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Kurs:Einführung in die Algebra (Osnabrück 2009)/Vorlesung 4

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Das Lemma von Bézout



Satz  

Jede Menge von ganzen Zahlen a1,,an

besitzt einen größten gemeinsamen Teiler d, und dieser lässt sich als Linearkombination der a1,,an darstellen, d.h. es gibt ganze Zahlen r1,,rn mit

r1a1+r2a2++rnan=d.

Insbesondere gibt es zu teilerfremden ganzen Zahlen a1,,an eine Darstellung der 1.

Beweis  

Dies folgt direkt aus Lemma 3.9 und Satz 3.2.


Man beachte, dass ein größter gemeinsamer Teiler, der nach dem Lemma von Bézout existiert, nicht eindeutig bestimmt ist. Denn ebenso ist mit g auch das Negative g ein größter gemeinsamer Teiler. Häufig wählt man den Vertreter 0, um Eindeutigkeit zu erreichen, und spricht dann von dem größten gemeinsamer Teiler der a1,,an. Diese Zahl wird dann mit

ggT(a1,,an)

bezeichnet. Wir besprechen nun, wie man algorithmisch zu vorgegebenen ganzen Zahlen den ggT finden kann.



Der Euklidische Algorithmus

Es seien a,b ganze Zahlen,  b0.  Dann kann man die Division mit Rest durchführen und erhält a=qb+r mit 0r<|b|. Danach kann man (bei r0) die Division mit Rest von b durch r durchführen, d.h. b nimmt die Rolle von a und r die Rolle von b ein und man erhält einen neuen Rest. Dies kann man fortsetzen, und da dabei die Reste immer kleiner werden bricht das Verfahren irgendwann ab.



Es seien zwei ganze Zahlen a,b (mit b0) gegeben. Dann nennt man die durch die Anfangsbedingungen r0=a und r1=b und die mittels der Division mit Rest

ri=qiri+1+ri+2

rekursiv bestimmte Folge ri die Folge der euklidischen Reste.



Satz  

Es seien ganze Zahlen r0=a und r1=b0 gegeben.

Dann besitzt die Folge ri, i=0,1,2, der euklidischen Reste folgende Eigenschaften.

  1. Es ist ri+2=0 oder ri+2<ri+1.[1]
  2. Es gibt ein (minimales) k2 mit rk=0.
  3. Es ist
    ggT(ri1,ri)=ggT(ri,ri+1)

    für alle  i=1,,k

  4. Es sei  k2  der erste Index derart, dass  rk=0  ist. Dann ist
    ggT(a,b)=rk1.

Beweis  

  1. Dies folgt unmittelbar aus der Definition der Division mit Rest.
  2. Solange  ri0  ist, wird die Folge der natürlichen Zahlen ri immer kleiner, sodass irgendwann der Fall  ri=0  eintreten muss.
  3. Wenn t ein gemeinsamer Teiler von ri und von ri+1 ist, so zeigt die Beziehung
    ri1=qi1ri+ri+1,

    dass t auch ein Teiler von ri1 und damit ein gemeinsamer Teiler von ri1 und von ri ist. Die Umkehrung folgt genauso.

  4. Dies folgt aus (3) mit der Gleichungskette
    ggT(a,b)=ggT(b,r2)=ggT(r2,r3)==ggT(rk2,rk1)=ggT(rk1,rk)=ggT(rk1,0)=rk1.


Beispiel

Aufgabe

Bestimme in mit Hilfe des euklidischen Algorithmus den größten gemeinsamen Teiler von 71894 und 45327.


Lösung


Der Euklidische Algorithmus liefert:

71894=145327+26567
45327=126567+18760
26567=118760+7807
18760=27807+3146
7807=23146+1515
3146=21515+116
1515=13116+7
116=167+4
7=14+3
4=13+1.

Die Zahlen 71894 und 45327 sind also teilerfremd.


Bei kleinen Zahlen sieht man häufig relativ schnell direkt, was ihr größter gemeinsamer Teiler ist, da man die Primfaktorzerlegung kennt bzw. mögliche gemeinsame Teiler schnell übersehen kann. Bei zwei größeren Zahlen müssten aber viel zu viele Probedivisionen durchgeführt werden! Der euklidische Algorithmus ist also zur Bestimmung des größten gemeinsamen Teilers ein sehr effektives Verfahren!



Darstellung des größten gemeinsamen Teilers

Mit dem euklidischen Algorithmus kann man auch durch Zurückrechnen eine Darstellung des größten gemeinsamen Teilers als Linearkombination der beiden vorgegebenen Zahlen erhalten. Dazu seien

ri=qiri+1+ri+2

die Gleichungen im euklidischen Algorithmus und  rk1=ggT(r0,r1).  Aus der letzten Gleichung

rk3=qk3rk2+rk1

erhält man die Darstellung

rk1=rk3qk3rk2

von rk1 als Linearkombination mit rk3 und rk2. Mit der vorhergehenden Zeile

rk4=qk4rk3+rk2

bzw.

rk2=rk4qk4rk3

kann man in dieser Darstellung rk2 ersetzen und erhält eine Darstellung von rk1 als Linearkombination von rk3 und rk4. So fortfahrend erhält man schließlich eine Darstellung von

rk1=ggT(r0,r1)

als Linearkombination von r0 und r1.


Wir wollen für 52 und 30 eine Darstellung des größten gemeinsamen Teilers finden. Wir führen dazu den euklidischen Algorithmus durch.

52=130+22
30=122+8
22=28+6
8=16+2
6=32+0.

D.h. 2 ist der größte gemeinsame Teiler von 52 und 30. Rückwärts gelesen erhält man daraus die Darstellung

2=86=8(2228)=3822=3(3022)22=330422=3304(5230)=730452.



Gemeinsame Vielfache

Nachdem wir schon die gemeinsamen Teiler von ganzen Zahlen behandelt haben, wenden wir uns einem verwandten Begriff zu, der ebenfalls aus der Schule bekannt ist, nämlich dem des kleinsten gemeinsamen Vielfachen von ganzen Zahlen. In der Schule wird dabei „kleinste“ in Bezug auf die -Ordnung verstanden. Wir benutzen einen äquivalenten Begriff, der sich besser auf eine weit allgemeinere Situation übertragen lässt.


Zu einer Menge von ganzen Zahlen

a1,,an

heißt eine ganze Zahl b ein gemeinsames Vielfaches, wenn b ein Vielfaches von jedem ai ist, also von jedem ai geteilt wird. Die Zahl b heißt ein kleinstes gemeinsames Vielfaches der a1,,an, wenn b ein gemeinsames Vielfaches ist und wenn jedes andere gemeinsame Vielfache ein Vielfaches von b ist.

Wir werden gleich sehen, dass es stets ein kleinstes gemeinsames Vielfaches gibt, und dass dieses, wenn man es 0 wählt, auch eindeutig bestimmt ist. Man spricht dann einfach von dem kleinsten gemeinsamen Vielfachen, geschrieben kgV(a1,,an).



Satz  

Zu einer Menge von ganzen Zahlen a1,,an

existiert genau ein kleinstes gemeinsames Vielfaches 0,

und zwar ist kgV(a1,,an) der eindeutig bestimmte Erzeuger b0 der Untergruppe

a1an.

Beweis  

Es ist klar, dass eine ganze Zahl b ein gemeinsames Vielfaches der a1,,an ist genau dann, wenn

ba1an bzw. ba1an

gilt. Nach Satz 3.2 gibt es ein eindeutig bestimmtes c0 mit

c=a1an.

Nach der Vorüberlegung ist daher c ein gemeinsames Vielfaches und für jedes weitere gemeinsame Vielfache b gilt

bc.

Dies bedeutet, dass b ein Vielfaches von c ist.



Lemma  

Für natürliche Zahlen a,b,g gelten folgende Aussagen.

  1. Für teilerfremde a,b ist
    kgV(a,b)=ab.
  2. Es gibt  c,d  mit
    a=cggT(a,b) und b=dggT(a,b),

    wobei c,d teilerfremd sind.

  3. Es ist
    kgV(ga,gb)=gkgV(a,b).
  4. Es ist
    ggT(a,b)kgV(a,b)=ab.

Beweis  

  1. Zunächst ist natürlich das Produkt ab ein gemeinsames Vielfaches von a und b. Es sei also f irgendein gemeinsames Vielfaches, also f=ua und f=vb. Nach Fakt ***** gibt es im teilerfremden Fall Zahlen  r,s  mit  ra+sb=1.  Daher ist
    f=f1=f(ra+sb)=fra+fsb=vbra+uasb=(vr+us)ab

    ein Vielfaches von ab.

  2. Die Existenz von c und d ist klar. Hätten c und d einen gemeinsamen Teiler  e1,1,  so ergäbe sich sofort der Widerspruch, dass eggT(a,b) ein größerer gemeinsamer Teiler von a und b wäre.
  3. Die rechte Seite ist offenbar ein gemeinsames Vielfaches von ga und gb. Es sei n ein Vielfaches der linken Seite, also ein gemeinsames Vielfaches von ga und gb. Dann kann man n=uga und n=vgb schreiben. Damit ist  uga=vgb  und somit ist  k:=ua=vb  (bei g0; bei g=0 ist die Behauptung direkt klar) ein gemeinsames Vielfaches von a und b. Also ist  n=gk  ein Vielfaches der rechten Seite.
  4. Wir schreiben unter Verwendung der ersten Teile
    ggT(a,b)kgV(a,b)=ggT(a,b)kgV(c(ggT(a,b)),d(ggT(a,b)))=ggT(a,b)ggT(a,b)kgV(c,d)=ggT(a,b)ggT(a,b)cd=cggT(a,b)dggT(a,b)=ab.




Fußnoten
  1. Für  i1.  Da b auch negativ sein könnte ist dies bei  i=0  als  r2<|r1|  zu lesen.



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