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Kurs:Grundkurs Mathematik (Osnabrück 2016-2017)/Teil I/Vorlesung 10

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Die Ordnung auf den natürlichen Zahlen

Man sagt, dass eine natürliche Zahl n größergleich einer natürlichen Zahl k ist, geschrieben

nk,

wenn man von k aus durch endlichfaches Nachfolgernehmen zu n gelangt.

Auf dem nach rechts verlaufenden Zahlenstrahl bedeutet nk, dass sich n weiter rechts als k befindet. Diese Interpretation gilt für alle reellen Zahlen.

Statt  nk  schreibt man auch  kn  (gesprochen kleinergleich). Die Schreibweise  n>k  bedeutet  nk  und  nk



Lemma  

Für natürliche Zahlen n,k gilt

nk

genau dann, wenn es ein  m  mit

n=k+m

gibt.

Beweis  

Die Zahl m gibt an, wie oft man von k aus den Nachfolger nehmen muss, um zu n zu gelangen.



Lemma  

Für die Größergleich-Relation in den natürlichen Zahlen gelten die folgenden Aussagen.

  1. Es ist
    a0

    für alle  a

  2. Es ist
    a=0

    oder

    a1.
  3. Bei
    ab

    gilt

    a=b

    oder

    ab+1.

Beweis  

Wir verwenden die Charakterisierung aus Lemma 10.2.

  1. Ist klar wegen  a=0+a
  2. Wir zeigen die Aussage  a=0  oder  a1  für alle  a  durch Induktion über a. Für  a=0  ist die Aussage klar. Es sei also angenommen, dass die Aussage für ein bestimmtes a gelte. Dann ist  a=0  oder  a1.  Im ersten Fall ist dann  1+a=1+0=1  und insbesondere  1+a1.  Im zweiten Fall ist  a=b+1  mit einem  b  und damit  a+1=(b+1)+1=1+(b+1)
  3. Wird ähnlich wie (2) bewiesen, siehe Aufgabe 10.4.



Satz  

Auf den natürlichen Zahlen

ist durch die Größergleich-Relation eine totale Ordnung definiert.

Beweis  

Wir verwenden die Charakterisierung mit der Addition. Wegen  n=n+0  ist  nn.  Wenn  k  und  m  ist, so bedeutet dies, dass es natürliche Zahlen a,b mit  k=+a  und  =m+b  gibt. Dann gilt insgesamt

k=+a=(m+b)+a=m+(b+a)

und somit ist auch  km.  Aus  k  und  k  ergibt sich  k=+a  und  =k+b  und somit  k=k+(a+b).  Dies ist nach der Abziehregel nur bei  a+b=0  möglich, und dies ist wiederum, da 0 kein Nachfolger ist, nur bei  a=b=0  möglich. Die Aussage  ab  oder  ba  beweisen wir durch Induktion über a (für jedes feste b), wobei der Induktionsanfang wegen  b0  klar ist. Die Aussage gelte also für ein bestimmtes a. Wenn die erste Möglichkeit gilt, also  ab,  so gilt wegen

a+1>ab

erst recht  a+1b.  Wenn die zweite Möglichkeit gilt, also  ab,  so gibt es zwei Möglichkeiten. Bei  a=b  ist  a+1b  und die Gesamtaussage gilt für a+1. Andernfalls ist  a<b  und somit ist nach Lemma 10.3  (3)  a+1b  und die Gesamtaussage gilt erneut.


Wir begründen nun, dass die Ordnungsrelation mit der Addition und der Multiplikation verträglich ist.


Satz  

Es seien a,b,c natürliche Zahlen. Dann gelten folgende Aussagen.

  1. Es ist
    ab

    genau dann, wenn

    a+cb+c

    ist.

  2. Aus
    ab

    und

    cd

    folgt

    a+cb+d.
  3. Aus
    ab

    folgt

    cacb.
  4. Aus
    ab

    und

    cd

    folgt

    acbd.
  5. Aus
    c1

    und

    cacb.

    folgt

    ab.

Beweis  

  1. Wir beweisen die Aussagen mit Lemma 10.2. Nach Voraussetzung gibt es ein  m  mit  a=b+m.  Dann ist auch  a=b+m.   a+c=b+m+c=b+c+m,  was  a+cb+c  bedeutet.
  2. Zweifache Anwendung von Teil (1) liefert
    a+cb+cb+d,

    sodass die Transitivität den Schluss ergibt.

  3. Die Voraussetzung bedeutet wieder  a=b+m  mit einem  m.  Dann ist mit dem Distributivgesetz
    ca=c(b+m)=cb+cm,

    also  cacm

  4. Aus den Voraussetzungen und Teil (3) ergibt sich
    acbcbd.
  5. Sei  c1.  Wir beweisen die Kontraposition, dass aus der Größerbeziehung  b>a  die Größerbeziehung  bc>ac  folgt. Es sei also  b>a.  Dann ist  ba+1  und somit ist nach Teil (3) und Teil (2)
    bc(a+1)c=ac+cac+1,

    also  bc>ac

Die folgende Eigenschaft heißt Integritätseigenschaft.


Lemma  

Das Produkt zweier natürlicher Zahlen ist nur dann gleich 0, wenn einer der Faktoren 0 ist.

Beweis  

Wenn die beiden Faktoren a,b nicht 0 sind, so ist

a,b1

nach Lemma 10.3  (2) und somit ist

ab1

nach Satz 10.5  (4).


Die folgende Eigenschaft heißt Kürzungsregel.


Lemma  

Aus einer Gleichung  nk=mk  mit  k,m,n  und mit  k0  folgt

 n=m

Beweis  

Dies folgt unmittelbar aus Satz 10.5  (5) und daraus, dass eine totale Ordnung vorliegt.




Maxima und Minima

Zu einer endlichen nichtleeren Teilmenge  T  heißt a das Maximum von T, wenn  aT  ist und wenn  ax  für alle  xT  gilt.


Zu einer nichtleeren Teilmenge  T  heißt b das Minimum von T, wenn  bT  ist und wenn  bx  für alle  xT  gilt.

Die leere Menge besitzt weder ein Maximum noch ein Minimum. Die Gesamtmenge besitzt das Minimum 0 und kein Maximum.




Die Differenz von natürlichen Zahlen
Aus einer Menge mit a Elementen wird eine Teilmenge mit b Elementen (ba) herausgenommen. Zurück bleibt eine Menge mit ab Elementen.

Für natürliche Zahlen

ab

ist ab diejenige natürliche Zahl c für die

a=b+c

gilt. Sie heißt die Differenz zwischen a und b.

Man mache sich hier die Logik dieser Definition klar: Die Voraussetzung

ab

bedeutet nach Lemma 10.2 die Existenz einer natürlichen Zahl c mit

a=b+c.

Dieses c ist aufgrund der Abziehregel durch diese Eigenschaft eindeutig bestimmt. Die Differenz gibt an, wie oft man von b aus den Nachfolger nehmen muss, um zu a zu gelangen. Die charakteristische Eigenschaft ist die Gleichheit

b+(ab)=a.

Dabei ist ab die einzige Lösung für die Gleichung[1]

b+x=a.

Ferner ist  aa=0.  Wenn eine Gleichung  a+b=c  gegeben ist, so sagt man beim Übergang zu

a=cb

auch, dass b (beidseitig) abgezogen wird.

Für  a<b  ist der Ausdruck ab innerhalb der natürlichen Zahlen nicht definiert. Da zu  a,b  stets

ab

oder

ba

gilt, ist einer der beiden Ausdrücke ab oder ba eine wohldefinierte natürliche Zahl. Oft nennt man auch diese Zahl, die sich ergibt, wenn man die beiden Zahlen richtig geordnet hat, die Differenz der beiden Zahlen.

Für die Differenz können wir einfach eine mengentheoretische Interpretation angeben.


Satz  

Es sei M eine endliche Menge mit m Elementen und es sei

TM

eine Teilmenge, die k Elemente besitze.

Dann besitzt

MT

genau mk Elemente.

Beweis  

Es ist

M=T(MT)

eine disjunkte Zerlegung. Daher gilt nach Satz 8.13

m=#(M)=#(T)+#(MT)=k+#(MT).

Somit erfüllt #(MT) die charakteristische Eigenschaft der Differenz und ist daher gleich mk.



Lemma  

  1. Für natürliche Zahlen a,b,c mit
    ab

    ist

    b+c+(ab)=c+a.

    Insbesondere ist  (a+c)(b+c)=ab  und  (a+c)(ab)=b+c

  2. Für natürliche Zahlen a,b,c,d mit
    ab

    und

    cd

    ist

    (a+c)(b+d)=(ab)+(cd).

    Insbesondere ist bei  ab  stets  (a+c)b=(ab)+c

  3. Bei
    b+cab

    ist  cab  und es ist

    c(ab)=(c+b)a.

Beweis  

  1. Aus
    b+(ab)=a

    ergibt sich direkt

    b+c+(ab)=c+a.

    Die Zusätze ergeben sich aus der Eindeutigkeit der Differenz.

  2. Wegen Satz 10.5  (2) ist
    a+cb+d,

    sodass der Ausdruck links einen Sinn ergibt. Die Rechnung

    (b+d)+(ab)+(cd)=d+a+(cd)=a+c

    unter Verwendung der ersten Teils zeigt, dass (ab)+(cd) die charakteristische Eigenschaft von (a+c)(b+d) erfüllt, also wegen der Eindeutigkeit damit übereinstimmt.

  3. Nach Teil (2) folgt aus  ab  und  b+ca  die Beziehung
    (ab)+((b+c)a)=a+b+c(a+b)=c

    und insbesondere  cab.  Beidseitiges Abziehen von ab ergibt

    (b+c)a=c(ab).


Die folgende Aussage ist das Distributivgesetz für die Differenz.


Lemma  

Es seien a,b,c natürliche Zahlen mit  ab

Dann ist

c(ab)=cacb.

Beweis  

Nach Satz 10.5 ist mit  ab  auch  cacb,  sodass cacb wohldefiniert ist. Es ist

a=(ab)+b

und daher ist nach dem Distributivgesetz für die Addition und die Multiplikation

ca=c((ab)+b)=c(ab)+cb.

Also ist

c(ab)=cacb.



Fußnoten
  1. Das Gleichungskonzept werden wir später genauer besprechen.


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