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Kurs:Grundkurs Mathematik (Osnabrück 2016-2017)/Teil I/Vorlesung 26



Dezimalbrüche

Zu jeder rationalen Zahl x kann man die Potenzen xn, n, betrachten. Bei ganzzahligem  x2  sind die xn (beliebig) groß für positives n und (beliebig) klein für negatives n. Solche Potenzen stellen ein wichtiges Vergleichsmaß für die Größenordnung von Zahlen dar. Da wir im Dezimalsystem arbeiten, sind insbesondere die Zehnerpotenzen 10n, n, wichtig. Für  n0  treten die Zehnerpotenzen insbesondere bei der Dezimaldarstellung natürlicher Zahlen auf. Die Zehnerpotenzen zu negativem n spielen auch eine wichtige Rolle bei der Erfassung und Beschreibung von beliebigen rationalen Zahlen.


Eine rationale Zahl, die man mit einer Zehnerpotenz als Nenner schreiben kann, heißt Dezimalbruch.

Dezimalbrüche sind beispielsweise sämtliche ganzen Zahlen (man kann 1=100 als Nenner nehmen), ferner Zahlen wie

110,1100,53100,2711000,31000000,....
Nach unserer Definition liegt ein Dezimalbruch vor, wenn man die dadurch gegebene rationale Zahl mit einer Zehnerpotenz als Nenner schreiben kann. Das heißt nicht, dass die Zahl in dieser Form vorliegen muss. Beispielsweise sind auch die Brüche
12,15,75,1320,7014500

Dezimalbrüche, da man sie nach einer Erweiterung mit einer Zehnerpotenz als Nenner schreiben kann. Dies gilt für alle Brüche mit der Eigenschaft, dass in der Primfaktorzerlegung des Nenners nur Potenzen von 2 und von 5 vorkommen. Wenn der Bruch gekürzt ist, so sind genau die Brüche der Form a2i5j die Dezimalbrüche, siehe Aufgabe 26.11.

Die Linealversion der Zahlengeraden markiert neben den ganzen Zahlen die ganzzahligen Vielfachen des Dezimalbruches 110. Wenn man den Meter als Einheit nimmt, zeigt es die ganzzahligen Vielfachen von 11000.


Einen Dezimalbruch a10m (mit m0) kann man auch in der Form a10m schreiben. Dies ergibt wohl die kompakteste Charakterisierung eines Dezimalbruches, eine rationale Zahl der Form

a10k mit a,k.

Aus dieser Darstellung ist unmittelbar ersichtlich, dass man Dezimalbrüche miteinander addieren und multiplizieren kann und dabei wieder einen Dezimalbruch erhält.


Lemma  

Die Summe und das Produkt von zwei Dezimalbrüchen ist wieder ein Dezimalbruch. Das Negative eines Dezimalbruches ist ein Dezimalbruch.

Die Menge der Dezimalbrüche bildet einen kommutativen Ring[1] innerhalb der rationalen Zahlen.

Beweis  

Die Dezimalbrüche seien

x=a10k

und

y=b10

mit  a,b  und mit  k,.  Wegen der Symmetrie können wir  k  annehmen. Dann ist

a10k+b10=a10k10+b10=(a10k+b)10

wieder von der gleichen Bauart, also ein Dezimalbruch. Für das Produkt ist

a10kb10=ab10k+.

Die anderen Behauptungen sind ebenfalls klar.


Die Menge der Dezimalbrüche bilden keinen Körper, da zwar sämtliche ganzen Zahlen Dezimalbrüche sind, ihre inversen Elemente aber im Allgemeinen nicht. Beispielsweise sind 31 und 71 keine Dezimalbrüche. Für zwei Dezimalbrüche ist es einfach, einen Hauptnenner zu finden, da die Nenner im gekürzten Fall grundsätzlich von der Form 2i5j sind. Insofern spielt sich bei Rechnungen mit Dezimalbrüchen alles Wesentliche im Zähler ab.


Es ist

7+3100+95991000=70001000+301000+18001000991000=52691000

und

27100111000=297100000.



Dezimaldarstellung für Dezimalbrüche

Wenn man für einen Dezimalbruch, sagen wir

23181000,

für den Zähler die Dezimalentwicklung einsetzt, so erhält man

23181000=2103+3102+1101+8100103=2103103+3102103+1101103+8100103=2+3101+102+8103.

In diesem Sinne kann man jeden Dezimalbruch auf die Form

±i=kai10i

mit Ziffern ai{0,1,,9} und ganzen Zahlen

k

bringen, wobei der untere Summationsindex k bei einem echten Dezimalbruch (also keiner ganzen Zahl) negativ ist. Von dieser Beobachtung her ist es naheliegend, die Dezimaldarstellung auf Dezimalbrüche auszudehnen. Dadurch erhält man abbrechende[2] „Kommazahlen“.


Es sei ein Dezimalbruch

a10k

mit a=±b, b, und  k  gegeben, und es sei

b=i=0nbi10i=bnb1b0

die Dezimaldarstellung von b. Dann nennt man

±bnbk,bk1b1b0

die Darstellung des Dezimalbruches im Dezimalsystem.

Diese Darstellung verwendet also direkt die Zifferndarstellung von b, wobei allein ein Komma eingeführt wird, und zwar so, dass hinter dem Komma genau k Ziffern stehen, nämlich die hinteren k Ziffern bk1,,b0 von b. Dabei darf man hintere Nullen (nach dem Trennkomma) weglassen. Wenn b weniger als k Stellen besitzt, muss man dies vorne durch hinreichend viele Nullen auffüllen. Wegen Satz 14.3 ist diese Darstellung eindeutig.

Für  a=b=1  ergibt sich die folgende Tabelle.

Potenz Bruch Kommazahl
100 11 1
101 110 0,1
102 1100 0,01
103 11000 0,001
104 110000 0,0001
105 1100000 0,00001

Die Potenz 10n ist also der Bruch, wo im Nenner n Ziffern stehen, nämlich eine 1 und n1 Nullen, und das ist zugleich die Kommazahl, bei der nach dem Komma n Ziffern stehen, nämlich n1 Nullen und eine 1. Für Umrechnungen ist auch folgende Beobachtung hilfreich: Wenn man eine Kommazahl mit 10 multipliziert, so verschiebt sich das Komma um eine Stelle nach rechts, wenn man sie mit 101 multipliziert, verschiebt sich das Komma um eine Stelle nach links. Die Stelle zu 10k nennt man auch die k-te Nachkommastelle, die entsprechende Ziffer die k-te Nachkommaziffer.

Das Rechnen mit Kommazahlen ist einfach, allerdings ist das richtige Setzen des Kommas eine Fehlerquelle.

Der Größenvergleich zwischen zwei Dezimalbrüchen im Dezimalsystem ist einfach (wir beschränken uns auf positive Zahlen). Man schreibt die beiden Zahlen übereinander, wobei die beiden Kommata übereinander stehen müssen. Dann vergleicht man wie bei den ganzen Zahlen (siehe Satz 15.3) von links nach rechts.



Dezimalbrüche im Dezimalsystem addiert man wie ganze Zahlen im Zehnersystem, d. h., man addiert von hinten nach vorne mit Übertrag, wobei die beiden Kommata deckungsgleich sein müssen. Beispielsweise ist

53,273
25,648_
78,921.

Dieses Verfahren ist korrekt nach Satz 15.5, da im Wesentlichen die Zähler bezogen auf einen gemeinsamen Nenner addiert werden.


Dezimalbrüche im Dezimalsystem multipliziert man wie ganze Zahlen im Zehnersystem, d.h. man multipliziert die eine Zahl nacheinander mit allen Ziffern der anderen Zahl. Abschließend muss man das Komma richtig setzen. Dazu zählt man die Stellen hinter den Kommata der beiden Zahlen zusammen und setzt an der entsprechenden Stelle im Produkt von hinten gezählt das Komma. Dabei muss man, wenn hinten die Zahlen mit 2 bzw. 5 enden, die sich ergebende 0 mitzählen (bei ganzen Zahlen darf man die ja auch nicht weglassen), auch wenn sie letztendlich weggelassen werden darf. Dieses Verfahren ist korrekt, da ihm die Gleichung

a10kb10=ab10k+

zugrunde liegt. Bei nicht zu großen und nicht zu kleinen Zahlen kann man auch durch eine Überschlagsrechnung entscheiden, wo das Komma hingehört.


Wenn man beispielsweise 1,23,5 rechnen möchte, so kann man zuerst 420 berechnen und dann zwei Stellen von hinten gezählt das Komma setzen, also 4,2.



Approximation durch Dezimalzahlen

Eine wichtige Motivation zur Einführung der rationalen Zahlen war, beliebige Längen, die beispielsweise bei der gleichmäßigen Unterteilung einer gegebenen Strecke auftreten, möglichst gut messen zu können. Dies können wir erst dann präzise formulieren, wenn wir die reellen Zahlen zur Verfügung haben. Die folgende Aussage zeigt, dass man rationale Zahlen selbst schon beliebig gut mit Dezimalbrüchen approximieren (annähern) kann. Wenn es also nur darum geht, beliebige Längen approximativ zu beschreiben, so sind die Dezimalbrüche genauso gut wie die deutlich größere Menge aller rationalen Zahlen.


Lemma  

Zu jeder rationalen Zahl q und jedem  k+ 

gibt es ein eindeutig bestimmtes  a  derart, dass

a10kq<a+110k

gilt.

D.h., dass man jede rationale Zahl beliebig gut (nämlich mit einem Fehler, der maximal gleich 110k ist) durch Dezimalbrüche approximieren kann.

Beweis  

Es sei

a:=q10k.

Dann ist

aq10k<a+1.

Division durch 10k ergibt die Behauptung. Der Zusatz ergibt sich daraus, dass man nach Korollar 25.7 jede beliebige positive Fehlergenauigkeit ϵ durch eine geeignete Zehnerpotenz mit einem negativen Exponenten unterbieten kann.

In diesem Satz gibt das k über die Potenz 10k vor, wie groß der Fehler sein darf. Man sagt dann auch, dass die Approximation bis zur k-ten Nachkommaziffer genau ist.

Es sei  q=zn.  Wenn man beispielsweise einen Taschenrechner mit acht Nachkommastellen hat, so ergibt sich zu  k=8  die Zahl a als Ergebnis, wenn man z:n eingibt und das Komma in der Darstellung ignoriert.


Wir wenden Lemma 26.8 auf  q=37  mit  k=9  an. Eine Rechnung des Taschenrechners mit menschlichen Korrekturen liefert

0,428571428<37<0,428571429.

Die beiden Dezimalbrüche links und rechts sind also eine Approximation des wahren Bruches 37 mit einem Fehler, der kleiner als 1109 ist.


Die Rechnung im vorangehenden Beispiel beruht auf dem Divisionsalgorithmus, den wir noch nicht besprochen haben. Lemma 26.8 besagt, dass es eine solche eindeutig bestimmte Zahl geben muss. Dass die angeführten Abschätzungen gelten, kann man einfach überprüfen, indem man die beiden Dezimalzahlen mit 7 multipliziert.

Mit der Approximation von rationalen Zahlen durch Dezimalzahlen geht die Dezimalrundung einher. Bei der Rundung auf eine ganze Zahl schaut man einfach nach der ganzzahligen Approximation im Sinne von Lemma 25.3 und nimmt von der unteren und der oberen Approximation diejenige, die näher ist (wobei man bei gleichem Abstand aufrundet). Bei der Dezimalrundung von x zur Stellenanzahl k (bzw. zur Genauigkeit 10k) führt man dies für die Nenner a bzw. a+1 in der Approximation  a10kx<a+110k  aus Lemma 26.8 durch. Die Zahl 47,2940574 ist beispielsweise auf zwei Nachkommastellen gerundet gleich 47,29. Häufig finden sich auch Rundungsangaben von der Form 7,310k.



Halbierung und Division durch 5

Einen im Dezimalsystem gegebenen Dezimalbruch kann man einfach durch 10 teilen, indem man einfach das Komma um eine Stelle nach links verschiebt. Die Zahl 10, die die Grundlage des Dezimalsystems ist, hat die beiden Teiler 2 und 5. Durch diese beiden Zahlen kann man ebenfalls teilen und erhält wieder einen Dezimalbruch (was für andere Primzahlen nicht stimmt), wobei diese Divisionen algorithmisch besonders einfach durchzuführen sind. Eine Besonderheit liegt darin, dass die Ziffern des Ergebnisses nur von der entsprechenden und von der um eins höherstelligen Ziffer des Dividenden abhängen. Man braucht keinen Übertrag und kann an jeder beliebigen Stelle anfangen.


Es sei

z=i=kai10i

ein Dezimalbruch, für den die Halbierung (also die Division durch 2) durchgeführt werden soll. Dazu führt man für jede Ziffer ai für

ik1

die Division mit Rest durch 2 durch, d.h. man berechnet

ai=2bi+ri.

Aus diesen Zahlen berechnet man

ci=bi+5ri+1.

Dies sind die Ziffern der Halbierung von z, also

z2=i=k1ci10i.

Da die Ziffern ai zwischen 0 und 9 liegen, sind die bi zwischen 0 und 4 und die ri sind 0 oder 1. Ohne die Division mit Rest kann man diesen Algorithmus auch mit der folgenden Fallunterscheidung darstellen. Es ist

ci={ai2, falls ai und ai+1 gerade,ai2+5, falls ai gerade und ai+1 ungerade,ai12, falls ai ungerade und ai+1 gerade,ai12+5, falls ai und ai+1 ungerade.

Kurz gesagt: Man nehme von ai die abgerundete Hälfte und erhöhe dies um 5, falls die davorstehende Ziffer ungerade ist. Oder: Man teile jeweils die zweistellige Zahl ai+1ai durch 2 und schreibe davon die Einerziffer an die i-te Stelle hin (die Zehnerziffer muss nicht ausgerechnet werden). Man muss also nur zweistellige Zahlen durch 2 dividieren können.


Wir wollen den Dezimalbruch 509,273 mit dem Verfahren halbieren. Wir fangen hinten an, auch wenn wir an jeder Stelle anfangen könnten, und zwar an der Stelle mit dem Index 4 (die Zehntausendstel-Stelle). Es ist (das Aufschreiben ist mühseliger als die Durchführung)  a4=0,  und weil  a3=3  ungerade ist, ist

c4=5.

Aus  a3=3  ergibt sich  b3=312=1  und da  a2=7  ungerade ist, ist

c3=6.


Aus  a2=7  ergibt sich  b2=712=3  und da  a1=2  gerade ist, ist

c2=b2=3.

So fährt man fort und erhält schließlich

254,6365.



Lemma  

Der Algorithmus zur Berechnung der Halbierung eines Dezimalbruches ist korrekt.

Beweis  

Es sei

z=i=kai10i

gegeben und es sei  ai=2bi+ri  mit bi und ri gleich 0 oder 1 und

ci=bi+5ri+1.

Da ai9 ist, ist diese Zahl eine erlaubte Ziffer. Zum Nachweis der Korrektheit müssen wir einfach das Ergebnis i=k1ci10i mit 2 multiplizieren und zeigen, dass man so z zurückerhält. Es ist

2(i=k1ci10i)=i=k12ci10i=i=k12(bi+5ri+1)10i=i=k1(2bi+10ri+1)10i=i=k12bi10i+i=k110ri+110i=i=k1(airi)10i+i=k1ri+110i+1=i=k1ai10ii=k1ri10i+i=k1ri+110i+1=zi=k1ri10i+j=k+1rj10j=z,

wobei sich die beiden Summanden rechts wegheben, da rk1 und r+1 gleich 0 sind.


Auch für die Division durch 5 gibt es einen entsprechenden Algorithmus.


Es sei

z=i=kai10i

ein Dezimalbruch, für den der fünfte Anteil (also die Division durch 5) berechnet werden soll. Dazu führt man für jede Ziffer ai für

ik1

die Division mit Rest durch 5 durch, d.h. man berechnet

ai=5bi+ri.

Aus diesen Zahlen berechnet man

ci=bi+2ri+1.

Dies sind die Ziffern der Fünftelung von z, also

z5=i=k1ci10i.

Kurz gesagt: Man nehme von ai das abgerundete Fünftel (das 0 oder 1 ist) und addiere das Doppelte des Fünferrestes der Ziffer ai+1 dazu. Oder: Man teile jeweils die zweistellige Zahl ai+1ai durch 5 und schreibe davon die Einerziffer hin (die Zehnerziffer muss nicht ausgerechnet werden). Man muss also nur zweistellige Zahlen durch 5 dividieren können.



Der Algorithmus zur Berechnung des fünften Anteils eines Dezimalbruches ist korrekt.

Beweis

Siehe Aufgabe 26.26.


Ein weiterer wichtiger Gesichtspunkt in diesem Zusammenhang ist, dass die Division durch 2 das gleiche ist wie Multiplikation mit 0,5 (also im Wesentlichen Multiplikation mit 5) und dass die Division durch 5 das gleiche ist wie die Multiplikation mit 0,2. Daher kann man die zuletzt genannten Ergebnisse zur Division durch 2 bzw. 5 auch mit Bemerkung 16.5 begründen.

Die in dieser Vorlesung angestellten Betrachtungen kann man in jedem Zahlensystem wie hier im Zehnersystem durchführen. Die Aussagen gelten entsprechend, wobei die zuletzt genannten Ergebnisse dann für die Teiler der Grundzahl gelten.



Fußnoten
  1. Man spricht von einem Unterring.
  2. Bei unendlichen Kommazahlen handelt es sich um ein viel komplizierteres Konzept, das wir erst richtig im zweiten Semester verstehen werden.


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