Stimulus.

Bei Experiencer-Objekt-Verben treten auch Varianten auf, in denen ein Zustandswechsel des Experiencers formuliert wird. Das Stimulus-Subjekt trägt dabei die Proto-Agens-Eigenschaft eines Verursachers; bei Stimulus-Objekten ist dies hingegen nicht der Fall.

       Experiencer Subject    vs.	Stimulus Subject 

Eine bessere Erklärung wäre die folgende: Die zweite Gruppe von Verben lässt im Gegensatz zur ersten Verbgruppe eine Umschreibung mit dem Verb machen (make) zu.

(1) Es ängstigt mich. -> y-Rolle: Es macht mir Angst.

Der Verursacher trägt hier eine Proto-Agens-Eigenschaft und hat daher Vorrang. Es handelt sich um einen subtilen Unterschied bei den Proto-Eigenschaften.

Anmerkung: Es geht stets um das Verb allein!

sich fürchten: geht nicht, da es sich um ein intransitives Verb handelt.

(2) Ich fürchte mich. -> Ich habe Furcht.

--> Die semantischen Hintergründe des grammatischen Systems liefern uns die jeweilige Rollenverteilung bei Verben.

Verben mit alternierenden Objekten: der Typ sprühen / laden[Bearbeiten]

Eine gewisse Gruppe von Verben zeigt eine Alternation bei der Besetzung der Stelle des direkten Objekts:

Beispiele:

Maria lud Heu auf den Wagen.
Maria belud den Wagen (mit Heu).
Maria srühte Farbe auf die Motorhaube.
Maria besprühte die Motorhaube mit Farbe.

Englische Entsprechungen:

Mary loaded the hay onto the truck.
Mary loaded the truck with (the) hay.
Mary sprayed the paint onto the wall.
Mary sprayed the wall with paint.  

Man bemerkt, dass im Deutschen Präfixverben –erscheinen „beladen“, „besprühen“. Im Englischen gibt es hingegen keine sichtbare Markierung der Varianten. Dowty geht trotzdem davon aus, dass es sich auch im Englischen um zwei verschiedene lexikalische Varianten handelt.

Wir können die beteiligten Mitspieler mit klassischen Argumentrollen benennen: Das Heu würde als das THEMA bezeichnet werden, weil es seinen Ort verändert, der Wagen wird hier oft als LOKATION benannt (es ist der Ort, relativ zu dem das Heu seine Position verändert). Wie man sieht, erlauben solche Rollenzuschreibungen in den Beispielen aber gerade keine Erklärung dafür, was nun als direktes Objekt realisiert wird. Wenn die Argumentselektion von semantischen Faktoren abhängen soll, muss es hier einen anderen Faktor geben.

Eine Lösung für dieses Problem kann darin gesucht werden, dass die Proto-Patiens-Eigenschaft "Inkrementalität" unabhängig von sonstigen Rollenzuschreibungen an verschiedenen Argumenten auftreten kann, und wenn ein Argument die Eigenschaft zugesprochen bekommt, inkrementelles Thema zu sein, hat es Vorrecht auf die Position des direkten Objekts.

Versuchen wir eine Darstellung, die analog zu dem verläuft, was weiter oben über das Beispiel "die Wiese mähen" ' gesagt wurde. Im Beispiel des Heus bedeutet dies, dass das Heu in Portionen eingeteilt werden kann. Die einzelnen Teile werden dann nach und nach auf den Wagen geladen. Das geht so lange weiter, bis das Heu vollständig umgeladen ist, dann ist das Ereignis zuende, und hieran sieht man, dass in dem Satz Sie lud das Heu auf den Wagen das direkte Objekt die Eigenschaft eines inkrementellen Themas hat.

Nun sollen wir uns davon überzeugen, dass in dem Beispiel: "Sie belud den Wagen mit dem Heu" ein anderer Fall vorliegt. (...)

Im anderen Fall kann der Wagen in verschiedene Abschnitte eingeteilt werden und dann wird das Heu Stück für Stück auf den Wagen geladen. Wenn alle Teilbereiche des Wagens beladen sind, ist das Ereignis vorbei.

Das Ereignis ist begrenzt, was wiederum von der Begrenztheit des Objektes abhängig ist. Die Abschnitte des Ereignisses ist mit den Abschnitten des Objektes deckungsgleich.

Das Verb "Schlagen" im Gegensatz zum Verb "brechen"[Bearbeiten]

Fillmore zeigte in einem anderen klassischen Artikel (1970), dass es eine Vielzahl von Verben des körperlichen Kontakts gibt, die bedeutungsgleiche Alternationen für ihre direkten Objekte mit ihren Präpositionalobjekten ergeben.

Ein Beispiel dafür ist das Verb "schlagen" (hit):

(62) a. John schlägt den Zaun mit dem Stock.

    b. John schlägt den Stock gegen den Zaun. 

--> (62)a und (62)b stimmen in ihrer inhaltlichen Aussage überein.

Im Gegensatz zu Verben wie "schlagen" gibt es Verben, die keine bedeutungsgleichen Alternationen ergeben.

Ein Beispiel dafür ist das Verb "brechen" (break):

(63) a. John zerbrach den Zaun mit dem Stock.

    b. John zerbrach den Stock am Zaun.

--> (63)a und (63)b haben eine unterschiedliche inhaltliche Aussage.

Fillmore vermerkt, dass "brechen" eine sichtbare und permanente Zustandsänderung in seinem Argument des direkten Objekts mit sich bringt (während "schlagen" und ähnliche Verben das nicht mit sich bringen). Diese Zustandsänderung betrifft im Beispiel (63)a den Zaun, aber in (63)b den Stock. Daher haben die beiden Sätze einen unterschiedlichen Inhalt.

In diesem Artikel wird von drei verschiedenen Verbklassen gesprochen. Zum einen die "spray/load class", die "break class" und zuletzt die "hit class". Im Folgenden sollen die Eigenschaften der drei Verbklassen zusammengeafsst werden.

I. Klasse von Verben wie "sprühen und laden" (spray/load class) a. Bringt eine Zustandsänderung bei beiden Argumenten mit sich. Eines von beiden kann möglicherweise "Incremental Theme" sein (das Ausmaß? des Vorgangs) b. Erscheint in beiden syntaktischen Mustern, aber mit geringfügiger Zustandsänderung, das heißt, in "Incremental Theme", das immer Argument des direkten Objekts ist. Andere Folgerungen alternieren mit dem Wechsel in den syntaktischen Mustern.

II: Klasse von Verben wie "brechen" (break class) a. Bringt eine Zustandsänderung bei nur einem Argument. b. Drastische Bedeutungsveränderung von einem Muster zum anderen: Die Zustandänderung ist auf das direkte Objekt bezogen, andere Folgerungen alternieren

III. Klasse von Verben wie "schlagen" (hit class) a. Kein Unterschied in "proto-role entailments" zwischen den Argumenten. b. Völlige Synonymie zwischen zwei Mustern: alle Folgerungen alternieren.

Literaturangaben[Bearbeiten]

  1. Pittner, K, J. Berman (2004); Deutsche Syntax - ein Arbeitsbuch, Tübingen, Narr-Studienbücher
  2. Krifka, Manfred 1992. Thematic relations as links between nominal reference and temporal constitution. In Ivan Sag and Anna Szabolcsi (eds.), Lexical Matters , 29-53. Stanford: CSLI.