Quellen und Darstellungen der Zeitgeschichte/Schriftliche Quellen und Darstellungen

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Die Vielfalt und Anzahl von schriftlichen Quellen und Darstellungen steigt während der Zeitgeschichte extrem an. Deshalb ist der richtige Umgang mit ihnen extrem wichtig und eine Behandlung in der Schule entscheidend.

Schriftliche Quellen[Bearbeiten]

Merkmale schriftlicher Quellen[Bearbeiten]

Um einen Überblick über die Fülle an historischen, schriftlichen Quellen zu gewinnen, kann man sich der Einteilung aus Paul Kirns Einführung in die Geschichtswissenschaften bedienen.[1]
Diese wird nach vier Gesichtspunkten vorgenommen:

  1. Ursprung: ob zeitgenössisch oder entfernt, einheimisch oder fremd, unmittelbar oder mittelbar, privat oder öffentlich
  2. Inhalt: z. B. Geschichte des Krieges, Rechtspflege, Verwaltung …
  3. Zweck: Bericht, Chronik, Urkunde, Brief
  4. Erkenntniswert: Überrest oder Tradition. Dabei sind Überreste „versehentlich“ hinterlassen worden, die Erschaffung war zum Zweck (z.B. Urkunden); Traditionen hingegen wurden zur Überlieferung erschaffen (Annalen, Biographien, Chroniken, Sagen usw.)

Wie man die Quellen einordnet, hängt von der Distanz der Quelle zu einem Ereignis ab und davon, wie stark deutend die Quelle ist.[2] Außerdem ist die Lesbarkeit der Quelle von großer Bedeutung.

Schriftliche Quellen sind zum Beispiel:

  • Dokumente
  • Urkunden
  • Protokolle
  • Bekanntmachungen
  • Verträge
  • Briefe
  • Tagebücher
  • Zeitungen
  • Interviews
  • Reden
  • Zeitschriften
  • Flugblätter

Flugblatt zur „Bibliotheks-Reinigung“[Bearbeiten]

Aufruf der Studentenschaft der Universität Würzburg, die privaten Bibliotheken von „undeutschem Schrifttum“ zu reinigen. (Flugblatt vom April 1933)

Als Beispiel einer schriftlichen Quelle wird im Folgenden ein Flugblatt analysiert und kritisiert. Es stammt aus Würzburg und wurde im April 1933 im Auftrag der Studentenschaft der Universität Würzburg gedruckt.

Quellenbeschreibung[Bearbeiten]

Das Flugblatt ist ein Druck (schwarze Tinte auf braunem Papier). Die Schriftart ist eine Frakturschrift, wie sie in dieser Zeit häufig auftritt. Das Blatt wurde gelocht und nummeriert, was auf eine Archivierung bzw. Aufbewahrung hindeutet. Die Löcher wurden wenig strapaziert, weshalb die Vermutung nahe liegt, dass der Ordner, in dem es aufbewahrt wurde, nicht oft durchblättert wurde. Die Zahl (137) wurde mit Bleistift hinzugefügt.

Die Quelle kann folgendermaßen näher bestimmt werden:

  • Ursprung: Das Flugblatt ist zeitlich und räumlich sehr nah an seinem Inhalt. Es wurde zu eben jener Zeit (März/April 1933) und in eben jener Stadt (Würzburg) erstellt.
  • Inhalt: Die Quelle ist ein politikgeschichtliches Zeugnis.
  • Zweck: Grund für die Erschaffung des Flugblattes war die Aufforderung der Bürger, ihre „undeutschen" Bücher für ein gemeinsame Verbrennung zu sammeln.
  • Erkenntniswert: Das Flugblatt ist ein Überrest. Sein Zweck war es nicht, die Nachwelt über die Zeit zu informieren, sondern die Menschen zu genau dieser Zeit aufzuhetzen.

Äußere Quellenkritik[Bearbeiten]

Das Zielpublikum sind die Bürger und Studenten Würzburgs. Es handelt sich um eine große, aber überschaubare Gruppe von Menschen, die mit dem Flugblatt erreicht werden sollte.

Ob der Autor selbst tatsächlich existierte, ist schwer nachzuvollziehen. Die Studentenschaft an der Uni Würzburg gab es in jedem Fall.

Innere Quellenkritik[Bearbeiten]

Das Kernstück des Flugblattes bildet die Liste der „Schreiberlinge" (Autoren), deren Werke u.a. gesammelt werden sollten. Die Namen sind „Mann Heinrich, Sinclair, Polgar, Toller, Tucholsky, Asch, Barbusse, Doeblin, Edschmid, Feuchtwanger, Kaestner, London Jack, Ludwig Emil, Mann Klaus, Neumann, Remarque, Schnitzler, Wassermann Jakob, Zweig Arnold und Zweig Stefan". Es handelt sich um bekannte Autoren, die vor 1933 publiziert hatten. Auch stehen sie alle auf der einen oder anderen Liste verbotener Autoren und/oder Schriftgüter, die von der NSDAP veröffentlicht wurden.

Die Nähe zur Situation ist sowohl geografisch als auch zeitlich gegeben. Das Datum und der Ort entsprechen den anderen Quellen, die von entsprechenden Bücherverbrennungen im selben Jahr zeugen. Der Stil entspricht eben diesen Quellen (zum Teil auch Flugblätter).

Es spricht folglich nichts dafür, dass das Flugblatt eine Fälschung wäre. Es kann daher als Quelle betrachtet und verwendet werden.

Darstellungen[Bearbeiten]

Bei einer historischen Darstellung handelt es sich um eine bloße Vermittlung von Geschichte. Somit sind Darstellungen Narrative (Erzählungen), in denen aus Quellen Vergangenheit rekonstruiert wird.[3] Unter schriftlichen Darstellungen kann man Literatur, die direkt oder indirekt auf Grundlage von Quellen, geschichtliche Vorgänge oder Zustände beschreibt, verstehen.[4]Des Weiteren ist zu beachten, dass Darstellungen zu einem späteren Zeitpunkt, als die Quelle selbst, geschrieben wurden.

Die besten Beispiele für schriftliche Darstellungen sind Romane und Bücher. Im Folgenden wird auf zwei Bücher eingegangen, die auch für den Unterricht geeignet wären.

Einmal – Für die Unterstufe[Bearbeiten]

Titelblatt des Buches Einmal

Einmal ist ein in 2006 erschienenes Kinderbuch, geschrieben vom australischen Autor Morris Gleitzman. Gleitzman studierte Professional Writing und arbeitet seit 1985 als Schriftsteller. Inzwischen sind mehr als zwei Dutzend Kinder- und Jugendbücher erschienen, die in zahlreiche Sprachen übersetzt und mit vielen Preisen ausgezeichnet wurden.

Bei Einmal handelt es sich um den ersten Band einer Trilogie, der zweite Teil „Dann“ erschien 2011, der dritte Band „Jetzt“ 2012. Die Protagonisten sind in allen drei Teilen die beiden Kinder Felix und Zelda.

Das Buch spielt im Jahr 1942 in Polen. Zu diesem Zeitpunkt lebt der neunjährige Felix bereits seit drei Jahren und acht Monaten in einem katholischen Waisenhaus in den Bergen Polens. Seine Eltern, jüdische Buchhändler, hatten ihn dort zum Schutz versteckt, doch als die Nazis zum Weißenhaus kommen und dort Bücher jüdischer Autoren verbrennen, macht sich Felix auf die Suche nach seinen Eltern, um diese zu warnen und ihre Bücher zu verstecken. Auf dem Weg durch Polen rettet er die sechsjährige Zelda aus einem brennenden Haus. Ihr Vater war ein Nazi-Offizier und wurde samt seiner Familie von einer Widerstandsbewegung ermordet, nur das Mädchen wurde gerettet und beschloss, Felix zu begleiten. Die beiden geraten von einem Übel ins nächste und fliehen am Ende des Buches aus einem Zugtransport, der auf dem Weg zu einem Konzentrationslager ist.

Bei dem Buch handelt es sich um ein Kinderbuch, daher ist der Schreibstil sehr einfach gehalten und der Text ist flüssig zu lesen. Dass es sich bei dem Protagonisten um einen neunjährigen Jungen handelt, bringt der Autor sehr gut zur Geltung. Man liest das Buch und wird mit den Gedanken eines Kindes konfrontiert, das überall das Gute sieht, das nicht an das Böse glaubt und der Meinung ist, dass Nazis Bibliothekare sind.

Das Buch wurde 2011 mit dem Katholischen Kinder- und Jugendbuchpreis ausgezeichnet.

Mit 187 Seiten und einem sehr kindlichen Schreibstil entwickelte der Schriftsteller ein ideales Kinderbuch, welches auch ohne Probleme im Unterricht in der Unterstufe Verwendung finden kann. Allerdings ist auch hier - wie bei „Die Bücherdiebin“ zu beachten, dass es am besten im Deutschunterricht eingesetzt werden kann und nur ausgewählte Inhalte angesprochen werden. Möglich wäre auch das Lesen einzelner Kapitel, über die im Anschluss diskutiert werden kann. Trotz des leichten Schreibstils ist es ein anspruchsvolles Buch, über das nach dem Lesen, egal in welchem Fach, gesprochen werden sollte, da der Autor sich sehr gut darauf versteht, die verschiedenen Charaktere lebendig darzustellen und die Leser förmlich in die Geschichte zieht.

Die Bücherdiebin – Für die Oberstufe[Bearbeiten]

Titelblatt des Buches Die Bücherdiebin

Der Autor des 2005 erschienenen Buches heißt Markus Frank Zusak. Seine Eltern wanderten in den 1950er Jahren von München nach Australien aus und erzählten ihm von den Bombenangriffen auf München und den Judenverfolgungen während des Zweiten Weltkrieges. Diese Geschichten dienten ihm als Vorlage für den Roman „Die Bücherdiebin“. Er studierte Geschichte und Englisch und arbeitet heute als Englischlehrer an einer High School.

Die Handlung spielt in Deutschland zur Zeit des Zweiten Weltkrieges. Als Erzähler der Geschichte tritt der Tod auf. Der Beginn der Geschichte spielt im Jahr 1939. Das neunjährige Mädchen Liesel Meminger ist gemeinsam mit ihrem Bruder auf dem Weg zu ihren Pflegeeltern. Noch im Zug stirbt der Junge allerdings. Nach dem Begräbnis stiehlt Liesel ihr erstes Buch, welches einem der Totengräber aus der Jacke gefallen ist – auf dieses erste werden weitere folgen. Unter anderem stiehlt sie später ein Buch aus einem Freudenfeuer.

Liesels Pflegemutter wäscht die Wäsche reicher Leute, ihr Pflegevater ist Anstreicher, hat allerdings selten Arbeit, da er noch kein Mitglied der NSDAP ist.

Den Kern der Geschichte bildet die Freundschaft zwischen Liesel und dem Juden Max, den sie bei sich im Keller verstecken. Mit der Zeit wird es aber immer gefährlicher, sowohl für Max, als auch für die Familie. Als die Nationalsozialisten mit Hausdurchsuchungen beginnen, beschließt Max weiterzuziehen. Liesel macht sich große Sorgen um ihren Freund, aber die Probleme des Krieges bekommt auch sie zu spüren. Regelmäßig muss sie mit ihren Pflegeeltern in Schutzbunker fliehen und begegnet im Laufe der Jahre dem Erzähler mehr als nur einmal.

2009 wurde das Buch mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet. 2013 wurde das Buch verfilmt, Kleinigkeiten weichen ab.

Für den Geschichtsunterricht ist dieses Buch nicht zu empfehlen, da es mit 587 Seiten auch für die Oberstufe zu umfangreich ist. Hier könnte man gut auf einen fächerübergreifenden Unterricht setzen und das Buch im Deutschunterricht lesen lassen und die geschichtlich relevante Thematik im Geschichtsunterricht aufgreifen. Möglich wäre auch, den Schülerinnen und Schülern nur ein Kapitel zum Lesen zu geben und über dieses zu diskutieren.

Der Schreibstil des Buches eignet sich für die Oberstufe perfekt und der Schriftsteller versteht es, mit den lebendigen Beschreibungen seiner Charaktere die Leserinnen und Leser zu fesseln.

Didaktische Aufbereitung[Bearbeiten]

Die folgende Unterrichtsplanung ist ein Vorschlag, wie man das Thema der Bücherverbrennung anhand von Quellen und Darstellungen in der Schule behandeln könnte. Verwendet werden dabei das Flugblatt als Quelle sowie „Die Bücherdiebin" als Darstellung. Im österreichischen Lehrplan für Geschichte und Politische Bildung für die AHS[5] (BGBl.II 219/2016) ist der Themenkomplex „demokratische, autoritäre und totalitäre Staatensysteme und ihre Ideologien" für die 7. Klasse (11. Schulstufe) vorgeschrieben. Für diese ist auch die folgende Unterrichtsplanung ausgelegt.

Vorwissen und Vorbereitung[Bearbeiten]

Um die folgende Unterrichtsplanung durchführen zu können, benötigt es gewisses Vorwissen der Schüler, sowohl zum Thema der Bücherverbrennungen bzw. der NS-Zeit im Allgemeinen, als auch Fertigkeiten, mit Quellen umzugehen. Diese Quelle ist nicht gut geeignet, um als Einführung in die Quellenkritik verwendet zu werden.

Da „Die Bücherdiebin" aufwendig zu lesen ist, wäre eine Absprache mit der Lehrperson für das Fach Deutsch zu empfehlen, um das Buch zu lesen. Sollte dies nicht möglich sein, ist es sinnvoll, nur einige Kapitel daraus zu verwenden (mindestens Seite 125-133).

Stundenplanung[Bearbeiten]

  • Die Schüler lesen Ausschnitte der beiden Bücher.
  • Flugblatt lesen: Das Flugblatt wird gemeinsam gelesen und analysiert (nach Kriterien der Quellenkritik).
  • Informationen über Autoren: Die Schüler informieren sich (z.B. als Hausübung oder in Kleingruppen) über die Autoren auf der Liste.
  • Gemeinsamkeiten der Autoren: Es werden Gemeinsamkeiten der Autoren gesucht.
  • Vergleich mit heutigen verbotenen Listen (z.B. Gesperrte Websites in der VR China)
  • Interview: Es werden Fragestellungen in Form eines Interviews zwischen zwei Schülern erarbeitet (Warum sind genau diese Autoren/Internetseiten verboten? Was wollen die Verantwortlichen damit bezwecken? Wovor haben sie Angst? Ist es überhaupt möglich, Ideen durch solche Verbote aus dem Land zu verbannen?)
  • Podiumsdiskussion: Als Abschluss des Themas, wird eine Podiumsdiskussion gehalten. Dabei erhalten Schüler Rollen (Vorschläge: Lisl die Bücherdiebin, ein Vertreter der NSDAP, ein Autor der Liste wie z.B. Kästner, ein Vertreter der VR China etc.). Auf diese Weise versetzen sich die Schüler in die Lage der anderen Partei und verstehen besser, warum auf diese Weisen gehandelt wurde.

Literatur[Bearbeiten]

  • Gleitzman Morris: Einmal, Carlsen, Hamburg 2009, ISBN978-3-551-31248-8.
  • Kirn Dr. Paul: Einführung in die Geschichtswissenschaft. In: Sammlung Göschen Band 270, de Gruyter, Berlin 1959, ISBN 3-11-006101-5.
  • Pallaske C.: Vergangenheit und Geschichte – Quellen und Darstellungen – Geschichtswissenschaft und Geschichtskultur, 03.10.2017, [2], eingesehen 11.10.2018.
  • Zusak Markus: Die Bücherdiebin, Blanvalet, München 2005, ISBN: 978-3-442-37395-6.

Links und Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Kirn Dr. Paul: Einführung in die Geschichtswissenschaft. In: Sammlung Göschen Band 270, de Gruyter, Berlin 1959, ISBN 3-11-006101-5.
  2. http://w-wie-wissenschaft.blogspot.com/2012/06/primare-sekundare-und-tertiare-quellen.html
  3. https://segu-geschichte.de/wp-content/uploads/2017/10/Vergangenheit-Geschichte.pdf
  4. Universität Hildesheim, Quellen und Darstellungen, 05.07.2015, [1], eingesehen 11.10.18.
  5. https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/BgblAuth/BGBLA_2016_II_219/BGBLA_2016_II_219.pdfsig