Zum Inhalt springen

Kurs:Einführung in die mathematische Logik (Osnabrück 2018)/Vorlesung 26

Aus Wikiversity



Semantik der Modallogik
Von Gottfried Wilhelm Leibniz stammt die Idee, Notwendigkeiten über mögliche Welten zu verstehen.
Saul Kripke schuf die formale Modelltheorie für die Modallogik.


Wir besprechen nun die Semantik der Modallogik, die mit gerichteten Graphen arbeitet, die die Idee von erreichbaren Welten modellieren.


Unter einem modallogischen Modell versteht man einen gerichteten Graphen (M,R) zusammen mit einer Wahrheitsbelegung μ für die Aussagenvariablen für jeden Knotenpunkt  wM

Die Knotenpunkte des gerichteten Graphen nennt man in diesem Zusammenhang auch Welten oder Weltpunkte. Die von einer Welt x aus verbundenen Welten y, also die mit xRy, nennt man die von x aus erreichbaren Welten, die Relation R heißt auch Erreichbarkeitsrelation. Durch die übliche Interpretation der aussagenlogischen Junktoren erhält man in jedem Weltpunkt eine Belegung für alle aussagenlogischen Ausdrücke in den gegebenen Aussagenvariablen. Darauf aufbauend kann man auch jedem modallogischen Ausdruck an jedem Knotenpunkt einen Wahrheitswert zuordnen, und zwar in folgender Weise. Dabei wird die Gültigkeit einer Aussage α in einer Welt w als wα notiert.


In einem modallogischen Modell (M,R,μ) (mit einer punktweisen Wahrheitsbelegung μ) definiert man die Gültigkeit von modallogischen Ausdrücken induktiv wie folgt: Es sei der modallogische Ausdruck α schon für jeden Weltpunkt definiert. Dann setzt man für einen jeden Weltpunkt  wM 

wα

genau dann, wenn in jeder von w aus erreichbaren Welt v die Beziehung

vα

gilt.


Wir arbeiten mit den Aussagenvariablen p,q,r. Im Weltpunkt a gelte

ap,q,¬r

und im Weltpunkt b gelte

bp,¬q,r.

Daraus kann man die Gültigkeit von aussagenlogischen Ausdrücken jeweils erschließen, beispielsweise gilt

ap¬r

oder

b¬qr.

Für modallogische Ausdrücke muss man den gerichteten Graphen berücksichtigen, wobei man induktiv über die Anzahl der Boxen vorgeht. Es geht also zunächst um Ausdrücke der Form α, wobei α ein rein aussagenlogischer Ausdruck ist (also ohne jede Box). Die Gültigkeit von α in einem Weltpunkt bedeutet, dass in jedem von diesem Weltpunkt aus erreichbaren Weltpunkt α gilt. Somit gilt beispielsweise

ap

und

a¬q

und

a(qr),

ferner

bp

und

b¬q.

Damit kann man dann in jedem Punkt aussagenlogisch den Wahrheitswert von jeder modallogischen Aussage bestimmen, in der die Box nur einfach (also ohne Verschachtelungen) auftritt, beispielsweise

ap¬r¬¬r.

Unter Berücksichtigung des gerichteten Graphen kann man dann auch den Wahrheitswert für jeden modallogischen Ausdruck mit modallogischer Verschachtelungstiefe 2 bestimmen, also etwa

ap,

usw.





Man sagt, dass ein modallogischer Ausdruck α in einem modallogischen Modell (M,R,μ) gilt, geschrieben

(M,R,μ)α,

wenn

wα

für alle  wM  gilt.



Lemma  

  1. Die aussagenlogischen Tautologien der modallogischen Sprache gelten in jedem modallogischen Modell.
  2. In jedem modallogischen Modell (M,R,μ) gilt das K-Axiom, also
    M(αβ)(αβ).
  3. Die in einem (jeden) modallogischen Modell gültigen Ausdrücke sind abgeschlossen unter dem Modus ponens.
  4. Wenn ein modallogischer Ausdruck α in einem (jedem) modallogischen Modell gilt, so gilt auch α in diesem (jedem) modallogischen Modell.

Beweis  

(1) und (3) sind klar, da die Gültigkeit in einem Knoten die aussagenlogischen Gesetze respektiert. (2). Sei  wM  und

w(αβ)

und

wα.

Dann gilt in jeder von w aus erreichbaren Welt v

vαβ und vα

und damit

vβ.

Also ist

wβ.

(4). Wenn (M,R,μ)α in einem modallogischen Modell (M,R,μ) gilt, so gilt für jede Welt  wM  auch wα. Wegen dieser allgemeinen Gültigkeit gilt auch vα für jede von w aus erreichbare Welt und damit wα. Dies gilt in jedem Punkt dieses Modells.



Man sagt, dass eine Menge Γ von modallogischen Ausdrücken in einem modallogischen Modell (M,R,μ) gilt, geschrieben

(M,R,μ)Γ,

wenn

(M,R,μ)α

für alle  αΓ  gilt.


Man sagt, dass ein modallogischer Ausdruck α in einem gerichteten Graphen (M,R) gilt, geschrieben

(M,R)α,

wenn für jede Wahrheitsbelegung μ

(M,R,μ)α

gilt.


Es sei Γ eine Menge von modallogischen Ausdrücken und α ein modallogischer Ausdruck. Man sagt, dass α aus Γ folgt, geschrieben Γα, wenn für jedes modallogische Modell (M,R,μ) mit

(M,R,μ)Γ

auch

(M,R,μ)α

gilt.

Für  Γ=  ergeben sich die modallogisch allgemeingültigen Ausdrücke. Aufgrund von Lemma 26.5 gehören alle in der K-Modallogik ableitbaren Ausdrücke dazu. Wie in der Aussagenlogik und der Prädikatenlogik ist also der Ableitungskalkül korrekt und es erhebt sich die Frage, ob er auch vollständig ist.



Lemma  

Es sei Γ ein K-modallogisches System und α ein modallogischer Ausdruck. Es gelte

Γα.

Dann ist auch

Γα.

Beweis  

Dies folgt aus Lemma 26.5.


Diese Aussage erlaubt es insbesondere, zu zeigen, dass aus einem gegebenen modallogischen Axiomensystem Γ ein gewisser modallogischer Ausdruck α nicht ableitbar, indem man ein modallogisches Modell (M,R,μ) angibt, in dem Γ gilt, aber α nicht.



Semantik der einzelnen modallogischen Systeme

Der durch die K-Modallogik gegebene axiomatische Rahmen gilt in jedem gerichteten Graphen, aufgefasst als modallogisches Modell. Wir fragen uns, wie speziellere modallogische Axiome mit Eigenschaften von gerichteten Graphen zusammenhängen. Der folgende Satz liefert eine Übersetzung zwischen diesen beiden Konzepten.


Satz  

  1. In einem gerichteten Graphen (M,R) gilt das Möglichkeitsaxiom genau dann, wenn jeder Punkt  wM  einen Nachfolger besitzt.
  2. In einem gerichteten Graphen (M,R) gilt das Reflexivitätsaxiom genau dann, wenn R reflexiv ist.
  3. In einem gerichteten Graphen (M,R) gilt das Symmetrieaxiom genau dann, wenn R symmetrisch ist.
  4. In einem gerichteten Graphen (M,R) gilt das Transitivitätsaxiom genau dann, wenn R transitiv ist.
  5. In einem gerichteten Graphen (M,R) gilt das euklidische Axiom genau dann, wenn R euklidisch ist.
  6. In einem gerichteten Graphen (M,R) gilt das Löb-Axiom genau dann, wenn R transitiv ist und es in M keine unendlichen Ketten gibt.

Beweis  

(1). Es sei (M,R) gegeben. Es sei zunächst vorausgesetzt, dass in R jedes Element einen Nachfolger besitzt und sei

wα

für eine Welt  wM.  Es sei  vM  mit wRv. Dann ist

vα

und somit

wα,

also

wαα.

Es sei umgekehrt angenommen, dass M eine Sackgassenwelt w besitzt. Dann ist für eine beliebige Aussagenvariable p

wp,

aber

w⊭p,

und das Möglichkeitsaxiom kann nicht gelten.

(2). Es sei (M,R) gegeben. Es sei zunächst R reflexiv und sei

wα.

Wegen wRw ist insbesondere

wα

und damit

wαα.

Wenn R nicht reflexiv ist, so sei  wM  und wRw gelte nicht. Es sei μ die Belegung, bei der

wp

gelte, aber in allen anderen Welten v¬p. Dann ist

w¬p,

und somit ist

w⊭pp.

(3). Es sei (M,R) gegeben. Es sei zunächst R symmetrisch und sei

wα.

Es sei eine von w aus erreichbare Welt v gegeben, also wRv. Wegen der Symmetrie ist auch vRw und somit ist

vα.

Also ist

wα.

Wenn R hingegen nicht symmetrisch ist, so seien  w,vM  Welten mit wRv, aber nicht vRw. Es sei p eine Aussagenvariable und es sei μ die Belegung, bei der

wp

gelte und so, dass in allen von v aus erreichbaren Welten z¬p gelte. Dann ist

v¬p,

und somit ist

w⊭p,

also

w⊭pp.

(4). Es sei (M,R) gegeben. Es sei zunächst R transitiv und sei

wα.

Es sei wRv und vRz und somit

zα.

Also ist

vα.

und damit

wα.

Es sei nun R nicht transitiv und seien  w,v,zM  Punkte mit wRv, vRz, aber nicht wRz. Es sei p eine Aussagenvariable und sei μ die Belegung, bei der p in allen von w aus erreichbaren Welten gelte, in allen anderen Welten nicht. Dann ist

wp

und

v⊭p,

da ja z⊭p, und somit ist

w⊭p,

also

w⊭pp.

(5). Es sei (M,R) gegeben. Es sei zunächst R euklidisch und sei

wα.

Somit gibt es eine Welt v mit wRv und mit

vα.

Es sei z eine Welt mit wRz. Nach der euklidischen Eigenschaft ist dann auch zRv, daher ist

zα.

Somit ist

wα.

Es sei nun R nicht euklidisch und seien  w,v,zM  Punkte mit wRv, wRz, aber nicht vRz. Es sei p eine Aussagenvariable und sei μ die Belegung, bei der ¬p in allen von v aus erreichbaren Welten gelte, in allen anderen Welten nicht. Dann ist

zp

und somit

wp.

In v gilt hingegen ¬p, also

v¬p.

Somit gilt

w¬p

und damit

w⊭pp.

(6). Wir arbeiten mit der Kontraposition des Löb-Axioms, also mit

α(α¬α).

Es sei zunächst vorausgesetzt, dass (M,R) die graphentheoretischen Eigenschaften besitzt. Sei  wW  und

wα.

Dann gibt es eine Welt  vM  mit wRv und mit

vα.

Wir betrachten Ketten vRv2,v2Rv3, mit viα. Da es keine unendliche Kette gibt, bricht eine solche Kette ab, sagen wir in vn. In vn gilt dann

vnα¬α.

Wegen der Transitivität ist vn von w aus erreichbar und somit ist

w(α¬α).

Es sei nun vorausgesetzt, dass (M,R) nicht die Eigenschaften erfüllt. Wenn R nicht transitiv ist, so ist nach Lemma 25.18 in Verbindung mit Lemma 26.9 die Gültigkeit des Löb-Axioms ausgeschlossen. Es sei also eine unendlich lange Kette der Form wnRwn+1 gegeben. Wir belegen wnp für alle  n  und v¬p für alle anderen Welten. Dann gilt

w0p¬(p¬p),

da außerhalb der Kette stets ¬p gilt und innerhalb der Kette stets p gilt.


Ein Modell des Löb-Axioms ist insbesondere frei von Schleifen, d.h. es ist reflexivitätsfrei, es gilt also nie wRw. Eine solche Schleife würde ja direkt eine unendliche Kette produzieren. Der gerichtete Graph

wn,n,

mit der durch wnRwm, falls  n<m  gegebenen Relation und der Belegung wnp für alle  n  zeigt, dass das Löb-Axiom (in der Form p(p¬p) bei einer unendlichen transitiven Kette ohne Schleifen nicht gelten muss.



Wir betrachten für  n+  die modallogische Ausdrucksmenge, die durch

αn=(p1pn1¬pn)

gegeben ist. Da sich die Ausdrücke, die innerhalb des -Operators von αn stehen, gegenseitig ausschließen, braucht man zur Realisierung von α1αn mindestens n Punkte. Daher ist

Γ={αnn+}

nicht durch einen endlichen gerichteten Graphen erfüllbar. Die Ausdrucksmenge ist aber problemlos durch einen unendlichen gerichteten Graphen erfüllbar: Es seien Wn, n+, die unendlich vielen Welten, in Wn gilt p1pn1¬pn (die Wahrheitsbelegung ist ansonsten unerheblich) und jede Welt sei von jeder Welt aus erreichbar.



<< | Kurs:Einführung in die mathematische Logik (Osnabrück 2018) | >>

PDF-Version dieser Vorlesung

Arbeitsblatt zur Vorlesung (PDF)