Benutzerin:Wistnell

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Nelli Wist[Bearbeiten]

Wikipedia:Babel
ru Русский язык для этого участника является родным.
de-4 Diese Person beherrscht Deutsch auf annähernd muttersprachlichem Niveau.
en-2 This user is able to contribute with an intermediate level of English.
  • Seminar: Aufbaumodul „Kulturelle Identität und Globalisierung" (Projektseminar IPK), Wintersemester 2011/2012
  • Dozentin: Eva Sondershaus, M.A. (Benutzer:Eva_IPK_Augsburg)
  • Studium: Universität Augsburg: Lehramt an Grundschulen
  1. Fakultät: Phil.-Hist.-Fakultät
  2. Unterrichtsfach: Deutsch als Zweit- und Fremdsprache und seine Didaktik
  3. Didaktikfächer: Mathematik, Deutsch, Sport

IPK im WS 2011/12[Bearbeiten]

Name Studiengang vhb Wiki Thema Forschungsland Homepage Video abgeschlossen
Kursleiterin Eva Sondershaus, M.A. Eva Sondershaus
Theresa Kultschytzky EKG Theresa
Tam nguyen BA Daf Nguyen
Saros Sawasdee BA Daf Saros
Jian Ba Daf Jian
Anne Stoffels BA DaF/DaZ Anne
Mariana Rozhniv BA Daf Mariana D
Sabine Goldschmid LA Gym E/F/DaF/DaZ Sabine
Shorena Magister DaF/DaZ turiassh Georgien
Eleonora Lisa Schulze Battmann BA Germanistik Eleonora Italien
Josefine Giesler Lehramt GS Josefine
Svenja Uth BA DaF Svenja
Julia Melnikova Ma DaF Julia
Yulia Lyubimova MA DaF und Interkulturelles Lernen Lyubimova
Judith Roßmeißl BA DaF und Germanistik Judith
Nelli Wist LA GS DaZ Nelli Russland
Dorothee Keck LA GS DaZ Dorothee
Amelie Schmitz Bac DaF/DaZ Amelie
Inna Glagla LA HA Daf Inna

Kriminalität von männlichen Spätaussiedlern[Bearbeiten]

Einleitung[Bearbeiten]

Im Jahr 1995 bin ich mit meiner Familie nach Deutschland emigriert. Wir kamen aus Kasachstan, einem Land, der zur ehemaligen UdSSR gehörte. Doch meine Vorfahren kamen ursprünglich aus Deutschland, genauer gesagt aus Danzig, einer Stadt, die früher zum Königreich Preußen gehörte, heute jedoch auf der Landkarte Polens zu finden ist. Deshalb werden wir (die Einwanderer) in Deutschland als Aussiedler oder Russlanddeutsche bezeichnet. Diese beiden Bezeichnungen haben jedoch im Volksmund oft eine negative Konnotation, besonders, wenn es um Jugendliche geht. Oft werden die Russlanddeutschen als aggressiv, gefährlich oder gar kriminell angesehen. Zu dieser Behauptung tragen die Medien mit Sicherheit auch ein wesentliches Stück bei. Dass die Spätaussiedler vielerorts nicht willkommen sind, erkennt man oft an Aussagen, wie „Russen raus“, „Russenschweine“ oder „Scheißrussen“, die an Wände oder in Aufzügen geschmiert werden. Doch woher kommt diese Abneigung gegenüber Russlanddeutschen? Kann es evtl. wirklich damit zusammenhängen, dass Aussiedler aggressiv auftreten und gefährlich auf die Bevölkerung wirken oder gar kriminelles Verhalten an den Tag legen? Diesem Phänomen möchte ich in meiner Arbeit nachgehen, und herausfinden, in wie weit sich diese Pauschalaussagen belegen lassen.

Hypothese[Bearbeiten]

Junge männliche Aussiedler aus der ehemaligen UdSSR weisen aufgrund des Kulturtransports ein hohes Aggressionsverhalten auf und werden oft kriminell.

Die Geschichte der Russlanddeutschen[Bearbeiten]

Die ersten Deutschen kamen im 18. Jahrhundert nach Russland, als die Zarin Katharina II. die deutsche Bevölkerung einlud, nach Russland auszusiedeln. Zu dieser Zeit hatte das russische Reich rund um die Wolga sehr viel freies Land, welches sich sehr gut für Landwirtschaft eignete. Katharina II. bot den deutschen Auswanderungsinteressenten viele Privilegien wie z. B. befristete Steuerfreiheit, die Befreiung vom Militär- und Zivildienst oder auch Reisegeld an. Primär war dieses Angebot an Bauern gerichtet. Doch die Übersiedlung verlief zäh. Erst als private Makler (sog. Lokatoren) von der russischen Regierung eingesetzt wurden, stieg die Zahl der Übersiedler. Die Menschen kamen vor allem aus den Provinzen in Nordbayern, Baden und Hessen, welche stark vom Siebenjährigen Krieg betroffen waren. Zum Teil wurden auch Auswanderungsverbote erlassen, da man befürchtete, dass die Welle der Übersiedlung zu groß würde.

Bis 1767 traten rund 30.000 Menschen die Reise in die „neue Welt“ an, von denen jedoch etwa 5000 Menschen nie an der Wolga ankamen. Diejenigen, die die anstrengende Reise überlebt hatten, trafen auf ein Land, das so gar nicht den Versprechungen von Zarin Katharina II. entsprach. Weder Verkehrsanbindungen, noch Häuser oder Baumaterialien waren für die deutschen Siedler in der neuen Heimat vorhanden. Die ersten Jahrzehnte waren geprägt von Armut, Missernten und Existenzangst, denn Überfälle von Kalmücken- oder Kirgisenstämmen waren nicht selten. Aber auch die Landwirtschaft führte nicht zum erhofften Wohlstand, denn die deutschen Siedler standen ständig in Konkurrenz mit den einheimischen Bauern, die das bessere Land hatten. Eine Besserung war erst ab Ende des 18. Jahrhunderts in Sicht, denn es bildete sich eine deutsche Selbstverwaltung bei der ein „Statthalter des Vertrauens“ eingesetzt wurde. Die neue Verwaltung hat auch für einen neuen Aufwind in der Wirtschaft gesorgt. Die deutschen Siedler blieben und gründeten dort Familien. Im Jahre 1815, also nach rund 40-jähriger Aufenthaltsdauer in Russland wuchs die deutsche Bevölkerung in den Wolgakolonien um mehr als 100 Prozent.

Die Auswanderungswelle nahm aufgrund des Platzmangels in Sammel- und Aufnahmelagern zwischenzeitlich ab, doch dies änderte sich mit der Herrschaft des Zaren Paul I. und Alexander I. . In der Zeit von 1801 bis 1825 begaben sich auch Menschen aus anderen Regionen nach Russland, so z. B. aus Rumänien, Griechenland, Westpreußen, sowie sämtliche Katholiken und religiöse Minderheiten, die sich Religionsfreiheit und eine Verbesserung ihrer materiellen Lage erhofften. Die Siedler ließen sich zwischen den Flüssen Dnjestr und Don nieder, aber auch auf der Halbinsel Krim und im Kaukasusgebiet. Deutsche Familien, die im Gebiet des Schwarzen Meeres lebten, bekamen pro Familie 60 Hektar Land. Dieses sollte landwirtschaftlich genutzt werden und in erster Linie die eigene Familie versorgen und anschließend die umliegenden Märkte. Doch nicht alle Siedler beschäftigten sich mit Landwirtschaft. Viele übten die Berufe aus, die sie bereits in der Heimat gelernt hatten. Es entstanden neue wichtige Textil-, Geräte- und Maschinenfabriken. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts belief sich die Gesamtzahl deutscher Kolonien im Russischen Reich auf über 3000, in denen ca. 900.000 Menschen lebten.

Die Integration der deutschen Siedler verlief immer besser und so kam es, dass der Anbau und der Handel von Getreide fast ausschließlich von Deutschen betrieben wurden. Wirtschaftlich gesehen waren die Auswanderer mindestens genauso gut gestellt, wie ihre russischen Landsleute. Bei diesen waren die Siedler sehr beliebt und wurden für ihre qualitativ sehr hochwertige Arbeit geschätzt. Zu einer Assimilation kam es jedoch nicht. Die deutsche Sprache und Kultur wurden beibehalten und gepflegt. Dies gelang dadurch, dass sich die Kolonien selbst verwalteten und eigene Schulsysteme bildeten, in welchen die Kinder die deutsche Sprache und Schrift lernten. Die hohe Stellung der Russlanddeutschen in der Gesellschaft ging ab den 1870er-Jahren langsam verloren. Die Privilegien von Steuerfreiheit und die Befreiung vom Wehrdienst wurden aufgehoben. Auch wurde es den Deutschen verboten, neues Land zu kaufen oder zu pachten, da die panslawistische Propaganda befürchtete, dass eine „Germanisierung“ ausbricht. So wurde auch das Schulsystem umstrukturiert und dem russischen gleichgesetzt.

Während des ersten Weltkrieges wurden schließlich die Deutschen, die sich im Westen und Südwesten Russlands niedergelassen haben, vertrieben, da man befürchtete, dass sich diese im Krieg Deutschland anschließen würden. Auch in der Zeit der Revolution hatten es die deutschen Siedler nicht leicht. Sie waren stark von Missernten und Überfällen betroffen und viele erlitten den Hungertod. Erst im Jahre 1924 konnten die Wolgadeutschen aufatmen, als eine Autonome Sozialistische Sowjetrepublik (ASSR) gegründet wurde. Diese machte es möglich, erneut ein deutsches Bildungs- und Schulsystem aufzubauen. Doch die Freude war nicht von Dauer, denn als in Deutschland die Nationalsozialisten an die Macht kamen, wurden viele Russlanddeutsche willkürlich verhaftet, weil man sie der Spionage oder Propaganda einer staatsfeindlichen Macht beschuldigte.

Unmittelbar nach dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion erließ das Präsidium des Obersten Sowjets der UdSSR ein Dekret „Über die Umsiedlung der in den Rayons des Wolgagebiets lebenden Deutschen“. Hierbei wurde pauschal für alle in Russland lebenden Deutschen eine Anklage erhoben, wonach die Siedler alle Spione und Diversanten waren. Die deutschen Kolonien rund um die Wolga wurden aufgelöst und so wurden 900.000 Deutsche kurzerhand per Schiff oder in Güterwägen nach Osten deportiert. Als sie in Westsibirien und Nordkasachstan ankamen, hatten sie nur das Nötigste an Kleidung und Lebensmitteln dabei. Die Familien lebten in menschenunwürdigen Unterkünften und die arbeitsfähigen Männer wurden in die sog. Arbeitsarmee einberufen. Dort mussten sie schwere körperliche Arbeit leisten und vielen kostete es das Leben. Die Verbannung der Deutschstämmigen wurde erst 1955 durch Konrad Adenauer aufgelöst. Die Menschen wurden aus ihren Sondersiedlungen entlassen und konnten in einige wenige neue Gebiete ziehen.

Die deutschstämmige Bevölkerung in der Sowjetunion wurde politisch und rechtlich nie völlig rehabilitiert. Sie wurden zwar nicht mehr als Feind angesehen, doch die Autonomie blieb aus. Sie mussten sich der russischen Kultur anpassen, ob sprachlich gesehen oder auf das Schulsystem bezogen. Die Siedler wohnen mit der russischen Bevölkerung zusammen, hatten aber schon in den 60er-Jahren den Wunsch nach Deutschland zurück zu kehren. Dies wurde jedoch erst mit der Öffnung der Grenzen im Jahr 1989 möglich. Von da an stieg die Anzahl der Aussiedler stark an. Zwischen 1990 und 2000 reisten jährlich jeweils über 100.000 Menschen als Aussiedler in die Bundesrepublik ein, 1993 bis 1995 sogar jeweils über 200.000. Bis Ende 2004 sind insgesamt rund 2,5 Millionen Menschen als Aussiedler, Spätaussiedler oder deren Angehörige aus der Sowjetunion bzw. ihren Nachfolgestaaten zugewandert.

Mögliche Faktoren für erhöhtes Aggressionsverhalten bei männlichen Spätaussiedlern[Bearbeiten]

Integrationsschwierigkeiten[Bearbeiten]

Der Integrationsprozess von Aussiedlern und die dabei auftretenden Probleme sind das am häufigsten diskutierte Thema, wenn es um Kriminalität bei Russlanddeutschen geht. Heckmann gliedert den Prozess in drei Stufen und erwähnt hierbei drei Problematiken:

Akkomodation: funktionale Lern- und Anpassungsprozesse im Zusammenhang mit dem Kulturwechsel

Akkulturation: Veränderungen von kulturellen Werten, Normen und persönlichen Einstellungen durch Kontakte in der neuen sozialen Umgebung

Assimilation: Angleichungsprozesse, die ethnische Grenzen verschwinden lassen

Wohnsituation[Bearbeiten]

Als die Russlanddeutschen wieder in ihre „Heimat“ kamen, waren sie zunächst von der Ordnung und Sauberkeit des Landes sowie von der Freundlichkeit der Menschen überwältigt. Doch bald ereilte sie der Kulturschock. Zu wenig wussten sie über das Leben, die Politik, die Bräuche etc. in der Bundesrepublik. Die Informationen, die sie im Vorfeld bekamen, waren z. T. sehr subjektiv, erzählt von Verwandten oder Bekannten, die bereits nach Deutschland ausgewandert waren. Der erste Weg, den die Russlanddeutschen bestritten, war der in die Übergangswohnheime. Dort mussten sie ihre anfängliche Zeit in Deutschland verbringen. Ingenhorst setzt die Wohnverhältnisse der Notunterkünfte einer Ghettosituation gleich. Ihm zufolge mussten mehrere Menschen auf engem Raum zusammenleben. Eine Befragung, die er in den Wohnheimen durchführte, beleuchtete die Verhältnisse genauer. So musste eine Familie mit zwei Kindern in einem 22 Quadratmeter großen Zimmer leben. Oft war es so, dass mehrere Generationen zusammen in einem Raum wohnten. Da blieb die Privatsphäre aller Bewohner auf der Strecke. Weiterhin führt Ingenhorst an, dass diese bedrückende Situation in den Notunterkünften zu Generationen- und Ehekonflikten führte, die oft mit hohem Alkoholkonsum verdrängt wurden.

Vogelgesang geht hierbei noch näher auf den wirtschaftlichen Aspekt ein und betont, dass die Russlanddeutschen, als eine benachteiligte Gruppe mit geringer Finanzkraft, kaum Chancen auf dem Wohnungsmarkt hatten, da sie in der Anfangszeit in Deutschland auf Sozialhilfe angewiesen und von Arbeitslosigkeit betroffen waren. Somit verbrachten sie teilweise bis zu zwei Jahre in den Wohnheimen. Dort blieb man unter sich und kapselte sich immer weiter von der deutschen Bevölkerung ab.

Ingenhorst hält dagegen und meint, dass die Russlanddeutschen in den Notwohnungen anfänglich sehr wohl auch einige Vorteile sahen. So konnten sie sich z. B. mit anderen Aussiedlern, die in derselben Lage waren, verständigen und die notwendigen Behördengänge erledigen. Doch er erkennt auch, dass die Übergangswohnheime mit der Zeit zum persönlichen Laster wurden. Viele verharrten in dieser Situation und hatten große Schwierigkeiten, dieser fortschreitenden Ghettobildung zu entfliehen. Besonders alte Menschen, Arbeitslose und Alleinerziehende waren hiervon, seiner Meinung nach, betroffen. So blieb auch die sprachliche Weiterentwicklung, die für eine erfolgreiche Integration unerlässlich ist, auf der Strecke. Als Ingenhorst für seine Studie die Russlanddeutschen besuchte, stellte er fest, dass der einzige Unterhalter der Familien der Fernseher war. Auch nach Information der Aussiedler wurde er zum ständigen Begleiter, mit dem man den Tag verbrachte. Denn innerhalb des ersten halben Jahres, als die Auswanderer Sprachkurse absolvierten, in welchen die deutsche Sprache in Wort und Schrift vermittelt wurde, hatten sie in der neuen Heimat sehr viel Zeit. Der Mangel an Ideen, Freizeitangeboten aber auch materiellen Mitteln führte dazu, dass sie die Struktur in ihrem Alltag verloren. Diese gesamte Situation führte laut Ingenhorst bei vielen Aussiedlern zu Frustration und verlangsamte somit den Integrationsprozess. Einige hatten nach der anfänglichen Enttäuschung nicht mehr den Willen sich anzupassen, neigten dadurch zur Individualisierung und vernachlässigten die Rolle der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und Interessen.

Sprache[Bearbeiten]

Sowohl nach Herwartz-Emden, Ingenhorst als auch nach Vogelgesang ist die Beherrschung der Sprache eines der wichtigsten Faktoren für eine erfolgreiche Integration. Das Kontaktdefizit zu Einheimischen, welches laut Herwartz-Emden, z. T. durch die prekäre Wohnsituation verursacht wird, erschwert den beiläufigen Spracherwerb zusätzlich. Dieser ist ihrer Meinung nach jedoch für die Bildung einer deutschen Identität unerlässlich und nur so kann eine Anpassung an die neue Gesellschaft erfolgen. Hier habe sich jedoch in den letzten Jahren eine negative gesellschaftliche Entwicklung vollzogen, so Herwartz-Emden, welche die Integrationschancen der Aussiedler mindert. Ihr zufolge seien die massiven Kürzungen der Eingliederungsleistungen, die bereits erwähnte Wohnsituation sowie die wachsende Fremdenfeindlichkeit in Deutschland für die fehlende Eingliederungsbereitschaft der Russlanddeutschen verantwortlich.

Der Vorwurf seitens der Gesellschaft, Spätaussiedler seien keine Deutschen, muss hier laut Rakhkochkine zurückgewiesen werden, denn er betont, dass aufgrund der rund 50-jährigen Russifizierung und folglich der Schließung deutscher Schulen der Gebrauch der deutschen Sprache stark zurückgegangen ist. Vor allem jugendliche Russlanddeutsche geben laut Rakhkochkine Russisch als ihre Muttersprache an. Deutsch als Fremdsprache gab es in der Schule wenn überhaupt höchstens eins bis zwei Mal in der Woche und so kam der Großteil aller Aussiedler mit wenig bis gar keinen Sprachkenntnissen nach Deutschland.

Laut einer Umfrage, die von Heinen im Jahr 2000 durchgeführt wurde, gaben nur 13 % der Russlanddeutschen an, aktiv die deutsche Sprache zu beherrschen. Während die meisten Kinder zum ersten Mal in Schulen mit der deutschen Sprache konfrontiert wurden und sogar Förderunterricht in Deutsch bekamen, besuchten die Erwachsenen bis zu sechs Monate Sprachkurse. Diese Maßnahmen sollten laut Rakhkochkine die wichtigste Voraussetzung für die Integration schaffen. Doch er erwähnt auch die Problematik bei einigen 12- bis 15jährigen Spätaussiedlern. Diesen fehlte es vor allem an Motivation die deutsche Sprache zu erlernen. Rakhkochkine stellt zudem fest, dass die Jugendlichen keine Notwendigkeit im Erwerb einer neuen Sprache sahen, da die ständige Zunahme an Aussiedlern zu einem gewissen Grad an Kulturautonomie führte. Die Folge einer anschließenden Ausgrenzung gegenüber einheimischen Jugendlichen war laut Rakhkochkine nicht verwunderlich, da man sich z. B. über Themen, die für Teenager in der Zeit der Pubertät wichtig sind, nicht unterhalten konnte.

Vogelgesang führt in seiner Studie an, dass das Resultat mangelhafter Sprachkenntnisse vor allem für Jugendliche gravierend ist, denn aufgrund der schlechten Ausdrucksweise in der gesprochenen Sprache wird das Gefühl fremd zu sein immer stärker und dies lähmt die Eingliederung in die Gesellschaft. Aber auch die Unsicherheit in der Schriftlichkeit führt dazu, dass die Jugendlichen vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen werden und sich somit auch von der neuen Heimat verstoßen fühlen. Das Gefühl im neuen Land fremd zu sein wächst in den jungen Aussiedlern stetig weiter. Diesen Aspekt beleuchtet Herwartz-Emden etwas genauer. Sie sagt, dass durch den hohen Assimilationsdruck sich die jugendlichen Spätaussiedler ständig beweisen müssen. Aufgrund ihrer mangelhaften Deutschkenntnisse werden sie von der Gesellschaft nicht als Deutsche angesehen, so Herwartz-Emden, obwohl sie sich innerlich als solche fühlen. Sie führt weiter an, dass diese Differenzerfahrungen zwischen dem eigenen Ich und dem erfahrenen Fremdbild für die Jugendlichen emotional sehr belastend sind und zu einer starken Verunsicherung führen können.

Unfreiwillige Ausreise[Bearbeiten]

Vogelsang hat bei seiner Studie über die jugendlichen Aussiedler herausgefunden, dass viele der Teenager gegen ihren Willen nach Deutschland mitgenommen wurden und nicht wussten, was sie in der neuen Heimat erwartet. Nur aus Erzählungen ihrer Großeltern konnten sie einige z. T. überholte Informationen gewinnen. Doch kaum waren sie angekommen, machten sich tiefe Enttäuschungen und Verunsicherungen breit, so Vogelgesang. Der Wunsch nach der Rückkehr in die alte Heimat wurde immer größer. Dies führte dazu, dass auch der Integrationsgedanke in weite Ferne rückte. Auch neue Untersuchungen von Schäfer bestätigen, dass es sich bei den Aussiedlerjugendlichen um eine „mitgenommene Generation“ handelt und nicht, wie in der Forschungsliteratur von Dietz/Roll noch bis Ende der 1990er Jahre angenommen wurde, die meisten Jugendlichen vor der Ausreise in die Entscheidung mit eingebunden wurden.

Dass eine erzwungene Migration nicht besonders förderlich für eine erfolgreiche Integration ist, bedarf keiner besonderen Erklärung. Vogelgesang nennt als mögliche Folgen dieses Zustands Resignation und Rückzug der russlanddeutschen Jugendlichen, was seiner Meinung nach im weiteren Verlauf sogar Frustrationen auslösen kann. Dies wiederrum ist ein möglicher Entstehungspunkt für Aggressionen. Er äußert auch die Theorie, dass jugendliche Russlanddeutsche, die in den Auswanderungsprozess involviert waren auch eine höhere Integrationsbereitschaft an den Tag legen, als diejenigen, die unfreiwillig nach Deutschland emigriert sind. Ingenhorst belegt diese Annahme anhand einiger Zahlen. So schätzten 43,9 % der Jugendlichen ihre Lage in Deutschland schlechter ein, als erwartet. Nur 18,8 % der Befragten hielten die Lage für besser. Diese negative Einstellung gegenüber dem neuen Land macht die Eingliederung umso schwieriger.

Schule und Bildung[Bearbeiten]

Nun soll ein wichtiger Lebensbereich, der über die individuelle Zukunft und die gesellschaftliche Teilhabe entscheidet, näher betrachtet werden. Schule und Bildung sind für die Entwicklung der Selbstständigkeit, Anerkennung und Karriere verantwortlich. Auch Vogelgesang sieht im sprachlichen Vermögen und der schulischen Bildung einen Zusammenhang. Auch die Migrationsforschung weißt immer wieder auf Brüche, Frustrationserfahrungen und Scheiternsrisiken hin, die mit dem Wechsel von einem Bildungssystem mit seinen je spezifischen Inhalten und Vermittlungsformen in ein anderes verbunden sind. (vgl. Hormel/Scherr 2004; Hamburger u.a. 2005)

Diese negative Entwicklung lässt sich an den Zahlen vom Bildungsbericht 2006 erkennen, die Vogelgesang anführt. Diese zeigen, dass die Rate von Schulabbrechern mit Migrationshintergrund rund 20 % beträgt und die der ungelernten Jugendlichen bei fast 40 % liegt (vgl. Bundesministerium für Bildung und Forschung 2005). Die Ursache für diese Ergebnisse könnte laut Schäfer, der von Vogelgesang zitiert wird, in der sogenannten „Bahnhofssituation“ der Jugendlichen liegen. Diese seien in einem neuen Land angekommen, und wüssten nicht, wohin die Reise geht.

Zudem führt Vogelsang an, dass die Russlanddeutschen den Regelungen des Wohnortzuweisungsgesetztes unterliegen, d.h. dass sie nach Ablauf von drei Jahren an einen anderen Ort umziehen, in die Nähe von Verwandten oder Bekannten. Dies führt seiner Meinung nach bei den Jugendlichen zu einer dramatischen Resignation der Lernmotivation, da sie ständig mit dem Gedanken leben, bald ihre derzeitige Bildungseinrichtung zu verlassen. Diese Einstellung hat zur Folge, dass die Bildungsanstrengungen der jungen Aussiedler z. T. sehr gering sind.

Tanja Betz, die Vogelgesang zitiert, äußert sich bezüglich der Ursachenanalyse des Bildungsmisserfolgs: „Analog zu den schulischen Misserfolgen dominiert im Hinblick auf den Migrationshintergrund im Kontext Bildung das Verständnis einer problembehafteten, defizitären Lebenslage. Sozialstrukturelle Daten, wie eine geringe Wohnqualität, niedriges Einkommen der Eltern und eine geringe Qualifizierung werden angeführt. Diese benachteiligte Ausgangssituation beziehungsweise die individuellen Defizite wirken sich auf die Schule im Sinne eines geringeren Schulerfolgs von zugewanderten Kindern aus.“

Vogelgesang stellt in seiner Untersuchung auch die PISA-Studie aus dem Jahr 2000 vor und führt an, dass 49% der Kinder, deren Eltern nicht in Deutschland geboren sind, die Hauptschule besuchten, 27% die Realschule und nur 15% Prozent das Gymnasium (Vergleich deutsche Kinder: 23%; 37%; 32%). Zusammenfassend stellt er fest, dass zwei Faktoren für den schulischen (Miss-)Erfolg verantwortlich sind. Zum einen die Integrationshilfen, die das Aufnahmeland zur Verfügung stellt und zum anderen die Voraussetzungen, die die jungen Russlanddeutschen mitbringen.

Nach Befragung mehrerer Experten führt Vogelgesang an, dass der Unterschied im Bildungsniveau in erster Linie auf die mangelhaften Sprachfertigkeiten zurückzuführen ist. Demzufolge würden die meisten Aussiedlerjugendlichen im deutschen Schulsystem ein bis zwei Jahre zurückgestuft (vgl. Maier 2003: 59), was ihre schulische Laufbahn automatisch verlängert. Die Jugendlichen empfinden dies laut Vogelgesang als Demütigung und Benachteiligung. Er betont weiterhin, dass diese Umstände bei einigen Jugendlichen zu Schulverweigerung oder gar Aggressionsausbrüchen führen können. Neben der Praxis der Zurückstufung greift Vogelgesang einen weiteren Aspekt auf, der sich kontraproduktiv auf die Bildungslaufbahn der Jugendlichen auswirkt. So sind vor allem die sogenannten „Seiteneinsteiger“ auf Empfehlungen und Lehrerurteile zu ihrer Platzierung im Bildungswesen angewiesen und bei der Entscheidung zählt ausschließlich die Sprachbeherrschung. Da hier noch große Defizite vorliegen, werden die jungen Russlanddeutschen automatisch an die Hauptschule verwiesen.

Als einen weiteren Grund für den geringen Bildungserfolg nennt Vogelgesang die veränderte Rolle des Lehrers in Deutschland. Während in der ehemaligen UdSSR die Lehrerrolle sehr autoritär war, lässt man dem Schüler in der Bundesrepublik viele Freiheiten. Die jungen Aussiedler sind hier gefordert Eigeninitiative zu zeigen und Selbstständigkeit zu entwickeln, anstatt Anweisungen anzunehmen und zu gehorchen, so Vogelgesang. Zum Schluss greift er die familiäre Situation auf, die ebenfalls stark zur schulischen Karriere beiträgt. In einigen Familien herrscht geringe Wertschätzung von Bildung. Die unsicheren Lebensumstände, auch von Seiten der Eltern führen dazu, dass einem sicheren Arbeitsplatz ein höherer Wert zugeschrieben wird, als einer guten schulischen Ausbildung.

Das "kulturelle Erbe"[Bearbeiten]

„Die Aussiedler haben eine Zeitverschiebung von fünfzig Jahren bezüglich der Verhaltensregeln in der Familie und Gesellschaft. Da hat das Faustrecht eine andere Gültigkeit, sodass es manchmal schwer fällt, zu sagen: Das müssen wir irgendwie anders regeln. Die sind so fest in ihrer Kultur verwurzelt, das Erbe werden die nicht mehr los. Und aus ihrer Sicht ist es ja auch völlig in Ordnung, wenn sie den Macho herauskehren und den starken Mann demonstrieren. Alles andere kommt einem Gesichts- und Ehrverlust gleich.“ Zitat eines ehemaligen Leiters eines Übergangswohnheims

Erziehung[Bearbeiten]

Die elterlichen Erziehungsstile in Aussiedlerfamilien können laut Herwartz-Emden nicht als allein autoritär patriarchalisch beschrieben werden. Sie beruft sich dabei auf die quantitativ angelegte Auswertung einer standardisierten Befragungsstudie und meint, dass das Erziehungsverhalten der Eltern nur zum Teil eine autoritär-bestimmende Seite aufzeigt und ihr eine zärtlich-behütende Erziehung gegenüber steht. Der Unterschied zu Deutschland besteht weniger in den Erziehungsstilen, sondern eher in der Übertragung von Verantwortung für die Erziehung, so Herwartz-Emden. Sie sagt auch, dass es in der ehemaligen UdSSR die Aufgabe der Schule war, den größten Teil der Erziehung zu übernehmen. In Deutschland wurden die Eltern mit einer neuen Aufgabe konfrontiert.

Nach Maria S. Rerrich, auf die Herwartz-Emden ihre Behauptungen stützt, sind die Bedingungen für die Kindererziehung in Deutschland am Leitbild der traditionellen Familienform orientiert, d. h. dass davon ausgegangen wird, dass die Mutter als Hausfrau die Kindeserziehung übernimmt, während der Vater in Vollzeit beschäftigt ist. Diese Lebensweise stellt für viele Aussiedlerfamilien, laut Herwartz-Emden, aufgrund des hohen Betreuungs- und Organisationsaufwandes, eine Belastung dar. In der ehemaligen UdSSR waren die Kinder in Ganztagskindergärten untergebracht oder wurden von ihren Großeltern betreut. Beide Eltern waren berufstätig. Herwartz-Emden führt weiter an, dass sich die Aussiedlermütter in ihrer neuen Aufgabe erst zurechtfinden mussten, denn die Aspekte der Macht im elterlichen Erziehungsverhalten wurden im deutschen Kontext überwiegend an den Vater delegiert. Bisher haben jedoch die Aussiedlerinnen eine sehr dominante und machtvolle Position in der Erziehung vertreten. In den Augen der Aussiedlerinnen war eine gute Mutter gleichzeitig eine strenge Mutter. Die Kinder mussten und müssen zum Teil immer noch gehorchen. Zum selben Ergebnis kam auch Hübner, den Vogelgesang in seiner Studie zitiert. Ihm zufolge wird in Aussiedlerfamilien der Unterwerfung ein hoher Wert beigemessen. Dabei sollen die Kinder und Jugendlichen ihre Eltern achten und deren Anweisungen befolgen.

Doch mit der Übersiedlung nach Deutschland kam die Wende und viele Frauen versuchten ihren Erziehungsstil anzupassen und gingen einen Kompromiss zwischen ihren Überzeugungen und dem Integrationsdruck zugunsten ihrer Kinder ein. Dies stellte Herwartz-Emden fest, als sie während des FAFRA-Projekts qualitative Interviews mit den Aussiedlermüttern führte. Die Frauen sahen schließlich ein, dass die zum Teil autoritäre Erziehung in der ehemaligen UdSSR für die Entwicklung der Selbstständigkeit der Kinder schädlich war. Doch nicht alle Frauen schafften eine ausgewogene Balance zwischen Autorität und Nachgiebigkeit, so Herwartz-Emden. Einige ließen ihren Kindern freien Lauf und verloren somit jegliche Kontrolle über den Jugendlichen. Sie fand in qualitativen Interviews zudem heraus, dass sich der Vater in einer Ratgeber- und Vorbildrolle sieht und Verbote ausdrücklich ablehnt. Außerdem entwerfen die Väter aus Aussiedlerfamilien ein klassisches Vaterbild, das den Mann als Vater in seiner beschützenden, behütenden und sorgetragenden Rolle kennzeichnet. Auch die Väter mussten sich in der Anfangszeit daran gewöhnen, ihre Freizeit mit ihrer Familie zu verbringen, so Herwartz-Emden, denn im Gegensatz zu Deutschland hatten die Elternteile in der UdSSR aufgrund sehr hoher Arbeitsbelastung nur wenig elterliche Zeit für die Kinder zur Verfügung. Körperliche Züchtigung als eine Erziehungsmaßnahme wurde von keinem Elternteil angegeben.

Das russische Männlichkeitsbild[Bearbeiten]

In seiner Studie über junge Aussiedler fand Vogelgesang mit Hilfe von Interviews und in Expertengesprächen heraus, dass es sehr wohl Anhaltspunkte für das Vorhandensein eines „russischen Männlichkeitsbildes“ gibt. „Anerkennung, Respekt, Gruppenzugehörigkeit und Gewalt sind dabei Leitideen und Handlungsmaximen, an denen das Stereotyp vom „russischen Mann“ im Alltag gleichsam konkret – und auch sichtbar – wird.“, so Vogelgesang. Auch Gamper/Eisenbürger bestätigen, dass bei der Analyse der Wertebildungen ein enger Zusammenhang zwischen den Items ‚Anerkennung in der Gruppe‘, ‚anders sein als die anderen‘, ‚Stärke und Härte beweisen‘ und ‚ein aufregendes Leben führen‘ besteht. Durch einige Auswertungen, die von Gamper und Eisenbürger vorgenommen wurden, auf welche sich Vogelgesang in seiner Studie stützt, ließ sich feststellen, dass es eine Art jugendlicher Vergemeinschaftung gibt, die er ‚maskuline Cliquenorientierung‘ nennt. Besonders bei Russlanddeutschen zwischen dem 15. und dem 17. Lebensjahr ist dieses Gruppengefühl besonders stark ausgeprägt. Dies lässt sich anhand eines Werteindex von Eisenbürger/Gamper belegen, wonach bei 55% der Aussiedlerjugendlichen die Männlichkeitsdominanz hohe Zustimmung findet, die der deutschen Jugendlichen liegt lediglich bei 18%.

Vogelgesang stellt zudem fest, dass vor allem bei jungen Russlanddeutschen die Anerkennung der Gruppe und die Abgrenzung von anderen z. B. durch riskanten und körperbetonten Lebensstil wichtig ist. Ein möglicher Erklärungsansatz für den Zusammenhalt untereinander, den er gibt, könnte darin liegen, dass sich die Gruppe der Aussiedler als eine Fremdgruppe beweisen muss, da für sie die deutschen Einstellungen und Werte fremd erscheinen. Als ein Symbol der Gemeinschaft entwickeln die Aussiedler ihre eigene Begrüßungsweise und sprechen die russische Sprache, um sich gezielt abzugrenzen. Ein Jugendpolizist aus Trier betont in einem Interview, dass die jungen Russlanddeutschen auch ihre Konflikte diskutieren und untereinander lösen. Auch Strasser/Zdun, die von Vogelgesang angeführt werden, stützen diese Theorie. Sie warnen jedoch davor, dass die Mitgliedschaft in solchen Gruppen die Jugendlichen sehr schnell zum Alkohol- und Drogenkonsum verleiten kann und nicht zuletzt zu einer erhöhten Gewaltbereitschaft im Umgang mit Problemlagen führt. Auch Babka v. Gostomski stellte in seiner Untersuchung zur Gewalt bei Migrantenjugendlichen fest, dass die Einbindung in hoch kohäsiven Cliquen vor allem bei männlichen Aussiedlern einen gewaltfördernden Einfluss hat. Vogelgesang geht in seiner Studien noch näher auf das Männlichkeitsbild ein und versucht mögliche Attribute für das Verhalten der männlichen Spätaussiedler herauszufiltern. Dazu führte er mehrere Befragungen durch, bei welchen die Probanden ihre Einstellung zu Gewalt und dem Verhalten innerhalb der Familie kommentieren. Eines sei hier aufgeführt

„Der Aussage: ‚Ein Mann, der nicht bereit ist, sich mit Gewalt gegen Beleidigungen zu wehren, ist ein Schwächling‘ stimmten 36% der Aussiedlerjugendlichen und nur 12% der einheimischen Jugendlichen zu.“ Vogelgesang fand heraus, dass für viele Aussiedlerjugendliche Gewalt ein legitimes Mittel ist, um die Ehre der Familie zu schützen. Er sagt auch, dass die Demonstration der eigenen Autorität für die Jugendlichen von hoher Wichtigkeit ist und die Anwendung von Gewalt - in ihren Augen - erforderlich, da sonst die eigene Schwäche gezeigt wird. Desweiteren lässt sich aus seiner Untersuchung entnehmen, dass 78% der jungen Aussiedler wenn nötig mit körperlicher Gewalt die eigene Familie schützen würden (Einheimische 48%), für 54% der Befragten ist sogar gewalttätiges Vorgehen bei verbaler Verletzung der Familienehre nicht ausgeschlossen, bei den deutschen Jugendlichen waren es rund 18%. Vogelsang führt zudem noch an, dass trotz der Verbreitung von Gewalt- und Härtenormen innerhalb der jungen Russlanddeutschen, die im engen Zusammenhang mit tradierten russischen Erziehungs- und Männlichkeitsvorstellungen gesehen werden müssen, vor allem Angebote geschaffen werden sollten, in denen die Aussiedlerjugendlichen ihre gewalt- und exzessförmigen Expressionsformen in „kontrollierte Bahnen“ lenken können.

Umstände nach dem Zerfall der UdSSR[Bearbeiten]

Bildung krimineller Gruppen[Bearbeiten]

Schon zu Stalins Zeiten entwickelte sich eine organisierte Kriminalität in Russland. Nach Rahr bildete sich das russische Verbrechen aus ehemaligen Kriminellen, die vom Staat unterstützt wurden, den sogenannten „Dieben im Gesetz“ und den korrupten Beamten auf allen Staatsebenen, die mit den kriminellen Gruppen kooperierten. Im Volksmund wurden die „Diebe im Gesetz“, die zunächst materiell gesehen eher bescheiden lebten, aufgrund ihrer Lebensweise als „freie Vögel“ und „moderne Robin Hoods“ bezeichnet und wurden insbesondere von der jüngeren Bevölkerung schon fast als Helden angesehen, denn in Russland war das Verhältnis der Bevölkerung zu Verbrechern stets eine Mischung aus Neugier und Mitleid, so Rahr. Bald bildete sich aus den „Dieben im Gesetz“ die radikale Gruppe der „Modernisten“, die versuchten, sich auch in das öffentliche Geschehen einzumischen. Rahr führt an, dass die Einnahmen dieser kriminellen Autoritäten aus dem Schmuggel von Edelmetallen und Kunstgegenständen kamen, außerdem erpressten sie im Untergrund Unternehmen, betrieben Rauschgifthandel und raubten industrielle Güter aus den Staatsbetrieben.

Um das Ausmaß der organisierten Kriminalität zu verdeutlichen, stellt Rahr folgendes Zahlenmaterial vor: „Das russische Innenministerium, das heute den Kampf gegen das organisierte Verbrechen leitet, schätzt, dass in Russland 40 Prozent der privaten und 60 Prozent der staatlichen Unternehmen sowie etwa 50 Prozent der Banken vom organisierten Verbrechen kontrolliert werden. Damit wären etwa zwei Drittel der russischen Wirtschaft direkt oder indirekt in der Gewalt der Mafia.“

Nach Angaben des russischen Innenministeriums gehören ca. 30% der operativen Miliz-Mitarbeiter den kriminellen Gruppen an. „‘Transparency International‘, eine NGO, die sich mit dem Kampf gegen Korruption beschäftigt, schätzt Russland als eines der korruptesten Länder der Welt ein und stellt es auf eine Stufe mit Nigeria, Bolivien und Kolumbien.“, so Rahr. So ist es auch nicht verwunderlich, dass die Menschen ihren Glauben in die Justiz verloren haben, ihr aus dem Weg gehen und entstandene Konflikte selbst lösen, um nicht in den Sog der organisierten Kriminalität und der Korruption zu gelangen.

Die Wirtschaftskrise[Bearbeiten]

Nach Hohmann gab es bereits vor 1985 wirtschaftliche Probleme in der UdSSR, doch diese verstärkten sich ab der Zeit der „Perestrojka“. Es gab eine Krise in der Versorgung, so Hohmann. Die Regale in den Läden waren leer, kaum wurden Lebensmittel geliefert, bildeten sich lange Schlangen vor den Geschäften, die Menschen kauften so viel ein, wie sie tragen konnten. Aufgrund der hohen Nachfrage nach Lebensmitteln und dem geringen Angebot, stiegen die Preise massiv an. Hohmann führt weiterhin an, dass es in großem Maße zur Rationierung und Formen von direkter Zuteilung von Konsumgütern kam. Dies führte wiederrum zu einem monetären Ungleichgewicht, welches sich in einer explodierenden Inflationsrate widerspiegelte. Die Schere zwischen Angebot und Nachfrage auf den Konsumgüter- und Produktionsmittelmärkten klaffte immer stärker auseinander, aber auch das Defizit des Staatshaushalts wuchs, so Hohmann. Dazu kamen verschärfende soziale Probleme hinzu. Aufgrund zunehmender beginnender Freisetzungen und struktureller Beschäftigungslosigkeit nahm die Zahl der Arbeitslosen massiv zu. Dies hatte zur Folge, dass sich steigende Verarmung in der Bevölkerung breit machte. Laut Hohmann lebten rund 20% der Menschen an oder sogar unter der Armutsgrenze.

Demotivation und Frustration ereilte das Land. Die Menschen waren einerseits enttäuscht und verärgert über die politischen und wirtschaftlichen Fehlentscheidungen, andererseits waren sie aber verzweifelt, da sie nicht wussten, wie sie ihre Familien ernähren sollten. Dass sich viele Menschen nach solch extremen psychischen Belastungssituationen mit z.B. Alkohol oder Drogen in den Alltag flüchten, mag nicht verwundern, meint auch die psychologische Beraterin Doris Regina. Einige stellten fest, dass sie nur durch hartes Vorgehen vorankommen und nur auf diesem Wege ihre Stellung in der Gesellschaft sichern können. Mit diesen Vorstellungen kamen auch viele Russlanddeutsche in die BRD.

Daten und Fakten zur Kriminalität bei Aussiedlern[Bearbeiten]

Delinquentes Verhalten[Bearbeiten]

Nach Vogelgesang ist es sehr schwer eine vollständige und einheitliche Kriminalitätsstatistik von Russlanddeutschen zu erstellen, da die Aussiedler nach ihrer Einreise nach Deutschland die deutsche Staatsbürgerschaft bekommen, und somit nicht mehr aus der breiten Masse herauszufiltern sind. Er führt weiter an, dass in der bundeseinheitlichen Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) lediglich zwischen deutschen und nichtdeutschen Tatverdächtigen unterschieden werden kann. Somit können keine gesonderten Rückschlüsse bzgl. der Kriminalitätsrate der russlanddeutschen Jugendlichen auf Bundesebene gezogen werden. Einige Bundesländer, so z. B. auch Bayern nehmen Sonderauswertungen vor, in welchen die Spätaussiedler registriert werden, so Vogelgesang. Desweitgeren lassen weitere wichtige Einzelstudien (vgl. Bukow u.a. 2003; Kronbügel 2003; Naplaya 2003; Pfeiffer 2004), die der Frage nach einem möglichen Zusammenhang zwischen Migration und Jugendkriminalität nachgehen, einen bestimmten Trend erkennen.

„Fasst man die vorliegenden Daten aus der Polizeilichen Kriminalstatistik und die Befunde aus den Einzeluntersuchungen zusammen, dann zeigt sich – entgegen dem in der Öffentlichkeit propagierten Bild von ‚kriminellen Russen‘ – kein signifikanter Unterschied in der Kriminalitätshäufigkeit zwischen Einheimischen und russlanddeutschen Jugendlichen .“, so Vogelgesang.

Er führt weiter an, dass es zudem einen ‚ethnischen Selektionskonflikt‘ in der Bevölkerung im Hinblick auf die Anzeigebereitschaft gibt. So würden jugendliche Aussiedler öfter eine Anzeige bekommen, als Einheimische. Dabei beruft sich Vogelgesang auf Mansel/Albrecht und erklärt, dass es dadurch zwar mehr Ermittlungsverfahren gegen Russlanddeutsche gäbe, die Zahl der Verurteilten im Vergleich zu den deutschen Jugendlichen jedoch nicht höher sei. Somit liegen, laut Vogelgesang die Unterschiede in der Kriminalitätsbelastung von deutschen Jugendlichen und Aussiedlern weniger in der Häufigkeit als in der Art der Delikte. Nach Pfeiffer, auf den sich Vogelgesang beruft, sind ein Drittel der Drogendelikte auf Russlanddeutsche zurückzuführen. Nach Auskunft einer JVA Mitarbeiterin der Stadt Wittich, die Vogelgesang zitiert, wurde fast jeder zweite verurteilte Aussiedler wegen Drogenbesitz oder Drogenhandel gefasst. Heuer/Ortland geben als die drei häufigsten Delikte Ladendiebstähle, Rauschgiftkriminalität und Verkehrsverstöße an. Des Weiteren gäbe es einen engen Zusammenhang zwischen Drogenabhängigkeit, Alkoholkonsum und Gewaltdelikten wie Raub und Körperverletzung. Eine Bestätigung zu dieser Aussage gab es von einem Kriminalkommissar aus Trier, den Vogelgesang in seiner Studie befragte. Er führt weiter an, dass vor allem Gruppen zu Gewaltdelikten neigen und dabei besonders aggressiv und brutal vorgehen.

Zahlen zu polizeilich registrierten Aussiedlern[Bearbeiten]

Folgende Daten beziehen sich auf die Kriminologische Forschungsgruppe der bayerischen Polizei und sind aus dem Jahr 1998. Es wurden gezielt Werte aus früherer Zeit genommen, da von 1992 bis 1997 die meisten Russlanddeutschen nach Deutschland übersiedelten und somit der Integrationsprozess und die Eingliederung in die Gesellschaft erst begonnen haben. Außerdem ließen sich in dieser Phase die straffällig gewordene Spätaussiedler aus der Kriminalitätsstatistik herausfiltern. Desweiteren sei anzumerken, dass an allen 1998 in Bayern polizeilich registrierten Tatverdächtigen die Aussiedler einen Anteil von 6,2% haben und davon nur knapp die Hälfte aus der ehemaligen UdSSR stammt. Bei den anderen Aussiedlern handelt es sich um Zugewanderte aus Rumänien, Polen, der ehemaligen CSSR, Jugoslawien und Ungarn, so Luff in seinem Bericht. Insgesamt gab es im Jahr 1998 laut der Kriminalstatistik Bayern 405.811 straffällig Gewordene. Davon waren 283.260 Deutsche, 25.593 Aussiedler und 96.958 Nichtdeutsche. Zu der Zeit lebten ca. 378.033 Aussiedler bereits in Bayern. Würde man den prozentuellen Wert ermitteln, so wären im Jahr 1998 6,8% der Aussiedler polizeilich registriert. Wenn es um die Straftatenobergruppen geht, dann sind Aussiedler bei einfachem Diebstahl prozentual wesentlich häufiger registriert als Deutsche und Nichtdeutsche. Nach Luff sind 34,3% der von Aussiedlern begangenen Straftaten einfache Diebstähle, 23% der Tatverdächtigen waren zu diesem Zeitpunkt 14 bis 17 Jahre alt.

Da in Presseberichterstattungen und auch innerhalb der Polizei die Rauschgiftkriminalität thematisiert wird, soll dieser Punkt im Folgenden näher beleuchtet werden. Außerdem werden Werte für Gewaltkriminalität (Mord, Totschlag, gefährliche/schwere Körperverletzung etc.) und Straßenkriminalität (schwere/gefährl. Körperverletzung an öffentlichen Plätzen, Sachbeschädigung etc.) vorgestellt. Luff führt an, dass von 32.728 registrierten Straftaten im Rauschgiftbereich, 1.748 von Aussiedlern begangen worden sind. Dies entspricht einem Prozentsatz von 5,3%. Die prozentualen Anteile bei der Gewaltkriminalität verteilen sich wie folgt: Deutsche: 3,2%; Nichtdeutsche: 5,2%; Aussiedler: 4,7%. Insgesamt wurden 15.326 Gewaltdelikte begangen.

Weiterhin heißt es in der polizeilichen Kriminalstatistik von Luff: „Ein möglicher Grund, weshalb Aussiedler in den Kriminalberichtserstattungen der Medien immer wieder thematisiert werden, dürfte darin zu sehen sein, dass deren Straftaten prozentual häufiger als die von Deutschen und Nichtdeutschen als Straßenkriminalität registriert sind, sich damit in 10,4% aller Fälle im öffentlichen Raum ereignen (Deutsche: 7,7%; Nichtdeutsche: 8,3%) und deshalb auch eher wahrgenommen werden.“ Dieses Ergebnis wird auch von Dietz/Roll gestützt, die herausgefunden haben, dass 20,2% der jungen Aussiedler die Straße als bevorzugten Freizeitort angeben. Bei den Deutschen waren es nur 9,1%. Auffällig sei jedoch laut Luff die hohe Anzahl straffällig gewordener Aussiedler im Alter von 14 bis 17 Jahren. Diese haben einen Anteil von ca. 17%. Erst knapp nach den 18-20-Jährigen folgen 1998 die 30-39-Jährigen mit einem „nur“ 12-prozentigen Anteil an allen Tatverdächtigen dieser Bevölkerungsgruppe an dritter Stelle.

Luff stellt in seinem Bericht außerdem fest: „Neben den jugendlichen ist auch bei den kindlichen Tatverdächtigen vor allem im Vergleich mit den Nichtdeutschen (aber auch den Deutschen) gleichfalls von einer Überrepräsentierung der Aussiedler auszugehen. Zusammen machen die nicht volljährigen Tatverdächtigen bei den Deutschen einen Anteil von 18,1% aus, bei den tatverdächtigen Nichtdeutschen beträgt er nur 13,4%, von den tatverdächtigen Aussiedlern dagegen ist immerhin jeder vierte (26,1%) unter 18 Jahre alt.“

Interview[Bearbeiten]

/Interview Proband 1

/Interview Proband 2

/Interview Proband 3

/Interview Proband 4

Fazit[Bearbeiten]

Im Folgenden soll erläutert werden, weshalb die Hypothese „Junge männliche Aussiedler aus der ehemaligen UdSSR weisen aufgrund des Kulturtransports ein hohes Aggressionsverhalten auf und werden oft kriminell“ nicht uneingeschränkt gehalten werden kann. Die Literatur bietet hier wertvolle Hinweise für die mögliche Entstehung von Aggressionen bei Jugendlichen. Die von mir bereits erläuterte Wohnsituation der Russlanddeutschen ist wohl nicht der ausschlaggebende Punkt für eine mögliche Aggressionsentwicklung, doch dieser ist mit vielen anderen Faktoren verkettet. Obwohl keiner der Probanden bei den Interviews auf die Zeit in Übergangswohnheimen einging, (dieses Erlebnis ist womöglich nicht mehr bewusst in den Köpfen der jungen Russlanddeutschen) hat diese Zeit die jungen Männer sehr wohl beeinflusst. Sowohl in der Literatur als auch in den Interviews wurde bestätigt, dass der erste Kontakt der Russlanddeutschen, aufgrund mangelnder Sprachkenntnisse, untereinander stattfand. Förderlich hierfür waren vor allem die Übergangswohnheime, in welchen die Aussiedler zum Teil einige Jahre abgeschottet lebten. Der Austausch innerhalb der Eigengruppe ließ vor allem bei Jugendlichen erste Freundschaften entstehen – ein Gruppenzugehörigkeitsgefühl entstand. Dass die Bildung von Cliquen aggressionsfördernd ist, bestätigen sowohl die Literatur, als auch die Interviews. Probanden, die einer Jugendgruppe angehörten, neigten zu erhöhtem Aggressionsverhalten und wurden kriminell.

Bei einer Befragung, die Vogelgesang durchführte, bestätigt ein Kriminalkommissar im Interview: „Bei den jungen Russlanddeutschen, wenn wir da in den Bereich der Gewaltkriminalität gehen, also von Eigentumskriminalität und Körperverletzungsdelikten, da steckt auch ein gehöriges Gewaltpotential dahinter. Viele Straftäter sind auch als Konsumenten harter Drogen bekannt und stehen zur Tatzeit oft unter erheblichem Alkoholeinfluss. Kommen dann noch gruppendynamische Prozesse hinzu, wie wir sie in Cliquen immer wieder beobachten, dann kann dies schnell zu einer Gewalteskalation führen.“ Auch in den von mir durchgeführten Interviews ließ sich feststellen, dass Probanden, die zu einer Clique von Russlanddeutschen dazugehörten, aggressiver und krimineller auftraten, als Probanden ohne diesen Background. Außerdem bestätigten die Befragten, die gewaltvollen Übergriffe seien im alkoholisierten Zustand verübt worden.

Der Aspekt, schulischer Misserfolg würde zu erhöhter Aggression der russlanddeutschen Jugendlichen führen, ließ sich in den Interviews nicht bestätigen. Auch das in der Literatur angeführte Argument, dass Russlanddeutsche, die vor ihrer Einreise nach Deutschland in einer Stadt gelebt hatten auch automatisch krimineller sind, lässt sich in dieser Untersuchung nicht belegen. Drei der vier Probanden wohnten in einer Stadt, lediglich einer kam aus einem ländlichen Gebiet. Es ließ sich jedoch eine positive Korrelation zwischen unfreiwilliger Ausreise und erhöhtem Aggressionsverhalten / erhöhter Kriminalität feststellen. Junge Aussiedler, die gegen ihren Willen nach Deutschland kamen, hatten einen niedrigen Integrationswunsch. Sowohl die Literatur als auch die Befragung der Probanden kamen zum gleichen Ergebnis. Aus Angst vor dem eigenen Identitätsumbruch kam es von Seiten der Jugendlichen zu Protesten, die sich im erhöhten Aggressionsverhalten und Anpassungswiderständen widerspiegelten.

Die Wurzeln, weshalb einige junge Russlanddeutsche zu erhöhter Aggression neigen, mögen im kulturellen Erbe vergraben liegen. Wie aus der Literatur bereits entnommen, hinkt die russische Erziehung in Punkto „Verhaltensregeln“ der westlichen hinterher. Die elterlichen Erziehungsstile sind veraltet und der heutigen Zeit nicht mehr angemessen. Die Gehorsamkeit der Kinder wird auf die höchste Stufe gestellt und als eine beliebte Erziehungsmaßnahme wird – zum Teil bis heute noch – der Gürtel zur Strafe hinzugezogen. Diese Aussage bestätigten auch die Probanden im Interview. Die freie Entfaltung und Selbstständigkeit der Kinder und Jugendlichen als primäres Erziehungsziel ist noch nicht in alle Köpfe der Russlanddeutschen Mütter und Väter durchgesickert. Somit lernen einige, wenige Kinder und Jugendlichen nicht, Probleme gewaltfrei zu lösen.

Ein wichtiger Aspekt, der in der Literatur diskutiert wird, nämlich vom „russischen Männlichkeitsbild“, ließ sich in den Interviews nicht herausarbeiten. Trotzdem möchte ich diesen Punkt aufgreifen, da ich der Meinung bin, dass es sehr wohl bei jungen Russlanddeutschen ihr eigenes Verständnis von Macht und Männlichkeit gibt, der zur erhöhter Aggression führen kann. Dabei stütze ich mich auf die Befragungen, die Vogelgesang in seiner Studie über junge Russlanddeutsche durchführte.

Ein Jungendpolizist aus Bitburg meinte: „Bei Schlägereien ist man z. B. die Härte der Russen nicht gewohnt. Diese schlagen mit voller Härte zu. Vielleicht, weil sie es nicht anders gewohnt sind, vielleicht weil sie damit auch einem russischem Ehrenkodex folgen und Macht und Männlichkeit demonstrieren müssen.“

Auch ein 21-Jähriger Russlanddeutsche bestätigte: „Man hat dazu (zur Gewalt; W.V.) einfach eine andere Vorstellung als in Deutschland. Wenn man jemanden zusammenschlagen kann, ist man stark und wird respektiert. Es sind andere Werte wichtig.“

Ein Mitarbeiter des Internationalen Jugendbundes in Osthofen äußerte sich zum Männlichkeitsbild der Russlanddeutschen Jugendlichen: „Der Begriff Männlichkeit, der spielt bei Aussiedlern eine ganz wesentliche Rolle. Das ist bei Einheimischen, denke ich, nicht so. Es gibt in Worms einen Boxclub, der war fast am Boden und hat dann durch Aussiedler, die Kampfsport machen wollten, wieder enormen Zuwachs gehabt, weil gerade das Starksein für Aussiedler wichtig ist. Das ist nicht nur hier so, sondern lässt sich an vielen Orten beobachten.“

Auch die Befragung eines Richters aus Bitburg bestätigte das Vorhandensein eines russischen Männlichkeitsbildes bei einigen jungen Aussiedlern: „Das ist diese Neigung, als harter Typ zu gelten, der ordentlich was aushalten kann. Deshalb prügeln sie auch nicht auf die normale Eifeler Art. Wenn da einer umfällt, dann ist die Schlägerei auf der Eifeler Kirmes zu Ende. Man machte den Betreffenden wieder wach, ging einen trinken und hat sich vertragen. Bei Schlägereien, an denen jedoch Aussiedler beteiligt sind – auch schon 15- und 16-Jährige –, ist die Brutalität manchmal nicht zu übertreffen. […] Mit dem Prügeln soll gezeigt werden, was für eine große Nummer man ist und, dass man Respekt verdient. Dieses harte und gnadenlose Verhalten bei den Deutschrussen, das hat für mich etwas Archaisches: Stärke zeigen, Furcht auslösen, Unterwerfung erzwingen.“ Dass einige Russlanddeutsche bei Konflikten brutal vorgehen, hat auch ein Interviewpartner bestätigt. Er umschrieb die Auseinandersetzung als „blutig“.

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass die Russlanddeutschen durch ihre Sozialisation und Vergangenheit geprägt wurden. Einige von ihnen entwickelten ihr ganz persönliches Bild von Konfliktlösungen. Trotz des anfänglichen Eindrucks bzgl. hoher Aggressions- und Kriminalitätsrate junger Russlanddeutscher, lässt sich diese Annahme nicht bestätigen, da die Kriminalitätsstatistik andere Daten liefert.

Ein möglicher Ansatz, für die in der Bevölkerung weit verbreitete Meinung „Junge Aussiedler sind aggressiv“, mag in der Propagierung falscher Tatsachen von Seiten der Medien liegen. Ein Beispiel für die vielfach in den Medien beobachtbare einseitige und vorurteilsbehaftete Berichterstattung liefert der ‚Spiegel‘ vom 23. Mai 2005: Abweichung wird zweimal aufgegriffen, einmal um über die Hintergründe der Tötung einer Ahrensburger Lehrerin durch russlanddeutsche Schüler zu informieren, zum zweiten, um die Entstehung einer rechtsradikalen Jugendkultur als Reaktion auf die kriminelle Aktivität von Spätaussiedlern in Kleinstädten wie Aichach und Cloppenburg zu erklären.

Auch in der Wochenzeitung ‚Die Zeit‘ vom 12. Oktober 2006 lässt Adam Soboczynski mit seinem Artikel ‚Fremde Heimat Deutschland. Lange Zeit galten Russlanddeutsche als unauffällige Einwanderer – heute führen ihre Söhne die Gewaltstatistiken mit an‘ keine Zweifel daran, dass von den zugewanderten jungen Migranten ein hohes Gefahrenpotential ausgeht und sie zu der größten – und am schwersten zu integrierenden – sozialen Problemgruppe zu rechnen seien.

Ein ehemaliger Bundesbeauftragter für Aussiedlerfragen ging in einem Interview auf das Phänomen der Manipulation von Medien ein und bestätigte: „Kriminalität wird auf mangelnde Integration zurückgeführt, sie gilt vielen als Migrationsschicksal. Das ist auch in der Berichterstattung über die Aussiedler zu beobachten. Sie ist simplifizierend und tendenziös, polarisierend und schablonenhaft. Durch die Unterstellung von übermäßigem Alkohol- und Drogenkonsum und überdurchschnittlicher Gewaltbereitschaft und Kriminalität wird ihnen sozusagen die Berechtigung entzogen, richtige Deutsche zu sein.“ Er ergänzte zudem, dass es notwendig sei die Berichterstattung fair, sachbezogen und differenzierend zu gestalten. Auch ich bin der Meinung, dass in diesem Fall die Medien sehr viel kaputt machen und die Einstellung der Bevölkerung gegenüber Fremdgruppen negativ beeinflussen.

Literaturhinweise[Bearbeiten]

1. Ingenhorst, H. (1997). Die Rußlanddeutschen. Aussiedler zwischen Tradition und Moderne. Frankfurt [u.a.]: Campus-Verl.

2. Herwartz-Emden, L. (1997). Erziehung und Sozialisation in Aussiedlerfamilien. Einwanderungskontext, familiäre Situation und elterliche Orientierung. Bundeszentrale für Politische Bildung (Hrsg.), Aus Politik und Zeitgeschichte (S. 4-9). Bonn: Bundeszentrale.

3. Luff, J. (2000). Kriminalität von Aussiedlern. München: KFG Bayerisches Landeskriminalamt.

4. Rakhkochkine, A. (1997). Neue Heimat – neue Zukunft. Eine soziologisch-pädagogische Studie über die Integration der Kinder der Aussiedler aus den GUS-Staaten. Bundeszentrale für Politische Bildung (Hrsg.), Aus Politik und Zeitgeschichte (S. 10-16). Bonn: Bundeszentrale.

5. Vogelgesang, W. (2008). Jugendliche Aussiedler. Zwischen Entwurzelung, Ausgrenzung und Integration. Weinheim [u.a.]: Juventa-Verl.

6. http://www.bpb.de/themen/AA1Q8R,3,0,Die_Geschichte_der_Russlanddeutschen.html#art3 (10.01.2012)

7. http://kanka.de/aurora/konf4/mafia3.htm#Die%20Transformation%20der%20kriminellen%20Elite (10.01.2012)

8. http://library.fes.de/gmh/main/pdf-files/gmh/1989/1989-12-a-789.pdf (10.01.2012)

9. http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-40474029.html (03.02.2012)

10. http://www.zeit.de/2006/42/Russlanddeutsche (03.02.2012)