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Kurs:Algebraische Zahlentheorie (Osnabrück 2020-2021)/Vorlesung 16

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Reine kubische Gleichungen

Wir interessieren uns für den Ganzheitsring zur reinen kubischen Körpererweiterung  L=[X]/(X3q)  mit  q2.  Wenn in der Primfaktorzerlegung von q eine Primzahl p mit einem Exponenten 3 vorkommt, so kann man p3 vorziehen und erhält mit der neuen Variablen pX eine neue Darstellung der Körpererweiterung. Deshalb gehen wir direkt davon aus, dass in q nur Primzahlen mit einem Exponenten 1 oder 2 vorkommen. Wir können also  q=ab2  mit a und b quadratfrei und zueinander teilerfremd ansetzen.



Satz  

Es seien a und b teilerfremde quadratfreie natürliche Zahlen, nicht beide 1, und sei  [X]/(X3ab2)=L  die zugehörige kubische Körpererweiterung. Wir setzen  x=ab23  und  y=a2b3.  Dann gelten folgende Aussagen.

  1. x und y sind ganze Elemente in L.
  2. Es ist
    [x,y][X,Y]/(XYab,X2bY,Y2aX)=[X,Y]/(X3ab2,Y3a2b,XYab,X2bY,Y2aX)=S.
  3. Wenn  a±bmod9  gilt, so ist S der Ganzheitsring von L, und 1,x,y bilden eine Ganzheitsbasis.
  4. Bei  a=±bmod9  gehört auch  z=13(1+ax+by)=13(1+ax+x2)  zum Ganzheitsring, und x,y,z bilden eine Ganzheitsbasis.

Beweis  

Das Polynom X3ab2 besitzt keine rationale Nullstelle, ist also irreduzibel und somit liegt eine Körpererweiterung vom Grad 3 vor.

  1. Es ist unmittelbar klar, dass x zu L gehört und eine Ganzheitsgleichung erfüllt. Ferner ist
    y=a2b3=1bab232=1bx2,

    d.h. y gehört ebenfalls zu L, die Ganzheit ist klar.

  2. Wegen  X3=bYX=ab2  liegen auch diese kubischen Terme in dem Ideal. Wir haben durch Xx und Yy einen surjektiven Ringhomomorpismus
    S=[X,Y]/(XYab,X2bY,Y2aX)[x,y],

    da x und y die angegebenen Relationen erfüllen. Diese Relationen zeigen auch, dass rechts die Gruppe xy steht, da man alle Produkte darin schon ausdrücken kann. Eine weitere Relation kann es nicht geben, da 1,x,y über linear unabhängig sind.

  3. Wir zeigen nun, dass S unter der angegebenen Bedingung normal ist. Wenn eine Primzahl p weder in a noch in b vorkommt und nicht 3 ist, so ist
    S(p)=(p)[X,Y]/(XYab,X2bY,Y2aX)(p)[X]/(X3ab2),

    da man  Y=X2b  schreiben und überall ersetzen kann, da b in (p) eine Einheit ist. Die entstehenden Erzeuger sind X3ab2 und Vielfache davon. Der Faserring über p ist somit /(p)[X]/(X3u) mit einer Einheit  u/(p).  Das beschreibende Polynom X3u und seine Ableitung 3X2 erzeugen das Einheitsideal (die Faser über p ist also reduziert) und damit ist nach Korollar 15.2 die Nenneraufnahme von S an (p) normal.

    Es sei nun p ein Teiler von a (wobei der Fall p=3 erlaubt ist). Dann ist wieder  S(p)(p)[X]/(X3ab2).  Modulo p ist dies /(p)[X]/(X3), somit ist das einzige Primideal oberhalb von (p) gleich (p,X). Da wir

    a=pc

    mit a und c teilerfremd schreiben können, gilt

    p=X2cb2X

    und daher wird dieses Primideal von X erzeugt. Diese Nenneraufnahmen sind also auch normal. Der Fall, dass p ein Teiler von b ist, geht analog.

    Betrachten wir nun

    p=3

    und nehmen weiter an, dass 3 weder in a noch in b vorkommt. Dann kann man wieder die Nenneraufnahme monogen als (3)[X]/(X3ab2) beschreiben. Modulo 3 ist dies

    /(3)[X]/(X3ab2)=/(3)[X]/(Xab2)3

    und somit liegt über (3) das einzige Primideal (3,Xab2). Wir bestimmen, unter welchen Bedingungen Xab2 ein Erzeuger dieses Ideals ist. Der Ring (3)[X]/(X3ab2) modulo Xab2 ist

    (3)/((ab2)3ab2)=(3)/((ab2)21)=(3)/((ab2+1)(ab21)),

    da in unserem Fall a und b Einheiten sind. Es geht darum, ob dieser Ring gleich /(3) ist oder nicht, und somit geht es darum, ob die Ordnung von (ab2+1)(ab21) in (3) gleich 1 oder höher ist. Wir schreiben  a=9u+r  und  b=9v+s  und betrachten zuerst den Fall, wo  r=1,4,7  ist. Dann ist  ab2+10mod3  und wir müssen  ab21=(9u+r)(9v+s)21  betrachten. Modulo 9 ist dies rs21. Dabei gilt

    rs2=1mod9

    genau in den Fällen

    (r,s)=(1,±1),(4,±4),(7,±7).

    Bei  r=2,5,8  ist  ab210mod3  und wir müssen  ab2+1=(9u+r)(9v+s)2+1=rs2+1mod9  betrachten. Dabei gilt

    rs2=1mod9

    genau in den Fällen

    (r,s)=(2,±2),(5,±5),(8,±8).

    Unter der Voraussetzung  a±bmod9  ist also der Exponent der 3 in (ab2+1)(ab21) genau 1. Somit ist  3(Xab2)  und das einzige Primideal oberhalb von (3) ist in der Lokalisierung auch ein Hauptideal.

  4. Es ist
    z=13(1+ax+by)=13(1+ax+x2).

    Die Koeffizienten des charakteristischen Polynoms dieses Elementes sind nach Aufgabe 16.2 gleich  Spur(z)=1,   19(33aab2)=13(1a2b2)  und

    N(z)=127(13aab2+a3ab2+(ab2)2)=127(13a2b2+a4b2+a2b4)=127(1+a2b2(3+a2+b2)).

    Gemäß Satz 7.5 ist zu untersuchen, ob diese drei Koeffizienten ganzzahlig sind (für jedes Element aus L ist das charakteristische Polynom das Minimalpolynom). Unter der Bedingung  a=±bmod9  ist  a2=b2=1,4,7mod9,  wir setzen  a2=9m+t  und  b2=9n+t.  In diesen Fällen ist

    1a2b2={0 bei t=1,15 bei t=4,48 bei t=7,mod9,

    also stets ein Vielfaches von 3. Ferner ist

    1+a2b2(a2+b23)=1+(81mn+9(m+n)t+t2)(9(m+n)+2t3)=1+81A+18(m+n)t227(m+n)t+9(m+n)t2+2t33t2=81A+1+27(m+n)t227(m+n)t+2t33t2=81A+1+27(m+n)(t2t)+2t33t2=81A+1+2t33t2.

    Bei  t=1,4  ist dies zusammen sogar ein Vielfaches von 81. Bei  t=7  sind die hinteren Summanden zusammen gleich

    1+273372=540=2720,

    also ein Vielfaches von 27 und daher ist z ganz.

    Wir zeigen nun, dass die von x,y,z erzeugte Algebra normal ist. Es sei

    w=k+mx+nx2

    mit  k,m,n  ein Element, das über eine Ganzheitsgleichung erfüllt, und wir müssen zeigen, dass es zu [x,y,z] gehört. Aufgrund der Spurbedingung ist 3k ganzzahlig. Wir ziehen z von w ab und können dann  k=0  annehmen. Die weiteren Koeffizientenbedingungen an das charakteristische Polynom besagen, dass 3mnq und m3q+n3q2 ganzzahlig sind. Da q kein Vielfaches von 3 ist, ist

    ord(3)(mn)1,

    also  ord(3)(m)0  oder  ord(3)(n)0,  und

    ord(3)(m3+n3q)0.

    Im ersten Fall folgt wegen der letzten Bedingung auch die Bedingung im zweiten Fall und umgekehrt, d.h. die Ordnung von m und n an der Stelle (3) ist 1. Wegen der Normalität an den anderen Primzahlen folgt überhaupt, dass m und n ganzzahlig sind.



Korollar  

Es sei q eine Primzahl mit  q±1mod9  (was bei  q=2mod3  stets der Fall ist).

Dann ist der Ganzheitsring zur Körpererweiterung

[X]/(X3q)

gleich [X]/(X3q).

Bei  q=1,1mod9  ist

z=1+qx+x23

ganz über [X]/(X3q) mit dem Minimalpolynom

T3T2+1q23T(q21)227=0.

In diesem Fall besitzt der Ganzheitsring die Ganzheitsbasis 1,x,z.

Beweis  

Dies ist der Spezialfall von Satz 16.1 mit  a=q  und  b=1.  In diesem Fall ist

y=q23=q32=x2

und

S=[x]=[X]/(X3q).



Wir betrachten die Körpererweiterung

[23]=K.

Der Ganzheitsring ist

[23][X]/(X32)

nach Korollar 16.2. Das ist keine Galoiserweiterung, da das Polynom X32 über K (und reell) nicht zerfällt. Oberhalb von (2) liegt das einzige Primideal (X). Für eine ungerade Primzahl p mit  p=2mod3  sind p1 und 3 teilerfremd und daher ist die dritte Potenz

/(p)/(p),zz3,

eine Bijektion. Insbesondere besitzt die 2 eine eindeutig bestimmte dritte Wurzel a und es gibt eine Faktorzerlegung

X32=(Xa)(X2+bX+c)

in /(p)[X], wobei der hintere Faktor irreduzibel ist. Deshalb liegen über (p) in der Erweiterung  [23]  zwei Primideale. Deren Restekörper sind einerseits /(p) und andererseits 𝔽p2. Insbesondere sind diese nicht zueinander isomorph. Bei  p=5  ist beispielsweise

33=2mod5

und

X32=X3+3=(X+2)(X2+3X+4)

und somit

[23]/(5)=[X]/(X32)/(5)=/(5)[X]/(X32)=/(5)[X]/(X+2)×/(5)[X]/(X2+3X+4)/(5)×𝔽25.

Bei

p=1mod3

ist 3 ein Teiler von p1 und daher gibt es drei dritte Einheitswurzeln in /(p). Wenn die 2 in /(p) eine dritte Wurzel besitzt, so besitzt sie sogar drei dritte Wurzeln und die Faser zerfällt in drei Punkte, deren Restekörper /(p) sind. Wenn die 2 in /(p) keine dritte Wurzel besitzt, so besteht die Faser aus einem einzigen Punkt, dessen Restekörper der Körper mit p3 Elementen ist.

Es sei  p=7.  Dritte Einheitswurzeln sind 1,2,4. Die andere dritte Potenz ist

6=33=53=63.

D.h. 2 ist keine dritte Potenz und /(7)[X]/(X32) ist ein Körper mit 343 Elementen.

Es sei  p=13.  Die dritten Einheitswurzeln sind 1,3,9. Die weiteren dritten Potenzen sind 1=12,8=23,5=113, die 2 ist also wieder keine dritte Potenz.

Es sei  p=19.  Die dritten Einheitswurzeln sind 1,7,11. Die weiteren dritten Potenzen sind 1=18,8=23,7=43,11=53,12=103, die 2 ist also wieder keine dritte Potenz.

Es sei  p=31.  Die dritten Einheitswurzeln sind 1,5,25.

Hier ist

2=43=203=73.

D.h. es ist

[23]/(31)=[X]/(X32)/(31)=/(31)[X]/(X32)=/(31)[X]/(X4)(X7)(X20)/(31)×/(31)×/(31),

die Faser besteht also aus drei Punkten, die alle den Restekörper /(31) besitzen.


Die zusätzliche Ganzheitsgleichung ist bei einer Primzahl q erstmals bei  q=17  zu berücksichtigen.


Wir betrachten den Zahlbereich zur Körpererweiterung

[X]/(X317),

dieser besitzt nach Korollar 16.2 die Beschreibung

R=[x,z][X](X317)

mit

z=1+17x+x23

und wobei z die Ganzheitsgleichung

T3T296T3072=0

erfüllt.




Lemma  

Es seien a und b teilerfremde quadratfreie natürliche Zahlen, nicht beide 1, und sei  [X]/(X3ab2)=L  die zugehörige kubische Körpererweiterung mit dem Ganzheitsring R. Dann gilt für die Diskriminante von R folgende Beschreibung.

  1. Bei  a±bmod9  ist die Diskriminante von R gleich 27a2b2.
  2. Bei  a=±bmod9  ist die Diskriminante von R gleich 3a2b2.

Beweis  

Wir setzen  x=ab23  und  y=a2b3.  Nach Satz 16.1 ist der Ganzheitsring gleich [x,y] und 1,x,y ist eine Ganzheitsbasis, ferner ist  y=x2/b.  Wir berechnen zuerst die Diskriminante zu 1,x,x2. Dabei ist  x3=ab2  und  x4=ab2x.  Die Spur von x und von x2 ist gleich 0, daher ist

(1,x,x2)=det(300003ab203ab20)=27a2b4.

Die Übergangsmatrix zwischen 1,x,x2 und 1,x,y hat die Determinante 1/b, daher ist die Diskriminante des Zahlbereiches nach Lemma 8.2 gleich 27a2b2.

Im zweiten Fall bleibt die bisherige Rechnung gültig, doch ist jetzt 13(1+ax+by),x,y eine Ganzheitsbasis. Die Übergangsmatrix zwischen den Basen 1,x,y und z,x,y ist

(13a3b3010001)

mit der Determinante 13. Dies ergibt den Faktor 19.


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