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Kurs:Mathematik für Anwender (Osnabrück 2019-2020)/Teil I/Repetitorium/Vorlesung 10

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Stetige Funktionen

Den Abstand zwischen zwei reellen Zahlen x und x bezeichnen wir mit  d(x,x):=|xx|

Bei einer Funktion

f:

kann man sich fragen, inwiefern der Abstand in der Wertemenge durch den Abstand in der Definitionsmenge kontrollierbar ist. Sei  x  und  y=f(x)  der Bildpunkt. Man möchte, dass für Punkte x, die „nahe“ an x sind, auch die Bildpunkte f(x) „nahe“ an f(x) sind. Schon lineare Funktionen mit unterschiedlichen Steigungen zeigen, dass die „Nähe“ im Bildbereich nicht mit der „Nähe“ im Definitionsbereich direkt verglichen weden kann. Die Zielsetzung ist vielmehr (im Sinne des in der siebten Vorlesung erwähnten Approximationsprinzip), dass zu einer gewünschten Genauigkeit im Bildbereich überhaupt eine Ausgangsgenauigkeit gefunden werden kann, die sichert, dass die Funktionswerte innerhalb der gewünschten Genauigkeit beieinander liegen.

Um diese intuitive Vorstellung zu präzisieren, sei ein  ϵ>0  vorgegeben. Dieses ϵ repräsentiert eine „gewünschte Zielgenauigkeit“. Die Frage ist dann, ob man ein  δ>0  finden kann (eine „Startgenauigkeit“) mit der Eigenschaft, dass für alle x mit  d(x,x)δ  die Beziehung  d(f(x),f(x))ϵ  gilt. Dies führt zum Begriff der stetigen Abbildung.


Es sei  D  eine Teilmenge,

f:D

eine Funktion und  xD.  Man sagt, dass f stetig im Punkt x ist, wenn es zu jedem  ϵ>0  ein  δ>0  derart gibt, dass für alle  xD  mit  |xx|δ  die Abschätzung  |f(x)f(x)|ϵ  gilt. Man sagt, dass f stetig ist, wenn sie in jedem Punkt  xD  stetig ist.

Bei D sollte man an den Definitionsbereich der Funktion denken. Typische Situationen sind, dass D ganz ist, oder ein Intervall, oder ohne endlich viele Punkte und Ähnliches. Statt mit den reellen Zahlen ϵ und δ kann man genauso gut mit Stammbrüchen 1n und 1m arbeiten.


Eine konstante Funktion

,xc,

ist stetig. Zu jedem vorgegebenen ϵ kann man hier ein beliebiges δ wählen, da ja ohnehin

d(f(x),f(x))=d(c,c)=0ϵ

gilt.

Die Identität

,xx,

ist ebenfalls stetig. Zu jedem vorgegebenen ϵ kann man hier  δ=ϵ  wählen, was zu der Tautologie führt: Wenn  d(x,x)δ=ϵ,  so ist

d(f(x),f(x))=d(x,x)ϵ.


Wir betrachten die Funktion

f:

mit

f(x)={0, falls x<0,1, falls x0.

Diese Funktion ist im Nullpunkt 0 nicht stetig. Für  ϵ=12  und jedes beliebige positive δ gibt es nämlich negative Zahlen x mit  d(0,x)=|x|δ.  Für diese ist aber  d(f(0),f(x))=d(1,0)=1≰12


Nicht jede stetige Funktion kann man zeichnen, auch nicht nach beliebiger Vergrößerung. Gezeigt wird eine Approximation einer Weierstraß-Funktion, die stetig ist, aber nirgendwo differenzierbar. Bei einer stetigen Funktion kann man zwar die Größe der Schwankungen im Bildbereich durch Einschränkungen im Definitionsbereich kontrollieren, die Anzahl der Schwankungen (die Anzahl der Richtungswechsel des Graphen) kann man aber nicht kontrollieren.

Die folgende Aussage bringt die Stetigkeit mit konvergenten Folgen in Verbindung.


Lemma  

Es sei  D  eine Teilmenge,

f:D

eine Funktion und  xD.  Dann sind folgende Aussagen äquivalent.

  1. f ist stetig im Punkt x.
  2. Für jede konvergente Folge (xn)n in D mit  limnxn=x  ist auch die Bildfolge (f(xn))n konvergent mit dem Grenzwert f(x).

Beweis  

Es sei (1) erfüllt und sei (xn)n eine Folge in D, die gegen x konvergiert. Wir müssen zeigen, dass

limnf(xn)=f(x)

ist. Dazu sei  ϵ>0  vorgegeben. Wegen (1) gibt es ein  δ>0  mit der angegebenen Abschätzungseigenschaft und wegen der Konvergenz von (xn)n gegen x gibt es eine natürliche Zahl n0 derart, dass für alle  nn0  die Abschätzung

d(xn,x)δ

gilt. Nach der Wahl von δ ist dann

d(f(xn),f(x))ϵ für alle nn0,

sodass die Bildfolge gegen f(x) konvergiert.
Es sei (2) erfüllt.  Wir nehmen an, dass f nicht stetig ist. Dann gibt es ein  ϵ>0  derart, dass es für alle  δ>0  Elemente  zD  gibt, deren Abstand zu x höchstens δ ist, deren Wert f(z) unter der Abbildung aber zu f(x) einen Abstand besitzt, der größer als ϵ ist. Dies gilt dann insbesondere für die Stammbrüche δ=1/n, n+. D.h. für jede natürliche Zahl  n+  gibt es ein  xnD  mit

d(xn,x)1n und mit d(f(xn),f(x))>ϵ.

Diese so konstruierte Folge (xn)n konvergiert gegen x, aber die Bildfolge konvergiert nicht gegen f(x), da der Abstand der Bildfolgenglieder zu f(x) zumindest ϵ ist. Dies ist ein Widerspruch zu (2).




Rechenregeln für stetige Funktionen



Lemma  

Es seien  D  und  E  Teilmengen und

f:D

und

g:E

Funktionen mit  f(D)E.  Dann gelten folgende Aussagen.

  1. Wenn f in  xD  und g in f(x) stetig sind, so ist auch die Hintereinanderschaltung gf in x stetig.
  2. Wenn f und g stetig sind, so ist auch gf stetig.

Beweis  

Die Aussage (1) ergibt sich direkt aus der Folgencharakterisierung der Stetigkeit. Daraus folgt auch (2).



Lemma  

Es sei  D  und seien

f,g:D

stetige Funktionen.

Dann sind auch die Funktionen

f+g:D,xf(x)+g(x),
fg:D,xf(x)g(x),
fg:D,xf(x)g(x),

stetig. Für eine Teilmenge  UD,  auf der g keine Nullstelle besitzt, ist auch die Funktion

f/g:U,xf(x)/g(x),

stetig.

Beweis  

Dies ergibt sich aus der Folgencharakterisierung der Stetigkeit und Lemma 8.1.



Korollar  

Polynomfunktionen

P:,xP(x),

sind stetig.

Beweis  

Aufgrund von Beispiel 10.2 und Lemma 10.6 sind für jedes  n  die Potenzen

,xxn,

stetig. Daher sind auch für jedes  a  die Funktionen

,xaxn,

stetig und wiederum aufgrund von Lemma 10.6 sind auch alle Funktionen

,xanxn+an1xn1++a1x+a0,

stetig.


Rationale Funktionen sind auf ihrer Definitionsmenge stetig.



Korollar  

Es seien  P,Q[X]  Polynome und es sei  U:={xQ(x)0}

Dann ist die rationale Funktion

U,xP(x)Q(x),

stetig.

Beweis  

Dies folgt aus Korollar 10.7 und Lemma 10.6.




Grenzwerte von Funktionen

Funktionen sind häufig in bestimmten Punkten nicht definiert, beispielsweise, weil die verwendeten Funktionsterme nicht definiert sind. Es macht aber einen Unterschied, ob nur die gewählte Funktionsvorschrift in diesem Punkt nicht definiert ist, es aber eine sinnvolle (stetige) Fortsetzung gibt, oder ob die Funktion selbst prinzipiell nicht sinnvoll fortsetzbar ist (weil sie beispielsweise einen Pol oder ein chaotischeres Verhalten besitzt). Die folgende Begriffsbildung wird vor allem für die Definition der Differenzierbarkeit wichtig werden (besitzen die Differenzenquotienten einen sinnvollen Limes, der dann der Differentialquotient heißt).


Es sei  T  eine Teilmenge und sei  a  ein Punkt. Es sei

f:T

eine Funktion. Dann heißt  b  Grenzwert (oder Limes) von f in a, wenn für jede Folge (xn)n in T, die gegen a konvergiert, auch die Bildfolge (f(xn))n gegen b konvergiert. In diesem Fall schreibt man

limxaf(x)=b.

Dieser Begriff ist eigentlich nur dann sinnvoll, wenn es überhaupt Folgen in T gibt, die gegen a konvergieren. Eine typische Situation ist die folgende: Es sei I ein Intervall,  aI  sei ein Punkt darin und es sei  T=I{a}.  Die Funktion sei auf T, aber nicht im Punkt a definiert, und es geht um die Frage, inwiefern man f zu einer sinnvollen Funktion f~ auf ganz I fortsetzen kann. Dabei soll f~(a) durch f bestimmt sein.



Lemma  

Es sei  T  eine Teilmenge und sei  a  ein Punkt. Es seien f:T und g:T Funktionen derart, dass die Grenzwerte limxaf(x) und limxag(x) existieren. Dann gelten folgende Beziehungen.

  1. Die Summe f+g besitzt einen Grenzwert in a, und zwar ist
    limxa(f(x)+g(x))=limxaf(x)+limxag(x).
  2. Das Produkt fg besitzt einen Grenzwert in a, und zwar ist
    limxa(f(x)g(x))=limxaf(x)limxag(x).
  3. Es sei g(x)0 für alle xT und limxag(x)0. Dann besitzt der Quotient f/g einen Grenzwert in a, und zwar ist
    limxaf(x)g(x)=limxaf(x)limxag(x).

Beweis  

Dies ergibt sich direkt aus Lemma 8.1.



Es sei  T  eine Teilmenge und sei  a  ein Punkt. Es sei f:T eine Funktion und  b.  Dann sind folgende Aussagen äquivalent.

  1. Es ist
    limxaf(x)=b.
  2. Für jedes  ϵ>0  gibt es ein  δ>0  derart, dass für alle  xT  mit  d(x,a)δ  die Abschätzung  d(f(x),b)ϵ  gilt.

Beweis

Siehe Aufgabe 10.23.


Für eine stetige Funktion f:T folgt daraus, dass sie sich zu einer stetigen Funktion f~:T{a} (durch f~(a)=b) genau dann fortsetzen lässt, wenn der Limes von f in a gleich b ist.


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