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Kurs:Einführung in die mathematische Logik (Osnabrück 2018)/Vorlesung 10

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Ableitungskalkül der Prädikatenlogik

Gegeben sei ein Symbolalphabet S einer Sprache erster Stufe und damit die zugehörige Termmenge und die zugehörige Ausdrucksmenge LS. Wir möchten die logisch wahren Aussagen einer solchen Sprache syntaktisch charakterisieren. Mathematische Aussagen sind im Allgemeinen „wenn-dann“-Aussagen, d.h. sie behaupten, dass, wenn gewisse Voraussetzungen erfüllt sind, dann auch eine gewisse Folgerung erfüllt ist.

Wenn man einen Beweis eines Satzes der Gruppentheorie oder der elementaren Arithmetik entwirft, so sind dabei die Axiome der Gruppentheorie bzw. die Peano-Axiome stets präsent. Wenn α1,α2,α3 die Gruppenaxiome bezeichnen und α die Aussage, dass das inverse Element eindeutig bestimmt ist, bezeichnet, so folgt α aus α1,α2,α3. Mit der Folgerungsbeziehung kann man dies als

{α1,α2,α3}α

formulieren. Dies kann man auch so ausdrücken, dass

α1α2α3α

allgemeingültig ist, also dass

α1α2α3α

gilt. So kann man jede Folgerung Γα aus einer endlichen Ausdrucksmenge Γ „internalisieren“, also durch einen allgemeingültigen Ausdruck der Form

α1αnα

wiedergegeben, wobei vorne die Ausdrücke aus Γ konjugiert werden. Die Folgerungsbeziehung (zumindest aus endlichen Ausdrucksmengen) kann also vollständig durch allgemeingültige Ausdrücke verstanden werden.

Wir besprechen nun die syntaktische Variante der allgemeingültigen Ausdrücke, nämlich die syntaktischen prädikatenlogischen Tautologien. Über den soeben besprochenen Zusammenhang ergibt sich daraus auch ein Ableitungskalkül, der das syntaktische Analogon zur Folgerungsbeziehung ist. Da wir Ausdrücke der Form α1αnα als Grundtyp für eine mathematische Aussage ansehen, arbeiten wir allein mit den Junktoren ¬,, und lesen und als Abkürzungen. Man könnte auch noch bzw. eliminieren und durch die verbleibenden beiden Junktoren ausdrücken, doch würde dies zu recht unleserlichen Formulierungen führen.

Der prädikatenlogische Kalkül, den wir vorstellen wollen, soll es erlauben, „alle“ prädikatenlogischen allgemeingültigen Ausdrücke formal abzuleiten. Der Aufbau dieses Kalküls geschieht (wie für den Ableitungskalkül der Aussagenlogik) rekursiv (und für beliebige Symbolalphabete gleichzeitig). D.h. man hat eine Reihe von Anfangstautologien (oder Grundtautologien) und gewisse Schlussregeln, um aus schon nachgewiesenen Tautologien neue zu produzieren. Sowohl die Anfangstautologien als auch die Schlussregeln sind aus der mathematischen Beweispraxis vertraut.

Zur Formulierung dieses Kalküls verwenden wir die Schreibweise
α.
Sie bedeutet, dass der Ausdruck α in der Prädikatenlogik

(erster Stufe zu einem gegebenen Alphabet) ableitbar ist, also eine Tautologie (im syntaktischen Sinne) ist. Wir beschreiben nun rekursiv die syntaktischen Tautologien in der Prädikatenlogik, die sich in aussagenlogische Tautologien, Gleichheitstautologien und Quantorentautologien und zwei Ableitungsregeln untergliedern. Wir beginnen mit den schon bekannten, allerdings in einer anderen Sprache formulierten aussagenlogischen Tautologien.


Zu einem beliebigen Symbolalphabet S und beliebige Ausdrücke  α,β,γLS  legt man folgende (syntaktische) Tautologien axiomatisch fest.

  1. α(βα).
  2. (αβ)(βγ)(αγ).
  3. (αβ)(αγ)(αβγ).
  4. (αβγ)(α(βγ))

    und

    (α(βγ))(αβγ).
  5. α¬αβ.
  6. (αβ)(¬αβ)β.

Als (erste) Schlussregel erlaubt man wieder den Modus Ponens, so dass die Prädikatenlogik in einem gewissen Sinne die Aussagenlogik umfasst. Die Einschränkung in dieser Formulierung beruht darauf, dass es in der Sprache der Prädikatenlogik keine Aussagenvariablen gibt. Man kann sich vorstellen, dass die oben angeführten Tautologien aus den entsprechenden aussagenlogischen (in Aussagenvariablen formulierten) Tautologien entstehen, indem man für die Aussagenvariablen beliebige prädikatenlogische Ausdrücke einsetzt. Dies führt zu folgendem Einsetzungsprinzip. Wir schreiben φβ1,,βnp1,,pn, wenn in einem aussagenlogischen Ausdruck φ die darin vorkommenden Aussagenvariablen pi durch prädikatenlogische Ausdrücke βi ersetzt werden (diese Ersetzung ist deutlich einfacher als die Ersetzung von Variablen durch Terme.)



Lemma  

Es sei φ eine in den Aussagenvariablen p1,,pn formulierte aussagenlogische Tautologie und es seien  β1,,βnLS  prädikatenlogische Ausdrücke über einem Symbolalphabet S.

Dann ist auch der prädikatenlogische Ausdruck φ, der entsteht, wenn man in φ jedes Auftreten der Aussagenvariablen pi durch βi ersetzt, eine prädikatenlogische Tautologie.

Beweis  

Wir führen Induktion über den Aufbau der aussagenlogischen Tautologien. Es sei φ eines der aussagenlogischen Axiome in den Ausdrücken α,β,γ und es seien p1,,pn die darin auftretenden Aussagenvariablen. Wir schreiben die zugrunde liegende aussagenlogische Tautologie in den Aussagenvariablen p,q,r und nennen diese ψ. Dann ist

φ=ψα,β,γp,q,r.

Somit ist insgesamt

φ=φβ1,,βnp1,,pn=ψαβ1,,βnp1,,pn,ββ1,,βnp1,,pn,γβ1,,βnp1,,pnp,q,r.

D.h. φ entsteht durch Einsetzung von prädikatenlogischen Ausdrücken in eine Basistautologie und gehört somit zu den in Axiom 10.1 gelisteten Tautologien. Es sei nun φ eine aussagenlogische Tautologie, die durch Modens ponens erhalten wird. Dann gibt es also eine aussagenlogische Tautologie ψ und ψφ ist ebenfalls eine aussagenlogische Tautologie. Nach Induktionsvoraussetzung sind dann ψβ1,,βnp1,,pn und (ψφ)β1,,βnp1,,pn=ψβ1,,βnp1,,pnφβ1,,βnp1,,pn prädikatenlogische Tautologien. Da der Modus ponens eine erlaubte Schlussregel in der Prädikatenlogik ist, folgt, dass φβ1,,βnp1,,pn eine prädikatenlogische Tautologie ist.



Wir betrachten die aussagenlogische Tautologie der Form

α(βα)

mit

α=p1p2 und β=p3p4,

also, angelehnt an Lemma 10.2,

φ=(q(rq))p1p2,p3p4q,r=(p1p2)((p3p4)(p1p2)).

In diese aussagenlogische Tautologie soll

p1 durch β1:=Rxy,p2 durch β2:=uu=c,p3 durch β3:=yxfxz=y,p4 durch β4:=¬Pu,

ersetzt werden. Das ergibt die prädikatenlogische Tautologie

(Rxyuu=c)(((yxfxz=y)¬Pu)(Rxyuu=c)).

Im Laufe der Einführung der prädikatenlogischen Tautologien und der zugehörigen Schlussregeln werden wir sogleich die Korrektheit feststellen, d.h., dass es sich auch um allgemeingültige Ausdrücke (semantische Tautologien) handelt. Für die aussagenlogischen Tautologien wurde die Korrektheit für aussagenlogische Modelle schon gezeigt, eine einfache Variante davon liefert die Korrektheit innerhalb von prädikatenlogischen Modellen.


Lemma  

Jede aussagenlogische Tautologie im Sinne von Axiom 10.1 ist

allgemeingültig in der Prädikatenlogik.

Beweis  

Es sei I eine Interpretation von LS und φ eine aussagenlogische Grundtautologie in den prädikatenlogischen Ausdrücken α,β,γ. Dann ist der Wahrheitswert von φ in I nur abhängig von den Wahrheitswerten von α,β,γ in I und den Junktoren in φ. Da es sich um eine aussagenlogische Tautologie handelt und die Wahrheitsvorschrift für die Junktoren in einem prädikatenlogischen Modell mit der in einem aussagenlogischen Modell übereinstimmt, besitzt φ den Wahrheitswert w. Also ist φ allgemeingültig.


Da allgemeingültige Aussagen unter Modus Ponens abgeschlossen sind, folgt daraus, dass generell alle prädikatenlogisch formulierten aussagenlogischen Tautologien allgemeingültig sind.



Gleichheitstautologien

In der Prädikatenlogik gelten die beiden folgenden Tautologien für die Gleichheit.


Es sei S ein Symbolalphabet, s,t seien S-Terme und α sei ein S-Ausdruck. Dann sind die beiden folgenden Ausdrücke syntaktische Tautologien.

  1. t=t.
  2. s=tαsxαtx.

Diese beiden Axiome (oder genauer Axiomenschemata) heißen Gleichheitsaxiom und Substitutionsaxiom. Mit einer aussagenlogischen Umformulierung sieht man, dass das Substitutionsaxiom äquivalent zu

s=t(αsxαtx)

ist.



Lemma  

Beweis  

Es sei I eine beliebige S-Interpretation. (1). Aufgrund der Bedeutung des Gleichheitszeichens unter jeder Interpretation gilt  I(t)=I(t),  also

It=t.

(2). Es gelte

Is=tαsx,

also Is=t und Iαsx. Das bedeutet einerseits  I(s)=I(t).  Andererseits gilt nach dem Substitutionslemma

II(s)xα.

Wegen der Termgleichheit gilt somit auch

II(t)xα

und daher, wiederum aufgrund des Substitutionslemmas, auch

Iαtx.


Bei leerer Variablenmenge ist das Substitutionsaxiom aussagelos. In Hinblick auf Lemma 10.7 fordern wir, dass die Variablenmenge stets unendlich ist.


Lemma  

Aus den Gleichheitsaxiomen lassen sich folgende Gleichheitstautologien ableiten (dabei sind r,s,t,s1,,sn,t1,,tn Terme, f ein n-stelliges Funktionssymbol und R ein n-stelliges Relationssymbol).

  1. s=tt=s.
  2. r=ss=tr=t.
  3. s1=t1sn=tnfs1sn=ft1tn.
  4. s1=t1sn=tnRs1snRt1tn.

Beweis  

(1). Aufgrund der Gleichheitsaxiome haben wir

s=s

und

s=t(x=s)sx(x=s)tx,

wobei x eine Variable sei, die weder in s noch in t vorkomme. Daher sind die beiden substituierten Ausdrücke gleich s=s bzw. t=s. Eine aussagenlogische Umstellung der zweiten Zeile ist

s=s(s=tt=s),

sodass sich aus der ersten Zeile mittels Modus ponens

s=tt=s

ergibt.
(2). Es sei wieder x eine Variable, die weder in r noch in s noch in t vorkomme. Eine Anwendung des Substitutionsaxioms liefert

s=t(r=x)sx(r=x)tx.

Nach Einsetzen und einer aussagenlogischen Umstellung ist dies die Behauptung.
Für (3) siehe Aufgabe 10.5.
(4). Es sei u eine Variable, die weder in einem der si noch in einem der ti vorkommt. Für jedes  i=1,,n  gilt nach Axiom 10.5  (2) (mit α=αi=Rt1ti1usi+1sn) dann

si=ti(Rt1ti1usi+1snsiuRt1ti1usi+1sntiu),

also

si=ti(Rt1ti1sisi+1snRt1ti1tisi+1sn).

Diese Ableitbarkeiten gelten auch, wenn man die Vordersätze durch ihre Konjunktion

(s1=t1)(sn=tn)

ersetzt. Durch die Transitivität der Implikation ergibt sich daher

(s1=t1)(sn=tn)(Rs1snRt1tn).


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