Zum Inhalt springen

Kurs:Grundkurs Mathematik (Osnabrück 2016-2017)/Teil I/Vorlesung 20/kontrolle

Aus Wikiversity

Wir kehren zur Thematik der Primzahlen und der Primfaktorzerlegung einer natürlichen Zahl zurück. Bisher kennen wir nur die Existenz einer Primfaktorzerlegung (siehe Satz 12.9), aber noch nicht die Eindeutigkeit. Obwohl wir diese Fragestellung für natürliche Zahlen formuliert haben, ergibt sich im Kontext der ganzen Zahlen ein neuer Zusammenhang, der für diese Thematik hilfreich ist.



Teilerfremdheit und das Lemma von Bézout

Die Wasserspedition „Alles im Eimer“ verfügt über einen 7- und einen 10-Liter-Eimer, die allerdings keine Markierungen haben. Sie erhält den Auftrag, insgesamt genau einen Liter Wasser von der Nordsee in die Ostsee zu transportieren. Kann sie diesen Auftrag erfüllen?


Die Aufgabe ist lösbar: Man macht dreimal den 7-Liter-Eimer in der Nordsee voll und transportiert dies in die Ostsee. Danach (oder gleichzeitig) macht man zweimal den 10-Liter-Eimer in der Ostsee voll und transportiert dies in die Nordsee. Unterm Strich hat man dann

37210=1

Liter transportiert (eine andere Möglichkeit ist  51077=1 ). Die dieser Überlegung zugrunde liegende Aussage heißt Lemma von Bézout.


Satz  Referenznummer erstellen

Es seien  a,b  zwei teilerfremde natürliche Zahlen.

Dann gibt es ganze Zahlen  r,s  mit  ra+sb=1

Beweis  

Wir beweisen die Aussage durch Induktion über das Maximum von a und b, wobei wir ohne Einschränkung  ab  wählen können. Wenn das Maximum 0 ist, so sind beide Zahlen 0 und somit nicht teilerfremd. Wenn das Maximum 1 ist, so ist  b=1  und somit ergeben  r=0  und  s=1  eine Darstellung der 1. Es seien nun  ab  teilerfremd,  b2  und die Aussage sei für alle Zahlenpaare, deren Maxima kleiner als b sind, schon bewiesen. Dann ist  a<b,  da bei  a=b  die beiden Zahlen nicht teilerfremd sind. Ebenso können wir  a=0  ausschließen. Wir betrachten das Zahlenpaar (a,ba) und wollen darauf die Induktionsvoraussetzung anwenden. Das Maximum dieses neuen Paares ist jedenfalls kleiner als b. Allerdings müssen wir, damit die Induktionsvoraussetzung wirklich angewendet werden kann, wissen, dass auch a und ba teilerfremd sind. Dazu führen wir einen Widerspruchsbeweis.  Nehmen wir also an, dass a und ba nicht teilerfremd sind. Dann gibt es eine natürliche Zahl  t2,  die sowohl a als auch ba teilt. Dies bedeutet wiederum, dass es natürliche Zahlen m,n mit a=mt und ba=nt gibt. Doch dann ist

b=(ba)+a=nt+mt=(n+m)t

ebenfalls ein Vielfaches von t, im Widerspruch zur Teilerfremdheit von a und b.  Die Induktionsvoraussetzung ist also auf a und ba anwendbar und somit gibt es ganze Zahlen r,s mit

ra+s(ba)=1.

Dann ist aber auch

(rs)a+sb=ra+s(ba)=1

und wir haben eine Darstellung der 1 mit a und b gefunden.


Die Division mit Rest, die wir bisher nur für natürliche Zahlen formuliert haben, überträgt sich unmittelbar auf ganze Zahlen (der Divisor bleibt eine natürliche Zahl).


Es sei d eine fixierte positive natürliche Zahl.

Dann gibt es zu jeder ganzen Zahl n eine eindeutig bestimmte ganze Zahl q und eine eindeutig bestimmte natürliche Zahl r, 0rd1, mit

n=qd+r.

Beweis

Siehe Aufgabe 20.7.



Es sei (G,e,) eine Gruppe. Eine Teilmenge  HG  heißt Untergruppe von G, wenn Folgendes gilt.

  1.  eH
  2. Mit  g,hH  ist auch  ghH
  3. Mit  gH  ist auch  g1H

In einer Untergruppe kann man also die Verknüpfung der Gruppe ausführen, man kann das Inverse nehmen und das neutrale Element gehört dazu. In additiver Schreibweise, die für uns im Mittelpunkt steht, bedeuten die Bedingungen einfach

  1. 0H.
  2. Mit g,hH ist auch g+hH.
  3. Mit gH ist auch das Negative gH.

Beispielsweise bilden alle Vielfachen der 5 innerhalb der ganzen Zahlen eine Untergruppe, die wir mit 5 bezeichnen. Es ist ja

0=05,

wenn  g=5a  und  h=5b  sind, so ist

h+g=5(a+b)

nach dem Distributivgesetz und mit  g=5a  ist  g=5(a).  Wie im eingangs gegebenen Beispiel kann man sich eine Menge a1,,ak von ganzen Zahlen (Eimergrößen) vorgeben und sich fragen, welche Zahlen man daraus mit Hilfe von ganzzahligen Koeffizienten bilden kann (welche Wassermengen man transportieren kann). Es geht also um die Menge aller Zahlen der Form

n1a1++nkan mit nj.

Diese Gesamtmenge bildet eine Untergruppe von , man spricht von der von den a1,,ak erzeugten Untergruppe von . Statt Eimern kann man sich eine Menge von ganzzahligen Pfeilen vorstellen.



Satz  Satz 20.5 ändern

Die Untergruppen von sind genau

die Teilmengen der Form

d={kdk}

mit einer eindeutig bestimmten nichtnegativen Zahl d.

Beweis  

Eine Teilmenge der Form d ist aufgrund des Distributivgesetzes eine Untergruppe. Es sei umgekehrt  H  eine Untergruppe. Bei  H=0  kann man  d=0  nehmen, sodass wir voraussetzen dürfen, dass H neben 0 noch mindestens ein weiteres Element x enthält. Wenn x negativ ist, so muss die Untergruppe H auch das Negative davon, also x enthalten, welches positiv ist. D.h. H enthält auch positive Zahlen. Es sei nun d die kleinste positive Zahl aus H. Wir behaupten  H=d.  Dabei ist die Inklusion  dH  klar, da mit d alle (positiven und negativen) Vielfachen von d dazugehören müssen. Für die umgekehrte Inklusion sei  hH  beliebig. Nach der Division mit Rest gilt

h=qd+r mit 0r<d.

Wegen hH und qdH ist auch  r=hqdH.  Nach der Wahl von d muss wegen  r<d  gelten:  r=0.  Dies bedeutet  h=qd  und damit  hd,  also  Hd



Lemma  Referenznummer erstellen

Es seien a1,,ak ganze Zahlen und  H=(a1,,ak)={n1a1+n2a2++nkaknj}  die davon erzeugte Untergruppe.

Eine ganze Zahl t ist ein gemeinsamer Teiler der a1,,ak genau dann, wenn  Ht  ist, und t ist ein größter gemeinsamer Teiler genau dann, wenn  H=t  ist.

Beweis  

Aus  H=(a1,,ak)(t)  folgt sofort  ait  für jedes  i=1,,k,  was gerade bedeutet, dass t diese Zahlen teilt, also ein gemeinsamer Teiler ist. Es sei umgekehrt t ein gemeinsamer Teiler. Dann ist  ait  und da  H=(a1,,ak)  die kleinste Untergruppe ist, die alle ai enthält, muss  Ht  gelten.

Aufgrund von Satz 20.5 wissen wir, dass es eine ganze Zahl d mit  H=d  gibt. Für einen anderen gemeinsamen Teiler t der ai gilt  d=Ht,  sodass d von allen anderen gemeinsamen Teilern geteilt wird, also ein größter gemeinsamer Teiler ist.




Der Euklidische Algorithmus

Es seien a,b ganze Zahlen,  b0.  Dann kann man die Division mit Rest durchführen und erhält a=qb+r mit 0r<|b|. Danach kann man (bei r0) die Division mit Rest von b durch r durchführen, d.h. b nimmt die Rolle von a und r die Rolle von b ein und man erhält einen neuen Rest. Dies kann man fortsetzen, und da dabei die Reste immer kleiner werden bricht das Verfahren irgendwann ab.



Es seien zwei ganze Zahlen a,b (mit b0) gegeben. Dann nennt man die durch die Anfangsbedingungen r0=a und r1=b und die mittels der Division mit Rest

ri=qiri+1+ri+2

rekursiv bestimmte Folge ri die Folge der euklidischen Reste.



Satz  Satz 20.8 ändern

Es seien ganze Zahlen r0=a und r1=b0 gegeben.

Dann besitzt die Folge ri, i=0,1,2, der euklidischen Reste folgende Eigenschaften.

  1. Es ist ri+2=0 oder ri+2<ri+1.[1]
  2. Es gibt ein (minimales) k2 mit rk=0.
  3. Es ist
    ggT(ri1,ri)=ggT(ri,ri+1)

    für alle  i=1,,k

  4. Es sei  k2  der erste Index derart, dass  rk=0  ist. Dann ist
    ggT(a,b)=rk1.

Beweis  

  1. Dies folgt unmittelbar aus der Definition der Division mit Rest.
  2. Solange  ri0  ist, wird die Folge der natürlichen Zahlen ri immer kleiner, sodass irgendwann der Fall  ri=0  eintreten muss.
  3. Wenn t ein gemeinsamer Teiler von ri und von ri+1 ist, so zeigt die Beziehung
    ri1=qi1ri+ri+1,

    dass t auch ein Teiler von ri1 und damit ein gemeinsamer Teiler von ri1 und von ri ist. Die Umkehrung folgt genauso.

  4. Dies folgt aus (3) mit der Gleichungskette
    ggT(a,b)=ggT(b,r2)=ggT(r2,r3)==ggT(rk2,rk1)=ggT(rk1,rk)=ggT(rk1,0)=rk1.


Beispiel

Aufgabe

Bestimme in mit Hilfe des euklidischen Algorithmus den größten gemeinsamen Teiler von 71894 und 45327.


Lösung


Der Euklidische Algorithmus liefert:

71894=145327+26567
45327=126567+18760
26567=118760+7807
18760=27807+3146
7807=23146+1515
3146=21515+116
1515=13116+7
116=167+4
7=14+3
4=13+1.

Die Zahlen 71894 und 45327 sind also teilerfremd.


Bei kleinen Zahlen sieht man häufig relativ schnell direkt, was ihr größter gemeinsamer Teiler ist, da man die Primfaktorzerlegung kennt bzw. mögliche gemeinsame Teiler schnell übersehen kann. Bei zwei größeren Zahlen müssten aber viel zu viele Probedivisionen durchgeführt werden! Der euklidische Algorithmus ist also zur Bestimmung des größten gemeinsamen Teilers ein sehr effektives Verfahren!

Wenn man mit dem euklidischen Algorithmus den größten gemeinsamen Teiler d von zwei Zahlen a und b gefunden hat, so kann man aus diesen Rechnungen häufig direkt ablesen, wie die Quotienten ad und bd aussehen.

Es seien zwei Strecken s und t gegeben. Man sagt, dass t ein (ganzzahliges) Vielfaches von s ist, wenn es eine natürliche Zahl n mit der Eigenschaft gibt, dass sich die Strecke t ergibt, wenn man die Strecke s n-fach gerade hintereinanderlegt (die Strecke wird also n-mal genommen). Für zwei Strecken s und t gibt es das folgende Konzept, das ihre ganzzahlige Vergleichbarkeit ausdrückt. Man beachte, dass dieses Konzept unabhängig von solchen Messungen ist, die die Längen in Zahlen mit Hilfe von Einheiten ausdrücken. Es werden nur die beiden Längen gegeneinander gemessen, man verwendet keine normierten Standardlängen.


Zwei Strecken s und t heißen kommensurabel, wenn es eine Strecke g mit der Eigenschaft gibt, dass beide Strecken ganzzahlige Vielfache von g sind.

Auch vom euklidischen Algorithmus gibt es in diesem Kontext eine sinnvolle Version. Die Strecke t sei mindestens so lang wie s. Dann ist

t=ns+r

mit n und einer „Reststrecke“ r, die kürzer als s ist und eventuell 0 ist. Die Gleichung ist dabei als eine Gleichung von hintereinander hingelegten Strecken zu verstehen. Wie in Satz 20.8 ergibt sich, dass mit s und t auch s und r kommensurabel sind. Wenn man dieses Verfahren rekursiv fortsetzt, so tritt im Falle der Kommensurabilität irgendwann die Situation auf, wo die kleine Strecke in die größere Strecke voll aufgeht. Somit hat man dann auch die größte gemeinsame Teilerstrecke gefunden.



Darstellung des größten gemeinsamen Teilers

Mit dem euklidischen Algorithmus kann man auch durch Zurückrechnen eine Darstellung des größten gemeinsamen Teilers als Linearkombination der beiden vorgegebenen Zahlen erhalten. Dazu seien

ri=qiri+1+ri+2

die Gleichungen im euklidischen Algorithmus und  rk1=ggT(r0,r1).  Aus der letzten Gleichung

rk3=qk3rk2+rk1

erhält man die Darstellung

rk1=rk3qk3rk2

von rk1 als Linearkombination mit rk3 und rk2. Mit der vorhergehenden Zeile

rk4=qk4rk3+rk2

bzw.

rk2=rk4qk4rk3

kann man in dieser Darstellung rk2 ersetzen und erhält eine Darstellung von rk1 als Linearkombination von rk3 und rk4. So fortfahrend erhält man schließlich eine Darstellung von

rk1=ggT(r0,r1)

als Linearkombination von r0 und r1.


Wir wollen für 52 und 30 eine Darstellung des größten gemeinsamen Teilers finden. Wir führen dazu den euklidischen Algorithmus durch.

52=130+22
30=122+8
22=28+6
8=16+2
6=32+0.

D.h. 2 ist der größte gemeinsame Teiler von 52 und 30. Rückwärts gelesen erhält man daraus die Darstellung

2=86=8(2228)=3822=3(3022)22=330422=3304(5230)=730452.


<< | Kurs:Grundkurs Mathematik (Osnabrück 2016-2017)/Teil I | >>

PDF-Version dieser Vorlesung

Arbeitsblatt zur Vorlesung (PDF)


  1. Für  i1.  Da b auch negativ sein könnte ist dies bei  i=0  als  r2<|r1|  zu lesen.