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Reelle Folgen/Heron-Verfahren/2/Einführung/Textabschnitt

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Wir beginnen mit einem motivierenden Beispiel.


Wir wollen die Quadratwurzel einer natürlichen Zahl „berechnen“, sagen wir von 5. Eine solche Zahl x mit der Eigenschaft  x2=5  gibt es nicht innerhalb der rationalen Zahlen, wie aus der eindeutigen Primfaktorzerlegung folgt. Wenn  xR  ein solches Element ist, so hat auch x diese Eigenschaft. Mehr als zwei Lösungen kann es aber nach Fakt nicht geben, sodass wir nur nach der positiven Lösung suchen müssen.

Obwohl es innerhalb der rationalen Zahlen keine Lösung für die Gleichung  x2=5  gibt, so gibt es doch beliebig gute Approximationen innerhalb der rationalen Zahlen dafür. Beliebig gut heißt dabei, dass der Fehler (oder die Abweichung) unter jede gewünschte positive Schranke gedrückt werden kann. Das klassische Verfahren, um eine Quadratwurzel beliebig anzunähern, ist das Heron-Verfahren, das man auch babylonisches Wurzelziehen nennt. Dies ist ein iteratives Verfahren, d.h., die nächste Approximation wird aus den vorausgehenden Approximationen berechnet. Beginnen wir mit  a:=x0:=2  als erster Näherung. Wegen

x02=22=4<5

ist x0 zu klein, d.h. es ist  x0<x.  Aus  a2<5  (mit a positiv) folgt zunächst  5/a2>1  und daraus  (5/a)2>5,  d.h.  5/a>5.  Man hat also die Abschätzungen

a<5<5/a,

wobei rechts eine rationale Zahl steht, wenn links eine rationale Zahl steht. Eine solche Abschätzung vermittelt offenbar eine quantitative Vorstellung darüber, wo 5 liegt. Die Differenz 5/aa ist ein Maß für die Güte der Approximation.

Beim Startwert 2 ergibt sich, dass die Quadratwurzel 5 zwischen 2 und 5/2 liegt. Man nimmt nun das arithmetische Mittel der beiden Intervallgrenzen, also

x1:=2+522=94.

Wegen  (94)2=8116>5  ist dieser Wert zu groß und daher liegt 5 im Intervall [549,94]. Von diesen Intervallgrenzen nimmt man erneut das arithmetische Mittel und setzt

x2:=549+942=16172

als nächste Approximation. So fortfahrend erhält man eine immer besser werdende Approximation von 5.


Allgemein ergibt sich das folgende Heron-Verfahren.


Beim Heron-Verfahren zur näherungsweisen Berechnung von c einer positiven Zahl c geht man iterativ wie folgt vor. Man startet mit einem beliebigen positiven Startwert x0 und berechnet davon das arithmetische Mittel aus x0 und cx0. Dieses Mittel nennt man x1. Es gilt

x12c=(x0+cx02)2c=x02+2c+c2x024c=x022c+c2x024=(x0cx02)20.

D.h. dass x1 mindestens so groß wie c ist. Auf x1 wendet man iterativ das gleiche Verfahren an und erhält so x2 usw. Die rekursive Definition von xn+1 lautet also

xn+1=xn+cxn2.

Nach Konstruktion weiß man, dass c in jedem Intervall [c/xn,xn] (für n1) liegt, da aus  xn2c  direkt  (cxn)2=c2xn2c2c=c  folgt. Bei jedem Schritt gilt

[cxn+1,xn+1][cxn,xn],

d.h. das Nachfolgerintervall liegt innerhalb des Vorgängerintervalls. Dabei wird bei jedem Schritt die Intervalllänge mindestens halbiert.


Das eben beschriebene Verfahren liefert also zu jeder natürlichen Zahl n eine reelle Zahl, die eine durch eine gewisse algebraische Eigenschaft charakterisierte Zahl beliebig gut approximiert. Bei vielen technischen Anwendungen genügt es, gewisse Zahlen nur hinreichend genau zu kennen, wobei allerdings die benötigte Güte der Approximation von der technischen Zielsetzung abhängt. Es gibt im Allgemeinen keine Güte, die für jede vorstellbare Anwendung ausreicht, so dass es wichtig ist zu wissen, wie man eine gute Approximation durch eine bessere Approximation ersetzen kann und wie viele Schritte man machen muss, um eine gewünschte Approximation zu erreichen. Dies führt zu den Begriffen Folge und Konvergenz.


Eine reelle Folge ist eine Abbildung

,nxn.

Eine Folge wird zumeist als (xn)n, oder einfach nur kurz als (xn)n geschrieben. Die oben zu einem Startglied x0 rekursiv definierten Zahlen zur Berechnung von c sind ein Beispiel für eine Folge. Manchmal sind Folgen nicht für alle natürlichen Zahlen definiert, sondern nur für alle natürlichen Zahlen N. Alle Begriffe und Aussagen lassen sich dann sinngemäß auch auf diese Situation übertragen.


Es sei (xn)n eine reelle Folge und es sei  x.  Man sagt, dass die Folge gegen x konvergiert, wenn folgende Eigenschaft erfüllt ist

Zu jedem positiven ϵ>0, ϵ, gibt es ein  n0  derart, dass für alle  nn0  die Abschätzung

|xnx|ϵ

gilt. In diesem Fall heißt x der Grenzwert oder der Limes der Folge. Dafür schreibt man auch

limnxn:=x.

Wenn die Folge einen Grenzwert besitzt, so sagt man auch, dass sie konvergiert (ohne Bezug auf einen Grenzwert.), andernfalls, dass sie divergiert.

Man sollte sich dabei das vorgegebene ϵ als eine kleine, aber positive Zahl vorstellen, die eine gewünschte Zielgenauigkeit (oder erlaubten Fehler) ausdrückt. Die natürliche Zahl n0 ist dann die Aufwandszahl, die beschreibt, wie weit man gehen muss, um die gewünschte Zielgenauigkeit zu erreichen, und zwar so zu erreichen, dass alle ab n0 folgenden Glieder innerhalb dieser Zielgenauigkeit bleiben. Konvergenz bedeutet demnach, dass man jede gewünschte Genauigkeit bei hinreichend großem Aufwand auch erreichen kann. Je kleiner der Fehler, also je besser die Approximation sein soll, desto höher ist im Allgemeinen der Aufwand. Statt mit beliebigen positiven reellen Zahlen ϵ kann man auch mit den Stammbrüchen, also den rationalen Zahlen 1k, k+, arbeiten, siehe Aufgabe, oder mit den inversen Zehnerpotenzen 110, .

Zu einem  ϵ>0  und einer reellen Zahl x nennt man das Intervall ]xϵ,x+ϵ[ auch die ϵ-Umgebung von x. Eine Folge, die gegen 0 konvergiert, heißt Nullfolge.




Eine konstante Folge  xn:=c  ist stets konvergent mit dem Grenzwert c. Dies folgt direkt daraus, dass man für jedes  ϵ>0  als Aufwandszahl  n0=0  nehmen kann. Es ist ja

|xnc|=|cc|=|0|=0<ϵ

für alle n.

Die Folge

xn=1n

ist konvergent mit dem Grenzwert 0. Es sei dazu ein beliebiges positives ϵ vorgegeben. Aufgrund des Archimedes-Axioms gibt es ein n0 mit  1n0ϵ.  Insgesamt gilt damit für alle  nn0  die Abschätzung

xn=1n1n0ϵ.


Wir betrachten die Folge

xn=0,3333

mit genau n Nachkommaziffern und behaupten, dass diese Folge gegen 1/3 konvergiert. Dazu müssen wir |0,333313| bestimmen, und dafür müssen wir uns an die Bedeutung von Dezimalbrüchen erinnern. Es ist

xn=0,3333=333310n=j=0n1310j10n

und somit ist

|0,333313|=|j=0n1310j10n13|=|3(j=0n1310j)10n310n|=|(j=0n1910j)10n310n|=|1310n|=1310n.

Wenn nun ein positives ϵ vorgegeben ist, so ist für n hinreichend groß dieser letzte Term ϵ.




Lemma  

Eine reelle Folge

besitzt maximal einen Grenzwert.

Beweis  

 Nehmen wir an, dass es zwei verschiedene Grenzwerte x,y, xy, gibt. Dann ist  d:=|xy|>0.  Wir betrachten  ϵ:=d/3>0.  Wegen der Konvergenz gegen x gibt es ein n0 mit

|xnx|ϵ für alle nn0

und wegen der Konvergenz gegen y gibt es ein n0 mit

|xny|ϵ für alle nn0.

Beide Bedingungen gelten dann gleichermaßen für  nmax{n0,n0}.  Es sei n mindestens so groß wie dieses Maximum. Dann ergibt sich aufgrund der Dreiecksungleichung der Widerspruch

d=|xy||xxn|+|xny|ϵ+ϵ=2d/3.