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Kurs:Grundkurs Mathematik (Osnabrück 2018-2019)/Teil I/Vorlesung 10

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Die Ordnungsrelation

Wir wollen auf den natürlichen Zahlen die Größer- bzw. genauer die Größergleich-Ordnung einführen.


Eine Relation auf einer Menge ist eine Teilmenge der Produktmenge , also  


Eine Relation auf einer Menge heißt Ordnungsrelation oder Ordnung, wenn folgende drei Bedingungen erfüllt sind.

  1. Es ist    für alle  
  2. Aus    und    folgt stets  
  3. Aus    und    folgt  

Diese Eigenschaften heißen der Reihe nach Reflexivität, Transitivität und Antisymmetrie.


Eine Ordnungsrelation auf einer Menge heißt lineare Ordnung (oder totale Ordnung), wenn zu je zwei Elementen    die Beziehung oder gilt.



Die Ordnung auf den natürlichen Zahlen

Man sagt, dass eine natürliche Zahl größergleich einer natürlichen Zahl ist, geschrieben

wenn man von aus durch endlichfaches Nachfolgernehmen zu gelangt.

Auf dem nach rechts verlaufenden Zahlenstrahl bedeutet , dass sich weiter rechts als befindet. Diese Intepretation gilt für alle reellen Zahlen.

Statt    schreibt man auch    (gesprochen kleinergleich). Die Schreibweise    bedeutet    und  



Für natürliche Zahlen gilt

genau dann, wenn es ein    mit

gibt.

Die Zahl gibt an, wie oft man von aus den Nachfolger nehmen muss, um zu zu gelangen.



Für die Größergleich-Relation in den natürlichen Zahlen gelten die folgenden Aussagen.

  1. Es ist

    für alle  

  2. Es ist

    oder

  3. Bei

    gilt

    oder

Wir verwenden die Charakterisierung aus Lemma 10.5.

  1. Ist klar wegen  
  2. Wir zeigen die Aussage    oder    für alle    durch Induktion über . Für    ist die Aussage klar. Es sei also angenommen, dass die Aussage für ein bestimmtes gelte. Dann ist    oder  .  Im ersten Fall ist dann    und insbesondere  .  Im zweiten Fall ist    mit einem    und damit  
  3. Wird ähnlich wie (2) bewiesen, siehe Aufgabe 10.6.



Auf den natürlichen Zahlen

ist durch die Größergleich-Relation eine totale Ordnung definiert.

Wir verwenden die Charakterisierung mit der Addition. Wegen    ist  .  Wenn    und    ist, so bedeutet dies, dass es natürliche Zahlen mit    und    gibt. Dann gilt insgesamt

und somit ist auch  .  Aus    und    ergibt sich    und    und somit  .  Dies ist nach der Abziehregel nur bei    möglich, und dies ist wiederum, da kein Nachfolger ist, nur bei    möglich. Die Aussage    oder    beweisen wir durch Induktion über (für jedes feste ), wobei der Induktionsanfang wegen    klar ist. Die Aussage gelte also für ein bestimmtes . Wenn die erste Möglichkeit gilt, also  ,  so gilt wegen

erst recht  .  Wenn die zweite Möglichkeit gilt, also  ,  so gibt es zwei Möglichkeiten. Bei    ist    und die Gesamtaussage gilt für . Andernfalls ist    und somit ist nach Lemma 10.6  (3)    und die Gesamtaussage gilt erneut.


Wir begründen nun, dass die Ordnungsrelation mit der Addition und der Multiplikation verträglich ist.


Es seien natürliche Zahlen. Dann gelten folgende Aussagen.

  1. Es ist

    genau dann, wenn

    ist.

  2. Aus

    und

    folgt

  3. Aus

    folgt

  4. Aus

    und

    folgt

  5. Aus

    und

    folgt

  1. Wir beweisen die Aussagen mit Lemma 10.5. Nach Voraussetzung gibt es ein    mit  .  Dann ist auch  .   ,  was    bedeutet.
  2. Zweifache Anwendung von Teil (1) liefert

    sodass die Transitivität den Schluss ergibt.

  3. Die Voraussetzung bedeutet wieder    mit einem  .  Dann ist mit dem Distributivgesetz

    also  

  4. Aus den Voraussetzungen und Teil (3) ergibt sich
  5. Sei  .  Wir beweisen die Kontraposition, dass aus der Größerbeziehung    die Größerbeziehung    folgt. Es sei also  .  Dann ist    und somit ist nach Teil (3) und Teil (2)

    also  

Die algorithmische Bestimmung der Ordnungsrelation im Dezimalsystem werden wir in Korollar 15.4 beschreiben.



Maxima und Minima

Zu einer endlichen nichtleeren Teilmenge    heißt das Maximum von , wenn    ist und wenn    für alle    gilt.


Zu einer nichtleeren Teilmenge    heißt das Minimum von , wenn    ist und wenn    für alle    gilt.

Die leere Menge besitzt weder ein Maximum noch ein Minimum. Die Gesamtmenge besitzt das Minimum und kein Maximum.

Aus dem Induktionsprinzip folgt die nächste wichtige Eigenschaft, die besagt, dass die natürlichen Zahlen wohlgeordnet sind. Vom intuitiven Standpunkt her ist sie selbstverständlich, wir führen sie aber trotzdem auf das Induktionsprinzip zurück. Es geht in diesem Beweis weniger dadrum, sich über die Satzaussage zu vergewissern, sondern vielmehr Einblicke in mathematisches Argumentieren zu gewinnen. Es ist auch ein Beispiel dafür, wie man eine Aussage über Teilmengen zu einer Aussage über natürliche Zahlen macht, um das Induktionsprinzip anwenden zu können.



Jede nichtleere Teilmenge   

besitzt ein Minimum.

Wir betrachten die Aussage

= Alle Teilmengen von , die enthalten, besitzen ein Minimum.

Da jede nichtleere Teilmenge mindestens ein    besitzt, ist die Aussage des Satzes äquivalent zur Gültigkeit von für alle . Diese Aussage können wir durch Induktion beweisen. Die Aussage besagt, dass jede Teilmenge  ,  die die enthält, auch ein Minimum enthält. Dies ist aber klar, da dann eben das Minimum ist. Es sei die Aussage nun für alle    schon bewiesen. Wir müssen beweisen. Es sei also    eine Teilmenge, die enthält. Wenn auch eine Zahl    besitzt, so besitzt nach der Induktionsvoraussetzung ein Minimum. Andernfalls besitzt keine Zahl, die kleiner als ist. Dann ist aber das Minimum von .




Die Differenz von natürlichen Zahlen
Aus einer Menge mit Elementen wird eine Teilmenge mit Elementen () herausgenommen. Zurück bleibt eine Menge mit Elementen.

Für natürliche Zahlen

ist diejenige natürliche Zahl für die

gilt. Sie heißt die Differenz zwischen und .

Man mache sich hier die Logik dieser Definition klar: Die Voraussetzung

bedeutet nach Lemma 10.5 die Existenz einer natürlichen Zahl mit

Dieses ist aufgrund der Abziehregel durch diese Eigenschaft eindeutig bestimmt. Die Differenz gibt an, wie oft man von aus den Nachfolger nehmen muss, um zu zu gelangen. Die charakteristische Eigenschaft ist die Gleichheit

Dabei ist die einzige Lösung für die Gleichung[1]

Ferner ist  .  Wenn eine Gleichung    gegeben ist, so sagt man beim Übergang zu

auch, dass (beidseitig) abgezogen wird.

Für    ist der Ausdruck innerhalb der natürlichen Zahlen nicht definiert. Da zu    stets

oder

gilt, ist einer der beiden Ausdrücke oder eine wohldefinierte natürliche Zahl. Oft nennt man auch diese Zahl, die sich ergibt, wenn man die beiden Zahlen richtig geordnet hat, die Differenz der beiden Zahlen.

Für die Differenz können wir einfach eine mengentheoretische Interpretation angeben.


Es sei eine endliche Menge mit Elementen und es sei

eine Teilmenge, die Elemente besitze.

Dann besitzt

genau Elemente.

Es ist

eine disjunkte Zerlegung. Daher gilt nach Satz 8.14

Somit erfüllt die charakteristische Eigenschaft der Differenz und ist daher gleich .



  1. Für natürliche Zahlen mit

    ist

    Insbesondere ist    und  

  2. Für natürliche Zahlen mit

    und

    ist

    Insbesondere ist bei    stets  

  3. Bei

    ist    und es ist

  1. Aus

    ergibt sich direkt

    Die Zusätze ergeben sich aus der Eindeutigkeit der Differenz.

  2. Wegen Satz 10.8  (2) ist

    sodass der Ausdruck links einen Sinn ergibt. Die Rechnung

    unter Verwendung der ersten Teils zeigt, dass die charakteristische Eigenschaft von erfüllt, also wegen der Eindeutigkeit damit übereinstimmt.

  3. Nach Teil (2) folgt aus    und    die Beziehung

    und insbesondere  .  Beidseitiges Abziehen von ergibt


Die folgende Aussage ist das Distributivgesetz für die Differenz.


Es seien natürliche Zahlen mit  

Dann ist

Nach Satz 10.8 ist mit    auch  ,  sodass wohldefiniert ist. Es ist

und daher ist nach dem Distributivgesetz für die Addition und die Multiplikation

Also ist



Fußnoten
  1. Das Gleichungskonzept werden wir später genauer besprechen.


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