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Kurs:Analysis (Osnabrück 2014-2016)/Teil III/Vorlesung 65

Es ist unser Ziel zu zeigen, dass auf der Produktmenge von Maßräumen unter recht allgemeinen Voraussetzungen ein Maß definiert ist, das durch die Produktwerte auf den Quadern festgelegt ist. Dafür gehen wir den Weg über den Produkt-Präring.



Produkt-Präringe

Es seien (M1,𝒫1),,(Mn,𝒫n) Mengen mit darauf erklärten Präringen. Dann nennt man den von allen Quadern

S1××Sn mit Si𝒫i für alle i=1,,n

erzeugten Präring den Produkt-Präring der (Mi,𝒫i), i=1,,n.



Lemma  

Es seien (M1,𝒫1),,(Mn,𝒫n) Mengen mit darauf erklärten Präringen.

Dann besteht der Produkt-Präring aus allen endlichen disjunkten Vereinigungen von Quadern.

Beweis  

Die Quader S1××Sn mit  Si𝒫i  gehören zum Produkt-Präring, und damit auch endliche Vereinigungen davon. Wir müssen also zeigen, dass das angegebene Mengensystem (das aus den endlichen disjunkten Vereinigungen von Quadern besteht) ein Präring ist.  Wir beschränken uns dabei auf den Fall von zwei Mengen (M,𝒫) und (N,), der allgemeine Fall folgt daraus durch Induktion. Die leere Menge ist als leerer Quader in enthalten. Wir diskutieren zunächst die Mengenoperationen für zwei Quader S1×T1 und S2×T2. Der Durchschnitt davon ist gleich  (S1×T1)(S2×T2)=(S1S2)×(T1T2),  also wieder ein Quader. Für die Vereinigung gilt

(S1×T1)(S2×T2)=((S1S2)×T1)((S1S2)×(T1T2))((S2S1)×T2)

was eine endliche disjunkte Vereinigung aus Quadern ist. Für die Differenzmenge ist

(S1×T1)(S2×T2)=((S1S2)×T1)((S1S2)×(T1T2))

ebenfalls eine endliche disjunkte Vereinigung von Quadern.
Es seien nun zwei disjunkte endliche Vereinigungen von Quadern, V1=iIQi und V2=jJLj, gegeben. Dann ist

V1V2=(iIQi)(jJLj)=iI(Qi(jJLj))=iI((QiLj0)(jJ,jj0Lj)).

Nach der obigen Überlegung ist QiLj0 für jedes i eine endliche disjunkte Vereinigung von Quadern. Diese kann man zu einer disjunkten Vereinigung von kleineren Quadern über eine größere Indexmenge I zusammenfassen. Die Behauptung folgt somit durch Induktion über die Anzahl von J. Für die Vereinigung ist

V1V2=(iIQi)(jJLj)

eine endliche Vereinigung von Quadern. Durch Induktion über die Anzahl der Quader kann man unter Verwendung der obigen Überlegung für zwei Quader zeigen, dass man dies auch als eine endliche disjunkte Vereinigung von Quadern darstellen kann.












Der obige Beweis beinhaltet insbesondere, dass man jede endliche Vereinigung von Quadern als eine endliche disjunkte Vereinigung schreiben kann.



Produktprämaße



Lemma  

Es seien (M1,𝒫1,μ1),,(Mn,𝒫n,μn) Mengen mit darauf erklärten Präringen und Prämaßen. Dann gelten folgende Aussagen.

  1. Die für eine endliche disjunkte Vereinigung
    V=iIQi

    von Quadern  Qi=Si1××Sin  (wobei die Seiten endliches Maß haben) durch

    μ(V)=iIμ(Qi)

    mit  μ(Qi)=μ1(Si1)μn(Sin)  definierte Zahl ist unabhängig von der gewählten Zerlegung.

  2. Es seien  μi(Mi)<  (insbesondere sei dies definiert). Dann ist die Zuordnung Vμ(V) ein Prämaß auf dem Produkt-Präring.

Beweis  

(1). Wir beschränken uns im Beweis auf zwei Mengen (M,𝒫,π) und (N,,ρ), die allgemeine Aussage folgt daraus durch Induktion. Seien

V=iIQi=jJLj

zwei Darstellungen einer Menge  VM×N  als endliche disjunkte Vereinigung von Quadern. Wir müssen  iIμ(Qi)=jJμ(Lj)  zeigen. Für jeden Quader Qi ist insbesondere  QijJLj.  Damit ist auch

Qi=Qi(jJLj)=jJ(QiLj).

Nach Lemma 65.2 sind die Durchschnitte rechts selbst Quader. Damit erhalten wir eine dritte Darstellung von V, die beide Darstellungen verfeinert. Daher können wir gleich annehmen, dass jedes Lj Teilmenge eines Qi ist. Dann ist insbesondere  Qi=jJiLj  mit einer gewissen Teilmenge  JiJ,  wobei die Ji für verschiedene i disjunkt sind. Es genügt also, für einen Quader

Q=A×B=jJLj

die Gleichheit

μ(Q)=jJμ(Lj)

zu zeigen. Da J endlich ist, sind überhaupt nur endlich viele Seiten Sj aus 𝒫 und Tj aus an diesen überdeckenden Quadern beteiligt. Aus diesen Seiten kann man ein Mengensystem 𝒮 bilden, das aus allen möglichen feinsten Durchschnitten der Sj und ihrer Komplemente ASj besteht, und ein Mengensystem 𝒯 bilden, das aus allen möglichen feinsten Durchschnitten der Tj und ihrer Komplemente BTj besteht. Diese Mengen sind disjunkt und seien mit Sλ, λΛ, und Tγ, γΓ, bezeichnet (das bedeutet, dass wir ein „Raster“ einführen). Damit kann man jeden Quader Lj als eine endliche disjunkte Vereinigung aus Quadern der Form Sλ×Tγ schreiben, und zwar als

Lj=(λΛjSλ)×(γΓjTγ)=(λ,γ)Λj×ΓjSλ×Tγ,

und jeder dieser Quader kommt in genau einem Lj vor. Insgesamt ergibt sich

μ(Q)=π(A)ρ(B)=π(λΛSλ)ρ(γΓTγ)=(λΛπ(Sλ))(γΓρ(Tγ))=(λ,γ)Λ×Γπ(Sλ)ρ(Tγ)=jJ((λ,γ)Λj×Γjπ(Sλ)ρ(Tγ))=jJ(λΛjπ(Sλ))(γΓjρ(Tγ))=jJμ(Lj).

(2). Es sei  V=nVn  eine abzählbare disjunkte Vereinigung, wobei V und die Vn endliche disjunkte Vereinigungen von Quadern sind. Wir müssen  μ(V)=nμ(Vn)  zeigen. Dies kann man direkt auf den Fall zurückführen, wo V=Q und Vn=Qn Quader sind. Zu einer Teilmenge

TM×N

und zu  xM  betrachten wir

T(x)={yN(x,y)T}.

Wenn T zum Produkt-Präring gehört, also eine endliche disjunkte Vereinigung von Quadern ist, so gehören diese Mengen zu , da sie eine endliche Vereinigung gewisser (N-)Seiten dieser Quader sind. Zu einer positiven reellen Zahl a kann man die Menge

Ta={xMρ(T(x))=a}

betrachten. Diese Menge ist wiederum eine endliche Vereinigung von (M-)Seiten der beteiligten Quader und gehört somit zu 𝒫. Weiterhin kann  Ta  nur für endlich viele Werte  a  sein, nämlich nur für die Teilsummen der Werte des Prämaßes ρ der (N-)Seiten der beteiligten Quader. Mit diesen Notationen gilt

μ(T)=a+π(Ta)a,

da dies für jeden Quader gilt und daraus durch Aufsummieren folgt.
Sei also nun  Q=nQn  eine abzählbare Zerlegung in Quader. Wir müssen

μ(Q)=iμ(Qi)=limni=0nμ(Qi)=limnμ(Q0Qn)

zeigen. Nach Übergang zu den Komplementen in Q ist dies äquivalent damit, dass

limnμ(Tn)=0

ist für  Tn=Q(Q0Qn).  Es ist Tn, und damit ist auch Tn(x) für jedes  xM.  Nach Lemma 63.4 ist daher  limnρ(Tn(x))=0.  Zu  δ>0  definieren wir

Tnδ={xMρ(Tn(x))δ}=aδTna.

Da für jedes  xM  die Folge ρ(Tn(x)) gegen 0 konvergiert, schrumpft die Mengenfolge Tnδ für jedes  δ>0  gegen . Daraus folgt, wieder mit Lemma 63.4, dass  limnπ(Tnδ)=0
Seien nun  δ,ϵ>0  gegeben. Zu ϵ gibt es ein n0 mit

π(Tnδ)ϵ

für alle  nn0.  Für diese n hat man dann insgesamt die Abschätzung

μ(Tn)=a+π(Tna)a=(a<δπ(Tna)a)+(ρ(N)aδπ(Tna)a)(a<δπ(Tna)a)+(ρ(N)aδπ(Tna))ρ(N)π(M)δ+ϵρ(N).

Da nach Voraussetzung π(M) und ρ(N) endlich sind, kann man den letzten Term durch geeignete Wahl von δ und ϵ beliebig klein machen. Daher konvergiert μ(Tn) gegen 0.



Satz  

Es seien n σ-endliche Maßräume (M1,𝒜1,μ1),,(Mn,𝒜n,μn) gegeben.

Dann gibt es genau ein (σ-endliches) Maß μ auf der Produkt-σ-Algebra 𝒜1𝒜n, das für alle messbaren Quader (deren Seiten endliches Maß besitzen) den Wert

μ(T1××Tn)=μ1(T1)μn(Tn)

besitzt.

Beweis  

Wir beschränken uns auf den Fall von zwei σ-endlichen Maßräumen (M,𝒜,π) und (N,,ρ). Es seien Mn,n, bzw. Nn,n, jeweils Ausschöpfungen der Räume durch Teilmengen mit endlichem Maß. Die Eindeutigkeit folgt aus Satz 63.7, da das Maß auf dem durchschnittsstabilen Erzeugendensystem aller Quader festgelegt ist, und die Mengen Mn×Nn, n, eine Ausschöpfung des Produktraumes mit endlichem Maß bilden.

Zur Existenz. Wir ersetzen zuerst die Ausschöpfungen durch disjunkte Vereinigungen, indem wir MnMn1 statt Mn betrachten. Dann bilden die Mi×Nj, (i,j)×, eine disjunkte Vereinigung von M×N. Da ein Maß nach Aufgabe 62.10 durch die Einschränkungen auf einer abzählbaren disjunkten Vereinigung eindeutig bestimmt ist, genügt es, auf jedem Mi×Nj ein Maß zu konstruieren. D.h. wir können annehmen, dass die Maße π und ρ endlich sind.
Es sei der Produkt-Präring auf M×N. Nach Lemma 65.3 gibt es auf diesem Mengensystem ein wohldefiniertes Prämaß, das auf den Quadern durch das Produkt der Seitenmaße gegeben ist.
Aufgrund von Satz 64.7 kann man dieses Prämaß zu einem Maß auf der σ-Algebra 𝒜 fortsetzen.



Es seien (M1,𝒜1,μ1),,(Mn,𝒜n,μn) σ-endliche Maßräume. Dann nennt man das in Lemma 65.3 und Satz 65.4 konstruierte Maß das Produktmaß auf M1××Mn. Es wird mit μ1μn bezeichnet.


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