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Kurs:Einführung in die mathematische Logik (Osnabrück 2018)/Vorlesung 9

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Freie Variablen

In einem Ausdruck  αLS  über einem Symbolalphabet S nennt man die Variablen, die (und zwar für jedes Vorkommen) innerhalb der Reichweite eines Quantors stehen, gebunden, die anderen frei. Dies wird streng über den Aufbau der Ausdrücke definiert.

  1. Frei(t1=t2)=Var(t1)Var(t2).
  2. Frei(Rt1tn)=Var(t1)Var(t2)Var(tn)

    für ein n-stelliges Relationssymbol R und n Terme t1,t2,,tn.

  3. Frei(¬α)=Frei(α)

    für einen Ausdruck α.

  4. Frei(αβ)=Frei(α)Frei(β)

    für Ausdrücke α und β. Ebenso für ,,.

  5. Frei(xα)=Frei(α){x}

    für einen Ausdruck α und eine Variable x.

  6. Frei(xα)=Frei(α){x}

    für einen Ausdruck α und eine Variable x.

Einen Ausdruck ohne freie Variablen nennt man einen Satz, auch wenn diese Bezeichnung nicht ganz glücklich ist, da „Satz“ die Gültigkeit einer Aussage suggeriert. Die Menge der Sätze wird mit L0S bezeichnet, die Menge der Ausdrücke mit genau einer freien Variablen (die aber in dem Ausdruck beliebig oft vorkommen darf) mit L1S.

Beispielsweise ist in

x(y(fx=z))x(Ryzx)

die Variable x gebunden, während die Variablen y,z frei sind, wobei die Freiheit von y auf dem freien Vorkommen im hinteren Ausdruck beruht.



Das Koinzidenzlemma

Die folgende Aussage, das Koinzidenzlemma, zeigt, dass der Wert eines Terms und die Gültigkeit eines Ausdrucks unter einer Interpretation (bei einer fixierten S-Struktur) nur von den in dem Term vorkommenden Variablen bzw. in dem Ausdruck vorkommenden freien Variablen abhängt. Ihr Beweis ist ein typisches Beispiel für einen Beweis durch Induktion über den Aufbau der Terme bzw. Ausdrücke.


Lemma  

Es sei S ein Symbolalphabet erster Stufe und  US  eine Teilmenge. Es sei t ein U-Term und α ein U-Ausdruck. Es seien zwei S-Interpretationen I1 und I2 in einer gemeinsamen Grundmenge M gegeben, die auf U identisch seien. Dann gelten folgende Aussagen.

  1. Es ist  I1(t)=I2(t)
  2. Es ist I1α genau dann, wenn I2α (dazu genügt bereits, dass die Interpretationen auf den Symbolen aus U und auf den in α frei vorkommenden Variablen identisch sind).

Beweis  

(1). Wir führen Induktion über den Aufbau der U-Terme. Für den Induktionsanfang müssen wir Variablen und Konstanten aus U betrachten. Für eine Variable x (oder eine Konstante) aus U ist nach Voraussetzung  I1(x)=I2(x).  Im Induktionsschritt können wir annehmen, dass ein n-stelliges Funktionssymbol f aus U gegeben ist sowie U-Terme t1,,tn, für die die Interpretationsgleichheit schon gezeigt wurde. Nach Voraussetzung wird f in beiden Interpretationen durch die gleiche Funktion fM interpretiert. Daher ist

I1(ft1tn)=fM(I1(t1),,I1(tn))=fM(I2(t1),,I2(tn))=I2(ft1tn).

(2). Wir führen Induktion über den Aufbau der U-Ausdrücke, wobei die zu beweisende Aussage über je zwei Interpretationen zu verstehen ist. Für die Gleichheit und ein Relationssymbol R aus U folgt die Aussage unmittelbar aus (1), da ja R in beiden Interpretationen als die gleiche Relation zu interpretieren ist. Der Induktionsschritt ist für Ausdrücke der Form ¬α,αβ,αβ aufgrund der Modellbeziehung unmittelbar klar. Es sei nun ein U-Ausdruck der Form xα gegeben, und es gelte I1xα. Dies bedeutet aufgrund der Modellbeziehung, dass es ein  mM  derart gibt, dass I1mxα gilt. Die beiden umbelegten Interpretationen I1mx und I2mx stimmen auf den Symbolen aus U und den in α frei vorkommenden Variablen überein: Die Variable x wird so oder so als m interpretiert und die anderen freien Variablen aus α sind auch in xα frei. Nach Induktionsvoraussetzung gilt I2mxα und daher wiederum I2xα.




Substitution

Wir besprechen nun die Variablensubstitution, wobei wir weitgehend der Darstellung von Ebbinghaus, Flum, Thomas folgen.

Variablen repräsentieren verschiedene Werte (in einer Grundmenge M), die man für sie einsetzen kann. Auf formaler Ebene bedeutet dies, dass eine oder mehrere Variablen durch gewisse Terme ersetzt werden. Im semantischen Kontext wird dies durch die Uminterpretation von Variablen bei einer Interpretation präzise gemacht. Im syntaktischen Kontext spricht man von Substitution, die wir nun definieren werden. In der Ersetzung macht es einen großen Unterschied, ob gebundene oder freie Variablen vorliegen. Der Ausdruck

x0y(x=yy)

bedeutet in einem angeordneten Körper interpretiert, dass die nichtnegative Zahl x als Quadrat darstellbar ist (also eine Quadratwurzel besitzt), was für wahr ist, für im Allgemeinen (das hängt von der Interpretation für x ab) nicht. Gleichbedeutend (bei einer inhaltlichen Interpretation) mit diesem Ausdruck ist

x0z(x=zz),

aber nicht

x0x(x=xx),

das nur bei x=0 oder x=1 wahr ist. Von daher wird die weiter unten zu gebende Definition für die Substitution von Ausdrücken berücksichtigen, ob Variablen frei oder gebunden sind. Ferner wird es wichtig sein, in einem Ausdruck neue Variablen einzuführen. Damit diese Konstruktion eindeutig definiert ist, legen wir entweder eine durchnummerierte (und abzählbare) Variablenmenge v1,v2,v3 zugrunde, oder aber eine beliebig große Variablenmenge, die mit einer Wohlordnung versehen sei.


Es sei ein Symbolalphabet S einer Sprache erster Stufe gegeben. Es seien x1,,xk paarweise verschiedene Variablen und t1,,tk fixierte S-Terme. Dann definiert man rekursiv über den Aufbau der Terme die Substitution st1,,tkx1,,xk für jeden S-Term s.

  1. Für eine Variable x ist
    xt1,,tkx1,,xk:={x, falls xxi für alle i,ti, falls x=xi.
  2. Für eine Konstante c ist
    ct1,,tkx1,,xk:=c.
  3. Für ein n-stelliges Funktionssymbol f und n Terme s1,,sn ist
    fs1snt1,,tkx1,,xk:=fs1t1,,tkx1,,xksnt1,,tkx1,,xk.

Es seien c,d Konstanten einer erststufigen Sprache, x,y,z,v Variablen, p ein einstelliges und f,g,h zweistellige Funktionssymbole. Wir betrachten den Term

t=fpxgcy

und die Substitution

d,hvx,vx,y,z.

Die Substitution wird durchgeführt, indem man die kleinsten Bestandteile des Termes, also x,y,c, ersetzt und ansonsten den funktionalen Aufbau des Termes übernimmt. Für diese gilt

xd,hvx,vx,y,z=d,
yd,hvx,vx,y,z=hvx

und

cd,hvx,vx,y,z=c.

Also ist

fpxgcyd,hvx,vx,y,z=fpdgchvx.

Man beachte, dass das letzte x nicht zu ersetzen ist.



Es sei ein Symbolalphabet S einer Sprache erster Stufe gegeben. Es seien x1,,xk paarweise verschiedene Variablen und t1,,tk fixierte S-Terme. Dann definiert man rekursiv über den Aufbau der S-Ausdrücke die Substitution αt1,,tkx1,,xk für jeden S-Ausdruck α.

  1. Für Terme s1,s2 setzt man[1]
    (s1=s2)t1,,tkx1,,xk:=s1t1,,tkx1,,xk=s2t1,,tkx1,,xk.
  2. Für ein n-stelliges Relationssymbol R und n Terme s1,,sn setzt man
    (Rs1sn)t1,,tkx1,,xk:=Rs1t1,,tkx1,,xksnt1,,tkx1,,xk.
  3. Für einen Ausdruck α setzt man
    (¬α)t1,,tkx1,,xk:=¬αt1,,tkx1,,xk.
  4. Für Ausdrücke α und β setzt man
    (αβ)t1,,tkx1,,xk:=αt1,,tkx1,,xkβt1,,tkx1,,xk

    und ebenso für die anderen zweistelligen Junktoren.

  5. Für einen Ausdruck α seien xi1,,xir diejenigen Variablen (unter den x1,,xk), die in xα frei vorkommen. Es sei  v=x,  falls x nicht in ti1,,tir vorkommt. Andernfalls sei v die erste Variable (in einer fixierten Variablenaufzählung, falls es abzählbar viele Variablen gibt, bzw. in einer fixierten Wohlordnung der Variablenmenge), die weder in α noch in ti1,,tir vorkommt. Dann setzt man
    (xα)t1,,tkx1,,xk:=vαti1,,tir,vxi1,,xir,x

    und ebenso für den Existenzquantor.

Die sonderbare Bedingung in Definition 9.4 im Quantorenfall mit der „Hilfsvariablen“ v bedeutet insbesondere: Wenn in xα keine der Variablen x1,,xn frei vorkommt, so ist die Indexmenge {i1,,ir} der „relevanten Variablen“ leer und damit auch die Menge der „relevanten Terme“. In diesem Fall kommt x auch nicht in dieser Menge vor und somit ist als Hilfsvariable  v=x  zu nehmen, und es ist

(xα)t1,,tkx1,,xk=x(αxx)=xα

nach Aufgabe 9.6.



Es seien c,d Konstanten einer erststufigen Sprache, x,y,z,u Variablen (so geordnet), f,g einstellige Funktionssymbole und R ein zweistelliges Relationssymbol. Wir betrachten den Ausdruck

α=x¬Ryfx

und die Substitution

u,gcx,y.

Von den zu substituierenden Variablen ist x gebunden und y frei. Die Variable x kommt in den substituierenden Termen nicht vor. Also ist

(x¬Ryfx)u,gcx,y=x(¬Ryfxgcy)=x¬Rgcfx.

Bei der Substitution

u,gxx,y

kommt jetzt die gebundene Variable x in dem substituierenden Term gx vor. Es ist  v=z  die nächste Variable in der gegebenen Reihenfolge. Somit ist

(x¬Ryfx)u,gxx,y=z(¬Ryfxgx,zy,x)=z¬Rgxfz.

Die folgende Aussage, das Substitutionslemma, stiftet eine Beziehung zwischen Substitutionen und Uminterpretationen.

In Verallgemeinerung der Schreibweise Imx für eine Uminterpretation schreiben wir Im1,,mkx1,,xk für die sukzessive Uminterpretation der untereinander verschiedenen Variablen x1,,xk (dabei seien m1,,mk Elemente der Grundmenge M der Interpretation). Es werden also die xi als mi interpretiert und alle anderen Variablen werden gemäß I interpretiert.


Lemma  

Es sei ein Symbolalphabet S einer Sprache erster Stufe gegeben und es seien x1,,xk paarweise verschiedene Variablen und t1,,tk fixierte S-Terme. Es sei eine S-Interpretation I gegeben. Dann gelten folgende Aussagen.

  1. Für jeden S-Term s gilt
    I(st1,,tkx1,,xk)=(II(t1),,I(tk)x1,,xk)(s).
  2. Für jeden S-Ausdruck α gilt
    Iαt1,,tkx1,,xk genau dann, wenn (II(t1),,I(tk)x1,,xk)α.

Beweis  

Dies wird über den induktiven Aufbau der Terme bzw. der Ausdrücke bewiesen. (1). Für eine Konstante c ist die Aussage richtig, da ihre Interpretation unverändert ist. Für eine Variable x macht man eine Fallunterscheidung. Wenn

x=xi

mit einer der an der Substitution beteiligten Variablen ist, so ist

I(xit1,,tkx1,,xk)=I(ti)=(II(t1),,I(tk)x1,,xk)(xi).

Bei einer an der Substitution nicht beteiligten Variablen x ist

I(xt1,,tkx1,,xk)=I(x)=(II(t1),,I(tk)x1,,xk)(x).

Wenn f ein n-stelliges Funktionssymbol ist und s1,,sn Terme sind, für die die Gleichheit schon bekannt ist, so ist

I((fs1sn)t1,,tkx1,,xk)=I(fs1t1,,tkx1,,xksnt1,,tkx1,,xk)=I(f)(I(s1t1,,tkx1,,xk),,I(snt1,,tkx1,,xk))=I(f)((II(t1),,I(tk)x1,,xk)(s1),,(II(t1),,I(tk)x1,,xk)(sn))=(II(t1),,I(tk)x1,,xk)(f)((II(t1),,I(tk)x1,,xk)(s1),,(II(t1),,I(tk)x1,,xk)(sn))=(II(t1),,I(tk)x1,,xk)(fs1sn).

(2). Für einen Ausdruck der Form  s=t  bedeutet

I(s=t)t1,,tkx1,,xk

einfach

Ist1,,tkx1,,xk=tt1,,tkx1,,xk.

Dies ist äquivalent zu

I(st1,,tkx1,,xk)=I(tt1,,tkx1,,xk),

was nach dem ersten Teil einfach

II(t1),,I(tk)x1,,xk(s)=II(t1),,I(tk)x1,,xk(t)

bedeutet. Dies wiederum ist äquivalent zu

II(t1),,I(tk)x1,,xks=t.

Es sei nun R ein n-stelliges Relationssymbol und seien s1,,sn Terme. Die Gültigkeit

I(Rs1sn)t1,,tkx1,,xk

bedeutet

IRs1t1,,tkx1,,xksnt1,,tkx1,,xk

und dies bedeutet, dass

(I(s1t1,,tkx1,,xk),,I(snt1,,tkx1,,xk))

zur Relation I(R) gehört. Nach dem ersten Teil ist dieses Tupel gleich

(II(t1),,I(tk)x1,,xk(s1),,II(t1),,I(tk)x1,,xk(sn)).

Wegen  R(I)=R(II(t1),,I(tk)x1,,xk)  ist dies äquivalent zu

II(t1),,I(tk)x1,,xkRs1sn.

Für die weiteren Aussagen beweist man die Äquivalenz durch Induktion über den Aufbau der Ausdrücke, und zwar über alle Interpretationen simultan; dies ist für die aussagenlogischen Junktoren unmittelbar klar. Betrachten wir also einen Ausdruck der Form xα. Die Gültigkeit

I(xα)t1,,tkx1,,xk

bedeutet gemäß der Festlegung in Definition 9.4, dass

Ivαti1,,tir,vxi1,,xir,x

gilt, wobei v in ti1,,tir nicht vorkommt. Dies bedeutet, dass für jedes  mM  der Grundmenge der Interpretation die Beziehung

Imvαti1,,tir,vxi1,,xir,x

gilt. Nach Induktionsvoraussetzung (angewendet auf die Interpretation Imv) bedeutet dies

(Imv)(Imv)(ti1),,(Imv)(tir),(Imv)(v)xi1,,xir,xα

für alle  mM.  Aufgrund des Koinzidenzlemmas ist dies äquivalent zu

(Imv)I(ti1),,I(tir),mxi1,,xir,xα.

Dies ist äquivalent (für alle mM) zu

II(ti1),,I(tir),mxi1,,xir,xα,

was bei  v=x  klar ist und bei  vx  aus dem Koinzidenzlemma folgt, da dann v nicht in α vorkommt. Dies bedeutet wiederum

II(ti1),,I(tir)xi1,,xirxα

und damit, wiederum nach dem Koinzidenzlemma, da die von xij verschiedenen Variablen in xα nicht frei vorkommen,

II(t1),,I(tk)x1,,xkxα.




Fußnoten
  1. Die Klammern unterstreichen hier lediglich den Gesamtausdruck, für den die Substitution durchgeführt wird


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