Zum Inhalt springen

Kurs:Kommutative Algebra/Teil I/Vorlesung 18

Aus Wikiversity



Annullatoren

Es sei R ein kommutativer Ring und M ein R-Modul. Zu einem Element  xM  heißt

AnnR(x)={rRrx=0}

der Annullator von x.


Es sei R ein kommutativer Ring und M ein R-Modul. Der Annullator von M ist

AnnR(M)={rRrx=0 für alle xM}.



Torsion

Es sei R ein kommutativer Ring und M ein R-Modul. Ein Element  mM  heißt Torsionselement, wenn es einen Nichtnullteiler  rR  mit

rm=0

gibt.

Wenn ein Torsionselement x gegeben ist, so ist für alle  rR  auch rx ein Torsionselement, wegen der Assoziativität der Skalarmultiplikation. Auch die Summe von Torsionselementen ist wieder ein Torsionselement, da das Produkt jener Ringelemente, die die jeweiligen Summanden annullieren, die Summe annulliert. Deshalb verwendet man folgende Bezeichnung.


Es sei R ein kommutativer Ring und M ein R-Modul. Die Menge aller Torsionselemente von M bildet den Torsionsuntermodul von M.


Ein Modul, der nur aus Torsionselementen besteht heißt Torsionsmodul.


Ein Modul, der außer 0 keine Torsionselemente enthält, heißt torsionsfrei.

Über einem Integritätsbereich ist daher trivialerweise jeder torsionsfreie Modul treu. Die Umkehrung gilt jedoch nicht.



Produkt von Ideal und Untermodul

Es sei R ein kommutativer Ring und  𝔞R  ein Ideal. Zu einem Untermodul  UV  eines R-Moduls V bezeichnet man mit 𝔞U den von allen Produkten

fv mit f𝔞 und vU

erzeugten Untermodul.



Es sei R ein kommutativer Ring, M ein R-Modul und  IR  ein Ideal mit  IM=0

Dann ist M in natürlicher Weise ein R/I-Modul.

Beweis

Siehe Aufgabe 15.2.




Freie Moduln

Es sei R ein kommutativer Ring und M ein R-Modul. M heißt frei (über R), wenn er eine R-Basis besitzt.

Es sei  R=  und  n.  Dann ist  M=/(n)  ein -Modul und wird von der  1M 

erzeugt. Allerdings gilt  n1=0,  die Familie (1) ist also bei  n0,1  nicht linear unabhängig und keine Basis. Da auch für jeden anderen Erzeuger  ξM  gilt, dass  nξ=0  ist, ist M als -Modul nicht frei. Wenn man M als kommutativen Ring auffasst, so ist M als Modul über sich selbst frei. Bei  n=p  mit einer Primzahl p liegt ein /(p)- Vektorraum vor.



Es sei R ein vom Nullring verschiedener kommutativer Ring und M ein freier R-Modul. Man nennt dann die Kardinalität einer Basis von M den Rang von M.



Lemma  

Ein Ideal  𝔞R  in einem kommutativen Ring R

ist genau dann frei, wenn es das Nullideal oder ein von einem Nichtnullteiler erzeugtes Hauptideal ist.

Beweis  

Wenn  𝔞0  frei ist, so folgt aus Lemma 16.5  (2), dass es ein Hauptideal sein muss, und aus Lemma 16.5  (1), dass der Erzeuger ein Nichtnullteiler sein muss. Daraus folgt auch die Umkehrung.



Lemma  

Es sei Mi, iI, eine Familie von freien R-Moduln über einem kommutativen Ring R.

Dann ist auch die direkte Summe iIMi frei.

Beweis  

Dies folgt aus Lemma 15.23 und aus Lemma 16.7.



Es sei R ein kommutativer Ring. Das Produkt Rn ist ein endlicher, freier Modul mit Rang n. Er besteht aus den n-Tupeln von Elementen aus R:

(r1,,rn).

Addition und Skalarmultiplikation werden komponentenweise definiert, es ist also

(a1,,an)+(b1,,bn)=(a1+b1,,an+bn)

und

s(a1,,an)=(sa1,,san).

Eine Basis

von Rn bilden die Elemente
e1,,en,
wobei ei=(0,,0,1,0,,0 ) so definiert ist, dass an der i-ten Stelle des Tupels eine 1 steht und alle anderen Koordinaten 0 sind.

Den folgenden Satz nennt man die Wohldefiniertheit des Ranges eines freien Moduls.


Satz  

Es sei  R0  ein kommutativer Ring und M ein endlich erzeugter freier R-Modul.

Dann gilt für zwei R-Basen 𝔳=v1,,vn und 𝔴=w1,,wm von M, dass  n=m  ist.

Beweis  

Da R ein kommutativer Ring 0 ist, gibt es nach Lemma 10.3 ein maximales Ideal 𝔞 in R. Dementsprechend ist der Restklassenring R/𝔞 nach Lemma 10.2 ein Körper. Der Untermodul M/𝔞M wird dann zu einem R/𝔞-Vektorraum.

M hat als R-Modul die Basis 𝔳, also  M=v𝔳Rv.  Dementsprechend ist  𝔞M=v𝔳𝔞v

Hieraus folgt die Isomorphie

M/𝔞M=(v𝔳Rv)/(v𝔳𝔞v)v𝔳(Rv)/(𝔞v)v𝔳R/𝔞

Somit hat M/𝔞M als R/𝔞-Vektorraum eine Basis der Mächtigkeit von 𝔳.

Da wir für Vektorräume nach Satz 17.4 wissen, dass je zwei Basen die gleiche Kardinalität haben, folgt die Aussage.



Es sei R ein Ring und M ein freier R-Modul. Man sagt, dass M den Rang r besitzt, wenn alle Basen von M die gleiche Kardinalität r besitzen.



Basiswechsel

Wir wissen nach Satz 18.15, dass in einem endlich erzeugten freien R-Modul je zwei Basen die gleiche Länge haben, also die gleiche Anzahl von Basisvektoren besitzen. Jeder Vektor  vM  besitzt bezüglich einer jeden Basis eindeutig bestimmte Koordinaten (oder Koeffizienten). Wie verhalten sich diese Koordinaten zu zwei Basen untereinander? Dies beantwortet die folgende Aussage.


Lemma  

Es sei R ein kommutativer Ring und M ein endlich erzeugter freier

R-Modul vom Rang n. Es seien 𝔳=v1,,vn und 𝔴=w1,,wn zwei Basen von M. Es sei

vj=i=1ncijwi

mit den Koeffizienten  cijR,  die wir zur n×n-Matrix

M𝔴𝔳=(cij)ij

zusammenfassen.

Dann hat ein Vektor u, der bezüglich der Basis 𝔳 die Koordinaten (s1sn) besitzt, bezüglich der Basis 𝔴 die Koordinaten

(t1tn)=M𝔴𝔳(s1sn)=(c11c12c1nc21c22c2ncn1cn2cnn)(s1sn).

Beweis  

Dies folgt direkt aus

u=j=1nsjvj=j=1nsj(i=1ncijwi)=i=1n(j=1nsjcij)wi

und der Definition der Matrizenmultiplikation.


Wenn wir die zu einer Basis 𝔳 gehörende bijektive Abbildung (siehe Bemerkung 16.13)

Ψ𝔳:RnM

betrachten, so kann man die vorstehende Aussage auch so ausdrücken, dass das Dreieck

RnM𝔴𝔳RnΨ𝔳Ψ𝔴M
kommutiert.[1]

Es sei R ein kommutativer Ring und M ein endlich erzeugter freier

R-Modul vom Rang n. Es seien 𝔳=v1,,vn und 𝔴=w1,,wn zwei Basen von V. Es sei

vj=i=1ncijwi

mit den Koeffizienten  cijR.  Dann nennt man die n×n-Matrix

M𝔴𝔳=(cij)ij

die Übergangsmatrix zum Basiswechsel von 𝔳 nach 𝔴.

Statt Übergangsmatrix sagt man auch Transformationsmatrix oder Basiswechselmatrix.

Es sei V ein endlich erzeugter freier Modul. In der j-ten Spalte der Transformationsmatrix M𝔴𝔳 stehen die Koordinaten von vj bezüglich der Basis 𝔴. Der Vektor vj hat bezüglich der Basis 𝔳 die Koordinaten ej, und wenn man die Matrix auf ej anwendet, erhält man die j-te Spalte der Matrix, und diese ist eben das Koordinatentupel von vj in der Basis 𝔴. Bei einem eindimensionalen Raum mit

v=cw

ist  M𝔴𝔳=c=vw,  wobei der Bruch in der Tat wohldefiniert ist und wodurch man sich die Reihenfolge der Basen in dieser Schreibweise merken kann. Eine weitere Beziehung ist

𝔳=(M𝔴𝔳)tr𝔴,

wobei hier die Matrix aber nicht auf ein n-Tupel aus R, sondern auf ein n-Tupel aus V angewendet wird und sich ein neues n-Tupel aus V ergibt. Dies könnte man als Argument dafür ansehen, die Übergangsmatrix direkt als ihre Transponierte anzusetzen, doch betrachtet man das in Lemma 18.17 beschriebene Transformationsverhalten als ausschlaggebend.

Wenn

V=Rn

und 𝔢 die Standardbasis davon ist und 𝔳 eine weitere Basis, so erhält man die Übergangsmatrix M𝔳𝔢 von 𝔢 nach 𝔳, indem man ej als Linearkombination der Basisvektoren v1,,vn ausdrückt und die entsprechenden Tupel als Spalten nimmt. Dagegen besteht M𝔢𝔳 einfach aus den v1,,vn als Spalten geschrieben.



Wir betrachten im 2 die Standardbasis

𝔲=(10),(01)

und die Basis

𝔳=(12),(23).

Die Basisvektoren von 𝔳 lassen sich direkt mit der Standardbasis ausdrücken, nämlich

v1=(12)=1(10)+2(01) und v2=(23)=2(10)+3(01).

Daher erhält man sofort

M𝔲𝔳=(1223).

Zum Beispiel hat der Vektor, der bezüglich 𝔳 die Koordinaten (4,3) besitzt, bezüglich der Standardbasis 𝔲 die Koordinaten

M𝔲𝔳(43)=(1223)(43)=(101).

Die Übergangsmatrix M𝔳𝔲 ist schwieriger zu bestimmen: Dazu müssen wir die Standardvektoren als Linearkombinationen von v1 und v2 ausdrücken. Eine direkte Rechnung (dahinter steckt das simultane Lösen von zwei linearen Gleichungssystemen) ergibt

(10)=37(12)27(23)

und

(01)=27(12)+17(23).

Somit ist

M𝔳𝔲=(37272717).



Es sei R ein kommutativer Ring und M ein endlich erzeugter freier

R-Modul vom Rang n. Es seien 𝔲=u1,,un,𝔳=v1,,vn und 𝔴=w1,,wn Basen von M.

Dann stehen die Übergangsmatrizen zueinander in der Beziehung

M𝔴𝔲=M𝔴𝔳M𝔳𝔲.

Insbesondere ist

M𝔳𝔲M𝔲𝔳=En.

Beweis

Siehe Aufgabe 18.3.



Freie Algebren

Eine R-Algebra heißt frei, wenn sie als R-Modul frei ist.


Lemma  

Es sei R ein kommutativer Ring und es sei  P=i=0nriXiR[X]  ein normiertes Polynom vom Grad n und  A=R[X]/(P)  der zugehörige Restklassenring. Dann gelten folgende Rechenregeln (wir bezeichnen die Restklasse von X in A mit x).

  1. In A ist  xn=i=0n1rixi
  2. Höhere Potenzen xk, kn, kann man mit den Potenzen xi, in1, ausdrücken, indem man mittels Vielfachen von (2) sukzessive den Grad um eins reduziert.
  3. Die Potenzen x0=1,x1 ,,xn1 bilden eine R-Basis von A.
  4. A ist eine freier R-Modul vom Rang n.
  5. In A werden zwei Elemente P=i=0n1bixi und Q=i=0n1cixi komponentenweise addiert, und multipliziert, indem sie als Polynome multipliziert werden und dann die Restklasse berechnet wird.

Beweis  

  1. Dies folgt direkt durch Umstellung der definierenden Gleichung  P=0
  2. Dies folgt durch Multiplikation der Gleichung in (1) mit Potenzen von x.
  3. Dass die Potenzen xi, i=0,,n1, ein Erzeugendensystem bilden, folgt aus Teil (1) und (2). Zum Beweis der linearen Unabhängigkeit sei  angenommen, es gebe eine lineare Abhängigkeit, sagen wir  i=0n1cixi=0.  D.h., dass das Polynom  Q=i=0n1ciXi  unter der Restklassenabbildung auf 0 geht, also zum Kern gehört. Dann muss es aber ein Vielfaches von P sein, was aber aus Gradgründen und wegen der Normiertheit von P erzwingt, dass Q das Nullpolynom sein muss. Also sind alle  ci=0
  4. Dies folgt direkt aus (3).
  5. Dies ist klar.


Die Ergebnisse von Lemma 18.22 gelten auch dann, wenn der Leitkoeffizient von P eine Einheit in R ist, da man dann das Polynom durch diesen dividieren kann, ohne das Ideal und den Restklassenring zu ändern. Dies findet insbesondere Anwendung, wenn R ein Körper ist. Wenn der Leitkoeffizient keine Einheit ist, so ist die Restklassenalgebra nicht frei; einfache Beispiele sind [X]/(2X) oder K[X,Y]/(XY).




Satz  

Es seien  RS  und  ST  endliche freie Algebren.

Dann ist auch  RT  eine freie endliche Ringerweiterung und es gilt

RangRT=RangRSRangST.

Beweis  

Wir setzen RangRS=n und RangST=m. Es sei  x1,,xnS  eine R-Basis von S und  y1,,ymT  eine S-Basis von T. Wir behaupten, dass die Produkte

xiyj,1in,1jm,

eine R-Basis von T bilden. Wir zeigen zuerst, dass diese Produkte den Vektorraum T über R erzeugen. Es sei dazu  zT.  Wir schreiben

z=b1y1++bmym mit Koeffizienten bjS.

Wir können jedes bj als bj=a1jx1++anjxn mit Koeffizienten aijR ausdrücken. Das ergibt

z=b1y1++bmym=(a11x1++an1xn)y1++(a1mx1++anmxn)ym=1in,1jmaijxiyj.

Daher ist z eine R-Linearkombination der Produkte xiyj.
Um zu zeigen, dass diese Produkte linear unabhängig sind, sei

0=1in,1jmcijxiyj

mit  cijR  angenommen. Wir schreiben dies als  0=j=1m(i=1ncijxi)yj.  Da die yj linear unabhängig über S sind und die Koeffizienten der yj zu S gehören, folgt, dass  i=1ncijxi=0  ist für jedes j. Da die xi linear unabhängig über R sind und  cijR  ist, folgt, dass  cij=0  für alle i,j ist.



Korollar  

Es seien KL und LM endliche Körpererweiterungen.

Dann ist auch  KM  eine endliche Körpererweiterung und es gilt

gradKM=gradKLgradLM.

Beweis  

Dies ist ein Spezialfall von Satz 18.24.




Fußnoten
  1. Die Kommutativität eines solchen Pfeil- bzw. Abbildungsdiagramms besagt einfach, dass die zusammengesetzten Abbildungen übereinstimmen, wenn ihre Definitionsmengen und ihre Wertemengen übereinstimmen. In diesem Fall heißt es einfach nur  Ψ𝔳=Ψ𝔴M𝔴𝔳 .


<< | Kurs:Kommutative Algebra/Teil I | >>

PDF-Version dieser Vorlesung

Arbeitsblatt zur Vorlesung (PDF)