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Kurs:Mathematik für Anwender (Osnabrück 2023-2024)/Teil I/Vorlesung 10

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Die Entscheidung fiel aber ohne längere Diskussion auf Vorli, weil sie zugewandt, feinfühlig, verständnisvoll, lieb, zuvorkommend, aufmunternd, hilfsbereit, aufmerksam und wuschelig ist.




Stetige Funktionen

Den Abstand zwischen zwei reellen Zahlen und bezeichnen wir mit  

Bei einer Funktion

kann man sich fragen, inwiefern der Abstand in der Wertemenge durch den Abstand in der Definitionsmenge kontrollierbar ist. Sei    und    der Bildpunkt. Man möchte, dass für Punkte , die „nahe“ an sind, auch die Bildpunkte „nahe“ an sind. Schon lineare Funktionen mit unterschiedlichen Steigungen zeigen, dass die „Nähe“ im Bildbereich nicht mit der „Nähe“ im Definitionsbereich direkt verglichen weden kann. Die Zielsetzung ist vielmehr (im Sinne des in der siebten Vorlesung erwähnten Approximationsprinzip), dass zu einer gewünschten Genauigkeit im Bildbereich überhaupt eine Ausgangsgenauigkeit gefunden werden kann, die sichert, dass die Funktionswerte innerhalb der gewünschten Genauigkeit beieinander liegen.

Um diese intuitive Vorstellung zu präzisieren, sei ein    vorgegeben. Dieses repräsentiert eine „gewünschte Zielgenauigkeit“. Die Frage ist dann, ob man ein    finden kann (eine „Startgenauigkeit“) mit der Eigenschaft, dass für alle mit    die Beziehung    gilt. Dies führt zum Begriff der stetigen Abbildung.


Es sei    eine Teilmenge,

eine Funktion und  .  Man sagt, dass stetig im Punkt ist, wenn es zu jedem    ein    derart gibt, dass für alle    mit    die Abschätzung    gilt. Man sagt, dass stetig ist, wenn sie in jedem Punkt    stetig ist.

Bei sollte man an den Definitionsbereich der Funktion denken. Typische Situationen sind, dass ganz ist, oder ein Intervall, oder ohne endlich viele Punkte und Ähnliches. Statt mit den reellen Zahlen und kann man genauso gut mit Stammbrüchen und arbeiten.


Eine konstante Funktion

ist stetig. Zu jedem vorgegebenen kann man hier ein beliebiges wählen, da ja ohnehin

gilt.

Die Identität

ist ebenfalls stetig. Zu jedem vorgegebenen kann man hier    wählen, was zu der Tautologie führt: Wenn  ,  so ist



Wir betrachten die Funktion

mit

Diese Funktion ist im Nullpunkt nicht stetig. Für    und jedes beliebige positive gibt es nämlich negative Zahlen mit  .  Für diese ist aber  


Nicht jede stetige Funktion kann man zeichnen, auch nicht nach beliebiger Vergrößerung. Gezeigt wird eine Approximation einer Weierstraß-Funktion, die stetig ist, aber nirgendwo differenzierbar. Bei einer stetigen Funktion kann man zwar die Größe der Schwankungen im Bildbereich durch Einschränkungen im Definitionsbereich kontrollieren, die Anzahl der Schwankungen (die Anzahl der Richtungswechsel des Graphen) kann man aber nicht kontrollieren.

Die folgende Aussage bringt die Stetigkeit mit konvergenten Folgen in Verbindung.


Es sei    eine Teilmenge,

eine Funktion und  .  Dann sind folgende Aussagen äquivalent.

  1. ist stetig im Punkt .
  2. Für jede konvergente Folge in mit    ist auch die Bildfolge konvergent mit dem Grenzwert .

Es sei (1) erfüllt und sei eine Folge in , die gegen konvergiert. Wir müssen zeigen, dass

ist. Dazu sei    vorgegeben. Wegen (1) gibt es ein    mit der angegebenen Abschätzungseigenschaft und wegen der Konvergenz von gegen gibt es eine natürliche Zahl derart, dass für alle    die Abschätzung

gilt. Nach der Wahl von ist dann

sodass die Bildfolge gegen konvergiert.
Es sei (2) erfüllt.  Wir nehmen an, dass nicht stetig ist. Dann gibt es ein    derart, dass es für alle    Elemente    gibt, deren Abstand zu maximal gleich ist, deren Wert unter der Abbildung aber zu einen Abstand besitzt, der größer als ist. Dies gilt dann insbesondere für die Stammbrüche , . D.h. für jede natürliche Zahl    gibt es ein    mit

Diese so konstruierte Folge konvergiert gegen , aber die Bildfolge konvergiert nicht gegen , da der Abstand der Bildfolgenglieder zu zumindest ist. Dies ist ein Widerspruch zu (2).



Rechenregeln für stetige Funktionen



Es seien    und    Teilmengen und

und

Funktionen mit  .  Dann gelten folgende Aussagen.

  1. Wenn in    und in stetig sind, so ist auch die Hintereinanderschaltung in stetig.
  2. Wenn und stetig sind, so ist auch stetig.

Die Aussage (1) ergibt sich direkt aus der Folgencharakterisierung der Stetigkeit. Daraus folgt auch (2).



Es sei    und seien

stetige Funktionen.

Dann sind auch die Funktionen

stetig. Für eine Teilmenge  ,  auf der keine Nullstelle besitzt, ist auch die Funktion

stetig.

Dies ergibt sich aus der Folgencharakterisierung der Stetigkeit und Lemma 8.1.



Polynomfunktionen

sind stetig.

Aufgrund von Beispiel 10.2 und Lemma 10.6 sind für jedes    die Potenzen

stetig. Daher sind auch für jedes    die Funktionen

stetig und wiederum aufgrund von Lemma 10.6 sind auch alle Funktionen

stetig.


Rationale Funktionen sind auf ihrer Definitionsmenge stetig.



Es seien    Polynome und es sei  

Dann ist die rationale Funktion

stetig.

Dies folgt aus Korollar 10.7 und Lemma 10.6.



Grenzwerte von Funktionen

Funktionen sind häufig in bestimmten Punkten nicht definiert, beispielsweise, weil die verwendeten Funktionsterme nicht definiert sind. Es macht aber einen Unterschied, ob nur die gewählte Funktionsvorschrift in diesem Punkt nicht definiert ist, es aber eine sinnvolle (stetige) Fortsetzung gibt, oder ob die Funktion selbst prinzipiell nicht sinnvoll fortsetzbar ist (weil sie beispielsweise einen Pol oder ein chaotischeres Verhalten besitzt). Die folgende Begriffsbildung wird vor allem für die Definition der Differenzierbarkeit wichtig werden (besitzen die Differenzenquotienten einen sinnvollen Limes, der dann der Differentialquotient heißt).


Es sei    eine Teilmenge und sei    ein Punkt. Es sei

eine Funktion. Dann heißt    Grenzwert (oder Limes) von in , wenn es zu jedem    ein    derart gibt, dass für jedes    aus

die Abschätzung

folgt. In diesem Fall schreibt man

Dieser Begriff ist eigentlich nur dann sinnvoll, wenn es überhaupt Folgen in gibt, die gegen konvergieren. Eine typische Situation ist die folgende: Es sei ein Intervall,    sei ein Punkt darin und es sei  .  Die Funktion sei auf , aber nicht im Punkt definiert, und es geht um die Frage, inwiefern man zu einer sinnvollen Funktion auf ganz fortsetzen kann. Dabei soll durch bestimmt sein.



Es sei    eine Teilmenge und sei    ein Punkt. Es sei eine Funktion und  .  Dann sind folgende Aussagen äquivalent.

  1. Es ist
  2. Für jede Folge in , die gegen konvergiert, konvergiert auch die Bildfolge gegen .

Beweis

Siehe Aufgabe 10.24.


Für eine stetige Funktion folgt daraus, dass sie sich zu einer stetigen Funktion (durch ) genau dann fortsetzen lässt, wenn der Limes von in gleich ist.



Es sei    eine Teilmenge und sei    ein Punkt. Es seien und Funktionen derart, dass die Grenzwerte und existieren. Dann gelten folgende Beziehungen.

  1. Die Summe besitzt einen Grenzwert in , und zwar ist
  2. Das Produkt besitzt einen Grenzwert in , und zwar ist
  3. Es sei    für alle    und  .  Dann besitzt der Quotient einen Grenzwert in , und zwar ist

Dies ergibt sich aus Lemma 10.10 und aus Lemma 8.1.



Wir betrachten den Limes

wobei , ist. Für    ist der Ausdruck nicht definiert, und aus dem Ausdruck ist nicht direkt ablesbar, ob der Grenzwert existiert und welchen Wert er annimmt. Man kann den Ausdruck aber mit erweitern, und erhält dann

Aufgrund der Rechenregeln für Grenzwerte können wir den Grenzwert von Zähler und Nenner ausrechnen, wobei wir im Nenner die Stetigkeit der Quadratwurzel gemäß Aufgabe 10.4 verwenden, und es ergibt sich insgesamt .



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