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Kurs:Einführung in die mathematische Logik (Osnabrück 2018)/Vorlesung 15

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Auffüllungsstrategien

Die weitere Strategie zum Beweis des Vollständigkeitssatzes ist nun, eine widerspruchsfreie Ausdrucksmenge zu einer maximal widerspruchsfreien Ausducksmenge, die Beispiele enthält, aufzufüllen, und so ein erfüllendes Modell mit Hilfe des Satzes von Henkin zu bekommen. Dabei betrachten wir zunächst das Problem, Beispiele hinzuzunehmen. Es sei Γ eine widerspruchsfreie Ausdrucksmenge über dem Alphabet S. Zu jedem Ausdruck α müssen wir einen Ausdruck der Form xααtx mit einem gewissen Term t hinzunehmen. Das Problem ist hierbei, dass bei ungeeigneter Wahl von t die Hinzunahme dieses Ausdrucks Γ widersprüchlich machen könnte. Es gibt keine Garantie, dass es überhaupt einen S-Term t gibt, mit dem man Γ widerspruchsfrei erweitern kann. Von daher wählt man eine andere Strategie, indem man simultan das Symbolalphabet erweitert und den hinzuzunehmenden Existenzausdruck mit einem neuen „unbelasteten“ Term ansetzt.



Lemma  

Es sei Γ eine widerspruchsfreie Menge an S-Ausdrücken (über einem Symbolalphabet S).

Es sei z ein weiteres Variablensymbol, das nicht zu S gehört, und sei α ein S-Ausdruck. Dann ergibt die Hinzunahme von xααzx zu Γ eine ebenfalls widerspruchsfreie Ausdrucksmenge (über dem Symbolalphabet S=S{z}).

Beweis  

 Nehmen wir an, dass  Γ=Γ{xααzx}  widersprüchlich ist. Dann kann man aus Γ jeden Ausdruck ableiten. Es gilt also

Γψ

und damit

Γ(xααzx)ψ

für jeden Ausdruck ψ. Es gilt also insbesondere

Γ¬xαψ

und

Γαzxψ.

Wir nehmen nun zusätzlich an, dass z in ψ nicht vorkommt. Da z überhaupt nicht in den anderen Ausdrücken vorkommt, können wir mittels Axiom 11.2 (genauer wegen der in Aufgabe 11.20 besprochenen Variante) auf

Γxαψ.

schließen. Damit ergibt sich mit der Fallunterscheidungsregel

Γψ,
 im Widerspruch zur Widerspruchsfreiheit von Γ.



Lemma  

Es sei Γ eine widerspruchsfreie Menge an S-Ausdrücken (über einem Symbolalphabet S).

Dann gibt es eine Symbolerweiterung  SS  und eine widerspruchsfreie S-Ausdrucksmenge  ΓΓ  derart, dass es zu jedem Ausdruck  xαLS  einen Term t (über S) derart gibt, dass

xααtxΓ

gilt.

Beweis  

Die Menge S definieren wir als disjunkte Vereinigung

S=SV,

wobei V eine Variablenmenge ist, die für jeden Ausdruck der Form  xαLS  genau eine (neue) Variable enthält, die wir mit yxα bezeichnen. Wir setzen

Γ=Γ{xααyxαxxαLS}.

Daher ist  ΓΓ  und Γ enthält S-Beispiele. Es bleibt also die Widerspruchsfreiheit zu zeigen. Wäre Γ widerspruchsvoll, so wäre auch eine endliche Teilmenge davon widerspruchsvoll und insbesondere würde es Ausdrücke  α1,,αnLS  derart geben, dass

Γ{x1α1α1yx1α1x1}{xnαnαnyxnαnxn}

widersprüchlich ist (dabei können die xi gleich oder verschieden sein). Da bei jeder Hinzunahme eine neue Variable yxnαn verwendet wird, können wir induktiv Lemma 15.1 anwenden und erhalten die Widersprüchlichkeit von Γ.



Lemma  

Es sei Γ eine widerspruchsfreie Menge an S-Ausdrücken (über einem Symbolalphabet S).

Dann gibt es eine aufsteigende Folge von Symbolmengen

SnSn+1 mit S0=S

und eine Folge von aufsteigenden Sn-Ausdrucksmengen

ΓnΓn+1 mit Γ0=Γ

derart, dass zum Symbolalphabet  S=nSn  die S-Ausdrucksmenge

Γ=nΓn

widerspruchsfrei ist und Beispiele enthält.

Beweis  

Wir konstruieren die Folgen Sn und Γn sukzessive mit der in Lemma 15.2 beschriebenen Methode durch

Sn+1=(Sn)

und

Γn+1=(Γn).

Wäre Γ widersprüchlich, so würde sich schon aus einer endlichen Teilmenge ein Widerspruch ergeben. Dann wäre schon eines der Γn widersprüchlich im Widerspruch zu Lemma 15.2.


Wir wenden uns nun dem Problem zu, wie man eine widerspruchsfreie Ausdrucksmenge zu einer maximal widerspruchsfreien Menge ergänzen kann. Wie im entsprechenden Beweis der Aussagenlogik verwenden wir das Lemma von Zorn, wobei wir im abzählbaren Fall noch eine Beweisvariante angeben, die ohne das Lemma von Zorn auskommt.


Lemma  

Es sei Γ eine widerspruchsfreie Menge an S-Ausdrücken (über einem Symbolalphabet S).

Dann gibt es eine maximal widerspruchsfreie S-Menge Γ mit  ΓΓ

Beweis  

Wir betrachten die Menge

M={ΔΓΔLS,Δ widerspruchsfreie Ausdrucksmenge}

aller widerspruchsfreien S-Ausdrucksmengen oberhalb von Γ. Es ist  ΓM.  Es sei  NM  eine nichtleere total geordnete Teilmenge. Die Vereinigung  Δ=ΔNΔ  ist ebenfalls eine S-Ausdrucksmenge, die Γ umfasst. Sie ist auch widerspruchsfrei. Würde nämlich Δ¬αα gelten, so könnte man schon aus einer endlichen Teilmenge  TΔ  einen Widerspruch ableiten. Die Elemente aus T liegen jeweils in je einem  ΔN,  und da diese eine Kette bilden, gibt es auch ein Δ~ mit  TΔ~,  also wäre Δ~ widersprüchlich. Somit sind die Voraussetzungen im Lemma von Zorn erfüllt und daher gibt es eine maximale Menge Γ in M. Diese ist offenbar maximal widerspruchsfrei.


Wir besprechen eine Variante der vorstehenden Auffüllung für den Fall eines abzählbaren Symbolalphabets, die das Lemma von Zorn vermeidet und im Wesentlichen (siehe die Einschränkung weiter unten) konstruktiv ist. Man beachte, dass die oben durchgeführte Aufnahme von Beispielen bei einem abzählbaren Ausgangsalphabet wieder abzählbare Symbolalphabete liefert und dies auch bei der abzählbaren Wiederholung dieses Prozesses wie in Lemma 15.3 der Fall ist.



Lemma  

Es sei Γ eine widerspruchsfreie Menge an S-Ausdrücken über einem abzählbaren Symbolalphabet S.

Dann gibt es eine maximal widerspruchsfreie S-Menge Γ mit  ΓΓ,  die man durch sukzessive Hinzunahme von einzelnen Ausdrücken erhalten kann.

Beweis  

Da S abzählbar ist, ist auch LS abzählbar. Es sei αn, n, eine Abzählung sämtlicher Ausdrücke aus LS. Wir definieren induktiv eine aufsteigende Folge Γn von Ausdrucksmengen durch  Γ0=Γ  und

Γn+1={Γn{αn+1}, falls dies widerspruchsfrei ist,Γn sonst.

Wir setzen

Γ=nΓn.

Diese Menge ist widerspruchsfrei, da andernfalls schon eines der Γn widersprüchlich wäre, was aufgrund der induktiven Definition nicht der Fall ist. Um zu zeigen, dass Γ maximal widerspruchsfrei ist, sei  αΓ.  Da α in der Abzählung der Ausdrücke vorkommt, ist  α=αn  für ein gewisses n. Im n-ten Konstruktionsschritt wurde αn nicht hinzugenommen, sonst wäre  αnΓnΓ.  Also ist Γn1{αn} widersprüchlich und damit ist auch Γ{α} widersprüchlich.


Die vorstehende Variante sieht auf den ersten Blick konstruktiver aus, als sie ist. Das Problem ist die Entscheidung, ob Γn{αn+1} widerspruchsfrei ist. Dafür gibt es (anders als bei der Aussagenlogik) kein algorithmisches Verfahren.



Der Vollständigkeitssatz

Die folgende Aussage ist der Vollständigkeitssatz.


Satz  

Es sei S ein Symbolalphabet, Γ eine Menge an S-Ausdrücken und α ein weiterer S-Ausdruck.

Dann gilt Γα genau dann, wenn Γα gilt.

Beweis  

Die Richtung von rechts nach links ist der Korrektheitssatz. Es sei umgekehrt Γ⊬α. Um zu zeigen, dass auch Γ⊭α gilt, müssen wir ein Modell angeben, das Γ erfüllt, aber nicht α. Die Nichtableitbarkeit Γ⊬α bedeutet, dass Γ{¬α} widerspruchsfrei ist, und wir müssen zeigen, dass Γ{¬α} erfüllbar ist. Nach Lemma 15.3 gibt es eine widerspruchsfreie Erweiterung  SS  des Symbolalphabets und eine Erweiterung Γ von Γ{¬α}, die Beispiele enthält. Nach Lemma 15.4 gibt es eine maximal widerspruchsfreie S-Ausdrucksmenge  ΓΓ.  Diese enthält mit Γ ebenfalls Beispiele. Nach dem Satz von Henkin gibt es eine S-Interpretation, die Γ erfüllt. Diese Interpretation erfüllt erst recht Γ{¬α}.


Für Tautologien ergibt sich der folgende Spezialfall.


Korollar  

Es sei S ein Symbolalphabet und  αLS  ein S-Ausdruck.

Dann ist α genau dann eine ableitbare Tautologie, wenn α allgemeingültig ist.

Beweis  

Dies folgt aus Satz 15.6 mit

Γ=.



Korollar  

Es sei S ein Symbolalphabet und Γ eine Menge an S-Ausdrücken.

Dann ist Γ genau dann widerspruchsfrei, wenn Γ erfüllbar ist.

Beweis

In dieser Form haben wir den Vollständigkeitssatz bewiesen. Diese Aussage ergibt sich aber auch als Spezialfall von Satz 15.6, wenn man für α eine widersprüchliche Aussage ansetzt.

Das folgende Korollar, der sogenannte Endlichkeitssatz, demonstriert, dass der Vollständigkeitssatz keineswegs selbstverständlich ist. Es sei eine Folgerungsbeziehung Γα bewiesen, also gezeigt, dass jede Interpretation, die Γ erfüllt, auch α erfüllen muss. Dabei sei Γ unendlich, man denke etwa an ein unendliches Axiomenschema, wie es im Induktionsschema der erststufigen Peano-Arithmetik vorliegt. Ist es vorstellbar, dass in einem Beweis irgendwie auf all diese unendlich vielen Voraussetzungen Bezug genommen wird?



Korollar  

Es sei S ein Symbolalphabet, Γ eine Menge an S-Ausdrücken und α ein weiterer S-Ausdruck.

Dann gilt Γα genau dann, wenn es eine endliche Teilmenge  ΓeΓ  gibt mit Γeα.

Beweis  

Dies folgt direkt aus Satz 15.6, da die Endlichkeitsbeziehung für das Ableiten nach Definition gilt.



Korollar  

Es sei S ein Symbolalphabet und Γ eine Menge an S-Ausdrücken. Es sei jede endliche Teilmenge  ΓeΓ  erfüllbar.

Dann ist Γ erfüllbar.

Beweis  

Dies folgt aus Korollar 15.8. Für die Widerspruchsfreiheit ist die Aussage klar, da eine Ableitung eines Widerspruchs nur Bezug auf endlich viele Voraussetzungen nimmt.


Als ein weiteres Korollar zum Vollständigkeitssatz führen wir die Existenz von Peano-Halbringen an, die nicht archimedisch geordnet sind und daher nicht isomorph zum Standardmodell sind. Die erststufigen Peano-Axiome charakterisieren also nicht die natürlichen Zahlen.


Es gibt Peano-Halbringe, die nicht zu isomorph sind, also nicht die zweitstufigen Dedekind-Peano-Axiome erfüllen.

Beweis

Siehe Aufgabe 15.11.



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