Zum Inhalt springen

Kurs:Grundkurs Mathematik (Osnabrück 2016-2017)/Teil II/Vorlesung 33

Aus Wikiversity



Die Zahlenräume
Die Addition von zwei Pfeilen a und b, ein typisches Beispiel für Vektoren.

Es sei K ein Körper und  n.  Dann ist die Produktmenge

Kn=K××Kn-mal={(x1,,xn)xiK}

mit der komponentenweisen Addition, also

(x1,,xn)+(y1,,yn):=(x1+y1,,xn+yn)

und der durch

s(x1,,xn)=(sx1,,sxn)

definierten Skalarmultiplikation ein sogenannter Vektorraum. Damit ist Folgendes gemeint: Die Menge Kn ist mit der Verknüpfung +, die man (Vektor)-Addition nennt, eine kommutative Gruppe, und die Operation K×KnKn, die man Skalarmultiplikation nennt, erfüllt die folgenden Eigenschaften (dabei sind u,vKn und r,sK).

  1.  r(su)=(rs)u
  2.  r(u+v)=ru+rv
  3.  (r+s)u=ru+su 
  4.  1u=u

Diese Eigenschaften lassen sich für den Kn direkt überprüfen.

Man nennt den Kn mit diesen Strukturen den n-dimensionalen Standardraum oder (kartesischen) Zahlenraum. Insbesondere ist  K1=K  selbst ein Vektorraum. Die Elemente in einem Vektorraum nennt man Vektoren, und die Elemente  rK  heißen Skalare. Zu

v=(v1,v2,,vn)Kn

nennt man vi die i-te Koordinate des Vektors. Das Nullelement  0=(0,,0)Kn  wird auch als Nullvektor bezeichnet, und zu  v=(v1,,vn)  heißt

v=(v1,,vn)=(v1,,vn)

das Negative zu v. Wie in Ringen gilt wieder Punktrechnung vor Strichrechnung, d.h. die Skalarmultiplikation bindet stärker als die Vektoraddition.

Den Körper, der im Vektorraumbegriff vorausgesetzt ist, nennt man auch den Grundkörper. Alle Begriffe der linearen Algebra beziehen sich auf einen solchen Grundkörper, er darf also nie vergessen werden, auch wenn er manchmal nicht explizit aufgeführt wird. Bei  K=  spricht man von rationalen Vektorräumen und bei  K=  von reellen Vektorräumen. Zunächst entwickeln wir aber die algebraische Theorie der Vektorräume über einem beliebigen Körper.


Der Nullraum 0, der aus dem einzigen Element 0 besteht, ist ebenfalls ein Vektorraum. Man kann ihn auch als  K0=0  auffassen. Es empfiehlt sich, Vektorräume als geometrische Objekte aufzufassen und sich K1 als eine Gerade, K2 als eine Ebene und K3 als einen Raum vorzustellen.

Die Vektoren im Standardraum Kn kann man als Zeilenvektoren
(a1,a2,,an)
oder als Spaltenvektoren
(a1a2an)

schreiben. Der Vektor

ei:=(00100),

wobei die 1 an der i-ten Stelle steht, heißt i-ter Standardvektor.


Zu Vektoren v1,,vn im Km und Skalaren  s1,,snK  nennt man

i=1nsivi

eine Linearkombination dieser Vektoren.


Die Vektoren v1,,vn im Km heißen ein Erzeugendensystem des Km, wenn man jeden Vektor  wKm  als eine Linearkombination mit den Vektoren v1,,vn schreiben kann, wenn es also Skalare  s1,,snK  mit

w=i=1nsivi

gibt.

Man verlangt hier keine Eindeutigkeit, bei einem Erzeugendensystem kann man einen Vektor im Allgemeinen auf verschiedene Arten als Linearkombination darstellen.


Wir betrachten im 2 die drei Vektoren (52),(49) und (713). Den Vektor (10) kann man als

(10)=953(52)+253(49)+0(713),

aber auch als

(10)=2(52)+(49)+(713)

schreiben. Besonders deutlich wird das Uneindeutigkeitsphänomen, wenn man den Nullvektor (00) betrachtet. Es ist

(00)=0(52)+0(49)+0(713)

die sogenannte triviale Darstellung des Nullvektors, aber es ist auch

(00)=115(52)+51(49)+53(713).



Lemma  

Es seien v1=(a11am1),v2=(a12am2),,vn=(a1namn) Vektoren im Km. Dann sind die folgenden Aussagen äquivalent:

  1. Die Vektoren bilden ein Erzeugendensystem des Km.
  2. Für jeden Standardvektor ei gibt es eine Darstellung als Linearkombination
    ei=sjvj.
  3. Für jedes  w=(w1wm)Km  ist das lineare Gleichungssystem
    s1(a11am1)+s2(a12am2)++sn(a1namn)=(w1wm)

    lösbar.

Beweis  

(1) und (3) sind äquivalent, da (3) lediglich eine ausgeschriebene Version von (1) ist. Die Eigenschaft (2) ist eine Spezialisierung von (1). Die Umkehrung ergibt sich so. Man schreibt

w=(w1wm)=w1e1++wmem.

Da man nach Voraussetzung die ei als Linearkombinationen der vj ausdrücken kann, ergibt sich auch eine Linearkombination von w mit den vj.


Wenn die Vektoren die Standardvektoren e1,,en sind, so kann man jeden Vektor wegen

(a1,a2,,an)=a1e1++anen

unmittelbar und eindeutig als Linearkombination der Standardvektoren darstellen.


Die Vektoren v1,,vn im Km heißen eine Basis des Km, wenn man jeden Vektor  wKm  eindeutig als eine Linearkombination mit den Vektoren v1,,vn schreiben kann, wenn es also eindeutig bestimmte Skalare  s1,,snK  mit

w=i=1nsivi

gibt.



Lemma  

Es seien v1=(a11am1),v2=(a12am2),,vn=(a1namn) Vektoren im Km. Dann sind die folgenden Aussagen äquivalent:

  1. Die Vektoren bilden eine Basis des Km.
  2. Die Vektoren bilden ein Erzeugendensystem des Km, und die einzige Darstellung des Nullvektors als Linearkombination der vj ist die triviale Darstellung
    0=0v1++0vn.
  3. Für jedes  w=(w1wm)Km  besitzt das lineare Gleichungssystem
    s1(a11am1)+s2(a12am2)++sn(a1namn)=(w1wm)

    eine eindeutige Lösung.

Beweis  

(1) und (3) sind äquivalent, da (3) lediglich eine ausgeschriebene Version von (1) ist. Die Implikation von (1) nach (2) ist klar, da die eindeutige Darstellbarkeit insbesondere für den Nullvektor gilt. Für die Umkehrung sei

w=j=1nsjvj=j=1ntjvj

angenommen. Dann ist direkt

0=ww=j=1nsjvjj=1ntjvj=j=1n(sjtj)vj.

Wegen der eindeutigen Darstellbarkeit der 0 muss  sjtj=0,  also  sj=tj  für alle j sein.

Es sei bemerkt, dass die Bedingungen im vorstehenden Lemma nur bei  m=n  erfüllt sein können.



Der Matrizenkalkül

Ein lineares Gleichungssystem lässt sich am einfachsten mit Matrizen schreiben. Dies ermöglicht es, die Umformungen, die zur Lösung eines solchen Systems führen, durchzuführen, ohne immer die Variablen mitschleppen zu müssen. Matrizen (und der zugehörige Kalkül) sind recht einfache Objekte; sie können aber ganz unterschiedliche mathematische Objekte beschreiben (eine Familie von Spaltenvektoren, eine Familie von Zeilenvektoren, eine lineare Abbildung, eine Tabelle von Wechselwirkungen, eine zweistellige Relation etc.), die man stets im Hinterkopf haben sollte, um vor Fehlinterpretationen geschützt zu sein.


Es sei K ein Körper und  m,n+.  Unter einer m×n-Matrix über K versteht man ein Schema der Form

(a11a12a1na21a22a2nam1am2amn),

wobei  aijK  für  1im  und  1jn  ist.

Zu jedem  iI={1,,m}  heißt aij , jJ, die i-te Zeile der Matrix, was man zumeist als ein Zeilentupel (oder einen Zeilenvektor)

(ai1,ai2,,ain)

schreibt. Zu jedem  jJ={1,,n}  heißt aij , iI, die j-te Spalte der Matrix, was man zumeist als ein Spaltentupel (oder einen Spaltenvektor)

(a1ja2jamj)

schreibt. Die Elemente aij heißen die Einträge der Matrix. Zu aij heißt i der Zeilenindex und j der Spaltenindex des Eintrags. Man findet den Eintrag aij, indem man die i-te Zeile mit der j-ten Spalte kreuzt. Eine Matrix mit  m=n  nennt man eine quadratische Matrix. Eine m×1-Matrix ist einfach ein einziges Spaltentupel der Länge m, und eine 1×n-Matrix ist einfach ein einziges Zeilentupel der Länge n. Die Menge aller Matrizen mit m Zeilen und n Spalten (und mit Einträgen in K) wird mit Matm×n(K) bezeichnet, bei  m=n  schreibt man Matn(K).

Zwei Matrizen  A,BMatm×n(K)  werden addiert, indem man sie komponentenweise addiert. Ebenso ist die Multiplikation einer Matrix A mit einem Element  rK  (einem Skalar) komponentenweise definiert, also

(a11a12a1na21a22a2nam1am2amn)+(b11b12b1nb21b22b2nbm1bm2bmn)=(a11+b11a12+b12a1n+b1na21+b21a22+b22a2n+b2nam1+bm1am2+bm2amn+bmn)

und

r(a11a12a1na21a22a2nam1am2amn)=(ra11ra12ra1nra21ra22ra2nram1ram2ramn).

Die Matrizenmultiplikation wird folgendermaßen definiert.


Es sei K ein Körper und es sei A eine m×n-Matrix und B eine n×p-Matrix über K. Dann ist das Matrixprodukt

AB

diejenige m×p-Matrix, deren Einträge durch

cik=j=1naijbjk

gegeben sind.

Eine solche Matrizenmultiplikation ist also nur möglich, wenn die Spaltenanzahl der linken Matrix mit der Zeilenanzahl der rechten Matrix übereinstimmt. Als Merkregel kann man das Schema

(ZEILE)(SPALT)=(ZS+EP+IA+L2+ET)

verwenden, das Ergebnis ist eine 1×1-Matrix. Die beiden soeben angeführten Matrizen kann man auch in der anderen Reihenfolge multiplizieren (was nicht immer möglich ist) und man erhält

(SPALT)(ZEILE)=(SZSESISLSEPZPEPIPLPEAZAEAIALAELZLELIL2LETZTETITLTE).

Insbesondere kann man eine m×n-Matrix A mit einem Spaltenvektor der Länge n (von rechts) multiplizieren, und erhält dabei einen Spaltenvektor der Länge m.


Es ist

(273105)(133501403260)=(1155210147275).

Wenn man eine m×n-Matrix  A=(aij)ij  mit einem Spaltenvektor  x=(x1x2xn)  multipliziert, so erhält man

Ax=(a11a12a1na21a22a2nam1am2amn)(x1x2xn)=(a11x1+a12x2++a1nxna21x1+a22x2++a2nxnam1x1+am2x2++amnxn).

Damit lässt sich ein inhomogenes lineares Gleichungssystem mit dem Störvektor (c1c2cm) kurz als

Ax=c

schreiben. Die erlaubten Gleichungsumformungen durch Manipulationen an den Gleichungen, die die Lösungsmenge nicht ändern, können dann durch die entsprechenden Zeilenumformungen in der Matrix (unter Berücksichtigung der Störvektorseite) ersetzt werden. Man muss dann die Variablen nicht mitschleppen.



Die n×n-Matrix

En:=(10001000010001)

nennt man die Einheitsmatrix.

Die Einheitsmatrix En besitzt die Eigenschaft  EnM=M=MEn  für eine beliebige n×n-Matrix M. Sie ist also das neutrale Element bezüglich der Multiplikation von quadratischen Matrizen.


Eine n×n-Matrix der Form

(d11000d220000dn1n1000dnn)

nennt man Diagonalmatrix.


<< | Kurs:Grundkurs Mathematik (Osnabrück 2016-2017)/Teil II | >>

PDF-Version dieser Vorlesung

Arbeitsblatt zur Vorlesung (PDF)