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Kurs:Grundkurs Mathematik (Osnabrück 2018-2019)/Teil I/Vorlesung 14

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„Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern Kunst macht sichtbar“



Division mit Rest

Jede natürliche Zahl lässt sich bekanntlich als eine Ziffernfolge „im Zehnersystem“ ausdrücken. Dies beruht auf der (sukzessiven) Division mit Rest. Eine positive natürliche Zahl ist nicht durch jede natürliche Zahl teilbar; die Division mit Rest liefert eine Operation, die stets durchführbar ist.



Satz  

Es sei d eine fixierte positive natürliche Zahl.

Dann gibt es zu jeder natürlichen Zahl n eine eindeutig bestimmte natürliche Zahl q und eine eindeutig bestimmte natürliche Zahl r, 0rd1, mit

n=qd+r.

Beweis  

Zur Existenz.  Dies wird durch Induktion über n bewiesen. Es sei  d>0  fixiert. Der Induktionsanfang für  n=0  ergibt sich direkt mit  q=0  und  r=0.  Für den Induktionsschluss sei die Aussage für n bewiesen, d.h. wir haben eine Darstellung  n=dq+r  mit  r<d  und müssen eine ebensolche Darstellung für n+1 finden. Wenn  r<d1  ist, so ist

n+1=dq+r+1

und wegen  r+1<d  ist dies eine gesuchte Darstellung. Ist hingegen  r=d1,  so ist

n+1=dq+r+1=dq+d=d(q+1)+0,

und dies ist eine gesuchte Darstellung.
Zur Eindeutigkeit. Sei  qd+r=n=q~d+r~,  wobei die Bedingungen jeweils erfüllt seien. Es sei ohne Einschränkung  r~r.  Dann gilt  (qq~)d=r~r.  Diese Differenz ist nichtnegativ und kleiner als d, links steht aber ein Vielfaches von d, sodass die Differenz 0 sein muss und die beiden Darstellungen übereinstimmen.


Bei der Division mit Rest nennt man auch n Dividenden und d Divisor. Die Zahl q nennt man den Quotienten oder den ganzzahligen Anteil und r den Rest.

Zu gegebenen natürlichen Zahlen n,d mit  d1  findet man die Division mit Rest, also die Darstellung  n=qd+r,  indem man der Reihe nach die Vielfachen von d betrachtet. Das größte Vielfache von d (gleich oder) unterhalb von n ist das gesuchte qd, insbesondere muss das nächste Vielfache  (q+1)d>n  sein. Der Rest ergibt sich dann als  r=nqd


In der Schule verwendet man häufig eine Darstellung für die Division mit Rest wie

n durch d ist q Rest r.

Dies ist in Hinblick auf die mathematische Weiterverarbeitung ungünstiger als die im Satz verwendete Gleichungsform.



Zifferndarstellung für natürliche Zahlen

Mit der Division mit Rest können wir die Existenz und Eindeutigkeit der üblichen Zifferndarstellung einer natürlichen Zahl beweisen. Hinter der Zifferndarstellung verbirgt sich eine Mischung aus Addition, Multiplikation und Potenzierung (gemischte Darstellung). Wir konzentrieren uns hauptsächlich auf die Ziffernentwicklung im Dezimalsystem (oder Zehnersystem).


Satz  

Zu jeder natürlichen Zahl n

gibt es eindeutig bestimmte natürliche Zahlen k und r0,r1,r2,,rk mit  0ri9  und mit  rk0  (außer bei n=0) mit der Eigenschaft

n=i=0kri10i.

Beweis  

Wir beweisen die Existenzaussage durch Induktion über n. Für  n=0  wählt man  k=0  und  r0=0.  Es sei nun  n1  und die Aussage für kleinere Zahlen schon bewiesen. Nach Satz 14.1 mit  d=10  gibt es eine Darstellung

n=q10+r0

mit r0 zwischen 0 und 9. Es ist  q<n,  deshalb gilt nach Induktionsvoraussetzung die Aussage für q. D.h. man kann

q=i=0si10i

mit  0si9  (bei q=0 ist dies als leere Summe zu lesen) und mit  s0  schreiben. Daher ist

n=q10+r0=(i=0si10i)10+r0=i=0(si10i+1)+r0=j=1+1(sj110j)+r0

eine Darstellung der gesuchten Art. Dabei ist  rj=sj1  für  j1  und  k=+1
Die Eindeutigkeit folgt ebenfalls aus der Eindeutigkeit bei der Division mit Rest, siehe Aufgabe 14.16.


Eine natürliche Zahl wird im Zehnersystem einfach dadurch angegeben, dass die Ziffern nebeneinander hingeschrieben werden, wobei links die höchststellige Ziffer (die vorderste Ziffer) und rechts die niedrigststellige Ziffer, also die Einerziffer, steht. Die Zahl

4105+6104+3103+0102+7101+5100

wird also einfach als

463075

geschrieben (in der gemischten Summen-und Produktdarstellung hätte man den Ausdruck 0102 auch weglassen können, nicht aber in der Dezimaldarstellung). Eine beliebige natürliche Zahl im Dezimalsystem mit k Ziffern gibt man als

ak1ak2a2a1a0

an, was die Zahl

ak110k1+ak210k2++a2102+a110+a0

bedeutet. Man beachte, dass wegen der gewünschten Kongruenz ai10i die Durchnummerierung der Ziffern bei 0 anfängt, und somit bei insgesamt k Ziffern die höchststellige Ziffer die Nummer k1 besitzt. Wenn man von der i-ten Ziffer spricht, meint man die Ziffer, die sich auf 10i bezieht. Von daher spricht man besser von der Einerziffer (bezieht sich auf  1=100 ), der Zehnerziffer, der Hunderterziffer, der Tausenderziffer usw. Gelegentlich ist es sinnvoll, auch Ziffernentwicklungen zuzulassen, die vorne mit Nullen beginnen, beispielsweise wenn man bei der Addition zweier natürlicher Zahlen gleich viele Ziffern haben möchte. Die Potenzen 10i nennt man auch die Bündelungseinheiten. Man fasst eine Zahl in Bündel von solchen Einheiten zusammen, wobei von einem Bündel maximal 9 genommen werden, da 10 Bündeleinheiten durch die nächsthöhere Bündelungseinheit ausgedrückt werden kann (und muss, um eine eindeutige Darstellung zu erreichen). Wenn eine große Punktmenge vorliegt, so wird dieses Bündelungsprinzip sichtbar, wenn man zuerst 10-Bündel formt (indem man jeweils 10 Punkte zusammenfasst, umkreist, markiert), dann zehn Zehnerbündel zu einem Hunderterbündel zusammenfasst und so weiter.

Aus dem Beweis zu Satz 14.3 kann man ablesen, wie man zu einer irgendwie gegebenen natürlichen Zahl n die Entwicklung im Zehnersystem erhält. Man dividiert die Zahl n durch 10 und der Rest ergibt die Endziffer. Dann zieht man von n diesen Rest ab und weiß, dass diese Zahl ein Vielfaches von 10 ist. Man dividiert sie durch 10 und bestimmt für das Ergebnis erneut den Rest, der die Zehnerziffer gibt, usw. Bei diesem Verfahren berechnet man also die Ziffern von hinten nach vorne.

Ein anderes Verfahren, bei dem man die Ziffern von vorne nach hinten berechnet, geht folgendermaßen: Man bestimmt die maximale Zehnerpotenz 10k, die in n hineinpasst, es muss also

10kn<10k+1

gelten. Dann findet man das maximale Vielfache von 10k, das in n hineinpasst, also die Zahl z mit

z10kn<(z+1)10k.

Diese Zahl muss zwischen 1 und 9 liegen. Der Wert

z=0

kann nicht sein, da ansonsten  n<10k  im Widerspruch zur Wahl der Zehnerpotenz wäre, ein Wert  z10  kann nicht sein, da ansonsten

nz10k10k+1

wäre, was wieder der Wahl der Zehnerpotenz widerspricht. Diese Ziffer  z=ck  ist dann die Anfangsziffer der Dezimalentwicklung. Nun rechnet man

nck10k

und weiß nach der Wahl von k und ck, dass diese neue Zahl n~ echt kleiner als 10k ist. Man bestimmt das maximale Vielfache von 10k1 unterhalb von n~, der Vorfaktor (der jetzt auch 0 sein kann) ergibt die Ziffer ck1 und man zieht das Vielfache von n~ ab und wiederholt das Verfahren.


Es sei eine natürliche Zahl in der Form

n=ck10k+ck110k1++c2102+c1101+c0100

gegeben, wobei die ci beliebige natürliche Zahlen sind, also nicht unbedingt kleiner als 10 sein müssen. Die zu n gehörige Dezimalentwicklung erhält man sukzessive durch folgende Vorgehensweise. Man führt für c0 die Division mit Rest durch 10 durch und erhält eine Darstellung

c0=10q0+a0

mit einem Rest a0, 0a0<10. Damit ist

n=ck10k+ck110k1++c2102+c1101+c0100=ck10k+ck110k1++c2102+c1101+(10q0+a0)100=ck10k+ck110k1++c2102+c1101+q010+a0100=ck10k+ck110k1++c2102+(c1+q0)101+a0100.

Somit haben wir eine neue Darstellung von n, bei der die Einerziffer kleiner als 10 ist. Als nächstes arbeitet man den neuen Vorfaktor (also c1+q0) zu 101 ab und bringt ihn auf die erlaubte Zifferngestalt, wobei der davor liegende Vorfaktor wieder geändert wird. Dies führt letztlich zur Darstellung im Dezimalsystem.


Für Rechnungen ist das Dezimalsystem sehr gut geeignet, wie die aus der Schule bekannten und im Laufe der Vorlesung zu entwickelnden Algorithmen zeigen werden, für theoretische Überlegungen und Beweise, auch über das Dezimalsystem selbst, ist die obige gemischte Summen- und Produktdarstellung besser geeignet, da darin die grundlegenden Verknüpfungen auf den natürlichen Zahlen sichtbar werden.


Eine zu Satz 14.3 entsprechende Aussage gilt für jede Basis  g2  statt  g=10.  Bei  g=2  spricht man vom Dualsystem, die einzigen Ziffern sind 0 und 1, bei  g=3  vom Dreiersystem mit den Ziffern 0,1,2 usw. Bei  g=16  spricht man vom Hexadezimalsystem und verwendet die Ziffern 0,1,2,3,4,5,6,7,8,9,A,B,C,D,E,F.

Dass das Dezimalsystem nur eine unter vielen möglichen Darstellungen einer natürlichen Zahl ist, wird besonders deutlich, wenn man Darstellungen in verschiedenen Ziffernsystemen (oder Stellenwertsystemen) ineinander umrechnet.


Wir wollen die im Dezimalsystem gegebene Zahl 187 im Dreiersystem ausdrücken. Dazu müssen wir (analog zur zweiten Methode aus Bemerkung 14.4) die größte Dreierpotenz finden, die unterhalb von 187 liegt. Das ist

81=34

(da  243=35  zu groß ist). Für diese Potenz müssen wir schauen, wie oft sie in 187 hineingeht. Wegen

281=162<187

sind das zweimal. Wir wissen daher, dass die Entwicklung der Zahl im Dreiersystem 234 beinhaltet, die Ziffer 2 steht somit als Anfangsziffer fest. Die weitere Ziffernentwicklung hängt jetzt nur von der Differenz

187162=25

ab. Diese Zahl ist kleiner als

27=33,

was bedeutet, dass die dritte Dreierpotenz „gar nicht“ und das heißt hier mit der Ziffer 0 vorkommt. Wir arbeiten dann mit 25 und mit der nächstkleineren Dreierpotenz weiter, also mit

9=32.

Diese hat wieder zweimal Platz in 25, die Differenz ist

2518=7.

Die

3=31

passt wieder zweimal rein, übrig bleibt 1. Im Dreiersystem lautet also die Ziffernentwicklung

20221.

Diese Ziffernfolge kann man sukzessive notieren (Nullen nicht vergessen) oder aber in der Rechnung stets deutlich machen, auf welche Potenz sich der jeweilige Rechenschritt bezieht und dann zum Schluss daraus die Ziffernfolge ablesen.



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