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Kurs:Vorkurs Mathematik (Osnabrück 2014)/Vorlesung 3

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Die rationalen Zahlen

Unter einer rationalen Zahl versteht man einen Ausdruck der Form

ab,

wobei  a,b  und  b0  sind, und wobei zwei Ausdrücke ab und cd genau dann als gleich betrachtet werden, wenn  ad=bc  (in ) gilt. Die Menge aller rationalen Zahlen wird mit bezeichnet.

Einen Ausdruck ab nennt man Bruch, wobei a der Zähler und b der Nenner des Bruches heißt. Eine rationale Zahl wird durch verschiedene Brüche beschrieben, beispielsweise ist  510=12.  Man sagt auch, dass diese beiden Brüche gleichwertig sind. Für die rationale Zahl a1 schreibt man einfach a. In diesem Sinne sind ganze Zahlen insbesondere auch rationale Zahlen. Es gelten die folgenden Identitäten (dabei seien c,d0, ansonsten seien alle  a,b,c,d  beliebig).

  1. 11=1,
  2. 0c=0,
  3. cc=1,
  4. ac=adcd.

Die Addition und die Multiplikation auf rationalen Zahlen wird folgendermaßen festgelegt.

  1. acbd:=abcd.
  2. ac+bd:=ad+bccd.

Man addiert also zwei rationale Zahlen, indem man die Nenner gleichnamig macht. Diese Operationen sind wohldefiniert und wie in assoziativ, kommutativ und es gilt das Distributivgesetz. Diese Eigenschaften kann man auf die entsprechenden Eigenschaften der ganzen Zahlen zurückführen, siehe Aufgabe 3.7.

Die  0=01  hat wieder die Eigenschaft

0+ab=ab

und die  1=11  hat wieder die Eigenschaft

1ab=ab.

Ferner gibt es wieder zu einer rationalen Zahl ab die negative Zahl

ab=ab.

Sie besitzt die charakteristische Eigenschaft

ab+ab=a+ab=0.

Zu einer rationalen Zahl ab mit  a,b0  (also wenn Zähler und Nenner von 0 verschieden sind) ist auch der umgedrehte Bruch ba eine rationale Zahl, und es gilt

abba=abab=1.

Man nennt ba die inverse rationale Zahl zu ab.

Man kann die rationalen Zahlen auf der Zahlengeraden platzieren (die ganzen Zahlen seien dort schon platziert). Die rationale Zahl ab mit  a,b+  findet man so: Man unterteilt die Strecke von 0 nach a in b gleichlange Teilstrecken. Die Zahl ab ist dann die rechte Grenze der (von links) ersten Teilstrecke. Insbesondere ist 1b die Länge des Intervalls, das b-fach nebeneinander gelegt die Einheitsstrecke (oder das Einheitsintervall) ergibt.[1]

Als Punkte auf der Zahlengeraden lassen sich rationale Zahlen ihrer Größe nach vergleichen. Dabei gilt für ab und cd mit a,c und b,d+ die Beziehung

abcd

genau dann, wenn in die Beziehung

adbc

gilt. Um dies von der Zahlengerade her einzusehen, bringt man die beiden rationalen Zahlen auf den Hauptnenner, d.h. man vergleicht adbd und cbbd. Die Größerbeziehung hängt dann, wegen bd positiv, allein von den beiden Zählern ab.



Die reellen Zahlen

Wir werden nun die reellen Zahlen besprechen, die wir uns durch alle Punkte der Zahlengeraden vorstellen. Diese Vorstellung ist keineswegs unproblematisch, sie ist aber intuitiv sehr wertvoll. Allerdings ist die Intuition in der Mathematik kein Beweismittel. Ferner wird die Intuition häufig überschätzt und mit Gewohnheit verwechselt. Haben Sie eine sichere intuitive Vorstellung zur Multiplikation auf der Zahlengeraden?

Unsere Vorgehensweise ist daher, grundlegende Eigenschaften der reellen Zahlen ein für allemal zu formulieren und dann alle weiteren Eigenschaften aus diesen Grundeigenschaften abzuleiten. Diese grundlegenden Eigenschaften decken sich mit unserer intuitiven Vorstellung einer kontinuierlichen Zahlengeraden und mit unserer Rechenerfahrung mit reellen Zahlen.

Grundlegende Eigenschaften von mathematischen Strukturen werden als Axiome bezeichnet. In der Mathematik werden sämtliche Eigenschaften aus den Axiomen logisch abgeleitet. Die Axiome für die reellen Zahlen gliedern sich in algebraische Axiome, Anordnungsaxiome und das Vollständigkeitsaxiom. Unter algebraischen Eigenschaften versteht man solche Eigenschaften, die sich auf die Rechenoperationen, also die Addition, die Subtraktion, die Multiplikation und die Division, beziehen. Diese Operationen ordnen zwei reellen Zahlen eine weitere reelle Zahl zu, man spricht auch von Verknüpfungen. Es genügt, nur Gesetzmäßigkeiten für die Addition und die Multiplikation aufzulisten, Subtraktion und Division ergeben sich als abgeleitete Operationen. Die Existenz der Addition und der Multiplikation ist Teil der Axiome.


Proposition

Die Addition und die Multiplikation auf den reellen Zahlen (mit den Elementen 01) erfüllen die folgenden Eigenschaften (bzw. Axiome).

  1. Axiome der Addition
    1. Assoziativgesetz: Für alle  a,b,c  gilt:  (a+b)+c=a+(b+c)
    2. Kommutativgesetz: Für alle  a,b  gilt  a+b=b+a
    3. 0 ist das neutrale Element der Addition, d.h. für alle  a  ist  a+0=a
    4. Existenz des Negativen: Zu jedem  a  gibt es ein Element  b  mit  a+b=0
  2. Axiome der Multiplikation
    1. Assoziativgesetz: Für alle  a,b,c  gilt:  (ab)c=a(bc)
    2. Kommutativgesetz: Für alle  a,b  gilt  ab=ba
    3. 1 ist das neutrale Element der Multiplikation, d.h. für alle  a  ist  a1=a
    4. Existenz des Inversen: Zu jedem  a  mit  a0  gibt es ein Element  c  mit  ac=1
  3. Distributivgesetz: Für alle  a,b,c  gilt  a(b+c)=(ab)+(ac)

Dass all diese Axiome für die reellen Zahlen (und die rationalen Zahlen) mit den natürlichen Verknüpfungen gelten, ist aus der Schule vertraut.

Zur Vereinfachung der Schreibweisen verwenden wir die Klammerkonvention, dass die Multiplikation stärker bindet als die Addition. Man kann daher ab+cd statt (ab)+(cd) schreiben. Zur weiteren Notationsvereinfachung wird das Produktzeichen häufig weggelassen. Die Elemente 0 und 1 werden als Nullelement und als Einselement bezeichnet. Es ist Teil der Axiomatik, dass sie verschieden sind.

Zu einer reellen Zahl a nennt man das Element b mit  a+b=0  das Negative von a. Es ist durch diese Eigenschaft eindeutig bestimmt und man bezeichnet es mit a. Es ist  (a)=a,  da wegen  a+(a)=0  das Element a gleich dem (eindeutig bestimmten) Negativen von a ist.

Statt b+(a) schreibt man abkürzend ba und spricht von der Differenz. Die Differenz ist also keine grundlegende Verknüpfung, sondern wird auf die Addition mit dem Negativen zurückgeführt.

Zu einer reellen Zahl a, a0, nennt man das Element c mit  ac=1  das Inverse von a und bezeichnet es mit a1. Für a,b, b0, schreibt man auch abkürzend

a/b:=ab:=ab1.

Die beiden linken Ausdrücke sind also Abkürzungen für den rechten Ausdruck.

Zu einer reellen Zahl a und  n  wird die Potenz an als das n-fache Produkt von a mit sich selbst definiert, und bei  a0  wird an als (a1)n interpretiert.



Anordnungseigenschaften der reellen Zahlen

Bekanntlich kann man die reellen Zahlen mit einer Geraden identifizieren. Auf der Zahlengeraden liegen von zwei Punkten einer weiter rechts als der andere, was bedeutet, dass sein Wert größer ist. Wir besprechen nun diese Anordnungseigenschaften der reellen Zahlen.


Die reellen Zahlen erfüllen die folgenden Anordnungsaxiome.

  1. Für je zwei reelle Zahlen  a,b  ist entweder  a>b  oder  a=b  oder  b>a
  2. Aus  ab  und  bc  folgt  ac  (für beliebige a,b,c).
  3. Aus  ab  folgt  a+cb+c  (für beliebige  a,b,c ).
  4. Aus  a0  und  b0  folgt  ab0  (für beliebige  a,b ).
  5. Für jede reelle Zahl  a  gibt es eine natürliche Zahl n mit  na

Die ersten beiden Eigenschaften drücken aus, dass auf eine totale (oder lineare) Ordnung vorliegt; die in (2) beschriebene Eigenschaft heißt Transitivität. Die fünfte Eigenschaft heißt Archimedes-Axiom .

Statt  ab  schreibt man auch  ba.  Die Schreibweise  a>b  bedeutet ab und ab. Eine wichtige Beziehung in ist, dass  ab  äquivalent[2] zu  ab0  ist. Diese Äquivalenz ergibt sich durch beidseitiges Addieren von b bzw. b aus dem dritten Axiom. Eine reelle Zahl  a  nennt man positiv , wenn  a>0  ist, und negativ , wenn  a<0  ist. Die 0 ist demnach weder positiv noch negativ, und jedes Element ist entweder positiv oder negativ oder null. Die Elemente a mit a0 nennt man dann einfach nichtnegativ und die Elemente a mit a0 nichtpositiv. Für die entsprechenden Teilmengen der reellen Zahlen schreibt man

+,,0=+0,0=0

oder Ähnliches.



Für reelle Zahlen gelten die folgenden Eigenschaften.

  1. Es ist  10
  2. Aus  ab  und  c0  folgt  acbc
  3. Aus  ab  und  c0  folgt  acbc
  4. Es ist  a20
  5. Aus  ab0  folgt  anbn  für alle  n
  6. Aus  a1  folgt  anam  für ganze Zahlen  nm
  7. Aus  a>0  folgt  1a>0
  8. Aus  a>b>0  folgt  1a>1b

Beweis

Siehe Aufgabe 3.14.


Das folgende Lemma fasst Folgerungen aus dem Archimedes-Axiom zusammen.


Lemma  

  1. Zu  x,y  mit  x>0  gibt es ein  n  mit  nxy
  2. Zu  x>0  gibt es eine natürliche Zahl n mit  1n<x
  3. Zu zwei reellen Zahlen  x<y  gibt es auch eine rationale Zahl n/k (mit n, k+) mit
    x<nk<y.

Beweis  

(1). Wir betrachten y/x. Aufgrund des Archimedes-Axioms gibt es ein n mit  ny/x.  Da x positiv ist, gilt nach Lemma 3.4  (2) auch  nxy
(2). Es ist x1 eine wohldefinierte, nach Lemma 3.4  (7) positive reelle Zahl. Aufgrund des Archimedes-Axioms gibt es eine natürliche Zahl  n  mit  n>x1.  Dies ist nach Lemma 3.4  (8) äquivalent zuzusatz2

1n=n1<(x1)1=x.

(3). Wegen  y>x  ist  yx>0  und daher gibt es nach (2) ein  k+  mit  1kyx.  Wegen (1) gibt es auch ein  n  mit  n1k>x.  Wegen der Archimedes-Eigenschaft gibt es ein  n~  mit  n~xk.  Nach Lemma 3.4  (3) gilt daher  (n~)1kx.  Daher gibt es auch ein  n  derart, dass

n1k>x und (n1)1kx

ist. Damit ist einerseits  x<nk  und andererseits

nk=n1k+1k<x+yx=y,

wie gewünscht.



Für reelle Zahlen a,b, ab, nennt man

    •  [a,b]={xxa und xb} 

    das abgeschlossene Intervall.

    •  ]a,b[={xx>a und x<b} 

    das offene Intervall.

    •  ]a,b]={xx>a und xb} 

    das linksseitig offene Intervall.

    •  [a,b[={xxa und x<b} 

    das rechtsseitig offene Intervall.

    Für das offene Intervall wird häufig auch (a,b) geschrieben. Die Zahlen a und b heißen die Grenzen des Intervalls (oder Randpunkte des Intervalls), genauer spricht man von unterer und oberer Grenze. Die Bezeichnung linksseitig und rechtsseitig bei den beiden letzten Intervallen (die man auch als halboffen bezeichnet) rühren von der üblichen Repräsentierung der reellen Zahlen als Zahlengerade her, bei der rechts die positiven Zahlen stehen. Manchmal werden auch Schreibweisen wie (a,) verwendet. Dies bedeutet nicht, dass es in ein Element gibt, sondern ist lediglich eine kurze Schreibweise für {xx>a}.



    Der Betrag

    Für eine reelle Zahl  x  ist der Betrag folgendermaßen definiert.

    |x|={x, falls x0,x, falls x<0.

    Der Betrag ist also nie negativ und hat nur bei  x=0  den Wert 0, sonst ist er immer positiv. Die Abbildung

    ,x|x|,

    nennt man auch Betragsfunktion. Der Funktionsgraph setzt sich aus zwei Halbgeraden zusammen; eine solche Funktion nennt man auch stückweise linear.



    Die reelle Betragsfunktion

    ,x|x|,

    erfüllt folgende Eigenschaften (dabei seien x,y beliebige reelle Zahlen).

    1. Es ist  |x|0
    2. Es ist  |x|=0  genau dann, wenn  x=0  ist.
    3. Es ist  |x|=|y|  genau dann, wenn  x=y  oder  x=y  ist.
    4. Es ist  |yx|=|xy|
    5. Es ist  |xy|=|x||y|
    6. Für  x0  ist  |x1|=|x|1
    7. Es ist  |x+y||x|+|y|  (Dreiecksungleichung für den Betrag).
    8. Es ist  |x+y||x||y|

    Beweis

    Siehe Aufgabe 3.17.




    Fußnoten
    1. Die Frage, wie man diese Unterteilung elementar durchführt, besprechen wir hier nicht.
    2. Man sagt, dass zwei Aussagen A und B zueinander äquivalent sind, wenn die Aussage A genau dann wahr ist, wenn die Aussage B wahr ist. Dabei sind die beiden Aussagen häufig abhängig von gewissen Variablenbelegungen, und die Äquivalenz bedeutet dann, dass A(x) genau dann wahr ist, wenn B(x) wahr ist.


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