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Kurs:Mathematik für Anwender (Osnabrück 2023-2024)/Teil I/Vorlesung 23

Aus Wikiversity

Die Lösungsmenge eines homogenen linearen Gleichungssystems in n Variablen über einem Körper K ist ein Untervektorraum des Kn. Häufig wird dieser Lösungsraum durch die Menge aller „Linearkombinationen“ von endlich vielen (besonders einfachen) Lösungen beschrieben. In dieser Vorlesung entwickeln wir die dazu notwendigen Begriffe.



Erzeugendensysteme
Die von zwei Vektoren v1 und v2 erzeugte Ebene besteht aus allen Linearkombinationen  u=sv1+tv2

Es sei K ein Körper und V ein K-Vektorraum. Es sei v1,,vn eine Familie von Vektoren in V. Dann heißt der Vektor

s1v1+s2v2++snvn mit siK

eine Linearkombination dieser Vektoren (zum Koeffiziententupel (s1,,sn)).

Zwei unterschiedliche Koeffiziententupel können denselben Vektor definieren.


Es sei K ein Körper und V ein K-Vektorraum. Dann heißt eine Familie viV, iI, ein Erzeugendensystem von V, wenn man jeden Vektor  vV  als[1]

v=jJsjvj

mit einer endlichen Teilfamilie  JI  und mit  sjK  darstellen kann.

Im Kn bilden die Standardvektoren ei, 1in, ein Erzeugendensystem. Im Polynomring K[X] bilden die Potenzen Xn, n, ein (unendliches) Erzeugendensystem.


Es sei K ein Körper und V ein K-Vektorraum. Zu einer Familie vi, iI, setzt man

vi,iI={iJsivisiK,JI endliche Teilmenge}

und nennt dies den von der Familie erzeugten oder aufgespannten Untervektorraum.

Der von der leeren Menge erzeugte Untervektorraum ist der Nullraum.[2] Dieser wird ebenso von der 0 erzeugt. Zu einem einzigen Vektor v besteht der aufgespannte Raum aus  Kv={svsK}.  Bei  v0  ist dies eine Gerade, was wir im Rahmen der Dimensionstheorie noch präzisieren werden. Bei zwei Vektoren v und w hängt die „Gestalt“ des aufgespannten Raumes davon ab, wie die beiden Vektoren sich zueinander verhalten. Wenn sie beide auf einer Geraden liegen, d.h. wenn  w=sv  gilt, so ist w überflüssig und der von den beiden Vektoren erzeugte Untervektorraum stimmt mit dem von v erzeugten Untervektorraum überein. Wenn dies nicht der Fall ist (und v und w nicht 0 sind), so erzeugen die beiden Vektoren eine „Ebene“.

Wir fassen einige einfache Eigenschaften für Erzeugendensysteme und Unterräume zusammen.


Es sei K ein Körper und V ein K-Vektorraum. Dann gelten folgende Aussagen.

  1. Zu einer Familie vi, iI, von Elementen in V ist der erzeugte Untervektorraum ein Untervektorraum[3] von V.
  2. Die Familie vi, iI, ist genau dann ein Erzeugendensystem von V, wenn
    vi,iI=V

    ist.

Beweis

Siehe Aufgabe 23.3.



Lineare Unabhängigkeit

Es sei K ein Körper und V ein K-Vektorraum. Dann heißt eine Familie von Vektoren vi, iI, (mit einer beliebigen endlichen Indexmenge I) linear unabhängig, wenn eine Gleichung

iIsivi=0 mit siK

nur bei  si=0  für alle i möglich ist.

Wenn eine Familie nicht linear unabhängig ist, so nennt man sie linear abhängig. Man nennt übrigens eine Linearkombination  iIsivi=0  eine Darstellung des Nullvektors. Sie heißt die triviale Darstellung, wenn alle Koeffizienten si gleich 0 sind, andernfalls, wenn also mindestens ein Koeffizient nicht 0 ist, spricht man von einer nichttrivialen Darstellung der Null. Eine Familie von Vektoren ist genau dann linear unabhängig, wenn man mit ihnen nur auf die triviale Art den Nullvektor darstellen kann. Dies ist auch äquivalent dazu, dass man keinen Vektor aus der Familie als Linearkombination der anderen ausdrücken kann.



Die Standardvektoren im Kn sind linear unabhängig. Eine Darstellung

i=1nsiei=0

bedeutet ja einfach

s1(100)+s2(010)++sn(001)=(000),

woraus sich aus der i-ten Zeile direkt  si=0  ergibt.



Die drei Vektoren

(333),(045) und (489)

sind linear abhängig. Es ist nämlich

4(333)+3(045)3(489)=(000)

eine nichttriviale Darstellung des Nullvektors.




Es sei K ein Körper, V ein K-Vektorraum und vi, iI, eine Familie von Vektoren in V. Dann gelten folgende Aussagen.

  1. Wenn die Familie linear unabhängig ist, so ist auch zu jeder Teilmenge  JI  die Familie vi , iJ, linear unabhängig.
  2. Die leere Familie ist linear unabhängig.
  3. Wenn die Familie den Nullvektor enthält, so ist sie nicht linear unabhängig.
  4. Wenn in der Familie ein Vektor mehrfach vorkommt, so ist sie nicht linear unabhängig.
  5. Ein einzelner Vektor v ist genau dann linear unabhängig, wenn  v0  ist.
  6. Zwei Vektoren v und u sind genau dann linear unabhängig, wenn weder u ein skalares Vielfaches von v ist noch umgekehrt.

Beweis

Siehe Aufgabe 23.10.


Die Vektoren v1=(a11am1),,vn=(a1namn)Km sind genau dann linear abhängig, wenn das homogene lineare Gleichungssystem

a11x1+a12x2++a1nxn=0a21x1+a22x2++a2nxn=0am1x1+am2x2++amnxn=0

eine nichttriviale (d.h. von 0 verschiedene) Lösung besitzt.



Basen

Es sei K ein Körper und V ein K-Vektorraum. Dann heißt ein linear unabhängiges Erzeugendensystem viV, iI, von V eine Basis von V.


Die Standardvektoren im Kn bilden eine Basis. Die lineare Unabhängigkeit wurde in Beispiel 23.6 gezeigt. Um zu zeigen, dass auch ein Erzeugendensystem vorliegt, sei

v=(b1b2bn)Kn

ein beliebiger Vektor. Dann ist aber direkt

v=i=1nbiei.

Also liegt eine Basis vor, die man die Standardbasis des Kn nennt.




Satz  

Es sei K ein Körper und V ein K-Vektorraum. Es sei  v1,,vnV  eine Familie von Vektoren. Dann sind folgende Aussagen äquivalent.

  1. Die Familie ist eine Basis von V.
  2. Die Familie ist ein minimales Erzeugendensystem, d.h. sobald man einen Vektor vi weglässt, liegt kein Erzeugendensystem mehr vor.
  3. Für jeden Vektor  uV  gibt es genau eine Darstellung
    u=s1v1++snvn.
  4. Die Familie ist maximal linear unabhängig, d.h. sobald man irgendeinen Vektor dazunimmt, ist die Familie nicht mehr linear unabhängig.

Beweis  


Es sei eine Basis v1,,vn eines K-Vektorraums V gegeben. Aufgrund von Satz 23.12  (3) bedeutet dies, dass es für jeden Vektor  uV  eine eindeutig bestimmte Darstellung (eine Linearkombination)

u=s1v1+s2v2++snvn

gibt. Die dabei eindeutig bestimmten Elemente  siK  (Skalare) heißen die Koordinaten von u bezüglich der gegebenen Basis. Bei einer gegebenen Basis entsprechen sich also die Vektoren aus V und die Koordinatentupel  (s1,s2,,sn)Kn.  Man sagt, dass eine Basis ein lineares Koordinatensystem festlegt.[4]




Satz  

Es sei K ein Körper und V ein K-Vektorraum mit einem endlichen Erzeugendensystem.

Dann besitzt V eine endliche Basis.

Beweis  

Es sei vi, iI, ein Erzeugendensystem von V mit einer endlichen Indexmenge I. Wir wollen mit der Charakterisierung aus Satz 23.12  (2) argumentieren. Falls die Familie schon minimal ist, so liegt eine Basis vor. Andernfalls gibt es ein  kI  derart, dass die um vk reduzierte Familie, also vi, iI{k}, ebenfalls ein Erzeugendensystem ist. In diesem Fall kann man mit der kleineren Indexmenge weiterargumentieren.
Mit diesem Verfahren gelangt man letztlich zu einer Teilmenge  JI  derart, dass vi, iJ, ein minimales Erzeugendensystem, also eine Basis ist.



Dimensionstheorie

Ein endlich erzeugter Vektorraum hat im Allgemeinen ganz unterschiedliche Basen. Allerdings ist die Anzahl der Elemente in einer Basis stets konstant und hängt nur vom Vektorraum ab. Diese wichtige Eigenschaft werden wir jetzt formulieren und als Ausgangspunkt für die Definition der Dimension eines Vektorraums nehmen.



Satz  

Es sei K ein Körper und V ein K-Vektorraum mit einem endlichen Erzeugendensystem.

Dann besitzen je zwei Basen von V die gleiche Anzahl von Basisvektoren.

Beweis  


Dieser Satz erlaubt die folgende Definition.


Es sei K ein Körper und V ein K-Vektorraum mit einem endlichen Erzeugendensystem. Dann nennt man die Anzahl der Vektoren in einer Basis von V die Dimension von V, geschrieben

dimK(V).

Man sagt auch, dass die Dimension aufgrund des vorstehenden Satzes wohldefiniert ist. Wenn ein Vektorraum nicht endlich erzeugt ist, so setzt man  dim(V)=.  Der Nullraum 0 hat die Dimension 0. Einen eindimensionalen Vektorraum nennt man auch eine Gerade, einen zweidimensionalen Vektorraum eine Ebene, einen dreidimensionalen Vektorraum einen Raum (im engeren Sinn), wobei man andererseits auch jeden Vektorraum einen Raum nennt.



Korollar  

Es sei K ein Körper und  n

Dann besitzt der Standardraum Kn die Dimension n.

Beweis  

Die Standardbasis ei, i=1,,n, besteht aus n Vektoren, also ist die Dimension n.



Die komplexen Zahlen bilden einen zweidimensionalen reellen Vektorraum, eine Basis ist z.B. 1 und i.



Der Polynomring  R=K[X]  über einem Körper K ist kein endlichdimensionaler Vektorraum. Es ist zu zeigen, dass es kein endliches Erzeugendensystem des Polynomringes gibt. Betrachten wir n Polynome P1,,Pn. Es sei d das Maximum der Grade dieser Polynome. Dann hat auch jede K-Linearkombination i=1naiPi maximal den Grad d. Insbesondere können Polynome von einem größeren Grad nicht durch P1,,Pn dargestellt werden, und diese endlich vielen Polynome sind kein Erzeugendensystem für alle Polynome.




Korollar  

Es sei K ein Körper und V ein endlichdimensionaler K-Vektorraum. Es sei  UV  ein Untervektorraum.

Dann ist U ebenfalls endlichdimensional und es gilt

dimK(U)dimK(V).

Beweis  



Es sei K ein Körper und V ein K-Vektorraum mit endlicher Dimension  n=dimK(V).  Es seien n Vektoren v1,,vn in V gegeben.

Dann sind folgende Eigenschaften äquivalent.

  1. v1,,vn bilden eine Basis von V.
  2. v1,,vn bilden ein Erzeugendensystem von V.
  3. v1,,vn sind linear unabhängig.

Beweis

Siehe Aufgabe 23.18.



Es sei K ein Körper. Man kann sich einfach einen Überblick über die Untervektorräume des Kn verschaffen, als Dimension von Untervektorräumen kommt nach Korollar 23.20 nur k mit 0kn in Frage. Bei  n=0  gibt es nur den Nullraum selbst, bei  n=1  gibt es den Nullraum und K selbst. Bei  n=2  gibt es den Nullraum, die gesamte Ebene K2, und die eindimensionalen Geraden durch den Nullpunkt. Jede solche Gerade G hat die Gestalt

G=Kv={svsK}

mit einem von 0 verschiedenen Vektor v. Zwei von 0 verschiedene Vektoren definieren genau dann die gleiche Gerade, wenn sie linear abhängig sind. Bei  n=3  gibt es den Nullraum, den Gesamtraum K3, die eindimensionalen Geraden durch den Nullpunkt und die zweidimensionalen Ebenen durch den Nullpunkt.


Der folgende Satz heißt Basisergänzungssatz.


Satz  

Es sei K ein Körper und V ein endlichdimensionaler K-Vektorraum der Dimension  n=dimK(V).  Es seien

u1,,uk

linear unabhängige Vektoren in V.

Dann gibt es Vektoren

uk+1,,un

derart, dass

u1,,uk,uk+1,,un

eine Basis von V bilden.

Beweis  




Fußnoten
  1. Es bedeutet keinen Verständnisverlust, wenn man hier nur endliche Familien betrachtet. Das Summenzeichen über eine endliche Indexmenge bedeutet einfach, dass alle Elemente der Familie aufzusummieren sind.
  2. Dies kann man als Definition nehmen oder aber aus der Definition ableiten, wenn man die Konvention berücksichtigt, dass die leere Summe gleich 0 ist.
  3. In der Bezeichnung „erzeugter Untervektorraum“ wurde diese Eigenschaft schon vorweg genommen.
  4. Lineare Koordinaten vermitteln also eine bijektive Beziehung zwischen Punkten und Zahlentupeln. Aufgrund der Linearität ist eine solche Bijektion mit der Addition und der Skalarmultiplikation verträglich. In vielen anderen Kontexten spielen auch nichtlineare (oder krummlinige) Koordinaten eine wichtige Rolle. Auch diese setzen Raumpunkte mit Zahlentupeln in eine bijektive Verbindung. Wichtige nichtlineare Koordinaten sind u.A. Polarkoordinaten, Zylinderkoordinaten und Kugelkoordinaten. Mathematische Probleme können häufig durch eine geeignete Wahl von Koordinaten vereinfacht werden, beispielsweise bei Volumenberechnungen.


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