Zum Inhalt springen

Kurs:Elemente der Algebra (Osnabrück 2015)/Vorlesung 4

Aus Wikiversity



Terme und Gleichungen

Unter einem (arithmetischen) „Term“ versteht man einen „zahlähnlichen“ Ausdruck, der sich aus „Zahlen“ und „Variablen“ mit Hilfe der Verknüpfungssymbole + und (eventuell mit und : oder daraus abgeleiteten Operationen wie Potenzen) und mit Klammern „korrekt“ bilden lässt. Das sind typischerweise auch die Ausdrücke, die auf einer Seite einer Gleichung (oder Ungleichung) stehen können. Beispielsweise sind

3(4+5),x,2x+7,4x3y,(a+b)2,a2+2ab+b2,01,

Terme. Dagegen sind

3(4+5)),2x+7=0,

keine Terme. Bei

n!,(nk),π,eu,xy,5x,x,

kann man sich darüber streiten (in der mathematischren Logik wird der Termbegriff unter Bezug auf Funktionssymbole präzisiert), es sind jedenfalls keine rein algebraischen Terme. Wichtig ist, dass man Terme nur dann als gleich ansieht, wenn es sich um dieselbe Zeichenreihe handelt. Beispielsweise sind (a+b)2 und a2+2ab+b2 verschiedene Terme. Gleichheit zwischen diesen Ausdrücken gilt nur bei einer bestimmten Interpretation, wenn man a und b als Elemente eines kommutativen Ringes interpretiert (erste binomische Formel).

Eine wichtige Funktion von Termen ist ihr Auftreten in Gleichungen. Gleichungen und Terme treten in der Mathematik in verschiedener Bedeutung auf.

1) Identitäten von Elementen

Das sind Gleichungen der Form  2+4=6  oder

37=21,

die besagen, das zwei irgendwie gegebene Elemente einer Menge gleich sind. 2+4 und 6 sind unterschiedliche Terme, haben aber denselben Zahlwert. In solchen Gleichungen kommen keine Variablen vor. Häufig werden solche Gleichungen verwendet, um etwas auszurechnen, also einen komplizierten Ausdruck in eine Standardform zu bringen.

2) Termidentitäten (Formeln, Rechengesetze)

Beispiel dazu sind

a(b+c)=ab+ac

oder

(a+b)2=a2+2ab+b2

oder

a2+b2=c2.

Sie drücken eine Gesetzmäßigkeit aus, die unter bestimmten Bedingungen gilt, beispielsweise wenn a,b Elemente eines kommutativen Ringes sind oder wenn a,b Kathetenlängen und c die Hypotenusenlänge eines rechtwinkligen Dreiecks ist. Charakteristisch für solche Gleichungen ist, dass in ihnen Variablen vorkommen und dass, wenn man für die Variablen simultan (also an jeder Stelle, wo die Variable steht) Elemente, die die Bedingung erfüllen, einsetzt, eine wahre Elementgleichung entsteht. Eine solche Identität repräsentiert also eine Vielzahl an einzelnen Elementgleichungen. Aus dem Distributivgesetz entsteht beispielsweise durch Einsetzen die spezielle Identität  3(5+4)=35+34

3) Definitionsgleichungen

Das sind Gleichungen, durch die eine abkürzende Schreibweise für einen komplexeren Ausdruck eingeführt wird. Beispiele sind

a3=aaa,n!=n(n1)321,|a+bi|=a2+b2,P=4x2+7x5.

Hierbei schreibt man häufig := statt =.

4) Gleichungen als Bedingung

Damit sind Gleichungen wie

4x=9,2x+7=0,5x23x+4=0,x=y

gemeint. In diesen kommen (in aller Regel) Variablen vor, es wird aber nicht eine allgemeingültige Formel zum Ausdruck gebracht, sondern es wird eine Bedingung an die auftretenden Variablen formuliert. D.h. es werden die Elemente gesucht, die die Gleichungen erfüllen, die man also für die Variablen einsetzen kann, damit eine wahre Elementidentität entsteht. Gleichungen in diesem Sinne definieren die Aufgabenstellung, nach Lösungen zu suchen. Statt einer einzigen Gleichung kann auch ein (beispielsweise lineares) Gleichungssystem vorliegen.

Manche Gleichungen kann man in mehrfacher Weise auffassen. So kann man die Gleichung

a2+b2=c2

als Gesetzmäßigkeit in einem rechtwinkligen Dreieck auffassen (bei richtiger Interpretation der einzelnen Variablen) oder als Aufgabenstellung, alle Tripel (a,b,c) zu bestimmen, die diese Gleichung erfüllen.



Polynomringe in einer Variablen

Zu einem kommutativen Ausgangsring wie oder und einer fixierten Variablen X kann man sich fragen, welche Terme man mit dieser Variablen über diesem Ring „basteln“ kann. Dazu gehören

5,3X+3,3(X+1),(2X6)(4X+3),X(XX),5+3X6X2+7X3,X24+5X2+7X13X,

wobei wir Potenzschreibweise verwendet und einige Klammern weggelassen haben. Als Terme sind 3X+3 und 3(X+1) verschieden. Bei jeder Interpretation von X in einem Ring sind diese Ausdrücke aber gleich. Der Polynomring besteht aus genau diesen Termen, wobei allerdings Terme miteinander identifiziert werden, wenn dies in jedem kommutativen Ring gilt (die Menge aller Terme ist kein Ring)!


Der Polynomring über einem kommutativen Ring R besteht aus allen Polynomen

P=a0+a1X+a2X2++anXn
mit aiR,i=0,,n,n,

und mit komponentenweiser Addition und einer Multiplikation, die durch distributive Fortsetzung der Regel

XnXm:=Xn+m

definiert ist.

Ein Polynom

P=i=0naiXi=a0+a1X+a2X2++anXn

ist formal gesehen nichts anderes als das Tupel (a0,a1,,an), die die Koeffizienten des Polynoms heißen. Der Ring R heißt in diesem Zusammenhang der Grundring des Polynomrings. Aufgrund der komponentenweisen Definition der Addition liegt unmittelbar eine Gruppe vor, mit dem Nullpolynom (bei dem alle Koeffizienten null sind) als neutralem Element. Zwei Polynome sind genau dann gleich, wenn sie in allen ihren Koeffizienten übereinstimmen. Die Polynome mit  ai=0  für alle  i1  heißen konstante Polynome, man schreibt sie einfach als a0. Ein von 0 verschiedenes Polynom kann man als i=0naiXi mit  an0  schreiben. Der Koeffizient an heißt dann der Leitkoeffizient des Polynoms.

Die für ein einfaches Tupel zunächst ungewöhnliche Schreibweise deutet in suggestiver Weise an, wie die Multiplikation aussehen soll, das Produkt XiXj ist nämlich durch die Addition der Exponenten gegeben. Dabei nennt man X die Variable des Polynomrings. Für beliebige Polynome ergibt sich die Multiplikation aus dieser einfachen Multiplikationsbedingung durch distributive Fortsetzung gemäß der Vorschrift, „alles mit allem“ zu multiplizieren. Die Multiplikation ist also explizit durch folgende Regel gegeben:

(i=0naiXi)(j=0mbjXj)=k=0n+mckXk mit ck=r=0karbkr.

Beispielsweise ist

(iX2+(3i)X+5)(X2+4X+2i)=iX4+(4i(3i))X3+(2ii+(3i)45)X2+((3i)2i+20)X+10i=iX4+(3+5i)X3+(54i)X2+(22+6i)X+10i.



Lemma  

Es sei R ein kommutativer Ring und sei R[X] der Polynomring über R. Dann gelten folgende Aussagen.

  1. R ist ein Unterring von R[X].
  2. R ist genau dann ein Integritätsbereich, wenn R[X] ein Integritätsbereich ist.

Beweis  

  1. Ein Element  rR  wird als konstantes Polynom aufgefasst, wobei es egal ist, ob man Addition und Multiplikation in R oder in R[X] ausführt.
  2. Wenn R[X] integer ist, so überträgt sich dies sofort auf den Unterring R. Es sei also R ein Integritätsbereich und seien P=i=0naiXi und Q=j=0mbjXj zwei von null verschiedene Polynome. Wir können annehmen, dass an und bm von null verschieden sind. Dann ist  anbm0  und dies ist der Leitkoeffizient des Produktes PQ, das damit nicht null sein kann.



Es sei R ein kommutativer Ring und sei  SR  ein Unterring.

Dann ist auch S[X] ein Unterring von R[X].

Beweis

Siehe Aufgabe 4.7.

Die vorstehende Aussage bedeutet einfach, dass man ein Polynom mit Koeffizienten aus S direkt auch als Polynom mit Koeffizienten aus R auffassen kann. So ist ein Polynom mit ganzzahligen Koeffizienten insbesondere auch ein Polynom mit rationalen Koeffizienten und mit reellen Koeffizienten. Die Addition und die Multiplikation von zwei Polynomen hängen nicht davon ab, ob man sie über einem kleineren oder einem größeren Grundring ausrechnet, so lange dieser nur alle beteiligten Koeffizienten enthält. Es gibt aber auch viele wichtige Eigenschaften, die vom Grundring abhängen, wie beispielsweise die Eigenschaft, irreduzibel zu sein, siehe Beispiel 6.8.

In ein Polynom  PR[X]  kann man ein Element  rR  einsetzen. Dabei ersetzt man überall die Variable X durch r und rechnet das Ergebnis in R aus. Dieses Ergebnis wird mit P(r) bezeichnet. Ein fixiertes Element  rR  definiert dann eine Abbildung (die Auswertungsabbildung zu r)

R[X]R,PP(r).

Andererseits definiert ein fixiertes Polynom  PR[X]  die zugehörige Polynomfunktion, die durch

RR,xP(x).

Diese wird insbesondere bei einem Körper  R=K  studiert, siehe weiter unten.



Der Grad eines Polynoms

Der Grad eines von 0 verschiedenen Polynoms

P=a0+a1X+a2X2++anXn

mit  an0  ist n.

Wenn der Leitkoeffizient  an=1  ist, so nennt man das Polynom normiert. Dem Nullpolynom wird im Allgemeinen kein Grad zugewiesen; manchmal sind gewisse Gleichungen oder Bedingungen aber auch so zu verstehen, dass dem Nullpolynom jeder Grad zugewiesen wird. Polynome vom Grad 0 heißen konstante Polynome, Polynome vom Grad 1 heißen affin-lineare Polynome und Polynome vom Grad 2 heißen quadratische Polynome.



Es sei R ein kommutativer Ring und sei R[X] der Polynomring über R. Dann gelten für den Grad folgende Aussagen.

  1. grad(P+Q)max{grad(P),grad(Q)}.
  2. grad(PQ)grad(P)+grad(Q).
  3. Wenn R ein Integritätsbereich ist, so gilt in (2) die Gleichheit.

Beweis

Siehe Aufgabe 4.8.



Polynomringe in mehreren Variablen

Die Konstruktion von Polynomringen aus einem Grundring kann man iterieren. Aus R kann man R[X] machen und daraus mit einer neuen Variablen den Ring (R[X])[Y] bilden. Für diesen Ring schreibt man auch R[X,Y]. Ein Element darin hat die Gestalt

i,jaijXiYj,

wobei die Summe endlich ist. Ein Ausdruck der Form XiYj heißt Monom. Polynome kann man auf unterschiedliche Art sortieren. Man kann die Potenz einer Variablen (etwa Y) herausnehmen und schauen, welche Polynome in X sich darauf beziehen. Dann sieht ein Polynom folgendermaßen aus:

2+3XX25X3+(1+3XX2+3X5)Y+(4+X+7X26X4)Y2+(2X3)Y3.

Oder man kann entlang dem Summengrad sortieren, dies ergibt

2+3X+YX2+3XY+4Y25X3X2Y+XY2+2Y3+7X2Y2+3X5Y+6X4Y2X3Y3.

Polynomiale Identitäten haben viel mit allgemeingültigen Termidentitäten zu tun. In [X,Y] gilt beispielsweise

(X+Y)n=k=0n(nk)XkYnk.

Diese Identität zwischen zwei Polynomen entspricht der allgemeinen binomischen Formel. Einerseits ist sie ein Spezialfall davon, da wir in dem kommutativen Ring [X,Y] sind und die speziellen Elemente X und Y anschauen. Andererseits kann man aus dieser polynomialen Identität die allgemeine binomische Formel zurückgewinnen, da man für X und Y beliebige Elemente a und b eines kommutativen Ringes einsetzen kann (und man weiß, wie man ganze Zahlen in jedem Ring interpretiert) und sich dabei die Identität erhält. Natürlich gibt es auch Polynomringe in beliebig vielen Variablen, dafür schreibt man R[X1,X2,,Xn].



Polynomringe über einem Körper

Für uns sind zunächst die Polynomringe über einem Körper von besonderer Bedeutung.


Es sei K ein Körper und seien  a0,a1,,anK.  Eine Funktion

P:KK,xP(x),

mit

P(x)=i=0naixi=a0+a1x++anxn

heißt Polynomfunktion.

Man muss zwischen Polynomen und Polynomfunktionen unterscheiden, insbesondere für  K=/(p)

Das Polynom
XpX
hat beispielsweise nach

dem kleinen Fermat für jedes  aK  den Wert  apa=0.  D.h. die durch dieses Polynom definierte Polynomfunktion ist die Nullfunktion, obwohl das Polynom selbst nicht das Nullpolynom ist.

Bei  K=  lassen sich die Polynomfunktionen graphisch veranschaulichen.

Eine wichtige Frage ist, für welche Elemente  xK  die Polynomfunktion einen bestimmten Wert annimmt. Hierbei ist insbesondere der Wert 0 wichtig, da ja die Gleichung  P(x)=a  äquivalent zu

P(x)a=0

ist und Pa wieder ein Polynom ist. Für affin-lineare Polynome aX+b (mit a0) ist  x=ba  die einzige Lösung. Für quadratische Polynome der reinen Form X2+c sind die Quadratwurzeln von c aus K, falls sie denn existieren, die Lösungen. Für ein quadratisches Polynom aX2+bX+c kann man das Bestimmen der Nullstellen durch quadratisches Ergänzen auf die reine Form zurückführen, siehe Aufgabe 4.13.

Der folgende Satz heißt Interpolationssatz und beschreibt die Interpolation von vorgegebenen Funktionswerten durch Polynome.


Satz  

Es sei K ein Körper und es seien n verschiedene Elemente  a1,,anK  und n Elemente  b1,,bnK  gegeben.

Dann gibt es ein eindeutiges Polynom  PK[X]  vom Grad n1 derart, dass  P(ai)=bi  für alle i ist.

Beweis  

Wir beweisen die Existenz und betrachten zuerst die Situation, wo  bj=0  ist für alle  ji  für ein festes i. Dann ist

(Xa1)(Xai1)(Xai+1)(Xan)

ein Polynom vom Grad n1, das an den Stellen a1,,ai1,ai+1,,an den Wert 0 hat. Das Polynom

bi(aia1)(aiai1)(aiai+1)(aian)(Xa1)(Xai1)(Xai+1)(Xan)

hat an diesen Stellen ebenfalls eine Nullstelle, zusätzlich aber noch bei ai den Wert bi. Nennen wir dieses Polynom Pi. Dann ist

P=P1+P2++Pn

das gesuchte Polynom. An der Stelle ai gilt ja

Pj(ai)=0

für  ji  und  Pi(ai)=bi

Die Eindeutigkeit folgt aus Korollar 5.6.



<< | Kurs:Elemente der Algebra (Osnabrück 2015) | >>

PDF-Version dieser Vorlesung

Arbeitsblatt zur Vorlesung (PDF)