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Kurs:Körper- und Galoistheorie (Osnabrück 2011)/Vorlesung 1

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Lösungen von polynomialen Gleichungen

Es sei eine polynomiale Gleichung

anxn+an1xn1++a2x2+a1x+a0=0

gegeben, wobei die Koeffizienten a0,a1,,an reelle (oder komplexe) Zahlen seien und nach Elementen  x  gesucht wird, die diese Gleichung erfüllen. Wie kann man solche Lösungen finden? Die Lösbarkeit hängt dabei natürlich wesentlich vom Grad der Gleichung ab, das ist der maximale Index n mit  an0.  Bei  n=1  liegt eine lineare Gleichung  a1x+a0=0  vor mit der eindeutigen Lösung  x=a0a1.  Dies kann man bilden, da nach Voraussetzung  a10  ist und da die Koeffizienten aus sind, also aus einem Körper, in dem man uneingeschränkt durch von 0 verschiedene Zahlen dividieren kann. Bei  n=2  liegt eine quadratische Gleichung vor, also

a2x2+a1x+a0=0

mit  a20.  Hier führt man zunächst eine Normierung durch, was man bei jedem Grad machen kann. Das bedeutet, dass man durch den Leitkoeffizienten an dividiert, um diesen zu 1 zu normieren. Dabei ändern sich die Lösungen der Gleichung offenbar nicht. Im quadratischen Fall gelangt man so zur äquivalenten Gleichung

x2+b1x+b0=0.

Diese Gleichung führt man durch quadratisches Ergänzen auf eine reine Gleichung zurück. Man macht den Ansatz y=x+b12 und schreibt dann die Gleichung als

(x+b12)2+b0(b12)2=x2+b1x+b0=0

bzw. als

y2+c0=0

mit  c0=b0(b12)2.  Dieser Koeffizient c0 gehört wieder zum Körper. Wenn y1 eine Lösung dieser Gleichung ist, so ist  x1=y1b12  eine Lösung der quadratischen Ausgangsgleichung. Die neu gewonnene äquivalente Gleichung ist eine sogenannte reine Gleichung, d.h. eine Gleichung der Form

yn=d.

Um eine solche reine Gleichung lösen zu können, muss man „die“ n-te Wurzel aus d ziehen können. Die Schwierigkeit dieser Aufgabe und die Anzahl der Lösungen hängt von der Arithmetik des Körpers ab und ist nicht trivial. Dennoch ist es eine wesentliche Reduktion, wenn man, wie im quadratischen Fall, die Lösung einer polynomialen Gleichung auf die Lösung einer (oder mehrerer) reinen Gleichungen zurückführen kann.



Kubische Gleichungen

Wir betrachten nun eine normierte kubische Gleichung

x3+a2x2+a1x+a0=0,

wobei die Koeffizienten aus seien. Mit einem Ergänzungstrick können wir den quadratischen Koeffizienten a2 eliminieren. Wir machen den Ansatz  y=x+a23  und schreiben die Gleichung als

(x+a23)3+(a13(a23)2)(x+a23)(a13(a23)2)a23(a23)3+a0=0

bzw. als  y3+py+q=0  mit den neuen Koeffizienten

p=a13(a23)2 und q=(a13(a23)2)a23(a23)3+a0.

Lösungen dieser vereinfachten Gleichung führen direkt zu Lösungen der Ausgangsgleichung.

Die vereinfachte Gleichung kann man über die folgende Formel von Cardano lösen. Wir brauchen dafür ein Lemma über dritte Einheitswurzeln von , das sind komplexe Zahlen η mit  η3=1,  also die Lösungen der reinen kubischen Gleichung  x3=1



Es gelten folgende Aussagen.

  1. Die dritten Einheitswurzeln in sind 1,ϵ=12+32i und η=1232i.
  2. Es ist  ϵ2=η  und  η2=ϵ
  3. Es ist  1+ϵ+ϵ2=0
  4. Es ist  ϵ+ϵ2=1

Beweis

Siehe Aufgabe 1.1.



Satz  

Es sei

x3+px+q=0

mit  p,q  eine kubische Gleichung. Wir setzen  D=4p327q2.  Es seien

u=12(q+193D)3 und v=12(q193D)3,

wobei diese dritten Wurzeln so gewählt seien, dass  uv=p3  ist.

Dann sind (mit der dritten Einheitswurzel ϵ=12+123i) die Elemente

u+v,ϵu+ϵ2v und ϵ2u+ϵv

die Lösungen dieser kubischen Gleichung.

Beweis  

Wir zeigen zuerst, dass die dritten Wurzeln u und v so gewählt werden können, dass ihr Produkt gleich 13p ist. Für eine irgendwie gewählte Quadratwurzel 3D und irgendwie gewählte dritte Wurzeln u und v ist

uv=14(q2181(3D))3=14(q2+127(4p327q2))3=14427p33=127p33=η(p3),

wobei η eine dritte Einheitswurzel ist. Ersetzt man nun v durch η2v, so ist das Produkt gleich p3.

Wir berechnen nun

(xuv)(xϵuϵ2v)(xϵ2uϵv)

und müssen zeigen, dass dies gleich x3+px+q ist. Die angegebenen Elemente sind offenbar die Nullstellen dieses faktorisierten Polynoms. Es ist

(xuv)(xϵuϵ2v)(xϵ2uϵv)=x3(u+v+ϵu+ϵ2v+ϵ2u+ϵv)x2+((u+v)(ϵu+ϵ2v)+(u+v)(ϵ2u+ϵv)+(ϵu+ϵ2v)(ϵ2u+ϵv))x(u+v)(ϵu+ϵ2v)(ϵ2u+ϵv).

Der quadratische Koeffizient ist (unter Verwendung von Lemma 1.1)

u(1+ϵ+ϵ2)+v(1+ϵ+ϵ2)=0.

Der lineare Koeffizient ist

(u+v)(ϵu+ϵ2v)+(u+v)(ϵ2u+ϵv)+(ϵu+ϵ2v)(ϵ2u+ϵv)=u2(ϵ+ϵ2+1)+v2(ϵ2+ϵ+1)+uv(ϵ+ϵ2+ϵ2+ϵ+ϵ2+ϵ4)=p3(3)=p.

Der konstante Koeffizient ist

(u+v)(ϵu+ϵ2v)(ϵ2u+ϵv)=u3u2v(1+ϵ+ϵ2)uv2(1+ϵ+ϵ2)v3=u3v3=12(q+193D)12(q193D)=q.



Wir betrachten die kubische Gleichung

x3+2x1=0

und wenden darauf Satz 1.2 an. Es ist demnach p=2,q=1 und D=59 und somit u=12(1+19177)3 und v=12(119177)3. Dabei wählen wir jeweils die reellen dritten Wurzeln, was automatisch die reelle Bedingung  uv=23  sicherstellt. Somit ist u+v eine reelle Lösung der Gleichung. Man sieht, dass diese Lösung aus Lösungen von rein-quadratischen und rein-kubischen Gleichungen mittels arithmetischer Ausdrücke zusammengesetzt ist, darüber hinaus aber keine einfache Gestalt besitzt. Den numerischen Wert dieser Lösung kann man beliebig genau durch beliebig genaue Berechnungen der Lösungen der reinen Gleichungen ausrechnen, doch könnte man genauso gut direkt (mit dem Halbierungsverfahren oder Ähnlichem) die Nullstelle numerisch berechnen.


Für den Fall eines Polynoms vom Grad 4 gibt es ebenfalls eine Lösungsformel. Eine Hauptmotivation zur Entwicklung der Körper- und Galoistheorie war die Fragestellung, ob es für Polynome vom Grad 5 ebenfalls Formeln gibt, mit denen man die Nullstellen als arithmetische Ausdrücke in Lösungen zu reinen Gleichungen ausdrücken kann. Eines der Hauptergebnisse, das wir nach einigen Vorbereitungen beweisen werden, ist, dass es eine solche Formel nicht geben kann.



Der Fundamentalsatz der Algebra

Sei ein Polynom FK[X], wobei K einen Körper bezeichnet, bzw. die zugehörige Nullstellengleichung

F(x)=0

gegeben. In K selbst muss F keine Nullstellen besitzen. Ist es überhaupt klar, dass F in irgendeinem Körper Nullstellen besitzt? Oben gehörten alle Koeffizienten von F zum Körper der komplexen Zahlen. Dies garantiert, dass es Lösungen zu der polynomialen Gleichung gibt. Diese Eigenschaft der komplexen Zahlen beruht auf dem Fundamentalsatz der Algebra, der in Mathematik I bewiesen wurde und an den wir hier erinnern wollen.


Satz  

Jedes nichtkonstante Polynom  P[X]  über den komplexen Zahlen

besitzt eine Nullstelle.

Beweis

Siehe den Beweis zu Satz 30.8 der Vorlesung Mathematik I.

Bis jetzt kennen wir noch keinen anderen Körper mit dieser Eigenschaft, dennoch halten wir hier schonmal folgende Definition fest.


Ein Körper K heißt algebraisch abgeschlossen, wenn jedes nichtkonstante Polynom  FK[X]  eine Nullstelle in K besitzt.

Mit diesem Begriff kann man den Fundamentalsatz der Algebra so ausdrücken, dass algebraisch abgeschlossen ist.

Wenn man zu einem Polynom F eine Nullstelle a gefunden hat, so kann man nach Lemma Anhang 1.4 F=(Xa)F~ schreiben. Zu jedem Polynom F[X] vom Grad n gibt es daher eine Produktdarstellung

F=(Xα1)(Xα2)(Xαn)

mit eindeutig komplexen Zahlen α1,,αn. Diese zu finden ist aber schwierig, selbst wenn die Koeffizienten von F harmlos sind (z.B. bei F[X]), wie schon die Cardanosche Formel für den Grad 3 deutlich macht. Diese „Schwierigkeit“, bei höherem Grad Nullstellen explizit zu finden, ist ein wichtiges Thema dieser Vorlesung.



Der algebraische Zugang

Es ist gut zu wissen, dass es zu einem Polynom F[X] Nullstellen in gibt und dass es daher eine Zerlegung des Polynoms in Linearfaktoren gibt. Allerdings muss man, neben der prinzipiellen Schwierigkeit, diese Nullstellen zu finden, bedenken, dass die komplexen Zahlen auf den reellen Zahlen beruhen, die selbst wiederum mit topologischen Mitteln (durch die Vervollständigung) aus den rationalen Zahlen konstruiert wurden. Hinter den komplexen Zahlen steckt also ein enormer technischer Apparat, während ein einzelnes Polynom eine völlig andere „Datenstruktur“ aufweist. Ein Polynom  F=a0+a1X++anXn[X]  ist durch seine endlich vielen Koeffizienten a0,a1,,an festgelegt, und seine Nullstellen sind n Zahlen α1,,αn (die nicht verschieden sein müssen). Um Beziehungen zwischen den Koeffizienten und den Nullstellen ausdrücken zu können, braucht man gar nicht die gesamten komplexen Zahlen. Es genügt, sich auf diejenigen arithmetischen Ausdrücke zu beschränken, die man ausgehend von den Koeffizienten und den Nullstellen konstruieren kann. Wenn z.B., wie das häufig der Fall sein wird, die Koeffizienten rationale Zahlen sind, so spielt sich alles innerhalb der polynomialen Ausdrücke über in den Nullstellen αi ab, also Ausdrücken der Form

ν=(ν1,,νn)bνα1ν1αnνn.

Dabei sind die bν rationale Zahlen, und sämtliche Exponententupel  ν=(ν1,,νn)n  sind erlaubt, wobei die Summe aber endlich ist.


Wir betrachten das Polynom X2+1, dessen Koeffizienten zu gehören und das in (und auch in ) keine Nullstelle besitzt. In den komplexen Zahlen besitzt es die beiden Nullstellen i und i, sodass in [X] die Faktorzerlegung

X2+1=(Xi)(X+i)

vorliegt. Um dies hinschreiben zu können, braucht man aber nicht die gesamten komplexen Zahlen, sondern lediglich das Element i. Wir betrachten die Menge

[i]=1+i={a+bia,b},

also einen zweidimensionalen -Vektorraum mit den Basiselementen 1 und i, wobei zusätzlich noch eine Multiplikation durch die Bedingung i2=1 festgelegt wird. Dies ist die gleiche Konstruktion, mit der man aus die komplexen Zahlen gewinnt, nur dass man hier von den rationalen Zahlen ausgeht. Es lässt sich leicht zeigen, dass das konstruierte Objekt [i] ein Körper ist. Für ein von 0 verschiedenes Element a+bi ist

aa2+b2ba2+b2i

das inverse Element, und dies gehört offenbar wieder zu [i]. Die Zerlegung  X2+1=(Xi)(X+i)  gilt ebenfalls in [i][X], und durch die Zuordnung a+biabi gibt es auch eine Konjugation, die völlig analoge Eigenschaften hat wie die komplexe Konjugation in .



Wir betrachten das Polynom X23, dessen Koeffizienten zu gehören. In den reellen Zahlen besitzt dieses Polynom die Nullstelle[1] 3, die irrational ist. Über hat man die Zerlegung  X23=(X3)(X+3).  Um dies auszudrücken, braucht man aber nicht die gesamten reellen Zahlen, sondern lediglich 3, das man einfach als ein Symbol auffassen kann mit der Eigenschaft, dass sein Quadrat gleich 3 sein soll. Eine „Verortung“ innerhalb der reellen Zahlen ist dazu nicht nötig. Präziser formuliert betrachtet man

L=1+u={a+bua,b},

also einen zweidimensionalen -Vektorraum mit den Basiselementen 1 und u, wobei eine Multiplikation durch die Bedingung  u2=3  (und distributive Fortsetzung) festgelegt wird. Das Element u ist hier lediglich ein Symbol, für das man häufig wegen der intendierten Eigenschaft auch 3 schreibt (man schreibt auch L=[3]). In L gilt die Zerlegung  X23=(Xu)(X+u),  und wegen

(a+bu)(aa23b2ba23b2u)=a23b2a23b2=1

handelt es sich um einen Körper. Dazu muss man sich klar machen, dass bei  a+bu0  mit rationalen Zahlen  a,b,  die nicht beide 0 sind, auch  a23b20  ist, was äquivalent zur Irrationalität von 3 ist. Es sind also wesentliche Eigenschaften des Polynoms X23, die über sichtbar werden, bereits über L sichtbar. Es gibt aber auch Unterschiede, beispielsweise sind bei dieser algebraischen Konstruktion von L die beiden Elemente u und u vollkommen gleichberechtigt, während innerhalb der reellen Zahlen die eine Quadratwurzel positiv und die andere negativ ist. Diese Gleichberechtigung zeigt sich auch darin, dass durch

LL,a+buabu,

eine „Konjugation“ definiert wird, die es innerhalb der reellen Zahlen nicht gibt.




Fußnoten
  1. Die Existenz der Nullstelle beruht auf dem Zwischenwertsatz, wobei sich die Existenz von 3 auch direkt aus der Vollständigkeit von ergibt.


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PDF-Version dieser Vorlesung

Arbeitsblatt zur Vorlesung (PDF)