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Kurs:Analysis (Osnabrück 2014-2016)/Teil III/Vorlesung 63

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Ein Gittermaß weist nur den Gitterpunkten ein positives Maß zu. Wenn der Gitterabstand hinreichend klein ist, liefert das Gittermaß eine gute Approximation für den Inhalt für Figuren, die nicht allzu kompliziert sind.




Gittermaße

Als weiteres diskretes Maß besprechen wir Gittermaße.


Es sei  ϵ>0.  Die Menge

Γϵ={ϵ(a1,,an)ai}n

nennt man das Gitter zum Gitterpunktabstand ϵ. Das durch

μϵ(T)=ϵn#(TΓϵ)

für  Tn  definierte Maß heißt das Gittermaß zum Gitterabstand ϵ.

Pointillismus: Der Flächeninhalt (auf dem Bild) der hellgrünen Rasenfläche entspricht in etwa der Anzahl der hellgrünen Farbtupfer, der Anzahl der hellgrünen Pixel und der Anzahl der hellgrünen Synapsen.




Ausschöpfungseigenschaften

Es sei M eine Menge und sei Tn, n, eine Folge von Teilmengen in M mit  TnTn+1  für alle  n.  Es sei  T=nTn.  Dann sagt man, dass diese Folge eine Ausschöpfung von T bildet (oder T ausschöpft), und schreibt dafür TnT.

Der k wird beispielsweise durch die Bälle B(0,n) oder die Würfel [n,n]k ausgeschöpft.


Es sei M eine Menge und sei Tn, n, eine Folge von Teilmengen in M mit  TnTn+1  für alle  n.  Es sei  T=nTn.  Dann sagt man, dass diese Folge eine Schrumpfung von T bildet (oder gegen T schrumpft), und schreibt dafür TnT.

Beispielsweise ist eine reelle Intervallschachtelung eine Schrumpfung, bei der der Durchschnitt über alle beteiligten Mengen nur aus einem einzigen Punkt besteht.

Bei einer σ-Algebra 𝒜 gehört mit einer jeden solchen auf- oder absteigenden Folge von Teilmengen Tn auch die Vereinigung bzw. der Durchschnitt zu 𝒜. Bei einem Prämaß auf einen Präring setzen wir, wenn wir von Ausschöpfung bzw. Schrumpfung sprechen, voraus, dass die Vereinigung bzw. der Durchschnitt zum Präring gehören.

Wir fassen einige Rechenregeln für Prämaße zusammen.


Lemma  

Es sei M eine Menge, 𝒫 ein Präring auf M und μ ein Prämaß auf 𝒫.

Dann gelten folgende Aussagen.

  1. Es ist  μ()=0
  2. Für Mengen  S,T𝒫  mit  ST  gilt  μ(T)=μ(S)+μ(TS).  Insbesondere ist ein Prämaß monoton.
  3. Für Mengen  S,T𝒫  gilt  μ(TS)=μ(S)+μ(T)μ(ST)
  4. Seien Tn, n, und T aus 𝒫 mit  TnTn [1] Dann gilt
    μ(T)nμ(Tn).
  5. Es sei TnT eine Ausschöpfung in 𝒫. Dann ist
    μ(T)=limnμ(Tn),

    wobei diese Folge monoton wachsend ist.

  6. Es sei TnT eine Schrumpfung in 𝒫 und sei  μ(T0)<  vorausgesetzt. Dann ist
    μ(T)=limnμ(Tn),

    wobei diese Folge monoton fallend ist.

Beweis  

(1) ist in der Definition von Prämaß enthalten, da die leere Summe als 0 definiert ist.[2]
(2) folgt direkt aus der Definition, da T die disjunkte Vereinigung aus S und TS ist.
(3) folgt daraus, dass ST die disjunkte Vereinigung aus den drei Mengen ST,TS und ST ist.
(4). Wir verwenden den folgenden Standardtrick: Wir schreiben  Sn=Tn(i=0n1Ti).  Dann gilt offensichtlich  i=0nTi=i=0nSi  für alle n, wobei die Vereinigungen der Si jeweils disjunkt sind. Entsprechned Damit gilt

μ(T)=μ(T(nTn))=μ(T(nSn))=μ(nTSn)=n=0μ(TSn)n=0μ(Sn)n=0μ(Tn).

(5). Wir schreiben die einzelnen Teilmengen Tn als disjunkte Vereinigung mittels  S0=T0  und  Sn=TnTn1.  Damit ist

Tn=S0S1Sn,

und da dies eine disjunkte Vereinigung ist, gilt  μ(Tn)=i=0nμ(Si).  Entsprechend gilt

T=iSi

und daher

μ(T)=μ(iSi)=i=0μ(Si)=limn(i=0nμ(Si))=limnμ(Tn).

(6) Wir setzen  S0=T0Tn.  Da Tn, n, eine absteigende Folge ist, ist Sn, n, eine aufsteigende Folge, und zwar gilt

nSn=n(T0Tn)=T0(nTn)=T0T.

Daher gilt

μ(T0T)=limnμ(T0Tn)=limn(μ(T0)μ(Tn))=μ(T0)limnμ(Tn)

nach Teil (5). Somit ist (da μ(T0)< ist)

limnμ(Tn)=μ(T0)μ(T0T)=μ(T).


Es sei M eine Menge, 𝒫 ein Präring auf M,

μ:𝒫0

ein Prämaß auf M. Dann heißt μ endlich, wenn

μ(T)<

für alle  T𝒫  ist.

Wenn die Gesamtmenge M zu 𝒫 gehört, so ergibt sich die Endlichkeit des Prämaßes sofort aus der Bedingung μ(M)< aufgrund der Monotonie.

Für die Maßtheorie des euklidischen Raumes ist dieser Begriff zu stark, da ja der n kein endliches Volumen hat. Aber immerhin kann man den n durch die abzählbar vielen Kugeln B(0,k), k, die selbst endliches Volumen haben, ausschöpfen. Diese Eigenschaft wird durch folgende Definition präzisiert.


Es sei M eine Menge, 𝒫 ein Präring auf M,

μ:𝒫0

ein Prämaß auf M. Dann heißt μ σ-endlich, wenn man M als eine abzählbare Vereinigung von Teilmengen Mi aus 𝒫 mit

μ(Mi)<

schreiben kann.



Der Eindeutigkeitssatz für Maße

Der folgende Satz ist der Eindeutigkeitssatz für Maße. Im Wesentlichen besagt er, dass unter gewissen Bedingungen ein Maß auf einem Erzeugendensystem der σ-Algebra schon eindeutig bestimmt ist.


Satz  

Es sei (M,𝒜) ein Messraum und es sei ein durchschnittsstabiles Erzeugendensystem für 𝒜. Es seien μ1 und μ2 zwei Maße auf (M,𝒜), die auf übereinstimmen. Es gebe eine Ausschöpfung MnM mit  Mn  und mit

μ1(Mn)=μ2(Mn)<.

Dann ist

μ1=μ2.

Beweis  

Für jede messbare Menge  T𝒜  ist (TMn)T eine Ausschöpfung von T, sodass es nach Lemma 63.4  (5) genügt, die Gleichheit

μ1(TMn)=μ2(TMn)

für alle  T𝒜  und alle  n  zu zeigen. Es sei n fixiert. Wir betrachten das Mengensystem

𝒟n={T𝒜μ1(TMn)=μ2(TMn)}

und wir wollen zeigen, dass dies ganz 𝒜 ist. Da durchschnittstabil ist, gehört nach Voraussetzung jede Menge  E  zu 𝒟n. Wir behaupten, dass 𝒟n ein Dynkin-System ist. Offenbar ist  M𝒟n.  Seien  ST  Teilmengen, die zu 𝒟n gehören. Dann ist

μ1((TS)Mn)=μ1((TMn)(SMn))=μ1(TMn)μ1(SMn)=μ2(TMn)μ2(SMn)=μ2((TMn)(SMn))=μ2((TS)Mn),

sodass auch TS zu 𝒟n gehört. Es sei schließlich Ti, iI, eine abzählbare Familie paarweise disjunkter Teilmengen aus 𝒟n, und sei

T=iITi.

Dann ist

μ1(TMn)=μ1(iI(TiMn))=iIμ1(TiMn)=iIμ2(TiMn)=μ2(iI(TiMn))=μ2(TMn),

sodass auch T zu 𝒟n gehört.
Damit ist 𝒟n ein Dynkin-System, das das durchschnittsstabile Erzeugendensystem enthält. Nach Lemma 61.13 ist daher  𝒜𝒟n,  und es gilt Gleichheit.




Bildmaße

Es sei (M,𝒜,μ) ein Maßraum, (N,) ein Messraum und

φ:MN

eine messbare Abbildung. Dann nennt man das durch

ν(T):=μ(φ1(T))

definierte Maß auf N das Bildmaß von μ unter φ. Es wird mit φμ bezeichnet.

Das Bildmaß ist in der Tat ein Maß, siehe Aufgabe 63.11.

Die Verteilung der Anfangsziffern der Bevölkerungsgröße der Länder der Erde.

Es sei

φ:+,x10x,

die Exponentialfunktion zur Basis 10 und ν das Bildmaß zum eindimensionalen Borel-Lebesgue-Maß λ1  (das wir zwar noch nicht eingeführt haben, von dem wir hier aber nur verwenden, dass es einem Intervall die Intervallänge zuordnet). Für ein Intervall  [a,b]+  ist

ν([a,b])=λ1(φ1([a,b]))=λ1([log10(a),log10(b)])=log10(b)log10(a).
Insbesondere haben die Intervalle
,[1100,110],[110,1],[1,10],[10,100],[100,1000],
unter ν alle das Maß 1. Das Maß ν ist also „unter Berücksichtigung der Größenordnung gleichverteilt“.

Wenn man zur Menge aller Städte (auf der Erde oder in Deutschland) die Einwohnerzahl nimmt und davon die erste Ziffer, so kann man beobachten, dass die Ziffer 1 deutlich häufiger vorkommt als die Ziffern 2,3,. Beispielsweise gibt es in Deutschland relativ viele Städte mit zwischen 100000 und 200000 Einwohnern, aber keine mit zwischen 800000 und 900000 Einwohnern. Diese Beobachtung kann man in sehr vielen verschiedenen Situationen machen, und zwar genügt die erste Ziffer dem sogenannnten Benfordschen Gesetz. Wenn man davon ausgeht, dass Städte zu unterschiedlichen Zeitpunkten gegründet werden, dass sie exponentiell wachsen (mit einer kleinen Basis), und dass die Verteilung der Stadtgründungen mit der Zeit gleichverteilt ist (in einem endlichen Zeitintervall), so kann man die Stadtgründungen durch λ1 modellieren und erhält für die Verteilung der Stadtgrößen das Maß ν (bis auf einen Streckungsfaktor mit der Zeit). Es ist dann beispielsweise

ν([1,2])=log10(2)=0,301

und

ν([8,9])=log10(2)=0,051

und entsprechend für die Intervalle [10,20], [100,200], etc., was das Benfordsche Gesetz erklärt.




Es seien (M,𝒜), (N,) und (S,𝒞) Messräume und

φ:MN
und
ψ:NS

messbare Abbildungen. Es sei μ ein Maß auf M.

Dann gilt für die Bildmaße

(ψφ)μ=ψ(φμ).

Beweis

Siehe Aufgabe 63.12.



Es seien (M,𝒜,μ) und (N,,ν) Maßräume. Eine messbare Abbildung

φ:MN

heißt maßtreu, wenn für jede messbare Menge  TN  die Beziehung

ν(T)=μ(φ1(T))

gilt.

Eine messbare Abbildung φ:(M,𝒜,μ)(N,,ν) ist genau dann maßtreu, wenn ν das Bildmaß von μ unter φ ist.



Produkt von topologischen Räumen
Eine Zylinderoberfläche ist der Produktraum aus einer Kreislinie und einem Intervall.

Unter dem Produkt der topologischen Räume X und Y versteht man die Produktmenge X×Y zusammen mit derjenigen Topologie (genannt Produkttopologie), bei der eine Teilmenge  WX×Y  genau dann offen ist, wenn man sie als Vereinigung von Produktmengen der Form U×V mit offenen Mengen  UX  und  VY  schreiben kann.



Fußnoten
  1. Man sagt, dass die Tn, n, eine Überpflasterung von T bilden.
  2. Man kann auch, sobald es eine messbare Menge T mit endlichem Maß gibt, mittels  μ(T)=μ(T)=μ(T)+μ()  argumentieren, woraus aus  μ(T)<  direkt  μ()=0  folgt.


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